Symbolisch: Tattoos und Mainz

Welch unterschiedliche Reaktionen Gewaltsymbole wie Galgen oder Guillotine hervorrufen, war nicht nur auf dem Blog von Tichy zu lesen. Bei Demonstrationen gegen TTIP sind Tötungsautomaten Ausdruck zivilgesellschaftlicher Besorgtheit, bei Pegida Zeichen für angebliche Radikalisierung und Menschenverachtung. Ach je. Erinnert sich wirklich niemand mehr an die Demonstration gegen die Nachrüstung 1983 in Bonn? Da gehörten Galgen und Guillotine zur folkloristischen Grundausstattung aller Linken, und überall wurden Puppen von Uncle Sam verbrannt. Ebenso amüsant wirkt der Hinweis vor allem grüner Politiker auf die angebliche Gewaltbereitschaft der Dresdner Demonstranten. Denkt keiner mehr an Brokdorf, Wackersdorf oder Startbahn West zurück, die doch lange zu den Gründungsmythen der GRÜNEN zählten? Das Ende der Zivilgesellschaft ist das eine so wenig, wie es das andere war.

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Zeitungslese 1, Sonntagabend: Noch weiß man nichts über Motivlage oder Verbindungen des Täters von Köln, und Köln ist weit von Dresden. Doch für Peter Huth, Chefredakteur der B.Z. und in stellvertretender Position bei BILD, stehen schon einen Tag nach dem Messerangriff die Verantwortlichen fest. Es sind die Anhänger von Pegida, in seinen Augen „Straftäter und ihre Mitläufer“. Das ist dann schon ein weiter und völlig neuer Täterbegriff: Nicht bloß Sippen-, sondern Städtehaft. Und selbstverständlich will Huth das Demonstrationsrecht gleich mitabschaffen. Denn hier würden „aus Worten Taten“. Als muslimische Attentäter unter Alahu-Akbar-Rufen die Redaktion von Charlie Hebdo und Kunden eines jüdischen Supermarktes massakrierten, klangt das noch anders. Da hatte all dies nichts mit dem Koran zu tun.

Zeitungslese 2: In der ZEIT plädiert der bosnische Filmemacher und Künstler Adnan Softic (40) unter der Überschrift „Mehr Balkan wagen“ für kulturelle Diversität. Die jetzt einwandernden Migranten „werden unser nationales Geschichtsbild zerstören. Dafür müssen wir ihnen dankbar sein.“ Ganz abgesehen davon, dass der Balkan kaum als Beispiel für multikulturelle Stabilität und Friedlichkeit gelten kann, findet sich die interessanteste Information am Ende des Artikels: Softic ist, wer kann es ihm verdenken, 1992 im Alter von 17 Jahren nach Deutschland gekommen, also kurz nach Beginn des Jugoslawienkrieges. Seitdem lebt er in Hamburg. ‚Mehr Balkan wagen’ ist mithin kaum die Maxime seines eigenen Lebens. Aber so jemand gilt der ZEIT als Experte in Sachen Vielvölkerstaat und Multikulti.

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Der Politiker XY, so ein Moderator im Radio, fürchte ‚schlechte Presse’. Unwillkürlich der Gedanke: Gibt es noch eine andere?

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Im Café. Neben mir durch und durch bürgerliche Kunden, die überwiegend die Pensionsgrenze erreicht haben. In der euphemistischen Sprache des Marketings: Best Ager, Silversurfer, hier aber eher der blasse, geduckte Typus. Einer schiebt die Ärmel seines Hemdes hoch, sichtbar wird ein kleines Tattoo aus Buchstaben.

Nun darf jeder mit seinem Körper machen, was er will. Doch sind Tattoos wohl mehr als nur Ausdruck eines ästhetisch nicht immer überzeugenden Willens zur Selbstgestaltung. Vielmehr zeigt sich in ihnen jene Mischung aus privatisiertem Individualismus und öffentlicher Konformität, die dieses Land prägt: Mut gibt es nur im ganz Privaten. Dort ist man ein bißchen Paradiesvogel, öffentlich jedoch graue Maus. Selbst der bravste Finanzbeamte möchte heute hipp sein, ein Tattoo haben, aber die offene Abweichung scheut er dann doch. So greift er zur Differenz in homöopathischer Dosierung: Zu Buchstaben, Jahreszahlen, Namen der Liebsten oder zu irgendwelchen banalen, verstörungsfreien Motiven wie Delphinen, Schmetterlingen, Tribals – und zwar dort, wo nur Angehörige, Sportfreunde und Totenwäscher sie sehen. So gaukelt man sich vor, nicht angepasst zu sein – während man dort, wo Mut wichtig wäre, also vor allem in der öffentlichen Debatte, dem glattesten Konformismus frönt. Ein Volk der öffentlichen Linientreue, privat aber total unique. Wer’s glaubt.

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Heute mein Hauptstück an anderer Stelle, nämlich im Newsletter des Deutschen Arbeitgeberverbandes. Wer sich über das herrschende Staatsverständnis informieren will, muss manchmal nach Mainz schauen, einer nicht nur im Karneval närrischen Stadt.

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Akif Pirincci. Persönlich keine angenehme Gestalt, literarisch meist mit Lust in der Gosse. Nun also seine hasserfüllte, primitive Rede in Dresden. Hatte irgendjemand anderes erwartet? Rätselhaft allerdings einige Kommentare, wonach Pegida nun ihr wahres Gesicht gezeigt habe. Doch berichten die gleichen Zeitungen, dass viele der Demonstranten gepfiffen, „aufhören“ gerufen oder kurz nach Beginn der Rede den Heimweg angetreten hätten. Offensichtlich ist Pirincci gerade nicht das ‚wahre Gesicht’ Pegidas. Aber selbst derart schlichte Schlüsse scheinen viele zu überfordern.