Doofenpresse, Narrenkirche

Rätsel journalistischer Themenfindung: Letzte Woche berichteten viele Medien, darunter FAZ, taz und BILD.de, über die Weigerung muslimischer Schüler in Frankreich, der Ermordeten von Charlie Hebdo zu gedenken. An vielen Schulen sei die Schweigeminute boykottiert, mit Allahu-Akbar-Rufen oder Pfiffen gestört und solche Schüler offen bedroht worden, die „Je suis Charlie“-Schilder trugen. Auch die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien, wonach hinter dem Anschlag in Paris wieder einmal CIA, Mossad und das ‚Weltjudentum’ stünden, hätten eifrige Anhänger gefunden. Französische Lehrer sprachen von einer „Spaltung der Gesellschaft“, einem „Clash of civilisations“. Nichts hätte aus meiner Sicht näher gelegen, als an hiesigen Schulen mit hohem Anteil muslimischer Schüler nachzufragen, wie dort die Reaktionen auf den Anschlag waren. Doch bis heute habe ich nichts dazu gefunden. Erstaunlich.

* * *

Ein Freund berichtet von einem Bekannten, der zur Zeit der 9/11-Anschläge für SkyChefs arbeitete, die Catering-Tochter der Lufthansa. Nach den Anschlägen sei die Arbeit in der Brüsseler Niederlassung mehrere Stunden zum Erliegen gekommen, weil die muslimischen Arbeiter auf den Tischen getanzt hätten.

* * *

„Die Feindlichkeit gegenüber dem Islam erachten wir als gefährlich“, lässt der Münsteraner Bischof Felix Glenn verlauten und entzieht gleichzeitig seinem Pfarrer Paul Spätling die Befugnis zur Predigt. Spätling hatte auf einer Pegida-Demonstration das Wulff-Merkel-Wort kritisiert und auf die jahrhundertelange Verteidigung gegen die islamische Eroberung verwiesen. Dieses Geschichtsbild, so das Bistum, sei „völlig verzerrt“.

Eine durchaus gewagte Behauptung. Offensichtlich kennt niemand in Münster den Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos, der die Kreuzzüge auslöste. Auch die Geschichte der Reconquista ist vergessen, und ebenso Poitiers, Wien, Lepanto. Über Generationen hat die Verteidigung gegen den Islam das Denken Roms und Byzanz’ bestimmt – nun soll dies plötzlich gefährlich sein. Während in fast allen islamischen Ländern Christen massiv verfolgt werden, ist laut Glenn für ein „Gegeneinander von Religionen in der katholischen Kirche kein Platz“. Klarer kann man die Kapitulation vor dem Zeitgeist nicht formulieren. Der Katholizismus als Basar, in dem alles kunterbunt seinen Platz hat, also Islam, Orthodoxie, Judentum, Hinduismus. Warum dann nicht gleich Kühe anbeten? Selbst die Bischöfe sind heute geschichtsvergessene Narren, die offensichtlich auch von ihrem Glauben keinen Begriff mehr haben. Dass der Kölner Dom wegen einer Pegida-Demonstration die Beleuchtung ausschaltete, wirkt wie ein Gleichnis: Auch in der Kirche sind längst die Lichter ausgegangen, vor allem im Kopf.

Noch dazu: Es ist nicht viele Jahre her, dass katholische Pfarrer offen Partei für die lateinamerikanische Befreiungstheologie und nicht selten auch für brutale kommunistische Bewegungen ergriffen. Wurde von denen mal einer so wie Pfarrer Spätling öffentlich in den Senkel gestellt?

* * *

Einer der brüderlichen Attentäter von Paris soll kurz vor seinem Tod gesagt haben, ihn erwarteten im Paradies 70 Jungfrauen und ein großes Haus. Das habe ihm sein Iman gesagt. Das Paradies als Bausparvertrag mit Flatrate-Sex. Und dafür sterben 12 Menschen.

* * *

Es klingelt. Die Mutter öffnet die Tür, an ihr vorbei drängen Leute ins Haus, die man dort nicht haben möchte: Nazis, Pädophile, Mörder. Der Fernsehspot warnt vor den Gefahren des Internets für Kinder. Ebenso könnte er für die wahllose Flüchtlings-, Asyl- und Einwanderungspolitik stehen. Deutsche Willkommenskultur.

Die deutsche Willkommenskultur ist das Grundgesetz. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Niemand ist verpflichtet zum Heldenplatzjubel, wenn Fremde vor der Tür stehen. Was manche Willkommenskultur nennen, ist oftmals die Aufgabe der eigenen Werte und damit die Absage an dieses Land. Offenbaren tut sich dies auch im „Deutschland verrecke!“, auf den Demonstrationen gegen Pegida immer wieder zu hören. Willkommenskultur als deutscher Selbsthaß.

* * *

Aufregung um den FC Bayern und sein Gastspiel in Saudi-Arabien. Auch in der SZ scharfe Vorwürfe. Dass gerade durch München sehr viele Frauen in Burka streifen und Geld bei Ärzten, Hoteliers und Juwelieren lassen, scheint ihr bisher entgangen zu sein. Allerdings hat die SZ recht. Doch sollte sie konsequenterweise Einreiseverbote für Mitglieder und Angehörige von Regimen wie Saudi-Arabien, Katar oder Iran fordern.

* * *

Geht es um die Aufnahme weiterer Flüchtlinge, wird oft auf das christlich-humanistische Erbe Europas verwiesen – meistens von Parteien, die seit Jahrzehnten das humanistische Gymnasium bekämpfen und jede Äußerung des Papstes scharf kritisieren.

* * *

„Lügenpresse“ ist das falsche Wort. Denn die tendenziöse Berichterstattung beruht meist nicht auf Vorsatz, sondern auf dem Furor zur Weltverbesserung, für den die Deutschen bekannt sind – und auf grotesker Unkenntnis. „Doofenpresse“ trifft es eher. In Redaktionsrunden fast einhellig die Meinung, erste und wichtigste Aufgabe des Staates sei soziale Gerechtigkeit. Nicht äußere und innere Sicherheit, nicht ein unabhängiges Rechtssystem, nicht institutionelle Verlässlichkeit. Und diese Leute hatten studiert.

Wie sehr die Grundlagen fehlen, zeigt sich auch beim Ankauf von Staatsanleihen, den die Europäische Zentralbank (EZB) heute wohl beschließen wird. Keiner ruft „Auf die Barrikaden“, keiner zur Demo in Frankfurt, eine Opposition ist im Bundestag nicht erkennbar. Während Kommentatoren geradezu zwanghaft um das Thema Pegida kreisen, scheint der offene Rechtsbruch durch Herrn Draghi kein Grund zur Empörung. Und wie selbstverständlich wird akzeptiert, dass der europäische Generalstaatsanwalt in seiner Stellungnahme zum Anleihenkauf einräumt, nichts von der Materie zu verstehen. Man hat mithin ein Gutachten, das vom Verfasser selbst als irrelevant aufgrund mangelnder Sachkenntnis verworfen wird. Könnte man sich diesen Wahnwitz ausdenken? Die dumme Kostümierung eines Herrn Bachmann ist für die Presse wichtiger als ein Rechtsbruch, der die Rechtskultur Europas, die Altersvorsorge von Millionen und das Vertrauen in den Parlamentarismus beschädigt. Doofenpresse.

Jodie Foster oder die Erbsünde des Politischen

Nach den Schlägereien zwischen Salafisten und Yesiden in Celle meint ein muslimischer Einwohner, „es könne nicht sein, dass diese Auseinandersetzungen nun in Deutschland ausgetragen würden“. Doch, kann es. Der Clash of Civilisations ist kein Regionalkonflikt, sondern, das zeigen die Anschläge in London, Madrid, New York, Bali oder Mumbai, im buchstäblichen Sinn ein Weltkrieg.

 * * *

Louvre, vor dem berühmten Gemälde von Antoine-Jean Gros, das Napoleon bei den Pestkranken von Jaffa zeigt, festgehalten als heroischer Akt der Barmherzigkeit. Ein PR-Bild. Anschließend soll Bonaparte befohlen haben, die Kranken zu vergiften.

 * * *

Gedankenspiel: Wie würde unsere Justiz heute den Fall Hitler behandeln? Dass Hitler ein Intensivtäter war, lässt sich kaum bestreiten, auch nicht die Schwere der Schuld. Da aber jeder Verurteilte Anspruch auf eine zweite Chance hat, müsste auch Hitler nach rund 25 Jahre auf Bewährung freigelassen werden. Geht man, ohne die Opfer des Krieges und der dort durchgeführten Mordaktionen, von 6 Millionen getöteten Juden, Zigeunern, Homosexuellen, Behinderten und Oppositionellen aus, kommt man auf etwas über 2 Minuten Haft pro Mord. Das mag absurd erscheinen. Tatsächlich läuft es nach bundesrepublikanischen Resozialisierungsmaßstäben in Fällen wie denen der serbischen Schlächter Karadzic oder Milosevic auf ähnlich unverhältnismäßige Strafen hinaus.

 * * *

„Kinder, lasst uns über Hochzeiten reden und über schöne Blumen.“ Unmissverständlicher Hinweis einer älteren Norddeutschen, das politische Lamento zu beenden.

 * * *

Interessant auch die Frage, wie es mit Hitler nach der Verbüßung von 25 Jahren, also Mitte 1970, weitergegangen wäre. Wie schon in der Landsberger Festungshaft hätte der nun über 80-jährige, seit jeher abstinent, vegan, Nichtraucher und bei bester Gesundheit, einige Bestseller geschrieben; der Versuch der bayrischen Staatsregierung, ein Publikationsverbot zu erwirken, wird vom Verfassungsgericht unter Hinweis auf Berufs- und Meinungsfreiheit kassiert. Anhänger gründen eine neue Partei des nationalen Sozialismus, natürlich fest auf dem Boden der Verfassung, die in Zeiten von Studentenunruhen und Terrorismus großen Zulauf erhält. Auch der linke Antisemitismus findet hier eine Heimstatt, ebenso das ökologische Ideal der nachhaltigen Schollenpflege und generell der deutsche Hang zum Kollektivismus, sei er völkisch, international oder europäisch. Ein neuer, brauner „Marsch durch die Institutionen“ beginnt. Die Irritationen der Amerikaner beseitigt der ‚Führer’ mit seiner anti-kommunistischen Haltung und dem Hinweis, die Freiheit des Westens werde am Mekong verteidigt; die der Russen mit dem einstigen guten Einvernehmen in der polnischen Frage.

Gespenstisch? Sicher. Unwahrscheinlich? Kaum. Der Haltungswandel gegenüber dem syrischen Diktator Assad zeigt, was möglich ist. Und der Gerichtshof in Den Haag ist weniger ein Beweis für die Macht als für die Ohnmacht des Rechtsstaat gegenüber Diktatoren. Bei politischen Verbrechern, ob Hitler, Ceausescu oder Honecker, sind Todesstrafe oder standrechtliche Erschießung die einzig sinnvollen Optionen.

 * * *

“23 Jahre – und nichts für die Unsterblichkeit getan.”

Don Carlos, Schiller

 * * *

Noch einmal „The Accused“ gesehen, den großartigen Film mit der großartigen Jodie Foster. Es geht um eine Vergewaltigung, bei der die Zuschauer grölen, anfeuern, skandieren. Dass diese wegen Anstiftung oder Beihilfe zu verurteilen wären, ist nach deutschem Recht gesetzt. Schwieriger ist die Frage, ob auch derjenige, der angeekelt weggeht, schuldig ist. Strafrechtlich wohl nicht; moralisch sicher. Auch Passivität kann schuldig machen.

Das hat vor allem politische Bedeutung. Die allermeisten Deutschen, so kürzlich Henryk Broder, hätten Hitler nicht gewählt, keine Juden totgeschlagen, keine Behinderten umgebracht, keine Oppositionellen gefoltert. Trotzdem seien sie schuldig. Weil sie den Nazis nicht in den Arm fielen, weil sie die braunen Horden gewähren ließen.

Insofern verfehlt der oft zu hörende Einwand, die Mehrheit der Muslime führe ein friedliches, unschuldiges Leben, den Kern des Problems. Denn es gibt es keine unschuldigen Mehrheiten, so lange es kriminelle und bösartige Minderheiten gibt. Das ist die Erbsünde des Politischen: Schuldig zu werden ohne eigenes Handeln. In diesem Sinne Edmund Burke: „Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen,
als dass gute Menschen gar nichts tun.“

Anflug von Depression: Warum wird an Schulen eigentlich Primo Levi, Anne Frank oder Judith Kerr gelesen, wenn solch selbstverständliche Schlüsse nicht gezogen werden? Selbst von klugen Leuten häufig der Hinweis auf die ‚unschuldige Mehrheit’. Für manche scheint Lesen auch im höheren Alter in erster Linie Buchstabieren.

 * * *

„Ich liebe es, das Ego eines anderen zu zerbrechen“. Bobby Fischer, ehemaliger Schach-Weltmeister

 * * *

Der Germanist und Romanist Siegfried Kohlhammer, einer der klügsten deutschen Köpfe und glänzender Essayist, ist Lesern der Monatszeitschrift Merkur wohlbekannt. Ein anderer kluger Kopf weist mich darauf hin, dass seine Aufsätze zum Islam auch zusammengefasst erhältlich sind in dem kleinen Buch „Islam und Toleranz“. Intelligent, nüchtern, kenntnisreich. Man sollte mit dem titelgebenden Kapitel beginnen, dann die folgenden lesen, dann die ersten vier. Ein Vergnügen auch wegen der vielen Hinweise auf andere Werke, die schon häufiger großen Gewinn brachten!

Was tun mit der EU? Bekämpfen, zerschlagen!