Plädoyer für den Nationalstaat

Im Gespräch mit Freunden einmal mehr die These, die EU habe für den inner-europäischen Frieden gesorgt. Fast schon ein Glaubenssatz. Dabei dürfte allein der Kalte Krieg, der bis 1989 die westeuropäischen Länder gegenüber dem kommunistischen Ostblock zusammenschweißte, den der Waffen verhindert haben. Für inner-europäische Konflikte war so kein Platz – zumal die Amerikaner sie ohnehin unterbunden hätten. Den Jugoslawien-Krieg hat Brüssel weder verhindert noch beendet. Um so mehr wirkt die These von der Friedensmacht EU wie die blödeste Propaganda.

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Die Uhr schlägt. Alle.

Stanislav Lez

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Noch so ein Mantra: Dass der Nationalstaat eine Gefahr sei, die man überwinden müsse – und zwar durch Einbindung in die EU, die Ex-Kommissionschef Barroso oft als Imperium bezeichnete, also als Vereinigung vieler Länder unter einer supra-nationalen Führung.

Wer auf die politische Bilanz solch meta-staatlicher Gebilde schaut, kann das nicht ernsthaft wollen; immer ist sie deutlich schlechter als die des Nationalstaats. Den römischen Cäsaren waren die Belange ihrer Untertanen in fernen Ländern ebenso egal wie Queen Victoria die Wünsche der Inder oder Südafrikaner. Im Imperium der UdSSR hatten Bulgaren, Rumänen, Polen oder Ost-Deutsche nichts zu melden, und auch das spanische Imperium war für Azteken oder Holländer keine Freude.

Der Nationalstaat mag nicht immer ein Hort der Freiheit sein – Imperien sind es nie. Ihre Herrscher sind zu weit weg von den Problemen, es fehlt an politischer Kontrolle durch die betroffenen Menschen, und immer bevorzugt die Zentrale sich selbst vor den Provinzen: Brot und Spiele in Rom, selbst wenn andere dafür hungern. Auch Hitler war im Übrigen kein Freund des Nationalstaats. Er wollte ein „Reich“ – das deutsche Wort für Imperium. Nur Barroso und Befürworter der EU haben damit kein Problem.

Auch bemerkenswert: Die asiatischen Länder, politisch in Fragen totalitärer Staatsformen nicht unerfahren, streben keine politische Union an. Das haben sie auf der letzten ASEAN-Konferenz unmissverständlich deutlich gemacht. Wenn aber die EU tatsächlich so ein Erfolgsmodell ist – warum wird es weder in Asien noch in Lateinamerika oder sonst auf der Welt kopiert? Weil alle wissen, dass nur der Nationalstaat politische Kontrolle ermöglicht.

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Gedanken im Krankenhaus. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Wenn man schon längst nicht mehr will, klammert sich der Körper berserkerhaft an jeden Atemzug.

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Der größte Feind der Wahrheit sei der Mythos, soll John F. Kennedy einst bemerkt haben. Und tatsächlich ist Verklärung Gift für jedes objektive Urteil. Ähnlich giftig mag auch Charme wirken. Davon hatte, glaubt man einer jüngst erschienenen Biographie, Paul de Man im Überfluss. Der amerikanische Literaturprofessor belgischer Abstammung (1919-83) war eine Größe seiner Zunft, hochgeehrt, allseits beliebt. Erst fünf Jahre nach seinem Tod fiel 1988 ein Schatten auf sein Leben, waren doch einige stramm collaborative Artikel aus den frühen 1940er Jahren aufgetaucht. Nun gibt es eine Biographie, die noch ein paar andere Lässlichkeiten nachweist: Als Bankrotteur, der Verträge fingierte und sogar die Einlagen seiner Hausangestellten für den persönlichen Luxus verjubelte, entzog er sich einer langjährigen Haftstrafe durch Flucht in die USA. Frau und Kind ließ er zurück, zahlte niemals Unterhalt, heiratete trotz fortbestehender Ehe eine Studentin und fälschte, da er nie einen Studienabschluss erworben hatte, seine Zeugnisse, wodurch sich die Professorenlaufbahn eröffnete. Mehrfach wurde er von Universitäten wegen Unregelmäßigkeiten und Betrügereien gefeuert – aber der Karriere schadete das nie. Fast alle mochten ihn, er verband höchste Intelligenz mit entwaffnender Liebenswürdigkeit, seine Aufsätze veränderten maßgeblich die Literaturwissenschaft. Gott hält seine Hand nicht nur über Gerechte.

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“Das Leben ist das einzige Eigenthum, das nur dann etwas werth ist, wenn wir es nicht achten.”

Heinrich von Kleist

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Gespräch mit Henryk Broder über säkularisierte Moslems. Die gebe es genauso wie säkularisierte Christen, für Broder „Kulturchristen“: Weihnachten in die Kirche und in Italien in jeden Dom, aber ansonsten konfessionslos und eher kirchenkritisch. Broder: „Es gibt viele aufgeklärte, tolerante und pluralistisch denkende Moslems; einen aufgeklärten, toleranten, pluralistischen Islam gibt es nicht.“

Das klingt überzeugend. Aber würde man gegenüber Nazis ebenso nachsichtig sein und die Kritik allein auf die Weltanschauung, nicht aber auf ihre Anhänger richten? Auch bei den Nazis gab es hochgebildete, dem Christentum, amerikanischem Jazz oder ‚jüdischer’ Literatur gegenüber tolerante Parteigänger; und dennoch haben sie, wenn es drauf ankam, jedes Verbrechen mitgetragen.

Der Lackmustest ist immer: Würde jemand in grundsätzlichen Fragen wie Gleichberechtigung, Diskriminierungsverbot, Rechtstaatlichkeit, Gewaltmonopol oder Parlamentarismus der Verfassung oder der Religion Vorrang einräumen? Das gilt für Christen ebenso wie für Juden oder Moslems. Wählt er die Religion, ist er ein Feind der Verfassung. Wählt er die Verfassung, ist er nüchtern betrachtet kein Gläubiger, weil er die Maßstäbe der Religion letztlich nicht für verbindlich hält. Eine vermittelnde Position gibt es da nicht.

Hatte ich es schon erwähnt? Die EU muss man bekämpfen + zerschlagen!