Schriftlichkeit und Terrorismus

Manchmal geht man achtlos an Schätzen vorbei, um wenig später über sie zu stolpern. So veröffentlichte der Religionsforscher Eckhard Nordhofen schon im April im Merkur einen faszinierenden Aufsatz, den ich erst jetzt bemerkte. Nach Nordhofen kommt es mit der Entstehung des jüdischen Glaubens zu einem Wechsel des Mediums der Gottesverehrung: Die Schrift („Am Anfang war das Wort“) tritt an die Stelle körperlicher Gottesbilder. Damit wird Gott abstrakt, die Religion notwendig monotheistisch – wenn Gott nicht mehr bildlich zu fassen ist, wenn er nur noch als Abstraktum existiert, ergeben mehrere Gottheiten, wie sie Griechen, Römer oder Ägypter verehrten, keinen Sinn. Der Wechsel zur Heiligen Schrift ist der Tod des Polytheismus. „Das Kultbild wird durch die Kultschrift ersetzt“.

Was zunächst wie eine theologische Spekulation wirkt, hat tatsächlich einen eminent aktuellen Bezug. Kann es sein, so Nordhofen, dass der Wechsel zur Schriftreligion wesentlich verantwortlich ist für religiös motivierte Gewalt? „Das Medium Schrift erzeugt eine besondere Anfälligkeit für Usurpation. Den Willen Gottes schwarz auf weiß ‚nach Hause getragen zu haben’ kann wie ein Besitztitel auf Wahrheit erlebt werden. (…) Es ist kein Zufall, dass die malignen Formen des gewalttätigen Monotheismus regelmäßig mit einem solchen Schriftverständnis einhergehen.“

Interessant auch ein weiterer Gedanke Nordhofens. Anders als vielfach behauptet, sei das Christentum keine Buchreligion, weil es sich mit der Inkarnation von der Schrift gelöst habe. „Und das Wort wurde Fleisch und hat unter uns gezeltet“ (Johannes I, 14). Ein einziges Mal nur schreibt Jesus, auch das ein Zeichen. Und er schreibt in den Sand, in ein Medium der Vergänglichkeit, mit Füßen getreten, und es wird nicht einmal gesagt, was er schreibt. Es hat keine Bedeutung. Die Anbetung der Schrift ist für Jesus nicht genug. „Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Heilig ist nicht mehr die Schrift, gottgefällig nicht mehr ein Leben nach Buchstaben. An die Stelle des kleinteiligen Regelkanons der Schrift treten Prinzipien: Gerechtigkeit und Nächstenliebe.

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Viel Widerspruch kam zu meinen Überlegungen, ob die Vertreibungen und Umsiedlungen (nicht nur der Deutschen) nach den Weltkriegen eventuell zur Pazifizierung Europas beigetragen haben. Vielleicht waren meine Gedanken etwas zu kurz und aphoristisch. Deshalb noch einmal: Dass die Vertreibung großes Unrecht war, steht außer Frage; auch war sie, da dieser Einwand kam, für die Vertreiber wirtschaftlich oft nachteilig, also insofern eher Verlust als Gewinn. Aber dem Erhalt des Friedens, und nur darum geht es hier, war die Monokulturalisierung vermutlich zuträglich. Wer auf’s Baskenland, nach Nord-Irland oder Katalonien schaut, muss zugeben, dass selbst großer Wohlstand und hohe regionale Autonomie nicht notwendig zur Befriedung führen.

Zudem nahmen die Grenzziehungen nach beiden Weltkriegen wenig Rücksicht auf Ethnien, Religionen und Völker, ganz abgesehen von der Westverschiebung Polens. Ist es wahrscheinlich, dass nach Besatzung und Krieg, nach Plünderungen, Vergewaltigungen und all dem Grauen plötzlich alles vergessen und vergeben wäre? Dass die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um Sprache und kulturelle Identitäten so wenig eine Rolle gespielt hätten wie die tiefen konfessionellen Gräben zwischen Katholiken und Protestanten? Und dass die Regierungen der völlig ruinierten Länder mit diesen inneren Spannungen, mit dem gegenseitigen Hass und Mißtrauen fertig geworden wären? Nein, das ist nicht wahrscheinlich, im Gegenteil. Gerade in wirtschaftlich niederliegenden Ländern werden Verteilungskämpfe um Arbeit, Investitionen und Aufbau besonders hart geführt. Konflikte ohne Ende wären die Folge gewesen, Diskriminierungen, Schikanen, Unterdrückung. Glaubt wirklich jemand, dass die Vertriebenen in ihrer Heimat ein besseres Leben gehabt hätten?

Zudem ist meine Haltung, ich bitte um Nachsicht, nur die Konsequenz aus meiner schon öfter geäußerten Skepsis gegenüber dem Multikulturalismus. Der ist, da er früher oder später immer in Forderungen nach Begünstigung und Autonomie endet, Gift für jede Nation – weshalb ich auch die Aufnahme von Ausländern dann problematisch finde, wenn diese sich nicht zu Deutschland, sondern weiterhin zu ihrer Heimat bekennen. Umgekehrt kann, wer den Multikulturalismus ablehnt, ihn nicht dann gutheißen, wenn es um deutsche Minderheiten in anderen Ländern geht.

Nebenbei: Eigentlich müssten die GRÜNEN mit ihrem begründungsfreien Gewese um Multikulti und Minoritäten die natürlichen Verbündeten der Vertriebenenverbände sein. Doch hindert sie vermutlich ihr Deutschenhass, sich zu diesen Minderheiten zu bekennen.

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Im Wall Street Journal ein Artikel über Flüchtlinge aus dem Senegal. Senegal ist eine der wenigen funktionierenden Demokratien in Afrika, die zudem wirtschaftlich prosperiert. Aber gegen die Warenwelt Europas oder Amerikas kommt selbst der Aufschwung nicht an. “People don’t go because they have nothing, they go because they want better and more”. So nehmen Tausende den Tod in der Sahara oder auf dem Mittelmeer in Kauf, während ihr eigenes Land seine Jugend verliert. (Dank an MM für den Hinweis)

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Wann immer in den Redaktionskonferenzen von BILD die Frage aufkam, ob sich nicht aus dem Wetter irgendeine Schlagzeile ergebe, wusste man: Heute wird’s schwierig, wir sind blank in Sachen ‚Aufmacher’. Doch auch dort machte Not erfinderisch. ‚Erd-Achse dramatisch verschoben’ lautet eine (wissenschaftlich angeblich gestützte und sehr gut verkaufende) Zeile, später folgten „Sahara-Sommer’ oder ‚Russische Kältepeitsche’.

Der Bikini zur Bedeckung inhaltlicher Blöße heißt bei der SZ ‚Kapitalismuskritik’. Wenn gar nichts mehr geht, geht das, heute von Alexander Hagelüken. Der Wahrheitsgehalt gegenüber den Wetterprognosen von BILD ist allerdings deutlich geringer. So behauptet Herr Hagelüken erneut, dass sich seit den 90er Jahren die Einkommen stark auseinanderentwickeln. Legt man den Gini-Koeffizienten zugrunde, ist das nachweislich falsch, und es stand auch schon ungezählte Male in allen Medien. Aber Kapitalismuskritik kennt nur die eigene Wahrheit.

Und die ist klar und simpel: Der Alltag der Mittelschicht ist prekärer geworden. Ein Blick abends in Münchner, Frankfurter, Berliner oder Kölner Restaurants und Kneipen, auf die Schlangen vor Konzertkassen oder Kinos sagt allerdings das Gegenteil, und so auch der jüngste Berichte des Bundeswirtschaftsministeriums. Der Mittelschicht ging es selten so gut, der Konsum steigt. Aber sollte das die SZ stören?

Dem Staat fehlen die Mittel. Nein, das Steueraufkommen wächst und wächst, auch wenn man standhaft das Gegenteil behauptet.

Von normalen Löhnen bleibt mehr, wenn auf Kapitaleinkünfte und große Erbschaften mehr als Dumpingsteuersätze zu zahlen sind. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? So viel wie Kältepeitsche mit Sahara-Sommer.

Richtig ist: Fast alle Länder haben zu hohe Schulden. Für Herrn Hagelüken ein Grund, vom Überschuldungskapitalismus zu sprechen. Doch ist die Überschuldung nicht eine Folge der Ausweitung des Sozialstaates, also eher sozialistischer Elemente? Und ist die Bilanz der sozialistischen Länder in Sachen Schuldenmacherei etwa besser?

Doch würden solche Fragen nur stören, die Achse der Erd-Wahrnehmung nachhaltig verschieben. Da sei Marx vor, oder eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Und so wünscht der SZ-Essayist: Mehr staatliche Kontrolle. Während EZB und Brüssel gerade mit der Krise um eine Mikrowirtschaft wie Griechenland ihr Fiasko erleben, während alle staatlichen Planwirtschaften krachend gescheitert sind, soll das Heil weiterhin im geldpolitischen Stamokap liegen.

Dann, so die systemische Wetterprognose der SZ, scheint auch hier endlich die Sonne.

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Schon in vielen Medien: Die ernste Posse aus dem niederbayrischen Pocking. Dort hatte der Schulleiter Martin Thalhammer nach der Einquartierung von 200 Flüchtlingen in einem Rundbrief geschrieben: “Die syrischen Bürger sind mehrheitlich Muslime und sprechen arabisch. Die Asylbewerber sind von ihrer eigenen Kultur geprägt. Da unsere Schule in direkter Nachbarschaft ist, sollte eine zurückhaltende Alltagskleidung angemessen sein, um Diskrepanzen zu vermeiden. Durchsichtige Tops oder Blusen, kurze Shorts oder Miniröcke könnten zu Missverständnissen führen.”

Nicht alle fanden das gut. Nun hat Thalheimer zu den kritischen Reaktionen Stellung genommen, und wie er das macht, ist eindrucksvoll: Erstens sei er mißverstanden worden, zweitens gebe keine Kleiderordnung, er wolle die Schüler nur sensibilisieren. Drittens seien die Schüler verwundert, dass sie von rechter Seite missbraucht würden.

Das hätte kein Politiker besser hinbekommen. Erst ein Missverständnis postulieren, wo es nichts misszuverstehen gibt; dann offen die Unwahrheit (keine Kleiderempfehlung) behaupten, dazu den Brief als ‘Sensibilisierung’ verkaufen – wer also weiterhin im eigenen Land an seinen Modewünschen festhält, ist unsensibel; und schließlich den ‘Mibrauch’ der Schüler durch rechte Gruppierungen beklagen, wo es nur um Kritik an seinem Verhalten geht, nicht um die Schüler. Man muss den Hut ziehen. Aus professioneller Sicht perfekte Krisenkommunikation!