Zu Religionsfreiheit – und anderen Torheiten

Im Burgund gelegentlich Gebäude, an denen noch schwach die alte Widmung zu erkennen ist: Orphelinat, Findel- oder Waisenhaus, meist mit einem Heiligen als Patron. Vor der Erfindung der gefahrlosen Abtreibung und der Empfängnisverhütung konnten diese Häuser über Zulauf nicht klagen; heute sind sie selbst verwaist. Dabei handelt es sich um eine Institution, über deren Wiederbelebung man nachdenken sollte. Denn es werden nicht nur zu wenige Kinder geboren; es werden auch zu viele umgebracht. Mehr als 100.000 Abtreibungen verzeichnet allein Deutschland pro Jahr, in ganz Europa sind es mehr als eine Million.

Statt dieses Leben zu vernichten, sollte man es Findelhäusern anvertrauen, beispielsweise unter kirchlicher Aufsicht. Warum die Kirchen das nicht längst tun, ist ohnehin kaum zu beantworten. Statt „Brot für die Welt“ wäre auch „Lasset die Kinderlein zu mir kommen“ eine christlich akzeptable Parole. Nicht nur könnten die Kirchen junge Menschen für den christlichen Glauben begeistern, sondern auch in Konkurrenz zu den staatlichen Schulen treten – und zeigen, dass sie Erziehung wie Menschenbildung besser beherrschen, von der christlich-kulturellen Fundierung ganz abgesehen. Ausbildungsberufe könnten sich anschließen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände hier ebenfalls aktiv werden. Nicht zuletzt wäre es wohl für viele Mütter eine Erleichterung, sich nicht gegen das Leben ihrer Kinder entscheiden zu müssen. Und wenn Deutschland zu wenig Kinder hat, könnte man noch die unerwünschten Kinder anderer Länder aufnehmen. Auch das wäre christlich oder barmherzig gedacht.

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Auch wer keinerlei juristische Kenntnisse hat, vielleicht – um nur ein Beispiel zu nennen – Theaterwissenschaften und Publizistik studierte und für die FAS arbeitet, hält eines für gewiß: Artikel 4 Grundgesetz schützt den muslimischen Glauben und seine Ausübung. Sicher ist das jedoch keineswegs, das Verfassungsgericht hat nie Gelegenheit gehabt, die Sache zu klären. Sicher ist allerdings folgendes:

– Der Islam lehnt Parlamentarismus, Gleichberechtigung, Glaubens- & Meinungsfreiheit sowie bürgerliche Autonomie ab. Daher sind diese Rechte in allen Ländern, in denen der Islam zur Verfassung gehört, nicht existent.

– Eine Trennung zwischen säkularen und religiösen Werten gibt es für den Islam nicht. „Der Islam ist politisch, oder er ist nicht Islam“ (Ayatollah Chomeini). Deshalb existiert auch kein reformierter oder Euro-Islam, der wie das Christentum eine zweite normative Ordnung neben der eigenen akzeptiert. Der Islam zielt auf geistige UND weltliche Macht, und er zielt auf die vollständige, also totalitäre Beherrschung des gesamten Lebens.

Damit ähnelt der Islam weniger anderen Religionen als politischen Ideologien wie Kommunismus oder Nationalsozialismus. Auch solche nicht-religiösen Weltanschauungen fallen zwar ausdrücklich in den Schutzbereich des Artikels 4 GG, werden aber eben dann nicht geschützt, wenn sie zentralen Verfassungswerten feindlich entgegenstehen – was beim Islam, siehe oben, unzweifelhaft der Fall ist. Die selbst von Seiten der Regierung zuweilen vertretene Ansicht, der Schutz des Artikel 4 GG gelte absolut, ist schlichter Unfug. Anderenfalls müsste man auch Nazis und Kaderstalinisten die freie Ausübung ihrer Weltanschauung zugestehen.

Im übrigen bedeutet ein Verbot des Islam und seiner Symbole so wenig eine Vertreibung der Muslime wie das Verbot des Nationalsozialismus’ eine der Nazis. Lediglich die Ausübung dieser verfassungsfeindlichen Ideologie wird untersagt. Auch darauf muss man FAZ-Redakteure heute wohl hinweisen. Ob man den segensreichen ‚Radikalenerlaß’, einst unter Kanzler Willy Brandt formuliert, wieder reaktiviert, wäre zu überdenken.

Noch zum Vorigen eine Zitat von Hamed Abdel-Samad: „Aber was ist Faschismus? Er ist eine politische Religion, mit Wahrheiten, mit Propheten, mit einem charismatischen Führer, der mit einem vermeintlich heiligen Auftrag ausgestattet ist, die Nation zu einen und die Feinde zu besiegen. Das ist der Islam auch, haargenau. Der Faschismus teilt die Welt auf in Freund und Feind, beim Islam sind es Gläubige und Ungläubige. Die Verschwörungstheorien im Faschismus, das Gefühl der Erniedrigung und des Zukurzgekommen-Seins, diese Rachlust und die Entmenschlichung der Feinde, sind allesamt im Islam zu finden.“

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Vor der Gedächtniskirche in Berlin zwei Wesen im Tschador. Die Verschleierung ist der Fackelmarsch des Multikulturellen.

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Zum Thema Barmherzigkeit ein kurzer Absatz aus ‚Wittgensteins Neffe’ von Thomas Bernhard, dem Meister der egoman-repetitiven Komik. Sehr empfehlenswert ist hier die Hörbuch-Fassung, gelesen von Thomas Holtzmann: „Beispielsweise beschäftigten den Paul arme Leute – und rührten ihn. Mich beschäftigten sie, aber sie rührten mich nicht, weil ich durch meinen Denkmechanismus über dieses welt-alte Thema zu einer Rührung in der Art Pauls niemals fähig gewesen bin – und auch heute dazu nicht fähig bin. Der Paul ist in Tränen ausgebrochen über ein am Ufer des Traunsees hockendes Kind, welches tatsächlich von einer, wie ich sofort gesehen habe, durchtriebenen Mutter nur zu dem abstoßenden Zweck an das Traunseeufer gesetzt worden ist, die Vorübergehenden zu Rührung und schlechtem Gewissen aufzureizen und um ihre Brieftaschen zu öffnen. Ich hatte zum Unterschied von Paul nicht nur das von seiner habgierigen Mutter mißbrauchte Kind und sein Elend, sondern dahinter – in einem Gebüsch kauernd und in ekelhafter Geschäftstüchtigkeit einen ganzen Haufen Papiergeld zählend – dazu auch die Mutter des aufs Gemeinste mißbrauchten Kindes gesehen. Der Paul sah nur das Kind und sein Elend, nicht die dahinter sitzende, geldzählende Mutter, und er flennte sogar und gab dem Kind, sich sozusagen seiner eigenen Existenz schämend, einen 100-Schilling-Schein. Während ich die ganze Szene durchschaute, hatte der Paul nur den oberflächlichen Teil dieser Szene gesehen, die Not des Kindes in seiner Unschuld, nicht die gemeine Mutter im Hintergrund, die perverse, niederträchtige Ausnützung sozusagen der Gutmütigkeit meines Freundes, die ihm verborgen bleiben, die ich aber sehen musste. Es ist charakteristisch für meinen Freund, dass er nur das oberflächliche Bild des leidenden Kindes gesehen und ihm den 100-Schilling-Schein gegeben hat, während ich die ganze widerliche Unverfrorenheit der ganzen Szene zu durchschauen gehabt hatte – und dem Kind naturgemäß nichts gegeben habe. Und es ist charakteristisch für unser Verhältnis, dass ich meine Beobachtung für mich behalten habe, um den Freund zu schützen, ihm nicht gesagt habe, dass hinter dem Gebüsch die gemeine, niederträchtige Mutter Geld gezählt hat, während ihr Kind, von ihr erzwungen, das Theater das Elends zu spielen gehabt hat. In der oberflächlichen Anschauung der Szene ließ ich ihn allein und ließ ihm dem Kind den 100-Schilling-Schein geben und flennen und ich klärte ihn auch später nicht über die ganze Szene auf.“

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„Der hässliche Deutsche ist stets Nazi oder Gutmensch.“ Bassam Tibi. Willkommenskultur als Nachfolgerassismus.

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Ende des 19. Jahrhunderts hatte das ‚geistige Weltdorf’ Heidelberg, so steht es in der Max-Weber-Biographie von Jürgen Kaube, mehr Zigarrengeschäfte als Kohlenhändler, mehr Buchhandlungen als Anwaltskanzleien, mehr Brauereien als Apotheken. Dazu kamen rund hundert Bäckereien, zweihundertfünfzig Lebensmittel- und Delikatessenhandlungen. Es war eine Stadt, geprägt von der Universität und ihren Honoratioren. Regelmäßige Abendeinladungen zu Fachgesprächen, denen sogar akademische Termine zu weichen hatten, waren selbstverständlich, die Teilnahme war verpflichtend. Heute, so erzählt ein befreundeter Professor, sei jede gelehrte Geselligkeit passé. Die Kollegen hätten kein Interesse am Austausch, von fachübergreifenden Debatten ganz zu schweigen. Die meisten bewegten nur Fragen des universitären Klatsches sowie der Verwaltung und Karriere. Die Universität als Ort des wissenschaftlichen Gesprächs sei gescheitert. Im Grunde kann man zum Privatunterricht zurückzukehren. Das wäre vermutlich qualitativ ein Fortschritt.

Auch hübsch: Seit unter dem Begriff ‚Bologna’ der gleichnamige Prozeß zur europaweiten und nachhaltigen Qualitätssenkung des Studiums eingeführt wurde, werden die Leistungen der Studenten mit sogenannten ‚Credit Points’ bewertet. Schon dieser Begriff zeigt einmal mehr, worum es bei fast allen europaweiten Projekten wirklich geht: Ums Ökonomische, und daher gibt es keine Noten oder Zensuren mehr, sondern eben ‚Kreditpunkte’. Seit kurzem, so berichtet jener Professor, bekomme solche Credit Points auch jeder, der sich irgendwie für Flüchtlinge einsetze, wobei die bloße Behauptung als Nachweis genüge. Auch das Studium wird inzwischen an der Gutmenschlichkeit gemessen.