Surensöhne und die Konstanz des Irrationalen

Schlimmer Verdacht: Margot Käßmann schreibt auch in der SZ, dort allerdings unter dem Pseudonym Carolin Emcke.

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Der homosexuelle Publizist David Berger macht auf eine Konsequenz des GenderMainstreaming aufmerksam. Wenn Geschlecht nur ein gesellschaftliches oder vom eigenen Willen abhängiges Konstrukt darstelle, sei auch Homo- oder Transsexualität ein Konstrukt. Die Befürworter des GenderMainstraming, also vor allem Anhänger von GRÜNEN, SPD und LINKE, würden somit genau jenen argumentativ in die Hände spielen, die Homo- oder Transsexualität für dekonstruier- und ‚heilbar’ hielten.

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Zum Tribunal gegen Tony Blair durch Personen, die Politik als nachträgliche Besserwisserei aus den Lehnstühlen englischer Clubs begreifen, ein Leserbrief an den Londoner Telegraph:

“Sir, why don’t we hold a ceremonial burning of Tony Blair in Parliament Square with a firework display to follow? The lynch mob will be there in numbers to scream abuse and a good time can be had by all.

An additional benefit would be the marking of the end of those outdated British principles of moderation, decency and fair play. 

The referendum aftermath has revealed how uncivilised we can be in our hatred of others who don’t share our views, so why not make a festival of our new national ethos and consign justice and balance to the fire.“ 

Ken Torkington, Abergavenny, Monmouthshire

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Während deutsche Zeitungen ihre ausgewogene Berichterstattung über Boris Johnson und den „Brexsack“ Farage (BILD) fortsetzen, bricht die EU einmal mehr die eigenen Verträge. Frankreich wird trotz offener Verletzung der Maastricht-Kriterien nicht mit Sanktionen belegt, Spanien und Portugal ebenfalls nicht. Und Italien, das trotz vieler Warnungen nichts gegen die nun drohende Krise seiner Banken tat, erhält von der EU das Versprechen nachsichtiger Prüfung, bevor überhaupt Umfang und Verantwortlichkeiten klar sind. Erneut versagt die EU-Kommission bei ihrer zentralen Aufgabe als ‚Hüterin der EU-Verträge’. Aber fordern deutsche Zeitungen den sofortigen Rücktritt von Juncker und seinen Mitstreitern? Machen sie Druck auf Herrn Schäuble oder die Kanzlerin? Lieber arbeitet man sich an Johnson und Farage ab. Doch die wirklichen Verräter des europäischen Gedankens sitzen in Brüssel.

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Nach dem neuen Integrationsgesetz können selbst rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber (also Leute, die sich ohne irgendeinen ‚Fluchtgrund’ rechtswidrig eingeschlichen haben) ihre Abschiebung dadurch verhindern, dass sie einen Arbeitsplatz vorweisen. Vermutlich werden EKD, ProAsyl und Amadeu-Antonio-Stiftung  bald mehr Mitarbeiter haben als Mercedes, Deutsche Bahn oder Volkswagen. Was ‚Integrationsgesetz’ heißt, ist in Wahrheit ein Rechtswidrigkeitsbelohnungsgesetz.

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„Im Osmanischen Reich geschah genau das Gegenteil: Islamische Rechtsgelehrte verwehrten der Druckerpresse den Einzug in die Gesellschaft aus Furcht, es könnte neben dem Koran ein zweites Buch entstehen. (…) 1485, also rund 30 Jahre nach Gutenbergs Erfindung und 30 Jahre vor der Reformation, verbot der osmanische Sultan Bajasid II. unter Androhung der Todesstrafe, Texte in arabischen Lettern maschinell zu vervielfältigen. (…) Wissen als öffentliches, grenzenlos verbreitbares Gut, Bildung als demokratisches, den Eliten entrissenes Instrument blieb dem islamischen Lebensraum vorenthalten. Das Verbot erstreckte sich über einen Zeitraum (rund 300 Jahre), in dem in Europa nicht nur Renaissance, Humanismus, und Reformation ihren Lauf nahmen, sondern die Menschen auch die Vorarbeiten zur Aufklärung und industriellen Revolution leisteten. Die von der Druckkultur ausgelöste Bildungsrevolution ging an der islamischen Welt komplett vorüber.“ (Aus: Klingholz / Lutz „Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit“)

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“In varietate concordia – In Vielfalt Eintracht”. Ursprünglicher Leitspruch der EU. Heute zielt die Politik der Kommission auf das genaue Gegenteil.

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Die bedeutende amerikanische Historikerin Barbara Tuchman hat 1984 in ihrem Buch ‚The march of folly’ die These entwickelt, dass der Mensch von Zeit zu Zeit dem Lemming ähnlich werde. Die Lust zur Selbstzerstörung gerate zum kollektiven Wahn, Verblendung übernehme die Herrschaft. Alle Vorsicht werde über Bord geworfen, Erfahrung wie Herkommen gering geachtet, Traditionen wie im Rausch geopfert, und immer gegen jedes eigene Interesse. Ob die Trojaner, als sie das Pferd in die Stadt holten, oder die offen gelebte Verachtung der Renaissance-Päpste für jede Moral, die der Kirchenspaltung voranging; ob die kleinliche Härte der Briten gegenüber ihren amerikanischen Kolonien oder die Kriegsführung der USA in Vietnam, die schließlich selbst Verbündete abstieß und der Idee der Freiheit viel Schaden zufügte – immer handelten die Machthaber wie mit Blindheit geschlagen gegen ihre eigenen Absichten; und immer standen die Feuerzeichen an der Wand. Doch erst im Rückblick, nach Sturz, Untergang, Spaltung und Tausenden Toten, war man klüger.

Ein Freund bemerkt dazu, hier eben zeige sich die törichte Perspektive einer Liberalen, geboren aus Optimismus und Mangel an Menschenkenntnis. Tatsächlich sei es genau umgekehrt. Der Wahnwitz herrsche immer, ganz unmittelbar sichtbar in der ungebrochenen Attraktivität von Horoskopen, Kartenlegerei oder Erleuchtungsliteratur. Aber auch viele andere Bereiche des Lebens würden längst von der Esoterik des Alltags bestimmt: Die Willkommenskultur gegenüber Wildfremden gehöre dazu ebenso wie eine Rentenerhöhung im klaren Bewußtsein ihrer Unfinanzierbarkeit. Eigentlich seien alle Felder der Sozialpolitik inzwischen Tummelplätze der Wirklichkeitsverweigerung: Man wisse zwar, dass all die Förderungen, Beihilfen und sozialtherapeutischen Maßnahmen so gut wie gar nichts brächten – mache aber trotzdem weiter. Gleiches gelte für den doktrinär herrschenden Glauben an die Resozialisierbarkeit von Straftätern oder für die Mär von den Millionen Hochbegabten der Unterschicht, die nur aufgrund vermeintlich fehlender Chancengleichheit an Aufstieg und Karriere gehindert würden. Auch der Glaube an die EU trotz überall sichtbaren Versagens gehöre dazu, und natürlich der an die Integrationsfähigkeit der Muslime. Im GenderMainstreaming sei die Kartenlegerei letztlich auch in die Wissenschaft eingedrungen. Überall Scharlatane, Wunderheiler, Spinner.

Skeptiker dagegen wüssten, dass es immer nur kurze Phasen der Klarheit gäbe, meistens nach großen Kriegen. Gerade die Irrationalität des Krieges sei der Vater jeder nüchtern-rationalen Weltsicht. Verliere sich dieser Schrecken, würden die Menschen erneut die Wirklichkeit aus den Augen verlieren, den Sinn für Maß und Prioritäten verlieren. Der Friede werde für selbstverständlich genommen, ebenso innere Sicherheit und die Existenz des Staatswesens. Dabei sei alles jederzeit zu verspielen. Spätestens nach zwei bis drei Generationen beginne wieder das große Schlachten.

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Wann wird die Politik wohl begreifen, dass Tweets ausschließlich der Selbstschädigung dienen? Intellektuell zahlen 160-Buchstaben-Texte nicht auf’s Image ein, politisch ernsthafte Erwägungen sind ausgeschlossen und Ironie wird selbst dann mißverstanden, wenn man hinter den Tweet einen Smiley setzt. Zudem: Glaubt wirklich jemand, junge Leute würden Politikern auf Twitter folgen? Uncooler könnte man gar nicht sein. So gilt: Mit Twittern kann man nichts gewinnen, aber viel verlieren. Siehe aktuell Frau von Storch. Hilfreich ist Twitter daher nur im Negativen: Wer twittert, ist definitiv unwählbar.

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Auf der Demonstration gegen den Al-Quds-Tag berichtet ein jüdischer Künstler, die muslimischen Bewohner Neuköllns hätten eine neue Freizeitbeschäftigung entdeckt: Man spucke oder pisse auf die goldenen ‚Stolpersteine’, die an ermordete Juden erinnern. Mehrere Freunde bestätigen diesen Befund und liefern auch gleich den richtigen Ausdruck: Surensöhne.

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Aus der Anklage gegen Frauen, die sich 1871 am Aufstand der Pariser Kommune beteiligten: „Da sehen wir, wohin diese gefährlichen Utopien über die Emanzipation der Frau führen… Hat man diesen elenden Geschöpfen nicht die unglaublichsten Wunschbilder vorgegaukelt: Frauen als Richter, Frauen als Anwälte? Man glaubt zu träumen!“ (gefunden in „72 Tage – die Pariser Kommune 1871“ von Thankmar von Münchhausen)