Talkshow-Pinups: Der zulässige Sexismus

Die erwartbare Aufregung um Bayerns Innenminister Herrmann, der in der Sendung von Plasberg den Begriff ‚Neger’ verwandte. Die wichtigere Frage bleibt leider ungestellt: Welcher Sexismus prägt eigentlich das Casting für öffentlich-rechtliche Talkshows? Denn egal welche Sendung man einschaltet, und so auch bei ‚Hart, aber fair’: Immer wird der Fremde nur als intelligente, erfolgreiche, polyglotte junge Frau vorgestellt, und zwar möglichst mit Traummaßen. Den versehrten rumänischen Bettler aus der Fußgängerzone sieht man dagegen nie, auch der pockennarbige, mehrfach vorbestrafte Afrikaner, der nach 12 Jahren Kettenduldung noch immer kein Deutsch spricht, scheint bei ARD und ZDF unerwünscht. Statt dessen Talkshow-Pinups, und eben auch bewusst mit dieser Intention. Das kann man schon als Mißbrauch betrachten, nicht nur des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrags. Doch wenn er der Indoktrinierung und dem Abbau von ‚Feindbildern’ dient, scheint Sexismus durchaus zulässig.

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Über Jahrzehnte war die Richtlinie der deutschen Außenpolitik, aber auch die Einstellung der hiesigen Medien, Kommentatoren und Intellektuellen zum Ausland in einem Wort zu fassen: Zurückhaltung. Nachdem die Deutschen zweimal Europa in Brand gesteckt hatten, schien Bescheidenheit nicht die dümmste Direktive. Und wann immer jemand meinte, einmal mehr zu wissen, wie dieser Planet sich drehen müsse, warnten vor allem Linke mit dem Hinweis auf die nationalsozialistische Propaganda vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen solle. Falsch war diese Haltung nicht.

Heute jedoch: Vergessen und vorbei. Nun herrschen wieder deutsche Selbstgewißheit und deutsches Sendungsbewußtsein. Ob Politker oder Journalisten, viele betrachten die Aufnahme von Afrikanern, Syrern oder Libyern als Konsequenz der ‚europäischen Werte’ – und was das sind, wissen nur sie allein. 20 von 28 europäischen Staaten wollen keine ‚Flüchtlinge’ aufnehmen, haben also durchaus ein anderes Verständnis der oft beschworenen Wertegemeinschaft – aber kaum einen Kommentator oder Politiker ficht es an. Wir Deutschen wissen es eben besser! Schon kommen Vorschläge, dass widerspenstige Staaten aus der EU ausgeschlossen werden sollten. Und nirgends auch nur der leiseste Selbstzweifel. Die alte deutsche Arroganz.

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Wie unterschiedlich ‚europäische Werte’ und ‚Humanität’ beurteilt werden, machte am Sonntag ein Interview in der TIMES deutlich. Dort äußerte sich Theresa May, die englische Innenministerin. Die gegenwärtige Immigration, so May, sei schlicht „unhaltbar“, die europäische Freizügigkeit ein Fehler. „Die Freizügigkeit beruht auf dem Gedanken, zu einem Job zu wechseln; sie meint nicht, dass man hierherkommen kann, um einen Job zu suchen oder das britische Sozialsystem zu nutzen.“ Auch für ihre europäischen Kollegen fand May deutliche Worte, wenngleich sie niemanden persönlich nannte. Dass die innereuropäische Migration (von der außereuropäischen ganz zu schweigen) nicht kontrolliert werden könne, sei „defätistisch und falsch“. So will England künftig mit schärfsten Strafen gegen Vermieter oder Arbeitgeber vorgehen, die Illegalen helfen. Sogar ausländische Studenten mit abgeschlossener (!) Ausbildung sollen das Land verlassen, wenn sie keinen Job finden. „Die Verbindung von Kurzzeit-Studium und dauerhaftem Aufenthalt muss gebrochen werden.“ Kann man sich den Haß der deutschen Besserwisser vorstellen, wenn ein hiesiger Politiker sich ähnlich äußern würde?   

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Kühl betrachtet ist die gegenwärtige Invasion illegaler Migranten der erste ernste Test für die Handlungsfähigkeit der EU. Euro- und Bankenkrise waren nicht wirklich gesamteuropäische Lagen, weil in ihren Auswirkungen zu unterschiedlich – hier kaum zu spüren, anderswo katastrophal. Mit der ‚Flüchtlingskrise’ ist das anders. Alle Länder sind betroffen, und überdeutlich wird: Geht es um zentrale politische Fragen, nicht um Handystecker, Gurken oder Roaminggebühren, ist auf die EU kein Verlaß. Statt zu handeln, überhaupt irgendein Konzept vorzulegen, verfällt Brüssel in die bekannte Routine: Noch ein Gipfel, noch ein paar Konsultationen. Während täglich Tausende einströmen, konterkariert Brüssel jeden Tag das hartnäckigste Mantra aller EU-Befürworter: Dass sich die großen Probleme nur auf europäischer Ebene lösen ließen, eine „Politik aus einem Guß“ erfordern würden. Nun sehen alle: Das Gegenteil ist richtig, Brüssel ist nicht handlungsfähig. Nichts kommt von der EU, es ist ein Debakel der Untätigkeit – und so sprechend wie das Abtauchen von Juncker, Schulz, etc. In der Griechenkrise in jeder Tagesschau, sind sie plötzlich verschwunden, weg von allen Bildschirmen. Nun überlassen sie Handeln und Bilder lieber den nationalen Regierungen, und da gehört beides schon aus demokratietheoretischen Gründen auch hin. Aber warum dann noch Brüssel?

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Seit 35 Jahren hält ein seltsames Land die Weltpolitik in Atem, ein Land ohne Meereszugang, ohne Bodenschätze, geopolitisch wie wirtschaftlich unbedeutend, zivilisatorisch rückständig: Afghanistan. Wer bei amerikanischen und englischen Autoren nachliest, was die Gründe für den 1979 ausbrechenden Konflikt zwischen der russisch finanzierten Regierung und den Stämmen waren, der das Land zu einem Dauerschlachtfeld machte, stößt immer auch auf eine Erklärung: Die von den Russen forcierte Emanzipation der Frau. Auch die afghanische Frau sollte lesen, schreiben, arbeiten, ihr eigenen Geld verdienen können, wie überall im Kommunismus. Das wollten die Stammesfürsten auf keinen Fall – und sie waren zu dieser Zeit noch gemäßigte Muslime, die Radikalisierung kam deutlich später. Zwar nannten die Mudschaheddin ihren Krieg gegen die Russen Dschihad, aber im Kern war es kein Religionskrieg, sondern ein Krieg gegen gesellschaftliche Reformen. Nicht mal die waren möglich. Und dennoch träumen hier viele von einer Reform sogar des Islam. Abwegig.

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Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann möchte die Syrer „aus dem Asylverfahren herausnehmen“, also generell allen ohne nähere Prüfung Asyl gewähren. Das würde die Behörden entlasten und Kapazitäten für die Prüfung der wirklich schwierigen Fälle freimachen. Was als pragmatischer Vorschlag daherkommt, ist die Sprengung des deutschen Asylsystems. Krieg ist mitnichten ein allgemeiner Asylgrund, weil er eher selten die Verfolgung Einzelner aus persönlichen Gründen bedeutet, sondern eine allgemeine, alle Bürger gleichermaßen betreffende Gefahrenlage. Richtiger wäre es daher, Menschen aus Kriegsgebieten das Asylrecht ausnahmslos zu verweigern – auch weil, wie jetzt zu sehen, keine auf Einzelfälle ausgerichtete Bürokratie den Ansturm Hunderttausender bewältigen kann. Erkennt man dagegen mit Kretschmann Kriegsflüchtlinge umstandslos an, kann man auch gleich 50 oder 100 Millionen Einladungskarten verschicken: Nach Darfur, in die Ukraine, zu den tausend anderen Kriegsschauplätzen der Welt. Auch so kann man ein Land kaputtmachen.

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Überhaupt eine interessante Frage: Warum blickt niemand skeptisch in die Zukunft, warum gibt es keine dystopische Literatur oder bildende Kunst? Sind die Künstler und Autoren wirklich noch Seismographen des Kommenden? Wer in deutschen Buchläden sucht, findet zwar regalweise Besinnungsliteratur über Fremdenfeindlichkeit, rechte Gefahren und gelungene Integration, aber nur ein einziges Werk, das die islamische Zuwanderung als negative Utopie schildert: Houellebecqs „Unterwerfung“. Dessen Vision der Verwandlung der französischen Republik durch einen sanften Islam ist jedoch die optimistische Alternative, die sich aber, blickt man auf die Geschichte beispielsweise des Iran, nicht immer verwirklichte. Denkbar und für einen Thriller ergiebiger ist daher auch die Machtergreifung durch radikale muslimische Bewegungen, verbunden mit der Sprengung des Kölner Doms, des Vatikans, des Pergamon-Altars. Auch dass Europa von den überall ausbrechenden Konflikten zwischen Sunniten, Yesiden, Schiiten und Aleviten verschont bleibt, ist nicht allzu wahrscheinlich. Und ob die autochtone Bevölkerung all die Veränderungen völlig gelassen hinnimmt, ist ebenfalls zu fragen. In Deutschland mag das der Fall sein, nicht aber in Ländern mit republikanischem, freiheitlichem oder kulturellem Selbstbewußtsein. Nicht ohne Grund prognostizierte der CIA schon 2008 für die Zeit um 2030 in Europa einwanderungsbedingte Bürgerkriege, jetzt hat eine Studie dieses Szenario noch einmal bestätigt. Simmel hätte daraus längst einen packenden Roman gemacht, Schirrmacher ein Sachbuch.

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Gespräch mit einem deutschen Sicherheitsfachmann. Syrien sei zwar eine Tyrannei, aber religiös pluralistisch und politisch stabil gewesen, bis zum ‚arabischen Frühling’. Wie auch in Ägypten und anderen arabischen Ländern hätten vor allem radikal-fundamentalistische Gruppierungen den Aufstand vorangetrieben, wesentlich finanziert vom Iran. Nachdem Deutschland nun mit der Invasion syrischer Flüchtlinge die Milliarden-Zeche der iranischen Politik zahle, sei es doch schön, dass wir diesem Land auch noch bei den Sanktionen entgegenkämen.

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Was auch hier in einiger Zeit zu erwarten ist, macht laut DailyMail die Universität Tennessee vor. Deren Gleichstellungsbeauftragte hat nun geschlechtsneutrale, gender-korrekte Artikel eingeführt. Aus ‚he’ und ‚she’ wird einheitlich ‚ze’, aus ‚her’ und ‚him’ wird ‚hir’ and ‚zir’. Completely bonkers, zu deutsch: Total meschugge. Aber auch in hiesigen Behörden sind bereits Arbeitsgruppen mit der Einführung ‚geschlechtsneutraler’ Anreden befasst. Für linken Quatsch ist immer Geld vorhanden.