Toleranz als Mangel an Phantasie

Die LINKE kritisiert, der neue rot-grüne Koalitionsvertrag in Hamburg sage nichts zur Armutsbekämpfung. Das sei hier nachgeholt, in einem Satz: Die wirksamste Armutsbekämpfung ist nach aller Erfahrung der Kampf gegen jene Ideen, für die die LINKE steht.

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Eine Freundin ist nicht glücklich mit meinem Blog. Alle Muslime als Anhänger einer anti-demokratischen Weltanschauung zu betrachten, hält sie für falsch. Aber warum? Fest steht, dass die Frau im Islam dem Manne untergeordnet ist, dass Glaubensfreiheit oder Apostasie mit dem Tode bedroht werden, dass die Scharia kein von Bürgern frei verhandeltes und verhandelbares Gesetz ist, damit auch keinen demokratischen Abstimmungen unterliegt – weshalb ein Kernbereich des Rechts dem Bürgerwillen entzogen, der politischen Teilhabe nicht zugänglich ist. Kurzum: Demokratische Autonomie, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit sind im Islam nicht möglich. Was also ist hieran nicht anti-demokratisch?  

Die Freundin ist Übersetzerin vor allem amerikanischer Werke, von den Söhnen ist einer homosexuell. Würde hier der Islam herrschen, wäre der Sohn mit dem Tode bedroht. Auch sie selbst könnte kaum eines der Bücher aus dem Reich des ‚großen Satans’ übersetzen, ihre berufliche Existenz wäre zerstört. Trotzdem nie die Frage, was eine ‚Unterwerfung’ im Houllebequeschen Sinn, also die Machtübernahme des Islam in Europa, für den Einzelnen ganz persönlich bedeutet.

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Fast schon ein Reflex: Nach der Zerstörung der Museumsschätze in Mossul, Ninive, Nimrud und Hatra durch ISIS wiesen zahlreiche Artikel auf ähnliche christliche Bilderstürmereien hin. Die hat es gegeben, doch fielen ihnen im wesentlichen Bildwerke der eigenen Religion zum Opfer. Außerdem immer die Frage, ob eine Dummheit eine andere rechtfertigt. Allerdings macht das Vorgehen der ISIS auf einen grundsätzlichen Unterschied aufmerksam: Nur in Europa wurde im 18. Jahrhundert ein Interesse für fremde Kulturen und deren Bewahrung entwickelt. Nirgendwo anders war das jemals der Fall. Ohne Humboldt und seine Adepten keine Ethnologie, keine ethnografische Feldforschung, keine Völkerkundemuseen. Wo dagegen der Islam herrscht, wissen wir meistens mehr über die Dinosaurier als über frühe dortige Kulturen.

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„Wer den Papst kritisiert, ist im Club der Aufklärer herzlich willkommen, wer Kritik am Islam übt, den erklären die Untersteller zum Rassisten.“ Der Historiker Jörg Baberowski in der ZEIT.

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Dass die Nazis Zigeuner grausam verfolgt und Tausende getötet haben, ist ein tief düsteres Kapitel. Dennoch verwundert zuweilen das Selbstverständnis, das auch jüngere Leute aus dieser Verfolgung gewinnen. So erklärt am Gedenktag der Nazimorde die Anwältin Nizaqete Bislimi (35), die Bundesregierung solle „endlich den Nachkommen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen“. Bislimi ist 1993 illegal aus dem Kosovo eingereist, wurde samt ihrer Familie 13 Jahre lang trotz fehlenden Asylgrunds geduldet und unterstützt, hat Abitur gemacht, studiert und eine eindrucksvolle Karriere vorzuweisen. So menschenunwürdig scheint das Leben hier nicht gewesen zu sein.

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Jene Politiker, die am nachdrücklichsten für Zuwanderung werben, sind immer Fürsprecher der Abtreibung.

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Ein ehemaliger Studienkollege, der diesen Blog entdeckt hat, meine Ansichten zum Islam aber nicht teilt, schickt mir eine ganze Seite mit Fragen: Warum ich dies so sähe und jenes so, ob ich hierzu Fakten liefern könne, welche Fundstelle es gebe. Ich leiste diesen Dienst, recherchiere, entwerfe mein Schreiben, arbeite Frage für Frage ab. Statt mit einem Wort darauf einzugehen, die genannte Literatur zu lesen und die Diskussion zu vertiefen, schon wenige Minuten später die Antwort – oder richtiger: Reaktion. Ein neues Konvolut, nun mit seinen Erfahrungen aus Algerien, Ägypten, dem Kosovo. Kein Satz zu den zuerst von ihm aufgeworfenen Fragen. Heutige Diskussionskultur, im Grunde wie bei Kleinkindern: Wer länger „Immer einer mehr als Du“ sagt, hat gewonnen.

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Diskussionskultur 2: Auf Facebook schreibt mir ein Michi Döfle: „Sie dummes Stück scheise“. Wie immer enthalten wir uns aller Namenswitze.

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Entspringt das überall anzutreffende Verständnis für den Islam möglicherweise einem Mangel an Empathie, vielleicht auch Phantasie? Ich stelle mir die 1000 Peitschenschläge vor, die Raif Badawi erwarten, wie sie die Haut zerfetzen, die Sehnen, die Rückenmuskeln, wie der Schmerz einbricht und wie Blut und Leben versickern. Ich stelle mir vor, wie ich unter dem Galgen stünde, der viele Homosexuelle erwartet, und was meine letzten Gedanken wären, meine Angst, meine Trauer und meine Verzweiflung, dass ich für meine Liebe bestraft werde, nur weil irgendein Mullah sich anmaßt zu wissen, was Allah für recht hält. Und ich stelle mir vor, wie mir meine Hände in den Folterkerkern mit Hämmern zerschlagen werden, die Schmerzen, die brechenden Knochen, die zerquetschten Fingernägel. Und all dies nur, weil ich einen Gedanken aufschrieb, der irgendeinem Imam nicht gefiel. Über all solche Momente ist vielfach geschrieben worden, weit eindrücklicher als hier, und man kann sich das zumuten. Aber die Unfähigkeit, zu trauern, sich in Opfer hineinzuversetzen, herrscht in diesem Land noch immer.

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„Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament der Nachkriegszeit“. Der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2004.

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In einer der letzten Ausgaben des STERN folgende Selbstdarstellung eines Autors: „Axel Vornbäumen war bei vielen revolutionären Maidemonstrationen in Berlin. Manchmal war das eher wie Dschungelcamp mit Tränengas.“ Ein-Tages-Krawalle als Revolution. Und ob auch verletzte Polizisten und Ladenbesitzer, denen keine Versicherung den Schaden zahlt, die Ausschreitungen als Unterhaltungsprogramm verstehen?

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In einem Interview mit der Jungen Freiheit, gerade aktuell am Kiosk, entwerfe ich kein ausgesprochen positives Zukunftsbild. „Im Moment“, so äußere ich mich dort, „kommen Zehntausende, die keinerlei Beziehung zu diesem Land, seiner Geschichte, seiner Kultur haben, und dies auch gar nicht wollen. Wenn diese Zuwanderer politische Parteien gründen, wird es nichts geben, was dieses Land zusammenhält. Dann haben wir libanesische Verhältnisse, also ein Land zerrissen vom Gift der Religionen und Ethnien, ohne verbindende Idee, unfähig zur Bewahrung der staatlichen Einheit.“ Ein Freund findet das zu alarmistisch. Das wäre zu hoffen. Tatsächlich ist die neue Einwanderung ein ungeheures soziologisches Experiment, die Veränderung des Staatsvolkes. Mag sein, dass es gutgeht. Aber wenn nicht, und wenn sich die Gruppen radikalisieren, ist das Land kaputt. Dieses Risiko sollte man sehen, wenn auch mehr als Feststellung, denn als Alarm.