Neuköllner Nachspiel und andere Heldentaten

Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegels, stört sich am Ausdruck „Pack“, mit dem ich in meiner letzten Kolumne ein paar türkischer Vollstarke belegte. Nicht immer ist Maroldt so feinsinnig: Im letzten Jahr unterstellte er – hier erwähnt – dem ehemaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich Anti-Semitismus, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, nur weil der gefordert hatte, konservative Positionen in der CDU nicht zu vernachlässigen. Während Maroldt nichts dabei findet, grundlos eine konkrete Person mit den denkbar übelsten Verleumdungen zu belegen, nimmt er mit einigen anderen Anstoß an der kursorischen Bezeichnung eines konkret kriminellen, beleidigenden, nötigenden Pärchens. Bemerkenswert – wie auch der Umstand, dass niemand der nun so Erregten seine damaligen Ausfälle kritisierte.

Doch ist die Kritik Maroldts ein Indikator für die herrschende semantische Verlogenheit. Derartige Einwände kommen verlässlich von Personen, die gegenüber islamkritischen Demonstranten oder Abtreibungsgegnern jede Diffamierung nutzen und Charlotte Roche wie andere Prediger der Derbheit schätzen, aber kaffeekränzchenpikiert aufschrecken, wenn der Ausdruck sich gegen ihre Lieblinge richtet. Doch wie sollte man Leute nennen, die anlasslos mitten auf der Straße pöbeln, drohen, spucken, gegen ein Auto treten? Vielleicht weiß der Chefredakteur des Tagesspiegels einen besseren Ausdruck, gleichsam kraftvoll lutherisch, dem Volke aufs Maul geschaut, aber dennoch Kaffeekranz- und Tagesspiegel-kompatibel. Ich warte auf Vorschläge. Das von Linken so gern und pauschal verwendete ‚Faschisten’ fände hier mit Blick auf die SA-Manieren der türkischen Fahrer durchaus meine Zustimmung. Wäre das konsensfähig, Herr Maroldt?

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Zur Begegnung in Neukölln noch ein Nachtrag, da einige Leser das rüde Eingreifen des Unbekannten als tätige Hilfe deuteten. Das war es mitnichten. Vielmehr handelte es sich vermutlich um eine Gebietsabgrenzung zwischen kriminellen Clans, die Verteidigung eines abgesteckten Territoriums. An meinem Dank zeigte der Helfer kein Interesse, er ging sofort seines Weges.

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Deutscher Service. Der Großkonzern E.on fragt an, ob man in den Stromvertrag des Vormieters einsteigen möchte. Man antwortet umgehend an die Email-Servicestelle, lehnt das Angebot ab, eine Woche später wird man als neuer Kunde begrüßt. Wieder schreibt man, macht auf den Irrtum aufmerksam. Keine Reaktion, dafür vier Wochen später die erste Rechnung über Anschluss- und Grundgebühr. Erneutes Schreiben, diesmal auch postalisch, erneut ohne Antwort, dafür drei Wochen später eine Mahnung. Man gibt es auf, die zweite Mahnung kommt, und nie wird auch nur irgendwo auf den Schriftverkehr eingegangen. Verantwortlich im Vorstand ist für Kundenservice ein Dr. Wolfgang Noetel. Der muss einen ruhigen Job haben.  

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Ein kritisch-freundlicher Leser macht den Vorschlag, zwischen „traditionalistischem“ und (modernem) Islam zu unterscheiden. Kritisiere man den Islam ohne diese Differenzierung, würden auch die aufgeklärten, liberalen Muslime sich fast notwendig mit ihren reaktionären Glaubensbrüdern solidarisieren. Außerdem müsse man dem Islam das Potential zugestehen, sich zu reformieren.

Mir ist allerdings nicht recht klar, welchen Nutzen diese Differenzierung haben soll. Schon jetzt wird in den Medien zwischen Islam und Islamismus unterschieden und damit suggeriert, dass nur der Islamismus Probleme bereite. Das ist, so lange die Scharia aus Sicht aller Koranschulen zum Kern des Islam gehört, schlicht dummes Zeug. Auch wer zwischen ‚traditionalistischem’ und ‚modernem’ Islam unterscheiden möchte, müsste die Grenze in jedem Fall bei der Verfassungsmäßigkeit ziehen. Scharia und die mit ihr einhergehende zivilrechtliche wie gesellschaftliche Schlechterstellung der Frauen müssten vollständig aufgegeben, die volle religiöse Toleranz und Apostasie akzeptiert, der Pflicht zur kriegerischen Missionierung abgeschworen werden. All dies findet sich schon längst bei den Aleviten, doch werden sie genau deshalb von fast allen anderen Muslimen nicht als Muslime anerkannt. Abgesehen von den Aleviten gibt es momentan nur ‚traditionalistische’ Muslime – oder eben ‚Kulturmuslime’, also Atheisten, die wie ‚Kulturchristen’ zwar noch einige religiöse Bräuche pflegen, aber eigentlich keinen Bezug zum Glauben mehr haben. Wenn man die als ‚moderne’ Muslime bezeichnen will, kann man das machen; aber ein ‚reformierter’ oder ‚moderner’ Islam ist das nicht, sondern eben ‚kein Islam’. Auch viele, die sich noch als Christen bezeichnen, sind keine ‚modernen’ Christen, sondern Kirche wie Glaubensinhalten längst völlig entfremdet.  

Dass der Islam sich reformieren könne und müsse, wird zudem seit vielen Jahren behauptet und gefordert, nicht nur von Bassam Tibi. Auch das jüngst gegründete ‚Muslimische Forum Deutschland’ verfolgt dieses Ziel. Doch wie aussichtsreich sind solche Ansätze? Der türkische Islamwissenschaftler Ednan Aslan wies kürzlich in der ZEIT darauf hin, dass Gewalt und ‚traditionalistischer’ Islam überall auf der Welt und sogar in Europa gelehrt und gepredigt werde. Und fast überall dort, wo der Islam herrscht, gibt es engste Verknüpfungen zwischen Religionsschulen und Regierenden. Welches Interesse sollten die haben, plötzlich einen neuen, modernen Islam zu propagieren und damit ihre eigene Autorität zu untergraben? Auch haben Imame und Religionsschulen nun lange genug Zeit gehabt, diese Reformen anzugehen, ist doch der Terror im Namen Allahs nicht erst gestern in die Welt gekommen. Sieht man dafür irgendeinen Ansatz? So gut wie nirgends, zumal selbst die Abgrenzung zur terroristischen ISIS nicht bei allen Imamen Zustimmung findet. Das lässt dann doch zweifeln, ob eine Religion ohne allgemein akzeptiertes Oberhaupt überhaupt das Potential zur Reform hat. 

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Lieblingssatz der Woche: Merkels Bemerkung, die Rettung der Schiffbrüchigen im Mittelmeer „dürfe am Geld nicht scheitern“. Wenn man sieht, was alles von Wichtigkeit in diesem Land am Geld scheitert und wie wenig Mittel beispielsweise für Brillen, Hörgeräte oder die angemessene Pflege älterer Menschen vorhanden sind, wirkt die Großzügigkeit Merkels gegenüber illegalen Eindringlingen erstaunlich.

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Noch zur Gründung des ‚Muslimischen Forums Deutschland’: Diese ‘Toleranzinitiative’ wird in der ZEIT mit zwei Frauen illustriert, die sich wegdrehen, um ihr Gesicht nicht zu zeigen. Man will zwar, so die Überschrift, “mitwirken”, traut sich aber nicht, dies öffentlich zu tun. Deutlich wird, was das Eintreten für Toleranz und einen reformierten Islam bedeutet: Konkrete Lebensgefahr, und zwar auch in Deutschland. Viele haben diese Erfahrung längst gemacht, nicht nur Ayaan Hirsi Ali. Wie viele Deutsche würden wohl für eine Sache eintreten, die für sie und ihre Familien mit akuter Bedrohung einhergeht? Auch das lässt die Chancen der Reformierbarkeit eher gering erscheinen.

ZEITMuslimisches Forum

 

 

 

 

 

 

 

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Im berühmten Fragebogen des FAZ-Magazins antwortete der Künstler Horst Janssen auf die Frage, welche geschichtliche Gestalt er am meisten verachte: „Den unbekannten Soldaten“. Das war mehr als nur eine Sottise gegen den pazifistischen, sozialdemokratisierten Zeitgeist, der Helden nicht kennt oder nur dann akzeptiert, wenn sie dem einfachen Fußvolk zurechnen –  nie aber, anders als frühere Zeiten, wenn sie Heer oder Marine befehligen. Nelson, Prinz Eugen, Friedrich der Große – keinem wäre nach dem heute herrschenden Verständnis ein Denkmal errichtet worden. 

Heute will man sich der Opfer erinnern, nicht der Helden. So haben neben den Juden nun auch die Zigeuner ihr Mahnmal, und ebenso die Homosexuellen und die Ermordeten der nationalsozialistischen ‚Euthanasie’-Programme. Alles richtig, alles berechtigt – aber was sagen solche Denkmäler mehr als das selbstverständlichste „Nie wieder“? Während frühere Heldenstatuen gerade durch den Bewertungswandel – beispielsweise im Falle Napoleons – die Frage nach den Maßstäben von Ruhm und Gedenken stellen, nach dem Zufall von Sieg oder Niederlage, sind die zeitgenössischen Opferdenkmäler bestenfalls Totensonntage in Stein: Man gedenkt der Verblichenen und freut sich, wenn es vorbei ist.

Der herrschende Vorbehalt gegenüber Helden hat viele Gründe, zahllose Bücher sind dieser Frage schon gewidmet worden. Vor allem steht der Held gegen jede Egalität. Mit seiner einsamen Entscheidung beweist er, dass eben nicht alle gleich sind, dass manche herausragen. Das mag der Zeitgeist nicht akzeptieren, und nicht ohne Grund werden heute kaum Einzelne, sondern immer häufiger Organisationen ausgezeichnet: Ärzte ohne Grenzen, die EU, Kinderhilfswerke. Auch Denkmäler gibt es nur für Abstraktheiten oder Gruppen: Den Toten, den Soldaten, der Einheit. Das Individuum hat keine Fürsprecher.  

Ein Freund greift den Scherz von Janssen auf und skizziert die Diskussion, wären hier Feuerwehrleute bei einem Anschlag wie 9/11 ums Leben gekommen. Nach anfänglicher Begeisterung hätte man festgestellt, dass weder Frauen noch sonstige Minderheiten zu den Verstorbenen zählten. Ferner wäre bekannt geworden, dass einer der Heroen mit Alimenten in Verzug war, der nächste seinen Hund nicht artgerecht gehalten, der dritte das politisch nicht mehr korrekte Wort ‚Eskimo’ benutzt, wieder einer in seiner Jugend die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen hat. Nach langen Überlegungen sei man zu der Überzeugung gekommen, dass die Feuerwehrleute eben doch keine Helden, sondern nur Sterbliche waren und dass eine Heraushebung ihren sonstigen Fehlern und Vergehen nicht gerecht würde. Ein Relief wie heute am Ground Zero hätte es hier nicht gegeben.