Nationaler Sozialismus, Beate Uhse, Lügenpresse

Am Freitag meldete das Erotikunternehmen Beate Uhse Konkurs an. Angeblich sollen Internet und Versandhandel schuld am Nieder- und Untergang sein; unter dem Druck dieser Konkurrenz ließen sich die Geschäfte in teuren Innenstadtlagen nicht mehr finanzieren.

Wer die Berliner Theaterszene kennt, hält auch eine andere Erklärung für denkbar: Verantwortlich für den Konkurs Beate Uhses ist das Subventionstheater mit seiner oft deckungsgleichen Thematik. Gerade am Mittwoch feierte an der Berliner Volksbühne das Stück „Red Pieces“ der dänischen Choreographin Mette Ingvartsen Premiere. Für die Choreographin spricht: Die ekelhaftesten Dinge macht sie immerhin selbst. So durften die Besucher ihr beim Wasserlassen zuschauen, ebenso bei der Penetration mit einer Leuchtstoffröhre. Auch wer Gynäkologe werden möchte, kam hier zu seinem Glück, ferner die Freunde der urinierten Fraktion. Im zweiten Teil eine wilde Massenorgie von Wesen in blauen Ganzkörperstrumpfhosen. Wie das beim Sex eben so ist.

Leider gibt es eine Sache, die noch langweiliger ist als die Phantasien einer dänischen Klemmschwester: Theaterkritik. Denn das deutsche Theater ist längst kein Gegenstand mehr, mit dem zu beschäftigen sich lohnt. Schon seit Jahren hat es nichts mehr zu sagen, und mit Gründen: Theater ist fast immer die Darstellung von Streit und ausweglosen Gegensätzen. Das passt nicht in eine Gesellschaft der Konfliktvermeidung, von Alltoleranz und Verständnisheuchelei. So hat der deutsche Theaterbetrieb jede Fühlung mit der Realität verloren, ähnelt immer mehr einer Randsportart wie Synchronschwimmen oder Rhönradfahren: Eine kleine Schar von Freunden und Verwandten klatscht enthusiastisch; der Rest der wenigen Besucher schwankt zwischen fassungslos und belustigt. Das eine wie das andere eine überflüssige, öde, erkenntnisfreie Veranstaltung.

Das zeigt auch die Selbstprüfung. Rund 700 Aufführungen habe ich im Laufe meines Lebens gesehen, allenfalls zwei Handvoll sind in Erinnerung geblieben. Viele, sehr viele Abende waren qualvoll, noch weit mehr schlicht vertan. Auch ein guter Freund, Kritiker und einst glühender Aficionado mit mehr als 10.000 (!) Theaterbesuchen, hält das deutsche Subventionstheater für gescheitert. Auskunft gebe es nur über die belanglosen Fixierungen der Regisseure, nicht aber über das Leben, seine Tiefen, seine Aporien.

Leider wahr. Auch die Berliner Aufführung diente in erster Linie der Eigentherapie der Choreographin. Sie habe, so erklärte Ingvartsen, im Alter von acht Jahren eine Tüte mit Pornoheften gefunden; deren Lektüre sei eine „verstörende Erfahrung“ gewesen. Nun, fast 30 Jahre später, war es wohl Zeit für die seelische Aufarbeitung. Aber muss man das subventionieren?

Günstiger für den Steuerzahler, sinnvoller für Ingvartsen wäre ein Besuch im Swingerclub. Oder, bis letzten Freitag, bei Beate Uhse. Die war im übrigen eine eindrucksvolle, fröhliche, sehr sympathische Frau. Als Praktikant an der bayrischen Börse lernte ich sie Mitte der 80er Jahre kennen. Der von ihr geplante Börsengang des damals hochprofitablen Unternehmens scheiterte am Widerstand der deutschen Regionalbörsen. Nur die Bayern, in Sachen Sünde und Vergebung katholisch gestählt, hatten ihre Pläne unterstützt.

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Ein Freund: Die Urform des Familiennachzugs ist die Orestie.

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Rund 200 Versorgungssuchende aus Sierra Leone, einem laut UN durch und durch befriedeten Land, sind im beschaulichen Deggendorf in eine Art Streik getreten: Sie weigern sich, Deutschkurse zu besuchen oder ihre Kinder zur Schule zu schicken. Grund für den Streik sind „negative Erfahrungen“ mit deutschen Behörden. Dazu zählt die Ablehnung von Asylanträgen unter Hinweis auf die Dublin-Gesetze, auf fehlende Verfolgung oder als sonst „offensichtlich unbegründet“. Auch die ungenügende Medikamentierung gegen „spezielle Krankheiten“ wird gerügt – Sierra Leone ist seit Jahren eines der Hauptgebiete für Ebola, auch Aids ist verbreitet. Und traumatisch bedrückend seien auch Abschiebungen nach Italien; dort drohe „schwere Folter“. Doch selbst im bayrischen Sodom deutscher Behördenwillkür gibt es Momente des Glücks. Von den 40 Frauen, immerhin 20% der „Flüchtlinge“, sind 12 schwanger.

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Die Internationale ist aus der Mode gekommen. Niemand will mehr die Signale hören, niemand aufstehen zum letzten Gefecht. Zum Heer der Sklaven fühlen sich die Betriebsräte von VW und Mercedes so wenig gehörig wie die hochbezahlten Arbeitnehmer, und kaum einer würde sich als Verdammter dieser Erde sehen.

Doch die Mär von der länderübergreifenden Solidarität ist nicht aus der Welt; sie hat nur eine andere Form angenommen: Als Bekenntnis zur EU, der letzten Insel sozialistischer Internationalität. Insofern ist Martin Schulzens Forderung nach den Vereinigten Staaten von Europa nur die Neueinkleidung des alten Gassenhauers. Und eben deshalb unterstützen alle europäischen Sozialdemokraten die Globalisierung auf Kosten von Arbeitnehmerinteressen.

Das war schon immer an der Wirklichkeit vorbei und ein schwerer Fehler. Der Aufstieg des Nationalsozialismus, dem Sozialdemokraten wie Kommunisten nichts entgegenzusetzen wussten, zeigt das ebenso wie der Niedergang fast aller sozialdemokratischen Parteien in Europa. Ihre Verachtung von Heimat und Patriotismus bricht ihnen das Genick. Sozialismus, wie auch seine weniger radikale Form als Sozialstaat, funktioniert nur national.

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Die Willkommenskultur der ersten Tage ähnelte in ihrer euphorischen Seligkeit der Kriegsbegeisterung 1914: Wie dort dürfte der seltsame Enthusiasmus auch dem Verdruss über die eigene Saturiertheit entsprungen sein, dem angeblich bürgerlichen Leben. Nun konnte man die Verhältnisse wieder zum Tanzen bringen, der leeren Existenz zwischen Konsumismus, Therapiesitzungen und Skiurlaub in Gstaad Ziel und Sinn geben. Daher unter den Teddywerfern kaum einfache Leute; um so mehr aber Angehörige des akademisch-satten Milieus. Ob die Euphorie wieder in den Abgrund führt, bleibt abzuwarten. Viel spricht dafür.

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Ein Freund erzählt von einem Gesellschaftsspiel, das er kürzlich im Hause eines früheren FAZ-Redakteurs kennenlernte. Die Gastgeber hätten die schamlosesten Verfälschungen zur Flüchtlingskrise vorgelesen, die Anwesenden raten müssen, aus welcher Publikation der betreffende Satz stammt. Name des Spiels: „Lügenpresse“. Weit vorn im Ranking: ZEIT und SPIEGEL.