Über Verrohung

Ein Begriff geht um: Verrohung. Innenminister deMaiziere hat diese Entwicklung konstatiert, dazu mehrere Soziologen und Kirchenleute, ebenso führende Politiker von GRÜNEN und SPD. Auch die Medien haben diese Thematik aufgegriffen, besonders dezidiert Markus Feldenkirchen auf SPIEGEL ONLINE. Sein Beitrag ‚Deutsche Verrohung: Was ist nur aus diesem Land geworden?’ erhielt auf Facebook zahlreiche Likes und zustimmende Kommentare, auch von Kollegen. Und spätestens hier beginnt das Rätsel.

‚Verrohung’, das steckt schon im Begriff, ist ein Prozeß. Somit läge die Frage nicht völlig fern, wann dieser Prozeß des Niedergangs ziviler Formen begonnen hat: Mit der AfD, wie Feldenkirchen wohl meint, oder mit Pegida? Vielleicht mit den nirgends verurteilten Anschlägen auf AfD-Wahlstände, auf Wohnungen und Autos konservativer Politiker? Oder vielleicht noch viel früher, mit dem Bombenanschlag der Tupamaros auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin, mit den Klappspatenangriffen auf einen hilflosen Beamten in Brokdorf, mit den Zwillen und Stahlkugeln, die in Wackersdorf und bei den schweren Krawallen um die Startbahn West gegen Polizisten Einsatz fanden? Mit all den Vokabeln der Dehumanisierung und Ausgrenzung, die Linke heute noch verwenden, den ‚Bullenschweinen’, ‚Systempolitikern’, ‚Faschisten’, mit dem Kürzel ‚ACAB’ (All Cops Are Bastards)? Mit dem Göttinger Mescalero-Artikel, der 1977 den „Abschuß“ von Generalstaatsanwalt Buback feierte, mit dem geradezu maßlosen Haß auf Ronald Reagan bei seinem Berlin-Besuch 1987 oder auf Helmut Kohl bei seiner Rede am 10. November 1989, ebenfalls in Berlin? Und könnte es sein, dass die NSU nur die rechte Verrohungsvariante jener terroristischen Bündnisse ist, die weit in linke Kreise hinein klammheimliche Sympathien genossen?

Schon angesichts dieser keineswegs vollständigen Auflistung könnte man auch fragen, ob Verrohung nicht gleichsam zur DNA der Linken zählt, zum nicht nur rhetorischen Kernbestand jeder ihrer gesellschaftspolitischen Engagements. Ob bei den Hausbesetzungen der Hafenstraße und Roten Flora in Hamburg oder bei den Aktionen von ATTAC, ob bei den Protesten gegen Atomkraft oder Nachrüstung, immer war eines gewiß: Eine zivilisierte, politische Lösung war oft über Jahre nicht gewollt. Man zielte, schon aus Gründen der medialen Aufmerksamkeit, auf Randale, und so sind auch die jährlichen Ausschreitungen zum 1. Mai in Hamburg und Berlin, entgegen aller anti-kapitalistischen Drapierung, Festivals eben jener „Wirtshausschlägerei-Stimmung“, die Feldenkirchen als neu bemerkt haben will. Tatsächlich gehört sie jedoch seit 1968 zum politischen Selbstverständnis der radikalen Linken.

Und natürlich könnte man auch fragen, inwieweit die Medien, und nicht zuletzt der SPIEGEL, an dieser Verrohung teilhatten. Mit ihrer Aufkündigung des anti-totalitären Comments, mit ihrem Verständnis für ‚Gewalt gegen Sachen’, ihrer belustigten Kommentierung von Schlingensief „Tötet Helmut Kohl“. Und natürlich mit ihrer Verharmlosung der lebensgefährdenden Attacken Joschka Fischers als ‚biographische Brüche’.

Schließlich: Wenn man wirklich über Verrohung sprechen will, über den Niedergang eines Gemeinwesens, sollte man auch jene Gruppe ins Auge fassen, die am deutlichsten für diese Entwicklung steht: Mit ‚Ehrenmorden’, Zwangsheiraten, Bildungsferne, Homophobie, ‚Deutschenklatschen’, mit all dem ungezügelten Rassismus, denen sich deutsche Schulkinder schon seit Jahren an vielen Schulen ausgesetzt sehen. Oder soll man hier Verrohung als kulturelle Eigenständigkeit begreifen?

Viele Fragen, Feldenkirchen stellt keine einzige. Verroht, so sein Urteil, sind immer die anderen, und nur die Deutschen. So einfach. Doch vielleicht liegt gerade in dieser Simplizität der Zauber, den viele Kommentatoren und Follower auf Facebook so attraktiv finden – und der auch ein Urteil über sie spricht.

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Zur Verrohung der gesellschaftlichen Debatte gleich ein Beispiel: Bert Pampel, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, twitterte folgende Satz: “Regierung, die sich nicht an Recht & Gesetz hält, trägt Mitschuld, wenn Bürger sich gg illegale Einwanderung wehren. BP”. Der erste Teil des Tweets entspricht der Einschätzung ehemaliger Verfassungsrichter, der zweite den Ergebnissen zahlreicher Umfragen. Für SPIEGEL ONLINE ist diese Harmlosigkeit aber schon zu viel: ‚Stiftung Sächsische Gedenkstätten irritiert mit rechtslastigem Tweet.’ Die Arbeit verrohter Denunziatoren.

Noch zum Vorigen: Ein Freund vermutet, die Verrohung des Umgangs entspringe dem legitimatorischen Bedürnis nach dem Feind, das alle faschistischen Bewegungen vereine. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Nun beherrscht dieser Faschismus  auch die ‚Mitte’.

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Dass die Regierung, wie vielerorts zu lesen, das Regieren eingestellt habe, ist nicht richtig. Diese Woche entschied der Bundestag, den Verkauf von E-Zigaretten und E-Shishas an Jugendliche zu verbieten.

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Vielleicht die aufschlußreichste Geschichte dieser Woche zum Zustand des Landes: Die Posse um eine mit 38.000 Euro öffentlich bezuschusste Reise Kreuzberger Schulkinder nach New York, die immer noch hohe Wellen schlägt. Glaubt man dem Tagesspiegel, ist dies kein Einzelfall, Zuschüsse von weit mehr als 2.000 Euro für Kinder sozialschwacher Familien seien nicht selten. Amüsant die Erklärung des Schulleiters, neben der Verbesserung der Englischkenntnisse habe der Besuch im Museum of Modern Art (MoMA) gelockt, hätten doch einige Schüler Kunst als Leistungskurs. Na dann. Wie immer die Erkenntnis: ‚Sozial’ ist immer nur die Unterstützung derjenigen, die wenig oder gar nichts leisten. Sofern man Fernreisen überhaupt als förderungswürdige Aufgabe des Staates sieht, sollte man nur solche Kinder unterstützen, deren Eltern versuchen, ihre desparate Lage zu verbessern. Alle anderen sollten selber zahlen oder unter Hinweis auf den fehlenden Ehrgeiz ihrer Eltern von Reisen ausgeschlossen werden.

Dazu folgende Geschichte: Schottische Bekannte haben zur Zeit viel Freude an ihrer Tochter. Die 16jährige, bisher eine eher mittelmäßige Schülerin, habe endlich die Kurve gekriegt, sich innerhalb eines Jahres im Klassen-Ranking vom 18. Platz aus an die Spitze gesetzt. Dafür erhielt sie den mit 500 Pfund dotierten Ambition Award der Schule.

Dass eine deutsche Schule einen Preis für Ehrgeiz auslobt und ihn auch so nennt, scheint undenkbar. Noch erstaunlicher ist allerdings die Reaktion der Lehrerin auf den Vorschlag der nun Klassenbesten, den Preis der Gemeinschaftskasse zu spenden. In Deutschland wäre dieses Ansinnen über den grünen Klee gelobt worden, als Zeichen von Gemeinschaftssinn und egalitärem Verzicht. Nicht so in Schottland. Dieser Wunsch, so die Lehrerin, sei weder nobel noch moralisch richtig. Nobel deshalb nicht, weil die anderen nicht auf Augenhöhe seien, also ebenso hart gearbeitet hätten und nur durch Krankheit, Pech oder sonstige Malaisen am Erfolg gehindert wurden. Und moralisch sei es falsch, alle jene, die weniger oder nichts geleistet hätten, am Preisgeld partizipieren zu lassen. Ihre Schule wolle Eigenständigkeit und Individualität fördern, und dazu gehöre auch der Mut, sich zu seiner Leistung und ihren Früchten zu bekennen und sie für sich zu genießen. Eine Einzahlung in die Gemeinschaftskasse würde diesem Gedanken und auch dem dahinter stehenden Menschenbild direkt widersprechen.

Was soll man sagen: Eine Hymne dieser Frau!

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Ein kluger Kopf, der sich selbst politisch links sieht und den Vizekanzler durchaus schätzte, gibt die beste Antwort auf meine Frage, wie er nach den letzten drei Wochen die politischen Chancen Gabriels beurteile: „Gabriel? Wer ist das?“

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‚Deutschland verrecke’, ‚Deutschland soll sterben’. Das letzte Residuum völkischen Gedankenguts, wenn auch umgedreht.

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Schließlich noch ein Bekenntnis. Ich schätze Thomas Schmid von der WELT. Er hat großartige Sachen geschrieben, die letzte lässt mich ratlos. Hat irgendjemand dieses Stück verstanden? Alle haben irgendwie recht, alle irgendwie auch nicht? „Wir dürfen hier nicht rein“ sei ein Verrat an der Idee Europas, das aber gleichzeitig seine Grenzen schützen müsse? Doch auch dies wohl ein Zeichen, der Wunsch nach Versöhnung des Unversöhnbaren, mag es auch logisch nicht zusammengehen. Und der Verzicht auf jeden klaren Standpunkt. Die journalistische Entsprechung deutscher Politik.