Universitäten als vordigitales Parship

Auch technische Äpfel werden madig. Meiner verabschiedete sich ohne Warnung, einfach so. Das und der Versuch, wenigstens ein paar Dinge zu retten, stand in den letzten Wochen der Arbeit an diesem Blog entgegen. Nun ist klar: Der Apfel ist Geschichte, jetzt tut es ein Chromebook. Wer nicht mehr als eine Schreibmaschine mit Internet-Zugang braucht, ist damit gut versorgt.

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Paris, Stadt der Liebe, Stadt der Eleganz. Dass zu beidem auch gute Manieren gehören, scheint jedoch vergessen. In einem Restaurant müht sich eine junge Frau aus ihrem Mantel; ihr Freund steht ungerührt daneben, starrt in sein Handy. Als ich der Frau helfe, ist sie sichtlich überrascht, sie lächelt und dankt. Der hölzern-täppische Begleiter schaut noch nicht einmal auf.

Anderer Fall, in einem Bistro, wieder eine Frau mit ihrem Freund. Beide sehr jung, Mitte Zwanzig. Sie ausnehmend hübsch, er der Typus Hipster, der sich dreimal pro Minute durch die Haare fährt. Da hier kürzlich von Warnsignalen die Rede war, die Frauen betreffen: Das ist definitiv eines, das vor Männern warnt. Als sie beide eine Zigarette rauchen wollen, bittet er seinen Nachbarn um dessen Feuerzeug. Er erhält es, redet noch ein bißchen weiter, nippt noch einmal am Aperitif, dann zündet er sich seine Zigarette an. Anschließend reicht das Feuerzeug an seine Freundin weiter. Sie lässt es sich gefallen. Hier wie auch schon öfter der Eindruck: Vor Zeiten, also vor denen der Emanzipation, waren Frauen selbstbewusster. Einen so schnöden Begleiter hätten sie sofort verlassen. Die damals selbstverständlichen Regeln der Höflichkeit schützten Frauen in vielen Fällen des Alltags mehr als das erkämpfte Terrain der Gleichberechtigung.

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Begegnung mit einem Professor für Kunstgeschichte. Meinem Interesse für sein Fach begegnet er mit traurigem Sarkasmus. Gewiss, abstrakt gesehen ein schöner Beruf, in der Wirklichkeit aber nur für Leute, die Vereinsamung schätzen. In Gesellschaft sei man ein Exot, beglotzt von all den bildungsfernen Managern, Unternehmern, Politikern und Journalisten. Die könnten zwar Bilanzen oder auch Gesetzestexte lesen, würden aber weder die Bibel, Shakespeare, Homer noch die griechischen Tragödien kennen, also die Fundamente der abendländischen Bildung. Das mache Gespräche schwierig. Diejenigen, die um ihre mangelhafte Kenntnis wüssten, fürchteten, sich eine Blöße zu geben; der Rest sei ohnehin desinteressiert oder schlicht ignorant an der Grenze zur Blödheit. Nicht einmal die ikonographischen Werke von Beckmann, Dürer oder Holbein seien heute als bekannt vorauszusetzen; Künstler der zweiten Reihe wie Pencz, Blechen oder Meidner seien dieser ‘Elite’ böhmische Dörfer.

Isolation sei auch das Los an der Uni. Deren Verwaltung sei nicht bildungsfern, sondern bildungsfeindlich. Seiner Erfahrung nach müsse die Vorgabe der letzten Jahrzehnten gewesen sein, nur Personen einzustellen, die keinerlei Enthusiasmus für das humboldtsche oder irgendein Bildungsideal zeigen. Dass Bildung formen, aus dem Menschen ein freies, selbstständiges, ein besseres Wesen machen solle, sei der Universitätsverwaltung ein völlig fremder Gedanke; ihr gehe es allein um Fragen der Formalbürokratie, um Kernarbeitszeiten, Kompetenzpunkte und Abschlußzahlen.

Und völlig isoliert sei man auch in seiner eigentlichen Tätigkeit. Zumindest an seiner Fakultät seien mindestens 90 Prozent (!) der Studenten intellektuell für das Studium ungeeignet. Das erkenne man schon an den ersten Arbeiten. Wenn der Name des Künstlers, um den es ginge, auch bei der 17ten Nennung falsch geschrieben werde, sei das mehr als ein Zeichen. Die großen Museen, gar die Graphik- oder Kupferstichkabinette, seien vielen Studenten der Kunstgeschichte terra incognita. Doch leider dürfe man nicht zu hart sortieren. Andernfalls riskiere man endlose Debatten mit den Betroffenen, der Universitätsleitung, der Studentenvertretung und manchmal auch Anwälten. So quäle man sich dann durch Haus-, Magister- und Doktorarbeiten, deren einziges Ziel es sei, jedem eigenständigen Gedanken aus dem Weg zu gehen. In der Germanistik sei es ähnlich, auch seine Kollegen der Soziologie und Psychologie berichten über solche Erfahrungen.

Etwas erschrocken versuche ich, wenigstens auf einen erfreulichen Aspekt seiner Arbeit hinzuweisen: Zumindest zu meiner Studienzeit seien die Studentinnen der Kunstgeschichte die hübschesten gewesen. Ja, meint der Professor, das sei auch heute noch so. Und eben dort liege eines der Probleme. Viele seiner Studentinnen seien unterdurchschnittlich begabt und interessiert. Für sie sei die Universität kein Ort wissenschaftlicher Arbeit und Erkenntnis, sondern ein Qualifikationskurs für den akademischen Heiratsmarkt, eine vordigitale Partnervermittlung á la Parship. Denn wer nicht studiert habe, scheide als Partner für viele Akademiker aus, sei keine ‘Partie’ für die gutverdienenden Anwälte, Ärzte oder Manager. Daher das überproportionale Interesse vieler junger Frauen an geisteswissenschaftlichen Fächern. Hier könnten sie, anders als in den Naturwissenschaften mit ihren klaren Vorgaben von ‘falsch’ und ‘richtig’, den akademischen Abschluß vergleichsweise einfach “schießen”. Oder sie wählten gleich Gender-Studies: Dort käme man schon mit der richtigen Gesinnung und dem Bekenntnis zur Diversität zum begehrten Titel.

Das alles sei eine ungeheure Ressourcenverschwendung und auch gesellschaftspolitisch, entgegen allen Verheißungen der Bildungsreformer, ein gefährlicher Weg. Denn nun träten Leute, die nie eine eigenständige geistige Leistung erbracht hätten, mit dem Anschein und Anspruch ins Leben, Akademiker zu sein. Vermutlich liege hier der Grund für das beklagenswerte Niveau vieler wichtiger Debatten. Eine drittklassige Arbeit über irgendeinen längst vergessenen Literaten, über einen Maler der zweiten Reihe der Münchener Secession oder Düsseldorfer Malerschule sei eben nicht zwangsläufig eine ausreichende Qualifikation für die Beteiligung am historischen, ethischen oder politischen Diskurs.

Zudem sei inzwischen ein Teil dieser Unterqualifizierten selbst in Professorenstellen eingerückt, gestützt auf Quoten und Parteibücher. So werde das Mittelmaß perpetuiert – und jedes Talent bekämpft. Denn auch an Universitäten gelte der Satz von Swift, wonach die Existenz eines Genies verlässlich daran zu erkennen sei, dass sich alle Idioten gegen es verbünden. Heute sei das schon bei den etwas Begabteren der Fall. Das mache den Aufstieg der originellen Köpfe so schwer. Da sie die Mittelmäßigen täglich an ihre Unzulänglichkeiten erinnerten, würden sie von jenen gehasst und bekämpft.

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Alle hacken auf Facebook und Twitter rum, hier mal ein Lob: Ich hatte kürzlich auf Facebook einen meiner Artikel für den Deutschlandkurier verlinkt (https://www.deutschland-kurier.org/eine-schande-fuer-deutschland-islamistischer-judenhass-eskaliert/), in dem ich unter Hinweis auf einige Suren, in denen Juden als Schweine und Affen bezeichnet werden, zu dem Fazit kam: Wenn man, wie viele Linke, ‚Rassismus’ als ‚gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit’ betrachte, sei Allah ein antisemitischer Rassist. Denn was im Koran stehe, seien bekanntlich dessen eigene, unverfälschte Worte.

Da meine Facebook-Einträge automatisch von Twitter übernommen werden, landeten sie dort, und natürlich beschwerten sich irgendwelche Jünger des rassistischen Antisemiten. Nun schrieb mir Twitter, sie hätten „den gemeldeten Inhalt untersucht und keinen Verstoß gegen die Twitter-Regeln oder Gesetze feststellen“ können.“ Bei aller Kritik: Mehr Sinn für Wahrheit und freie Meinung als mancher Handlanger der deutschen Regierung haben amerikanische Firmen immer noch!

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Treffen mit Henryk Broder. Der tägliche Irrsinn, derzeit vor allem die immer wilderen Reaktionen auf die Gemeinsame Erklärung, sei zwar deprimierend, belustige aber auch durch seine Dreistigkeit. Tatsächlich seien nun viele Medien das, was die Leute von Pegida schon früher skandiert hatten: Lügenpresse. „Lückenpresse“, die Sprachschöpfung Michael Klonovskys, die das bewusste Auslassen oder Verschweigen umriß, fasse es nicht mehr.

Leider nur zu wahr. Wer behauptet, von einer rechtswidrigen Einwanderung könne keine Rede sein, will weder Artikel 16 a Grundgesetz noch § 18 II Asylgesetz zur Kenntnis nehmen. Aus beiden Vorschriften ergibt sich eindeutig, dass Leute aus allen angrenzenden Ländern unverzüglich an der Grenze abzuweisen sind – ohne Prüfung etwaiger Asylgründen. Daher dürfen sie auch nicht, wie derzeit üblich, in deutsche Auffanglager gebracht werden. Die Praxis der Bundespolizei, die auf Anweisung des Innenministers handelt, also Horst Seehofers und zuvor Thomas de Maizières, ist ein klarer Rechtsbruch. Und Dieter Mohr von ‚Titel, Thesen, Temperamente’, Caroline Fetscher vom Tagesspiegel, die Schriftstellerin und angebliche Juristin Juli Zeh im NDR und viele andere belügen offen ihrer Leser, Zuschauer, Zuhörer, wenn sie frech das Gegenteil behaupten.

Das gelte es, so Broder, festzuhalten: Jede Lüge, jeden verleumderischen Tweet, jede Verharmlosung, Beschönigung, Kleinrednerei der Lage. Irgendwann werde man all das brauchen.

Am Ende ein schönes Versprechen: Bei seinem nächsten Treffen mit Springer-Chef Döpfner wolle er ihn fragen, ob angesichts des muslimischen Anti-Semitismus, der von mir in meinem einst inkriminierten BILD-am-SONNTAG-Kommentar vorhergesagt wurde und den nun auch BILD konstatiert, nicht ein deutlicher Nachschlag zu meiner Abfindung fällig sei. So anstandshalber. Broder ist vermutlich der einzige, der solche Versprechen lustvoll hält.

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Auch ich hätte Gründe, #meetoo zu rufen. Seit Wochen schreibt mir eine Verehrerin auf Facebook Dinge, die als Kompliment gemeint sind, aber doch etwas weit gehen. Ich bin „Schatzi“, „unheimlich schick“, manchmal auch „eine so süße Maus“, hätte bestimmt „einen weichen Bauch“ und zudem „eine so schöne Männlichkeit“. „Lass mich mal Dich…, bitte“ mag noch mehrdeutig sein, „Komm bitte zu mir, zieh Dich aus und leg Dich in mein Bett“ ist es nicht mehr.

Interessant sind die Reaktionen. Erzähle ich, dass eine Freundin diese Art von liebestoller Zuneigung erhalten habe, herrscht Empörung bis hin zum Ratschlag, die Polizei einzuschalten. Vermelde ich dann, dass ich selbst der Empfänger bin, herrscht Belustigung. Zur Anzeige würde niemand die Sache bringen. Zu Recht.