Nizza, Ankara, Würzburg: Albtraum Multikulti

Das Morden in Nizza, tags darauf der türkische Putsch, nun das IS-Attentat im Zug bei Würzburg. Für den Traum vom Multikulturalismus’ dürften dies Schläge sein, von dem er sich nicht mehr erholt. In der Realität geht es nun um den Albtraum, den jede multikulturelle Gesellschaft erlebt, nämlich um Terror, Freiheitsbeschränkung, Blutzoll. Denn seit den letzten Tagen ist klar: Der IS hat Deutschland erreicht, und der türkische Faschismus ebenso.

Schon die Sprachlosigkeit nach ‚Nizza’ war ein Zeichen. Konnte man bei den Anschlägen von Paris, Brüssel oder Orlando darauf vertrauen, dass zumindest Frau Käßmann oder die Herren Stegner, Beck, Augstein und Laschet Verständnis für den Täter, seinen kulturell-religiösen Hintergrund respektive seine schwierige Jugend bekunden würden, blieb die Linke samt linker Union diesmal seltsam ruhig. Natürlich verwiesen einige auf angebliche psychische Probleme, verbog sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst dann noch in Warnungen vor voreiligen Schlüssen, als Nationalfeiertag, die massenmörderische Tatbegehung, die demonstrative Öffentlichkeit des Tatorts und der Migrationshintergrund schon überdeutliche Hinweise auf die Motivation gaben. Und auch Claudia Roth (GRÜNE) forderte ausgerechnet am Tag nach den Morden, die Einwanderung zu erleichtern; doch läuft Roth ohnehin schon seit Jahren weit jenseits all dessen, was noch ernstzunehmen ist.

Ansonsten aber herrschte Schweigen. Sogar den Vertretern von SPD, LINKE und GRÜNEN scheint allmählich zu dämmern, dass auch sie und ihre Kinder Opfer des muslimischen Terrors werden könnten; dass ein Dialog mit Islamverbänden nicht weiterführt, wenn das Ergebnis außer Bedauern nur immer neue Tote sind; dass es, wie der französische Imam Drouiche bekannte, keine sinnvolle Trennung von Islam und Islamismus gibt, der Terror mithin direkt aus dem Islam kommt; dass das Gerede von ‚traumatisierten Opfern’ leerläuft, wenn immer nur Muslime, nicht aber Christen oder sonstige Flüchtlinge dies zum Anlaß für Übergriffe nehmen; und dass die Aussichten auf Wiederwahl gegen Null gehen, wenn Abgeordnete den Wählern weiterhin erzählen, dass Islam Friede bedeute.

Auch die Medien hielten sich auffällig zurück. Zwar brachten alle ausführliche Berichte, doch fehlten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die gewohnten Kommentare, wonach dies alles nichts mit dem Islam zu tun habe. Nicht einmal die SZ konnte sich zu den üblichen Formeln durchringen, wonach eine ‚offene Gesellschaft’ den Terror ertragen müsse oder dass er ‚nur’ Ausdruck sozio-ökonomischer Benachteiligung sei. Sogar die sonst unvermeidliche Warnung vor einer Instrumentalisierung der Anschläge durch ‚Rechte’ fehlte diesmal. Angesichts der Kinderleichen auf der Promenade von Nizza empfand wohl selbst die Redaktion um Herrn Prantl solche Hinweise als irgendwie unpassend. Wenn Politik ein Thema aufgreifen und instrumentalisieren sollte, dann nämlich den Mord an Kindern.

Und dann noch der Putsch in der Türkei, gefolgt vom Wüten eines entfesselten Mobs und der demaskierenden Inszenierung Tayyip Erdogans. Wenn die kolportierte Bemerkung zutrifft, er wolle nun „die gleichen Rechte wie Hitler“, müssten selbst blinde Bewunderer erkennen, an wem sie sind. Das wollten bisher viele vermeiden. Denn trotz aller Schauprozesse, trotz Presseverbote, trotz der niedergeknüppelten Proteste am Gezi-Park und trotz der Unterstützung des IS glaubte nicht nur die Kanzlerin, in Erdogan einen verlässlichen Partner zu haben. Nun müssen alle erkennen: Die moderne Türkei unter Erdogan ist ein islamo-faschistischer Führerstaat, der nicht einmal vor Lynchmord zurückschreckt. Auch hier haben linke Parteien, und nicht nur sie, einmal mehr aufs falsche Pferd gesetzt, ihre Liebe zu „Börek, Humus, Sonne, Mond und Sternen“ (Claudia Roth, wer sonst?) blieb unerwidert. Auch die EU hat versagt, der Entwicklung über Jahre tatenlos zugeschaut. Für sie wie für Parteien und Medien ist die Entwicklung der Türkei ein Schlag ins Kontor ihrer Glaubwürdigkeit. Jahrelang hatten sie die Türkei auf gutem Weg gesehen, dem raschen Beitritt zur EU das Wort geredet. Nun wird klar: Man hat über Jahre ein fundamental-islamisches Regime hofiert.

Und nicht nur dort. Wie die Demonstrationen der Erdogan-Anhänger in Berlin und andernorts zeigten, ist die 5. Kolonne des Islamo-Faschismus längst in Deutschland. Weder nach den Anschlägen von Paris, Brüssel oder Nizza waren spontan so viele Türken auf der Straße wie nach den möglicherweise inszenierten Staatsstreich. Und diese Demonstrationen, das bewies die Anwesenheit die nationalistischen Garden der Grauen Wölfe wie das Meer der AKP-Flaggen, galten nicht der (längst beseitigten) türkischen Demokratie, sondern dem Erdogan’schen Führerstaat. Das so beliebte Narrativ vom netten Gemüsehändler und seiner noch viel netteren, wenn auch leider nach 30 Jahren immer noch des Deutschen ohnmächtigen Frau ist am Freitag Abend an sein Ende gekommen. Die neue Erkenntnis lautet: Auch der nette Gemüsehändler ist sehr häufig ein fundamentalistischer Faschist, der die Demokratie verachtet und keinerlei Loyalität zu Deutschland verspürt. Dass nach einer aktuellen Studie 32% der Deutsch-Türken die Scharia über das Grundgesetz stellen, passt ins Bild; trotz deutschem Pass diesem Land feindlich gegenüber fühlen vermutlich noch deutlich mehr. Und ob die Loyalität zu Deutschland und seiner Verfassung bei den Muslimen anderer Herkunft höher ist, also bei den libanesischen Clans, den tschetschenischen Salafisten und den Iranern mit ihren antisemitischen Al-Quds-Demos, scheint eher fraglich.

Buchstäblich zerhackt wurde der Traum von der multikulturellen Bereicherung dann am Montag. Der Axtangriff eines Afghanen im Zug bei Würzburg, der 21 teils Schwerverletze forderte, macht das unverantwortliche Spiel der Kanzlerin mit Leben und Zukunft der Deutschen überdeutlich. Diese Opfer sind ihre Opfer. Seit Jahren befindet sich der Westen faktisch im Krieg mit dem Islam, fast kein Monat vergeht ohne neue Anschläge. Aber ebenso lange blendet die Kanzlerin das Thema aus, obwohl sie längst hätte klären müssen, inwieweit Islam und Grundgesetz zusammenpassen – und welche politischen Schritte aus dem Scheitern der Integration folgen, von dem sie einst selber sprach. Doch nichts dergleichen tat die Kanzlerin. Statt dessen holte sie, entgegen allen Warnungen der Sicherheitsdienste, mehr als eine Million Muslime ins Land, fast ohne jede Kontrolle. Ebenso gut hätte sie die Insassen aller Irrenhäuser der Welt ins Land bitten können. Denn auch das wäre ein Akt der Menschlichkeit.

So stellt der Angriff von Würzburg vor allem politisch eine Frage: Wie lange will man noch eine Kanzlerin ertragen, die dieses Land zu einem Tummelplatz von Mördern, Sexualtätern und sonstigen kriminellen Facharbeitern macht? Und die den Schlüssel zur Invasion Europas einem faschistischen Despoten anvertraute, der sein Land nicht nur von angeblichen Putschisten, sondern auch von jeder Rechtsstaatlichkeit säubert? Die Öffnung der Grenzen im September 2015 war die erste verantwortungslose Dummheit; das Abkommen mit Erdogan die zweite. Üblicherweise reicht schon ein solcher Fehlgriff für einen Rücktritt.

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Einige linke Reflexe funktionieren allerdings noch immer. Die Berliner Rechtsreferendarin Betül Ulusoy war 2015 dadurch bekannt geworden, dass sie das Recht erstritt, den juristischen Vorbereitungsdienst mit Kopftuch auszuüben. Nun kommentierte sie auf Twitter den Staatsstreich mit den Worten: „Der ‘Putsch’ geht zu Ende, noch bevor er begonnen hat. Alles hat doch sein Gutes: zumindest kann jetzt die Säuberung vom Schmutz erfolgen. Und jeder bekommt das, was er verdient. Wir geben es nicht mehr so schnell her, mit Gottes Hilfe.“ Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel und offensichtlich Kenner türkisch-femininer Mentalitäten, erklärt im Radio die wahre Bedeutung: „Das klingt natürlich nach menschenverachtendem Nazi-Sprech, und wurde auch so kommentiert. Dass man das auch ganz anders übersetzen kann, dass sie die Putschisten meinte, die wahllos Zivilisten erschossen, darf man nicht vergessen, also dass sie nicht diese wutrasende Entlassungs- und Verhaftungswelle gegen Richter usw meinte, das ging total unter bei uns Besserdemokraten. (…) Wir sollten nicht jedem vor den Kopf hauen, die jetzt nur `ne andere Meinung haben, oder noch keine richtige…“ Sollte Maroldt in nächster Zeit wieder einmal etwas zur AfD oder – bewahre – zu PEGIDA schreiben, also über Leute, die nur `ne andere Meinung haben oder noch keine richtige, und deren Meinung man vielleicht auch ganz anders übersetzen kann, was aber in den Medien total untergeht, darf man ihn an diese Worte erinnern…

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Einer der Minister im Kabinett Churchill, so steht es in dessen Biographie von Boris Johnson, verband homosexuelle Affären mit dem Bedürfnis nach Freiluft, was nicht immer unentdeckt blieb, aber vor der Presse lange geheimgehalten werden konnte. Irgendwann strapazierte er sein Glück einmal zu oft und wurde mit einem Guardsman auf einer Bank im Hyde-Park erwischt, im Februar bei lausigem Wetter. Der Fraktionsvorsitzende machte sich auf zum Premier, informierte ihn, dass „the usual thing“ der Presse bekannt sei und er den Rücktritt des Ministers empfehle. Churchill habe sich zurückgelehnt, seine Zigarre geraucht und schließlich gefragt, ob er richtig verstehe, dass der Minister es mit einem Guardsman getrieben habe? – Richtig, Premierminister! – Im Hyde-Park? – Richtig, Premierminister! – Auf einer Parkbank? – Richtig, Premierminister! – Um 3 Uhr morgens? – Richtig, Premierminister! – Bei diesem Wetter? – Richtig, Premierminister! – Gott im Himmel, es macht einen wirklich stolz, ein Brite zu sein!

Bitte ein Bit! Willkommenskultur als Kulturverlust

Am Dienstag bei Herrn Lanz ein Germanistikstudent, der syrische Flüchtlingslager besucht hatte. Er selbst stellte sich vor als Angehöriger der „Generation Komasaufen, die endlich aufwachen müsse“. Dem Eindruck nach ein freundlicher junger Mann, wenngleich man ihm die Erschütterung über das Erlebte nicht völlig abnahm; dafür wirkte seine Empörung irgendwie zu glatt, seine Eloquenz zu selbstverständlich. Doch mag ich mich irren.

Inhaltlich allerdings kam von ihm wenig, sieht man von den üblichen Gemeinplätzen ab: Dass die EU mehr tun müsse, dass die Ausgaben für das EU-Treffen in Elmau in keinem Verhältnis zur Flüchtlingshilfe stünden, dass schon die Kategorisierung als ‚Flüchtling’ oder ‚Asylant’ ein Affront sei. Vielmehr müsse man jeden Menschen als Einzelschicksal begreifen, also: Die syrische Lehrerfamilie, der syrische Arzt, etc. Aufwachen, junger Mann! Genau das macht das deutsche Asylrecht, das nicht kursorisch prüft, sondern jeden Fall einzeln. Ein bißchen Recherche vor TV-Auftritten ist nicht immer hinderlich. Im übrigen, das hätte man ihm sagen sollen, ist auch denkbar: Der syrische Dschjihadist, der Vergewaltiger aus Aleppo, der Assad-Geheimdienstmann. Aber denkbar eben nicht für Herrn Lanz.

Sei’s drum. Doch stellt das freundlich-ahnungslose Gerede des jungen Mannes eine andere Frage: Ob nämlich die deutsche Fremdenliebe tatsächlich auf Barmherzigkeit beruht, oder vielleicht eher auf Unbildung, Unkenntnis, Kulturverlust? Nicht einmal ein Germanistik-Student, der die deutsche Sprache, ihre Lieder, Novellen, Balladen und Gedichte lieben und bewahren sollte, mag erkennen, dass mit der derzeitigen Invasion auch Kulturabbrüche einhergehen, wie sie schon überall zu sehen sind. Und dennoch dieses vehemente Engagement für das wahlloseste Willkommen fremder Kulturen? Haben diese Leute wirklich einen Bezug zu dem, was sie studieren, dem ihr Herzblut gelten sollte? Machen sie sich noch irgendeinen Gedanken darüber, was der Kern der Germanistik ist, und was das eventuell auch für ihr Leben und ihre Ansichten bedeutet? Jedes geisteswissenschaftliche Studium beruht auf kultureller Differenz, auf der Eigentümlichkeit des Gegenstandes, seiner Historie und Werte. Nur deshalb gibt es eigenständige Fächer wie Romanistik, Sinologie, Islamwissenschaften: Weil es Unterschiede gibt, weil eben nicht alles Esperanto ist. Aber dem deutschen Studenten bleibt es verborgen. Er repräsentiert den modernen Typus des gutherzigen, aber kenntnisfreien Barbaren des Anything goes. Warum nicht eine Schlachterlehre beginnen, selbst wenn man dem Veganismus huldigt?

So sind die meisten Deutschen längst Bitburger. Im aktuellen Werbespot der Brauerei ist ein Baum zu sehen, der aufs Nachbargrundstück stürzte, und nun nähert sich der verantwortliche Eigentümer mit ein paar Flaschen Friedens-Pils dem Nachbarn. „Wenn aus Nachbarn Freunde werden…“, heißt es im Spot, und natürlich soll das Bier nur der erste Schritt sein zu der sich anbahnenden Freundschaft. Aber die Vermutung liegt nahe, dass bei vielen das Bier nicht nur das Starterkabel der Freundschaft ist, sondern ihr einziger Inhalt. Eben Generation Komasaufen. Wer keine Ahnung von eigenen Werten hat, findet alle Menschen nett, egal was sie glauben, meinen, vertreten. Dem Trinker ist zum Trinken jeder recht, dem Menschen ohne Kultur jeder willkommen. Wer für nichts mehr steht, hat auch keine Gründe, andere abzulehnen. Willkommenskultur als Ausdruck kulturellen Komas. Nicht die klassenlose Gesellschaft ist das Ende jeder Differenzierung und jeder Geschichte; erst die kulturlose Gesellschaft wird das erreichen. Na dann: Bitte ein Bit!

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In letzter Zeit öfter zu hören, auch von Jürgen Opitz, dem christdemokratischen Bürgermeister von Heidenau: „Jedem der Flüchtlingen in der Prager Botschaft wurde über den Zaun geholfen, und es wurde nicht gefragt: Bist Du Wirtschaftsflüchtling, wirst du politisch verfolgt, oder warum wollen Sie die DDR verlassen?“ Äpfel und Kokosnüsse…

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Vor einigen Monaten hatte ich enthemmte Neuköllner türkischer Herkunft, die einen Freund und mich bedrohten und gegen dessen Wagen spuckten, lapidar als ‚Pack’ bezeichnet. Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, sah hierin einen Grund zur wortreichen Empörung. Nun hat es der Ausdruck in die höchste Politik geschafft, doch schweigt Herr Maroldt zu Herrn Gabriel. Nicht nur begrifflich gehen Pack und Esel manchmal zusammen…

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Auf dem geschätzten Blog von Roland Tichy fordert der Gastautor Finn Meurer eine Vervierfachung des deutschen Wehretats. Dafür hätte ich jede Sympathie, doch muss man fragen: Warum? Für Brunnenbohrungen steht das Technische Hilfswerk bereit, für die Rettung von Schiffbrüchigen im Mittelmeer könnte man Rettungskreuzer chartern. Genuine militärische Aufgaben erfüllt die Bundeswehr längst nur noch sporadisch. Denn es fehlt der politische Wille, und es fehlt der persönliche Mut.

Das liegt an von der Leyen, de Maiziére und Merkel ebenso wie an Steinmeier oder Gabriel. Keiner würde je eine Entscheidung treffen, die irgendwie das Militär ins Spiel bringt – als Militär, nicht als Heilsarmee. Statt dem täglichen Angriff auf die Grenzen Deutschlands entgegenzutreten, leistet die Bundeswehr humanitäre Hilfe. Seit Monaten wird über die kriminellen Schleuserbanden geklagt, gerade wurde in Österreich ein Lastwagen mit 70 Leichen entdeckt. Aber so wie das Militär ist auch der Militärische Abwehrdienst nur Girlande. Staaten wie Israel, die USA oder Großbritannien hätten längst geheimdienstliche Maßnahmen ergriffen, dem täglichen Angriff auf die Grenzen durch das organisierte Schleusertum zu begegnen – die Große Koalition überlässt dies der ohnehin überlasteten Polizei. Das Militärische ist nur noch Maskerade.

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Gehört von einem Kollegen: ‚Die SZ-Beiträge Carolin Emckes, die sich selbst als Philosophin vorstellt, zeichnen ein ebenso deprimierendes Bild vom Zustand der Philosophie wie der SZ’.

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Juristen kennen das Lehrbeispiel für den ‚Übergesetzlichen Notstand’. Eine Lokomotive rast auf zehn Streckenarbeiter zu, die nicht gewarnt werden können. Der Weichenwärter hat nur einen einzigen Weg, den sicheren Tod der Arbeiter zu verhindern, indem er die Weiche umstellt – damit jedoch den ebenso sicheren Tod zweier anderer Arbeiter verursacht. Das Notwehrrecht liefert hier keine Lösung, da Leben gegen Leben steht und juristisch eine Abwägung zwischen gleichwertigen Gütern nicht möglich ist. Daher der Notbehelf des Übergesetzlichen Notstands, der die Wahl des kleineren Übels exkulpiert – allerdings, so in der Diskussion um den Abschuß entführter Passagiermaschinen, nicht von allen Juristen anerkannt wird. Auch in der gegenwärtigen Diskussion zur Migrationsproblematik gilt der simple Gedanke des ‚kleineren Übels’ als unzumutbar: Lieber nimmt man den viel größeren Schaden für das Gemeinwesen hin, als dass man einigen wenigen möglicherweise einen Tort antäte. Fiat justitia, pereat mundus.

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Im Berliner Radio 1 ein Bericht über eine syrische Familie, die nach einem Jahr ‚endlich’ (O-Ton) eine eigene Wohnung erhalten hat, wobei sich der Begriff ‚eigene’ nur auf die Nutzung bezieht. Dass man die Wohnung durch irgendeine ‚eigene’ Leistung sich verdient hätte, ist nicht impliziert: Selbstverständlich zahlt das Amt, also der Steuerzahler, Miete, Strom, Wasser, Heizung.

Interessant ist, dass die Vermieterin der syrischen Familie entgegenkam. Sie habe, weil die Miete ursprünglich die vom Amt bewilligte Maximalmiete überstieg, ihre Forderung reduziert.

Ein schönes Beispiel tätiger Hilfe, aber auch bezeichnend. Seit Jahren herrscht in Berlin eine Wohnungskrise, viele Deutsche suchen ebenfalls bezahlbaren Wohnraum, und die typischen ‚Besichtigungsschlangen’ bis aufs Trottoir hinaus sind allgemein bekannt. Aber ist es denkbar, dass jene Berliner Vermieterin irgendeiner hiesigen Familie derart entgegengekommen wäre und auf Miete verzichtet hätte? Kaum. Der Profit sozialer Bewunderung ist eben höher, wenn man an ‚Flüchtlinge’ vermietet. Rassismus, getarnt als Barmherzigkeit.

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Ein fetter, ungepflegter Mensch verfolgt mich seit Jahren mit Hass und Niedertracht. Er ist ein guter Fernsehkritiker, ansonsten aber ein verbohrter Blockwart. BILD-Leute mochte er nie, doch den tieferen Grund seiner Zuneigung hatte ich vergessen. Nun erinnerte mich ein Freund. Vor Jahren hätte ich am Rande einer Veranstaltung gefragt, wie es sich denn als Minderheit lebe. “Spielen Sie auf meine Homosexualität an?” “Nein, sondern darauf, dass Sie schwul sind, aber trotzdem so gar keinen Geschmack haben. Ist das in Ihrer Community nicht von Nachteil?“ Schallendes Gelächter – auch darüber, zu welch unbekümmerten Frechheiten man früher den Mut hatte. Dann das schöne Gefühl: Das war es wert!

Neuköllner Nachspiel und andere Heldentaten

Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegels, stört sich am Ausdruck „Pack“, mit dem ich in meiner letzten Kolumne ein paar türkischer Vollstarke belegte. Nicht immer ist Maroldt so feinsinnig: Im letzten Jahr unterstellte er – hier erwähnt – dem ehemaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich Anti-Semitismus, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, nur weil der gefordert hatte, konservative Positionen in der CDU nicht zu vernachlässigen. Während Maroldt nichts dabei findet, grundlos eine konkrete Person mit den denkbar übelsten Verleumdungen zu belegen, nimmt er mit einigen anderen Anstoß an der kursorischen Bezeichnung eines konkret kriminellen, beleidigenden, nötigenden Pärchens. Bemerkenswert – wie auch der Umstand, dass niemand der nun so Erregten seine damaligen Ausfälle kritisierte.

Doch ist die Kritik Maroldts ein Indikator für die herrschende semantische Verlogenheit. Derartige Einwände kommen verlässlich von Personen, die gegenüber islamkritischen Demonstranten oder Abtreibungsgegnern jede Diffamierung nutzen und Charlotte Roche wie andere Prediger der Derbheit schätzen, aber kaffeekränzchenpikiert aufschrecken, wenn der Ausdruck sich gegen ihre Lieblinge richtet. Doch wie sollte man Leute nennen, die anlasslos mitten auf der Straße pöbeln, drohen, spucken, gegen ein Auto treten? Vielleicht weiß der Chefredakteur des Tagesspiegels einen besseren Ausdruck, gleichsam kraftvoll lutherisch, dem Volke aufs Maul geschaut, aber dennoch Kaffeekranz- und Tagesspiegel-kompatibel. Ich warte auf Vorschläge. Das von Linken so gern und pauschal verwendete ‚Faschisten’ fände hier mit Blick auf die SA-Manieren der türkischen Fahrer durchaus meine Zustimmung. Wäre das konsensfähig, Herr Maroldt?

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Zur Begegnung in Neukölln noch ein Nachtrag, da einige Leser das rüde Eingreifen des Unbekannten als tätige Hilfe deuteten. Das war es mitnichten. Vielmehr handelte es sich vermutlich um eine Gebietsabgrenzung zwischen kriminellen Clans, die Verteidigung eines abgesteckten Territoriums. An meinem Dank zeigte der Helfer kein Interesse, er ging sofort seines Weges.

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Deutscher Service. Der Großkonzern E.on fragt an, ob man in den Stromvertrag des Vormieters einsteigen möchte. Man antwortet umgehend an die Email-Servicestelle, lehnt das Angebot ab, eine Woche später wird man als neuer Kunde begrüßt. Wieder schreibt man, macht auf den Irrtum aufmerksam. Keine Reaktion, dafür vier Wochen später die erste Rechnung über Anschluss- und Grundgebühr. Erneutes Schreiben, diesmal auch postalisch, erneut ohne Antwort, dafür drei Wochen später eine Mahnung. Man gibt es auf, die zweite Mahnung kommt, und nie wird auch nur irgendwo auf den Schriftverkehr eingegangen. Verantwortlich im Vorstand ist für Kundenservice ein Dr. Wolfgang Noetel. Der muss einen ruhigen Job haben.  

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Ein kritisch-freundlicher Leser macht den Vorschlag, zwischen „traditionalistischem“ und (modernem) Islam zu unterscheiden. Kritisiere man den Islam ohne diese Differenzierung, würden auch die aufgeklärten, liberalen Muslime sich fast notwendig mit ihren reaktionären Glaubensbrüdern solidarisieren. Außerdem müsse man dem Islam das Potential zugestehen, sich zu reformieren.

Mir ist allerdings nicht recht klar, welchen Nutzen diese Differenzierung haben soll. Schon jetzt wird in den Medien zwischen Islam und Islamismus unterschieden und damit suggeriert, dass nur der Islamismus Probleme bereite. Das ist, so lange die Scharia aus Sicht aller Koranschulen zum Kern des Islam gehört, schlicht dummes Zeug. Auch wer zwischen ‚traditionalistischem’ und ‚modernem’ Islam unterscheiden möchte, müsste die Grenze in jedem Fall bei der Verfassungsmäßigkeit ziehen. Scharia und die mit ihr einhergehende zivilrechtliche wie gesellschaftliche Schlechterstellung der Frauen müssten vollständig aufgegeben, die volle religiöse Toleranz und Apostasie akzeptiert, der Pflicht zur kriegerischen Missionierung abgeschworen werden. All dies findet sich schon längst bei den Aleviten, doch werden sie genau deshalb von fast allen anderen Muslimen nicht als Muslime anerkannt. Abgesehen von den Aleviten gibt es momentan nur ‚traditionalistische’ Muslime – oder eben ‚Kulturmuslime’, also Atheisten, die wie ‚Kulturchristen’ zwar noch einige religiöse Bräuche pflegen, aber eigentlich keinen Bezug zum Glauben mehr haben. Wenn man die als ‚moderne’ Muslime bezeichnen will, kann man das machen; aber ein ‚reformierter’ oder ‚moderner’ Islam ist das nicht, sondern eben ‚kein Islam’. Auch viele, die sich noch als Christen bezeichnen, sind keine ‚modernen’ Christen, sondern Kirche wie Glaubensinhalten längst völlig entfremdet.  

Dass der Islam sich reformieren könne und müsse, wird zudem seit vielen Jahren behauptet und gefordert, nicht nur von Bassam Tibi. Auch das jüngst gegründete ‚Muslimische Forum Deutschland’ verfolgt dieses Ziel. Doch wie aussichtsreich sind solche Ansätze? Der türkische Islamwissenschaftler Ednan Aslan wies kürzlich in der ZEIT darauf hin, dass Gewalt und ‚traditionalistischer’ Islam überall auf der Welt und sogar in Europa gelehrt und gepredigt werde. Und fast überall dort, wo der Islam herrscht, gibt es engste Verknüpfungen zwischen Religionsschulen und Regierenden. Welches Interesse sollten die haben, plötzlich einen neuen, modernen Islam zu propagieren und damit ihre eigene Autorität zu untergraben? Auch haben Imame und Religionsschulen nun lange genug Zeit gehabt, diese Reformen anzugehen, ist doch der Terror im Namen Allahs nicht erst gestern in die Welt gekommen. Sieht man dafür irgendeinen Ansatz? So gut wie nirgends, zumal selbst die Abgrenzung zur terroristischen ISIS nicht bei allen Imamen Zustimmung findet. Das lässt dann doch zweifeln, ob eine Religion ohne allgemein akzeptiertes Oberhaupt überhaupt das Potential zur Reform hat. 

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Lieblingssatz der Woche: Merkels Bemerkung, die Rettung der Schiffbrüchigen im Mittelmeer „dürfe am Geld nicht scheitern“. Wenn man sieht, was alles von Wichtigkeit in diesem Land am Geld scheitert und wie wenig Mittel beispielsweise für Brillen, Hörgeräte oder die angemessene Pflege älterer Menschen vorhanden sind, wirkt die Großzügigkeit Merkels gegenüber illegalen Eindringlingen erstaunlich.

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Noch zur Gründung des ‚Muslimischen Forums Deutschland’: Diese ‘Toleranzinitiative’ wird in der ZEIT mit zwei Frauen illustriert, die sich wegdrehen, um ihr Gesicht nicht zu zeigen. Man will zwar, so die Überschrift, “mitwirken”, traut sich aber nicht, dies öffentlich zu tun. Deutlich wird, was das Eintreten für Toleranz und einen reformierten Islam bedeutet: Konkrete Lebensgefahr, und zwar auch in Deutschland. Viele haben diese Erfahrung längst gemacht, nicht nur Ayaan Hirsi Ali. Wie viele Deutsche würden wohl für eine Sache eintreten, die für sie und ihre Familien mit akuter Bedrohung einhergeht? Auch das lässt die Chancen der Reformierbarkeit eher gering erscheinen.

ZEITMuslimisches Forum

 

 

 

 

 

 

 

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Im berühmten Fragebogen des FAZ-Magazins antwortete der Künstler Horst Janssen auf die Frage, welche geschichtliche Gestalt er am meisten verachte: „Den unbekannten Soldaten“. Das war mehr als nur eine Sottise gegen den pazifistischen, sozialdemokratisierten Zeitgeist, der Helden nicht kennt oder nur dann akzeptiert, wenn sie dem einfachen Fußvolk zurechnen –  nie aber, anders als frühere Zeiten, wenn sie Heer oder Marine befehligen. Nelson, Prinz Eugen, Friedrich der Große – keinem wäre nach dem heute herrschenden Verständnis ein Denkmal errichtet worden. 

Heute will man sich der Opfer erinnern, nicht der Helden. So haben neben den Juden nun auch die Zigeuner ihr Mahnmal, und ebenso die Homosexuellen und die Ermordeten der nationalsozialistischen ‚Euthanasie’-Programme. Alles richtig, alles berechtigt – aber was sagen solche Denkmäler mehr als das selbstverständlichste „Nie wieder“? Während frühere Heldenstatuen gerade durch den Bewertungswandel – beispielsweise im Falle Napoleons – die Frage nach den Maßstäben von Ruhm und Gedenken stellen, nach dem Zufall von Sieg oder Niederlage, sind die zeitgenössischen Opferdenkmäler bestenfalls Totensonntage in Stein: Man gedenkt der Verblichenen und freut sich, wenn es vorbei ist.

Der herrschende Vorbehalt gegenüber Helden hat viele Gründe, zahllose Bücher sind dieser Frage schon gewidmet worden. Vor allem steht der Held gegen jede Egalität. Mit seiner einsamen Entscheidung beweist er, dass eben nicht alle gleich sind, dass manche herausragen. Das mag der Zeitgeist nicht akzeptieren, und nicht ohne Grund werden heute kaum Einzelne, sondern immer häufiger Organisationen ausgezeichnet: Ärzte ohne Grenzen, die EU, Kinderhilfswerke. Auch Denkmäler gibt es nur für Abstraktheiten oder Gruppen: Den Toten, den Soldaten, der Einheit. Das Individuum hat keine Fürsprecher.  

Ein Freund greift den Scherz von Janssen auf und skizziert die Diskussion, wären hier Feuerwehrleute bei einem Anschlag wie 9/11 ums Leben gekommen. Nach anfänglicher Begeisterung hätte man festgestellt, dass weder Frauen noch sonstige Minderheiten zu den Verstorbenen zählten. Ferner wäre bekannt geworden, dass einer der Heroen mit Alimenten in Verzug war, der nächste seinen Hund nicht artgerecht gehalten, der dritte das politisch nicht mehr korrekte Wort ‚Eskimo’ benutzt, wieder einer in seiner Jugend die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen hat. Nach langen Überlegungen sei man zu der Überzeugung gekommen, dass die Feuerwehrleute eben doch keine Helden, sondern nur Sterbliche waren und dass eine Heraushebung ihren sonstigen Fehlern und Vergehen nicht gerecht würde. Ein Relief wie heute am Ground Zero hätte es hier nicht gegeben.

Pressehetze, Brandstifter und waffenlose Besatzung

Der arme Hans-Peter Friedrich. Meine Sympathie für den ehemaligen Innenminister war nie sehr groß, zumal er spätestens in der Edathy-Affäre zeigte, dass ihm Koalitions-Raison über Gesetzestreue geht. Doch die Reaktionen auf sein SPIEGEL-Interview sind derart maßlos, dass man Mitleid haben muss. Verblüffend in seiner Diffamierungslust Lorenz Maroldt, Chefredakteur des angeblich seriösen Berliner Tagesspiegel. Die Mahnung von Friedrich, konservative Positionen nicht zu vergessen, sei im Kern die Rückkehr zu – wörtlich – Anti-Amerikanismus, Anti-Semitismus, Menschenfeindlichkeit, Rassismus. Was mag Maroldt nur genommen haben? Auch Friedrich wolle, so Marold, mal „Lügenpresse, halt die Fresse grölen“. Ob Friedrich das wirklich beabsichtigt? Allerdings: Nach diesen verleumderischen Unterstellungen könnte man es ihm kaum verdenken! Wer den Kommentar von Maroldt nachhören möchte: http://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/kommentar/lorenz_maroldt.html

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Ob und wann sich die Situation in Syrien und im Nordirak so entspannt, dass man dort wieder leben kann, weiß niemand – und damit auch nicht, wie lange die Kriegsflüchtlinge hier bleiben. Doch weder diese Frage wird von der Regierung offen erörtert noch wie viele Flüchtlinge insgesamt aufgenommen werden sollen – und ob auch die Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika weiterhin unbegrenzt ins Land kommen dürfen. Doch zu allem schweigen Union wie SPD, wie auch zu NSA, dem rechtswidrigen Ankauf von Staatsanleihen durch Herrn Draghi oder der jüngsten politischen Entwicklung in Griechenland. Die wahre Verachtung der Wähler zeigt sich weniger in gebrochenen Wahlversprechen als in der Verweigerung jeder wichtigen politischen Debatte. Der Wähler als Kleinkind. So beschädigt man das Vertrauen in den Parlamentarismus.

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Altbekannt: Weniger erziehen die Eltern die Kinder als umgekehrt. So ergeht es gerade Bekannten aus Bayern. Noch vor wenigen Wochen enthusiastische Befürworter der Öffnung aller Tore, hat sich diese Sicht nun radikal geändert. Ein paar übergriffige Selbstverständlichkeiten der neu eingeschulten Migrantenkinder gegen Eigentum und Ehre der eigenen Mädchen ändert das Bewußtsein schneller als vierzig Jahre multikulturelle Indoktrination. Dabei werden die wahren Kosten der Zuwanderung erst in den nächsten zehn Jahren sichtbar.

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„Merkel nennt Zuwanderung, einen Gewinn für alle“, titelt der Tagesspiegel in seinem Online-Newsletter. Ebenso groß wäre der Gewinn durch eine weniger abstruse Kommasetzung.

Ansonsten gibt es zur Neujahrsansprache der Kanzlerin nicht viel zu sagen. Islamkritik und Fremdenfeindlichkeit werden gleichgesetzt. Für eine Naturwissenschaftlerin verblüffend undifferenziert.

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„Das Böse ist gewissermaßen zum universellen Ausdruck unserer Zeit geworden. (…) Der ganze Globus durchtränkt sich nach und nach mit derselben Art Verderbtheit, Elend und Trauer, die im Hitler-Deutschland herrschten.“ Der Künstler Wols, schon 1963

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In meiner Jugend wurden alle Hamburger Schüler damit traktiert, auch auf dem Spielplan stand das Stück oft: ‚Biedermann und die Brandstifter’ von Max Frisch. Heute scheint es weitgehend vergessen, vor allem im öffentlichen Bewußtsein. Während um den segensreichen Radikalenerlaß heftig gestritten wurde, findet sich heute niemand, der gesetzliche Maßnahmen gegen den Islam offen zu erörtern wagt. Dabei ist ‚Biedermann und die Brandstifter’ unerhört aktuell, das Psychogramm einer offenen Gesellschaft, die ihren erklärten und offen agierenden Feinden nicht entgegentreten will – aus Feigheit, Selbsttäuschung, vor allem aber aus Angst, selbst als intolerant zu gelten. Hellsichtig auch die Figur des intellektuellen Brandstifters Dr. phil., der anders als die beiden proletigen Haupttäter dem Brand selbst nichts abgewinnt, aber aus ideologischen Gründen den Brandstiftern beispringt. Nicht ohne Grund heißt er der ‚Weltverbesserer’ – ein Typus, der hierzulande gerade Konjunktur hat. Frisch nannte sein Werk im Untertitel „Ein Lehrstück ohne Lehre“. Auch das prophetisch.

Da wir bei Büchern sind: Ebenfalls brillant über die offene Gesellschaft und ihre Feinde: ‚Die 27. Stadt’, das erste Werk von Jonathan Franzen, erzählt aus der Perspektive derer, die vergeblich warnen – und die dafür von all den Dr. phil. und ‚Weltverbesserern’ ausgegrenzt, diffamiert, entmenschlicht werden. Ein Kriminalroman im buchstäblichen Sinn: Erzählerisch wie ein Roman, spannend wie ein Krimi. Bedingungslose Liberalität als schärfster Feind der Freiheit.

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Journalisten werden drangsaliert und eingesperrt, Staatsanwälte und Richter ihrer Ämter enthoben, politische Gegner vom Staatspräsidenten offen mit Tod und Verfolgung bedroht. Was man bisher vor allem aus dem Dritten Reich kannte, passiert momentan in der Türkei – und zwar ausdrücklich im Namen der von Staatspräsident Erdogan ausgerufenen Re-Islamisierung. Reaktionen der deutschen Muslim-Verbände, der vielen hier lebenden Türken? Als es um Israel ging, waren doch auch Tausende auf der Straße. Und nun? Das Demonstrationsrecht nehmen viele Muslime nur wahr, wenn es um die erhoffte Ausrottung der Juden geht: “Hamas, Hamas, Juden ins Gas!” Eine trostlose, bösartige, toxische Kultur, eben auch aus staatsbürgerlicher Sicht. Hoffnungslos.

Manche Deutsche sind allerdings nicht besser. Ein Chefredakteur erzählt von seinen Ferienplänen in irgendeinem Luxusresort an der kleinasiatischen Küste; dort seien auch regelmäßig Abgeordnete des Bundestages, dazu andere Chefredakteure und Ressortleiter deutscher Medien. Ein Land geht demokratisch vor die Hunde, Kollegen werden verfolgt, aber für die angeblichen Wächter des freiheitlichen Rechtsstaates spielt das alles keine Rolle. So lagert man das Gewissen in die Kommentarspalten aus.

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Zum Flüchtlingsstrom: Man stelle sich vor, in der Tschechei stünden 50 Millionen Menschen, die nach Deutschland wollten. Täglich würden einige 10.000 Migranten einwandern, alle Aufnahmelager wären längst überfüllt, Städte und Gemeinden überfordert. Trotzdem hielte der illegale Zustrom über die grüne Grenze unvermindert an. Jede diplomatische Lösung wäre gescheitert, die tschechische Regierung zu keinem Eingreifen bereit. Was würde passieren?

Es würde passieren, was ein Staat machen muss, wenn seine Grenzen massiv verletzt werden, die innere Sicherheit bedroht ist und die Diplomatie versagt. Er müsste sich militärisch wehren – und zwar eben auch dann, wenn keine militärische, sondern eine gleichsam zivile, waffenlose Besatzung erfolgt.

Das wäre auch für Afrika eine Option. Statt immer neue Milliarden in Grenzanlagen, Überwachung und Entwicklungshilfe zu stecken, statt immer mehr entwurzelte, unausgebildete Afrikaner aufzunehmen, die am hiesigen Arbeitsmarkt fast keine Chance haben, sollte man die Ursache des afrikanischen Exodus’ bekämpfen: Die korrupten, unfähigen und bösartigen Regime, die die Leute in die Flucht treiben. Denn nur aus Wanderlust nehmen die Menschen den Exodus durch Wüste und Mittelmeer nicht auf sich.

Rund $ 700 Milliarden sind seit Ende des 2. Weltkrieges nach Afrika geflossen, dennoch ist die Lage heute in vielen Ländern schlimmer als vor 60 Jahren. Die Entwicklungshilfe als gescheitert zu betrachten, ist ein Euphemismus. Tatsächlich hat sie nach Ansicht nicht weniger Experten zur Bildung und Absicherung vieler afrikanischer Diktaturen wesentlich beigetragen. Seltsamerweise nimmt jedoch niemand die Machthaber in die Verantwortung. Dabei hat Ronald Reagan die Blaupause geliefert: Als er Tripolis bombardieren ließ, stellte Gaddafi seine terroristischen Aktivitäten augenblicklich ein.