Wir Muslime: Minderwertigkeitskomplexe und Anti-Amerikanismus

Bekanntlich hat es Maggie Thatcher immer abgelehnt, ihre Politik als konservativ etikettieren zu lassen. Ihr politisches Handeln, so meinte sie, sei lediglich Ausdruck von Common sense, von gesundem Menschenverstand. Darin lag mehr als nur der Spott über einen politischen Gegner, dem sie nicht einmal den allergeringsten Wirklichkeitssinn zugestehen wollte; es war dies auch Zeichen ihrer generellen Abneigung gegenüber Ideologien, und eben auch konservativer. Ziel ihrer Politik war kein höheres Programm, kein Masterplan eines gesellschaftlichen Umbaus. Sie löste lediglich Fesseln, alles weitere würde man sehen. Eine konservative Idee war das nicht, bestenfalls eine liberale.

Auch der Erfolg der AfD stand lange im Zeichen der Ideologieskepsis. Ihre Anhänger hatten genug von den realitätsfernen Wohlstandsverheißungen des Euro, während immer neue Milliarden für Banken, betrügerische Südstaaten und eben jene EU-Verwaltung bewilligt wurden, die dieses Chaos zu verantworten hat; und sie hatten auch genug vom neo-liberalen Mantra des ‚Marktes’, dem sich alles unterwerfen müsse, wie auch vom verantwortungslosen Gerede, wonach nur die EU den Frieden bewahren könne.

Ebenso unideologisch agierte die AfD bisher in der ‚Flüchtlings’-Frage. Während Koalition, GRÜNE und LINKE Willkommenskultur und Humanität zur Staatsraison ausriefen, wies die AfD standhaft auf die Überforderung der Kommunen hin sowie auf den offenen Rechtsbruch, den die Öffnung der Grenzen bedeutet. Politisches Handeln war für die AfD keine Frage religiöser (Barmherzigkeit) oder weltlicher (Solidarität) Ideologie, kein Mittel zum Zwecke einer multikulturellen Gesellschaft oder der Überwindung des Nationalstaates, sondern nüchterne Rechtsstaatlichkeit. Staatliches Handeln ist daran gebunden, was das Parlament in Gesetzen beschlossen hat. Niemand darf sich darüber hinwegsetzen, nicht einmal im Notfall. So hielt die AfD auch in der Flüchtlingsfrage die Tür zur Ideologie fest verschlossen.

Das scheint sich zu ändern. Wenn Flüchtlingspolitik nicht mehr mit schlichten rechtsstaatlichen Argumenten begründet wird, sondern mit biologistischen, ethnischen oder sonstigen, wissenschaftlich nicht verifizierbaren Erklärungen, geht die Partei genau den Schritt, den Thatcher ablehnte. Und sie überschreitet damit auch die Grenze, die sie momentan von der Weltanschauungs- und Weltbeglückungspolitik der anderen Parteien unterscheidet. Das würde ihren Charakter grundlegend ändern – und für viele wohl auch ihre Wählbarkeit.

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„Wir schaffen das“. Der immer neue deutsche Glaube an die ‚Wunderwaffe’.

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Seit einiger Zeit hatte ich mir Notizen gemacht zu einem Faktum, von dem ich nicht sicher war, ob es über Einzelfälle und mediale Exaltationen hinausgeht: Zur wachsenden anti-amerikanischen Haltung. Ob nach dem Mord an einem Austauschschüler oder nach fragwürdigen Tötungen durch Polizisten, immer war die Aufregung der Deutschen gewaltig. Was, passierte es in Russland, China oder Kolumbien, kaum als Meldung ins Blatt fände, war und wird in STERN, SPIEGEL oder SZ verläßlich großes Thema, so es in den Staaten erfolgt. Während islamische Terrorgruppen bekanntlich nichts mit dem Islam zu tun haben, gilt jeder derangierte Waffennarr als Repräsentant und Inbegriff amerikanischer Wesensart.

Diese Einstellung spiegelt sich auch in der Ungnädigkeit, die bei Gesprächen über amerikanische Politik gleichsam zum Diskursstandard gehört. Greifen die USA irgendwo ein, wissen die Kritiker schon vorab, dass es keine politische Lösung geben werde oder dass allein wirtschaftliche und geostrategische Gründe eine Rolle spielten, also wohl irgendwie egoistische, moralisch zweifelhafte Erwägungen. Halten die Amerikaner sich zurück, wie lange in Syrien oder Sudan, ist auch das nicht richtig. Richtig ist allein: Was immer sie machen, ist falsch.

Und selbst wenn sie gar nichts machen, machen sie doch irgendwas. Das erfährt man derzeit in der ‚Flüchtlingskrise’. Denn auch sie soll, folgt man den Leserbriefen der Zeitungen und Debatten in sozialen Netzwerken, Konsequenz amerikanischer Politik sein, der Kriege in Afghanistan und im Irak. Abgesehen von der Tatsache, dass der Afghanistan-Krieg längst vorbei ist, auch die Bundeswehr dort im Einsatz war und viele Migranten aus Afrika und dem Balkan stammen, hat sich der Großteil der syrischen und irakischen Kriegsflüchtlinge erst in Marsch gesetzt, als Frau Merkel die Willkommenskultur als Deutschlands Erwachen verkündete. Ohne diesen Akt wären die meisten Syrer und Iraker in ihrem Land respektive in ihren Lagern in Jordanien, im Libanon oder der Türkei geblieben, hätten die europäischen Nachbarn die Migranten nicht passieren lassen. Die deutsche Flüchtlingskrise ist mithin hausgemacht. Dennoch sind viele überzeugt, der wahre Schuldige fände sich jenseits des Atlantiks.

Nun hat Richard Herzinger in der WELT Ähnliches konstatiert: Eine in ihrer Verbreitung und Offenheit ungewöhnlich aggressive Abneigung gegenüber den USA. Und auch er sieht eine neue Qualität. War der Antiamerikanismus bisher eine Domäne der Linken, geht er heute quer durch Sozial-, Partei- und Bildungsschichten, findet sich bei alten wie jungen Leuten. Für manchen Bürgerlichen ist der große Bruder inzwischen fast so sehr der große Satan wie für Linksautonome oder die Mullahs in Teheran.

Herzinger sieht in dem neuen, auch konservativen Anti-Amerikanismus ein Zeichen für den Niedergang der liberalen Staatsdoktrin, ein Abgesang auf Parlamentarismus und individuelle Freiheiten. Das scheint sehr hoch gegriffen. Vermutlich sind die Gründe primitiver. Denn wer nachfragt, stößt nie auf staatspolitische Erwägungen, etwa auf Überlegungen zu einer kommunitarischen Bürgerlichkeit oder auf sonstige Alternativen zum westlichen Individualismus. Auch glaubt niemand, Europa könne auf den Schutz der USA verzichten. Stattdessen begegnet man einem Sammelsurium aus krausen Gedanken, die, in der einen oder anderen Form, auf vier Vorhalten gründen: Gegenüber Kapitalismus, militärischer Macht, dem Einstehen für Israel und kultureller Hegemonie.

Wer sich allerdings die Mühe macht, hier nachzufassen, greift immer ins Leere. Was genau ‚der Kapitalismus’ sei, worin konkret seine Defizite lägen und vor allem, welche Alternativen es gäbe, weiß selbst in bürgerlichen Kreisen kaum jemand zu beantworten. Eher liegt die Kritik im Gefühlten: Man will schon smarte Phones und Tablets, und Wohnungen, Lebensmittel und Reisen sollen bezahlbar sein; aber bitte nicht auf Kosten anderer, sondern ‚gerecht’. So wird tatsächlich noch Marx zitiert, als seien dessen Schriften eine Analyse der heutigen Zeit, uneingeschränkt gültig und jenseits aller Kritik. Am Ende steht jedenfalls eine Gewißheit: Kapitalismus ist böse, die Verteilung der ‚Weltgüter’ unfair, Handel immer Ausbeutung. Und irgendwie sind die Amerikaner daran schuld, wenn auch nur im Ungefähren. Denn auch hier: Sobald man nachfragt, woran sich deren Verantwortlichkeit festmachen lasse, welche ökonomischen Handlungen der Amerikaner die Welt konkret ins Unheil stoßen, kommt: nichts. Oder zumindest nichts, was anderen Staaten, ob China, Indien, Frankreich oder Brasilien, nicht auch in der einen oder anderen Weise angekreidet werden könnte – nur dass jenen gegenüber Kritik unterbleibt.

Kapitalismus = Imperialismus = Militarismus. Wird dieser schlichte Komintern-Unfug tatsächlich noch gelehrt? Vermutlich an deutschen Schulen, denn irgendwo muss es ja herkommen. Denn auch diese Simplizitäten sind wieder zu hören, und eben nicht nur von Linksalternativen. Für eine pazifistische Gesellschaft, die allein in Montagsdemonstranten noch ihre angeblichen Feinde erkennen mag und deren Armee nicht einmal mehr bedingt einsatzbereit ist, scheint schon der Wille der USA zur militärischen Stärke ein Affront. Wenn der Kapitalismus der Satan ist, ist das Militär sein Beelzebub. So schließen sich Überlegungen, bevor sie zu welchen werden.

Ebenso zwingend ist der dritte Vorhalt, die Kritik an der amerikanischen Israel-Politik. Auch hier gilt: Was immer das Weiße Haus anstellt, es ist zu wenig, zu lasch, zum falschen Zeitpunkt. Wer um Verständnis für innenpolitische Rücksichtsnahmen wirbt, muss erfahren, dass genau diese den jüdischen Einfluß dokumentierten. Und? Aber weiter gehen die Ausführungen nicht, als erkläre schon allein der Verweis auf den pro-israelischen Lobbyismus die Verworfenheit der amerikanischen Israel-Politik. So erscheint der Vorhalt oft nur als Erweiterung der obigen Formel: Kapitalismus = Judentum = Zionismus = Imperialismus = Militarismus. Hier allerdings ist sie gleichermaßen anschlußfähig für ganz Linke wie ganz Rechte. Die Amerikaner als Steigbügelhalter des internationalen Finanzjudentums, der „Geldjuden“, von denen Ulrike Meinhof sprach. Es gibt Kontinuitäten, die brechen nie. So wird der Anti-Amerikanismus zum Antisemitismus ‚über Bande’. Wenn man die Juden nicht selbst kritisieren mag, kritisiert man zumindest ihre verläßlichsten Verbündeten.

Schließlich wird auch ein letztes Ressentiment wieder ausgegraben, das in einem kulturvergessenen Volk wie den Deutschen besonders ratlos macht: Die Warnung vor kultureller Hegemonie. Doch auch hier gilt: Wer den Vorwurf ernst nimmt, wer nachfragt, ob ‚House of Cards’ oder ‚Breaking Bad’ das eigene Lebensgefühl bedrohen, ob Franzen, Auster oder Salter zu Unrecht deutsche Autoren verdrängten, ob wir mehr Helene Fischer hören sollten statt Pharell Williams, stößt ins Nichts. Man glaubt an die kulturelle Hegemonie der USA, hält sie auch irgendwie für ungerecht, aber begründen will man dies nicht.

Doch liegt eben darin ein Zeichen. Denn gerade die Abstrusität der Vorhalte macht deutlich, dass es nicht um Abwägung geht, um der Rationalität zugängliche Sachfragen; es geht um emotionale Dinge, verbrämt als Kapitalismus-, Kultur-, Militär- oder Israelkritik. Herzinger sieht den Grund in der Vergangenheit: Zum Vorschein „käme ein Ressentiment gegen die USA als einer vermeintlichen Unterdrückermacht, die Europa und seine Nationen an ihrer Selbstentfaltung gehindert habe“. Nun würden die Aversionen der 1930er Jahre gegen das freiheitlich-individualistische Gesellschaftskonzept reaktiviert.

Ist das so? Ich denke nicht. Kaum jemand kennt noch die Wirrheiten der ‚konservativen Revolution’, niemand bei Verstand nimmt sie ernst. Auch die ‚Betrachtungen eines Unpolitischen’ und die Verortung der Deutschen diesseits des Westens ist allenfalls eine Frage germanistischer Oberseminare, hat aber keine politische Relevanz. Auch die eigene Erfahrung, die Gespräche mit Eltern, Freunden, Verwandten, spricht gegen Herzingers These. Die Begeisterung über Kennedy, die Mondlandung, Monroe, Miller und Hemingway war so echt wie die Faszination der Jüngeren für ‚Der weiße Hai’, ‚E.T.’ oder ‚Star Wars’. Für die Flakhelfergeneration waren Bogart, Wilder und Wayne wichtiger als Erik Ode oder Jürgen von Manger, war Bonn vertrauenswürdiger als Walhalla. Auch die angebliche „Unterdrückung“, von der Herzinger spricht, war allenfalls ein Topos der Altnazis. Von den meisten wurde der Verbleib der amerikanischen Streitkräfte in Europa mit Dankbarkeit gesehen, und zwar weit über den Vietnamkrieg hinaus, sicherte er den Kontinent doch vor dem Zugriff der Russen. Vor die Wahl gestellt, optierten die Deutschen, mit wenigen Ausnahmen wie den Eltern von Frau Merkel, doch lieber für die westliche als für die östliche Re-education.

Insofern muss es einen anderen Grund für den wachsenden Anti-Amerikanismus geben, jenseits aller alten Geschichte. Vermutlich sind es psychologische Beweggründe. Von einer Macht, die den USA lange militärisch standhielt, die führend war in Wissenschaft und Forschung, deren Schulen und Universitäten Weltruf hatten, ist Deutschland abgestiegen zu einer Lachnummer. Ob ICE, Lkw-Maut, Drohnen, Satelliten oder Transportflugzeuge, kein technisches Großprojekt kommt ohne schwerste Mängel und Verzögerungen; nicht einmal für die Hauptstadt kann dieses Land einen Flughafen errichten. Zwar ist es wirtschaftlich noch erfolgreich, aber nur auf Gebieten der old technology, dem Auto- und Maschinenbau. Auf allen Zukunftsfeldern, ob Gen- oder Medizinforschung, Militär- oder Digitaltechnik, ist Deutschland längst abgehängt, teilweise schon zurück hinter aufstrebenden asiatischen Nationen. Während die Deutschen um Frauenquote und Mütterente streiten, erobern die Amerikaner die Zukunft.

So erscheint die Nörgelei an den Amerikanern in erster Linie als Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes, der seine Berechtigung hat. Man weiß, dass man abgeschlagen ist, verloren hat, nur noch am Katzentisch sitzt. Aber man will sich nicht eingestehen, dass man selbst schuld ist, dass die anderen fleißiger, härter, besser waren. So flüchtet man in vorgebliche Kritik. Im Grunde sind wir auf dem Weg zur muslimischen Haltung. Denn auch dort ist der Hass auf Amerika nur die Kehrseite des Eingeständnisses, dass die arabische Kultur ihren Zenit der Leistungsfähigkeit längst überschritten hat, man faul, bequem und ideenlos wurde. So wendet man das eigene Ungenügen gegen den Erfolgreichen. Dort wie hier. Wir Muslime.