Priesterherrschaft durch Elendspropaganda

„Kein schöner Land in dieser Zeit…“ hieß das berühmteste Lied der Wandervogel-Bewegung. Heute muss man sagen: Stimmt nicht, viele andere Länder sind landschaftlich deutlich schöner: Frankreich, Teile Italiens, Südengland, Wales. Überall dort sieht man durch Mauern oder Wallhecken parzellierte Felder, auf denen oftmals mächtige, vielhundertjährige Eichen oder Platanen stehen. Und auf den Weiden tummeln sich Pferde, Schafe und Ziegen in bunter Mischung, zuweilen auch Schweine. In Deutschland dagegen monokulturelle Riesenfelder sowie Hühner- und Schweinezuchtfabriken. Der einstige Zauber der deutschen Landschaft, in vielen Briefen und Tagebüchern von Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts festgehalten, ist verflogen. Landschaftsgestaltung heißt immer noch Flurbereinigung, also industrielle Normierung von Natur. Der architektonische Brutalismus der 70er Jahre, in den Städten glücklicherweise etwas zurückgedrängt, scheint auf dem Lande weiterhin zu herrschen. Und niemand diskutiert auch nur über das Thema. 

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Ein Kenner der Szene schickt den Bescheid einer Migrantenfamilie mit fünf Kindern nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Monatlich 3.612.- Euro werden überwiesen „zur Deckung des notwendigen Bedarfs an/für Ernährung, Bekleidung, Gesundheits- und Körperpflege“. Kostenlos wird die Wohnung gestellt, ebenso ärztliche Leistungen und Integrationskurse. Warum eigentlich noch arbeiten? (Dank an PS)

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Der bleibende Eindruck der olympischen Spiele: Die Brasilianer sind unerfreuliche Gastgeber. Parteiisch, unfair, nationalistisch. Ob beim Wettkampf der Beachvolleyballer, der Stabhochspringer oder Fußballer, die Gegner wurden mitleidslos ausgepfiffen, selbst noch bei der Siegerehrung. Da waren die Engländer ganz anders, und eben auch die Deutschen.

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Dass der Westen verkommen, dekadent und unmoralisch sei, behaupten nicht wenige Anhänger des Islam, auch solche mit deutschem Pass. Aber kann man sich irgendetwas Verkommeneres, Dekadenteres und Unmoralischeres vorstellen als den Kindesmißbrauch qua Ehe, der nun in der Türkei, aber auch in vielen anderen muslimischen Ländern erlaubt ist?

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1975 veröffentlichte der Soziologe Helmut Schelsky eine prophetische Arbeit, in der er nicht nur die Überforderung des Sozialstaats, die Diskreditierung des jeweils herrschenden Verhältnisse und die Willkommenskultur vorhersagte, sondern auch den Hass auf alle, welche – wie Pegida oder AfD – die Diskurshoheit der Linken in Frage stellen. „Die Arbeit tun die anderen – Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ wurde, obwohl keine einfache Lektüre, zum Bestseller; heute ist das Buch fast vergessen, und das zu Unrecht. Denn Schelskys Thesen sind, mag man auch einiges in anderer Form schon gelesen haben, unverändert anregend wie aktuell.

Mit der Erosion des christlichen Glaubens und seiner Erlösungserwartung im Jenseits, so der Ausgangspunkt, sei die Erlösung im Diesseits die große Hoffnung der Menschen geworden – und dies nicht nur bei Kommunisten (Paradies als Ende aller Klassen) oder Nazis (Paradies als Ende aller völkischen Unreinheit). Auch der moderne Sozialstaat verspreche die irdische Beseitigung aller Mühen, Ängste und Leiden, ob Armut, Hunger, Krankheit, Ausbeutung, Wohnungsnot oder Diskriminierung. Und wie zuvor die katholische Kirche oder kommunistische Partei würde auch die soziale Heilslehre des demokratischen Staates ihr eigenes Priestertum erschaffen, nämlich an Universitäten, im Kulturbereich, in Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und Medien.

Dieses Priestertum sei ebenso auf seine Macht fixiert wie früher Pfaffen oder Kader. Und weil es in heutigen Sozialstaaten bald an existentiellen Gefahren wie Kriegen, Räubern oder Hungersnöten mangele, auch Pest und Cholera verschwunden seien, müsse die Kaste der Sozialpriester immer neue Mißstände erfinden, um die eigenen, gut alimentierten Positionen als Mahner und Warner zu erhalten. Daher das unaufhörliche Entdecken angeblicher Diskriminierungen, angeblicher Armut, angeblichen Leistungsdrucks, angeblicher Gerechtigkeitslücken oder ganz generell der angeblichen Inhumanität des ganzen ‚Systems’. Wenn auch das nichts mehr hergebe, behelfe man sich mit dem Hinweis auf ferne Länder: Dem (angeblich von uns verschuldeten) Elend in Afrika, dem Krieg in Vietnam (oder heute Syrien), der Ausbeutung in Bangladesch. Schelsky spricht von „geborgtem Elend“ und „Elendspropaganda“, mit dem der „eigentliche (und das heißt: der eigentlich unsägliche, untragbare) Zustand der eigenen Gesellschaft daueraktualisiert“ werde.  

Nur diese Daueraktualisierung garantiere den Einfluß der Priesterschaft. Und eben deshalb hätte jene Priesterschaft ein ureigenes Interesse, den Zustand der perfekten Gesellschaft nie zu erreichen. Wäre dies der Fall, wären alle Propheten des Elends arbeitslos. So verlagerten sie die Erlösung immer erneut in die Zukunft oder ferne Welten, während sie zugleich den konkreten gesellschaftlichen Zustand – wie heute beispielsweise in vorgeblich wissenschaftlichen Studien der Bertelsmann-Stiftung oder der paritätischen Wohlfahrtsverbände – permanent als ungenügend oder ungerecht desavouierten.

Damit aber werde das Erlösungsversprechen immer abstrakter, die christliche Nächsten- durch die soziale Fernstenliebe ersetzt. Es entstehe ein „abstrakter Humanismus, der den Tod am Hoangho (oder heute: Lampedusa) aktueller empfindet als den Tod des einsam und ohne Unterstützung sterbenden Nachbarn im gleichen Mietshaus“. Diesem oder anderen Landsleuten zu helfen, würde als bürgerlich-egoistisch oder als partikulares, letztlich unsoziales Verhalten betrachtet. Denn nur das abstrakte Leid nutze der Priesterschaft. Anders als konkrete Mißstände könne es weder beseitigt noch auf seine tatsächliche Schwere geprüft werden. Kein Denken verweigere sich der Wirklichkeit beharrlicher als dasjenige, das sich „kritisch“ nennt.

Einher mit der Betonung abstrakten Elends gehe die Verleumdung der erfahrenen, oftmals gar nicht so schlechten Wirklichkeit. Dies betreffe vor allem die privaten Glücksbedürfnisse: Konsum sei Selbstentfremdung, Autofahren Luftverschmutzung, Fernreisen unöko, Familie vorgestrig. Gestützt auf die soziale Vormundschaft der Medien vollziehe sich eine sozialreligiöse Theologisierung des Denkens. Nicht zufällig entspreche die humanitär-ökologische „Bewußtseinsänderung“, die Grüne und andere Linke seit Jahren propagieren, der christlichen Bekehrung. Und wie christliche Glaubensgemeinschaften Ketzer verfolgten und exkommunizierten, gebe es auch in der Welt der modernen Sozialreligionen die Phänomene des sozialen Exorzismus’, der Dämonologie und Teufelslehre.

Möglich sei die „Gegenkirche des Laizismus“ nur in überreichen Gesellschaften, die das Leben als leicht und sicher erlebten. Denn erst dies ermögliche den Diesseitsutopisten ihr Dasein im Spekulativen, in der Beschäftigung mit immer neuen Weltverbesserungen, heute also mit GenderMainstreaming, EqualPay, FairTrade, bedingungslosem Grundeinkommen oder Inklusion. Wo hingegen wirkliches Elend herrsche, fänden die Priester des Elends kein Gehör. Daher lasse sich die Herrschaft der Intellektuellen, welche die Gesellschaft zerstöre, nur dort errichten, wo das Bewußtsein für die grundlegenden wirtschaftlichen Abhängigkeiten des Lebens geschwunden sei. Spöttisch zitiert Schelsky Wyndham Lewis´ berühmtes Diktum: „Nur die Reichen sind revolutionär!“

Über die Folgen dieses Sozialutopismus machte sich Schelsky keine Illusionen. Hobbes habe umsonst gelebt, und auch Kant, Wilhelm von Humboldt, alle Vertreter der Aufklärung und des klassischen Liberalismus. Auch die Gesellschaft werde keineswegs lebenswerter. Jede Verbrüderung mit Fremden, wie sie der weltumfassende Humanitarismus fordere, sei notwendig eine abstrakte Verbrüderung, die auf Gesinnungen beruhe. Doch definiere jede Gesinnung immer auch Gesinnungsfeinde. Das aber steigere die Gewalt in der konkreten Lebenswelt, und nicht zufällig gingen „abstrakte Moral- und Friedlichkeitsansprüche mit Aggressionen und Feindschaften im engsten Lebensbereich perfekt zusammen“. Klarer ist der innere Widerspruch der Antifa, aber auch vieler Befürworter der Willkommenskultur kaum zu benennen. In den Worten des von Schelsky zitierten George Sorel: „Aller Idealismus und Optimismus ist grausam. Je heißer die Liebe zur Menschheit ist, je glänzender das Glück der Erde, das man erhofft und erstrebt, desto leidenschaftlicher ist der Hass gegen die Menschen, die dem allgemeinen Menschheitsglück im Wege stehen. Die charismatische emotionelle Tyrannei steigt aus der Gesellschaft empor, die dem Enthusiasmus preisgegeben ist.“

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„Statt in der Wirtschaftspolitik findet der Sozialismus heute in der Kulturpolitik statt. Die ganze Wucht ideologischer Auseinandersetzungen verlagert sich (…) auf den subventionierten Kulturbetrieb (Theater, Kulturprogramme der Rundfunkanstalten, Erwachsenenbildung, Kunstpreise). All der moralische Rigorismus und das utopische Denken, die früher einmal Einfluß auf die wirtschaftspolitische Programmatik der SPD hatten, findet sich heute konzentriert im subventionierten Kulturbetrieb und der Bildungspolitik.“ Der Soziologe Erwin Scheuch, 1968. Gilt unverändert.