Weit weg von der Wirklichkeit: Bond und Medien

‚Spectre’ gesehen, den neuen Bond. Nicht schlecht, wie immer eindrucksvolle Stunts und Locations, aber irgendwie unbefriedigend, dünn. Vermutlich fehlt das Seismographische. Bond war immer ein Dschihadist des Westens, und nur dann war er wirklich gut: Wenn es gegen Russen oder Nordkoreaner ging oder gegen Leute, die den Westen ausradieren wollten, ob per Erdbeben, Atomschlag oder Virenangriff. Jetzt aber, und nicht zum ersten Mal, ist nur noch der Westen selbst der Feind, und zwar der Geheimdienst sich selbst: In ‚Skyfall’ ein enttäuschter MI6-Mitarbeiter, nun ein Überläufer in ministerialen Rängen. Statt äußerer Bedrohung nur noch internal affairs. Warum Christopher Waltz sein Komplott plant, bleibt ebenso unklar wie Ziel und Motiv. „Information ist alles“ erklärt nichts. Während die westliche Welt in Paris massiv attackiert, das Versagen der Informationsdienste deutlich wird, geht’s im Bond um die Bedrohung durch eben jene Dienste. Das ist das Gegenteil von Zeitgespür und zudem der Plot einer Serie wie ‚Person of Interest’ und von ‚Staatsfeind Nr.1’, eines fast 20 Jahre alten Films. Nicht nur Bond ist alt geworden. Auch seine Gegner und ihre Weltverschwörungen hinken hinterher.

Zudem stört der Ausflug in die Küchenpsychologie, den Bond-Filme plötzlich zeigen. In ‘Skyfall’ war das Motiv des Täters ein schwer derangiertes Mutterverhältnis, nun ist es ein Zwist zwischen Stiefbrüdern. Vielleicht wirken solche Psychologisierungen auf den weiblichen Teil der Zuschauer attraktiv; doch lag die Stärke vieler Bonds gerade in einem Männlichkeitsbild, das von Paartherapie so weit entfernt war wie seine Gespielinnen von der Idee, ‚dass man ja auch mal miteinander reden könne’. Aber aus und vorbei. Der nächste Bond ist eine Frau.

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Aus Peter Scholl-Latours Autobiographie: „Die sich zynisch gebenden französischen Ultrakonservativen in Adel und Bourgeoisie haben damals geklagt, Hitler habe ihnen sogar die Freude am Antisemitismus verdorben.“

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Gelegentlich erhalte ich Zuschriften mit der indignierten Frage, was wohl mein Großvater, Vater, Onkel, Bruder, etc zu diesen oder jenen Ausführungen gesagt hätten. Da ich spiritistisch nicht begabt bin, muss ich hinsichtlich meiner verstorbenen Familienmitglieder bekennen: Ich weiß es nicht, auch interessiert es mich wenig. Doch ebenso wirkt die Frage nach der Ansicht lebender Angehöriger wie aus der Zeit gefallen. Sollte die eigene Auffassung von der Familie abhängen, von Stamm oder Clan? Interessanter daher die Überlegung, was diese Frage über den Fragenden sagt, mit Blick auf Abnabelung, Eigenständigkeit, Autoritätsbedürfnis?

Ein Freund meines Vaters nannte solch mahnenden Erkundigungen Zauselfragen, also Fragen alter Leute, die den Mangel an Aufmerksamkeit, Zuspruch und Autorität mit der argumentationsfreien Maßregelung anderer Menschen kompensieren. Eine sehr deutsche Spezies. Auf die Rote Liste kommt der Zausel nie.  

Beim Spazierengehen der Gedanke, die Vorfahren würden tatsächlich ihre Meinung aus dem Off des Schattenreiches verkünden: Zu jeder Tagesaktualität, zu Erziehungsfragen, gegebenenfalls im Streit untereinander. Die Hölle wäre dann ein attraktiver Ort. Sollte man Gründe suchen, dem Spiritismus oder animistischen Lehren zu entsagen, findet man sie hier.

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Immer wieder zu lesen: Die Möglichkeit von Anschlägen sei der „Preis der Freiheit“, also im freiheitlich-demokratischen System angelegt. Doch haben die muslimischen Anschläge nichts mit innenpolitischen Friktionen zu tun, wie bei RAF, IRA, ETA. Sie sind keine Konflikte innerhalb eines Systems, sondern importiert – nicht der Preis der Freiheit, sondern von Multikulti und Ideologie. Und sie sind ein Preis, den zumindest in Deutschland niemand zahlen müsste.

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Früher war das Aufrechnen von Opfern die abscheuliche Übung alter Nazis. Dresden, Hiroshima, Katyn wurde den Mördereien Hitlers entgegengestellt. Heute ist das Aufrechnen auf linker Seite gang und gäbe. Nach jedem Anschlag im Westen daher verlässlich der Hinweis, die meisten Opfer der muslimischen Terroristen seien keine Christen. Wie schön.

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Ali Michael, Professorin der Universität von Pennsylvania, will keine Kinder haben, weil die weiß wären. Sie verachte ihre „Whiteness“ so sehr, dass sie sich entschieden habe, sich nicht zu reproduzieren. Um den weißen Rassismus ein für allemal zu beenden, müsse man sich schuldig fühlen. Im Grunde das Psychogramm vieler GRÜNER.

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Frage an alle zornigen Apologeten: Wenn der muslimische Hass auf den Westen seinen Grund tatsächlich in Kreuzzügen und Kolonialisierung hat, warum attackieren islamische Terroristen auch buddhistische, sinische und hinduistische Länder?

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Stehen wir im Krieg? Nach den Anschlägen von Paris war das die Einschätzung des französischen Staatspräsidenten, aber auch von Joachim Gauck und Papst Franziskus. Dem widersprachen vor allem deutsche Medien. Das Gerede vom Krieg sei überzogen und hysterisch; der Angriff sei, so beispielsweise Ulrich Kienzle und die ARD-Korrespondentin von Haaren bei Maischberger, kein Krieg, sondern ein terroristischer Anschlag.

Die Furcht vieler Journalisten vor dem Begriff des Krieges ist verständlich. Zunächst ist die verbale Pazifizierung Teil des medialen Grundkonsenses dieses Landes. Krieg ist böse. Wo der Einsatz der Bundeswehr nur noch für humanitäre Aufgaben zulässig scheint, wo sich die Öffentlichkeit jahrelang über den wahren Charakter der Afghanistan-Stationierung belog, ist die Erkenntnis, man befinde sich im Krieg, so überraschend wie unerfreulich, nicht zuletzt für die Glaubwürdigkeit der Medien.

Zweitens suggeriert der Begriff des Krieges, dass der Gegner mehr Truppen hat als nur ein paar verwirrte Mörder. Anschläge sind die Handlungsformen kleiner Gruppierungen wie RAF, Brigade Rosse, IRA; Krieg ist der Kampf Tausender.

Damit stellt der Begriff des Krieges eine dritte Frage: Mit wem man sich im Krieg befindet. Mit überschaubaren Einheiten von ISIS, Al Qaida, Boko Haram? Oder vielleicht mit sehr viel größeren Communities, nämlich mit all denen, die nach jedem Anschlag ihre jubelnde Zustimmung in muslimischen Netzwerken propagieren? Die, wie die türkischen Fans, vier Tage nach dem Anschlag eine Schweigeminute für die Opfer mit gellenden Pfiffen begleiteten? Sind wir vielleicht im Krieg mit dem Islam insgesamt?

Genau dieser Gedanke aber verstößt, viertens, gegen einen weiteren Glaubensgrundsatz linker Medien: Gegen die Idee von der multikulturellen Villa Kunterbunt. Auch da ist der Gedanke, man befinde sich mit einigen Hausbewohnern in quasi-militärischen Auseinandersetzungen, nicht hilfreich. Dass die Tötung von mehr als hundert Personen auf fremdem Territorium mit militärischen Waffen durchaus als Kriegshandlung durchgehen könnte, will man deshalb nicht sehen. Daher: Lediglich ein Anschlag.