Multikulturalismus und Vertreibung

„Die Flüchtlinge von heute sind nicht allein politische Nachfahren der Verfolgten während der nationalsozialistischen Diktatur, nicht allein Nachfahren der Vertriebenen der Kriegszeit.“ So Joachim Gauck in seiner Rede zum Weltflüchtlingstag. Bosnier, Serben und Nigerianer als Nachfahren der Juden, Homosexuellen, Oppositionellen? Dem Bundespräsidenten einen Hang zu schiefen Vergleichen zu attestieren, wäre untertrieben. Aber lassen wir die Parallelen einmal stehen: Müsste man dann nicht gegen die Regime dieser Länder ähnlich vorgehen wie gegen die Nazis? 

Die Vertreibung der Deutschen war zweifelsfrei ein großes Unrecht, so wie die vielen anderen Vertreibungen und Umsiedlungen europäischer Volksgruppen nach dem ersten Weltkrieg. Doch wie sähe Europa ohne sie aus? Vermutlich wie Jugoslawien, Irak, Libanon und viele afrikanische Länder: Chaos, Bürgerkrieg, ethnische Säuberungen. Erst die Vertreibungen führten zu einer ethnischen Homogenisierung der Länder, die die friedliche Koexistenz beförderte. Vor allem entschärfte der nationale Monokulturalismus das Gift, das mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, vom amerikanischen Präsidenten Wilson Anfang 1900 nachdrücklich propagiert, in die Welt gekommen war. Die Aufhetzerei großer Minderheiten durch angrenzende Regierungen, wie beispielsweise der Sudetendeutschen durch Hitler, war nun nicht mehr möglich. Kann man es den Nationen verdenken, dass sie nach den Erfahrungen mit dem 3. Reich wie mit dem Zerfall Österreich-Ungarns ihre territoriale Einheit nicht durch Minoritäten gefährden lassen wollten, deren Loyalität fremden Völkern galt? Individuell waren Vertreibungen immer eine Unglück; aber aus staatlicher Sicht waren sie langfristig wohl ein Glück.

Noch dazu: Multikulturelle Länder und Organisationen überleben nur, wenn sie ein Ideal verfolgen, das alle ethnischen oder kulturellen Differenzen überspielt. Pursuit of Happiness, ‚Völker, hört die Signale’, die ‚heilige’ Waffenbrüderschaft in der Fremdenlegion. Ist das nicht der Fall, sind die Risiken erheblich, gerade für Nationen. Ob Unternehmen wie Google oder Apple, die auch schon wieder vom ‚Neuen Menschen’ und einer besseren Welt träumen, die Zentrifugalkräfte des Multikulturalismus’ bändigen können, bleibt abzuwarten. Möglicherweise überwinden zuerst amerikanische Firmen mit ihrer Corporate Identity den nationalen Gedanken.

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Ein Vater aus dem links-grünen Milieu wird zur Schule gerufen, sein 17jähriger Sohn habe sich mehrfach rabiat schwulenfeindlich geäußert. Im Gespräch mit Vater und Direktor denkt der Bube allerdings nicht daran, zurückzustecken. Er fände Schwule widerlich, jedes Entgegenkommen sei auch gesellschaftspolitisch verkehrt. Was Vater und Direktor für Toleranz hielten, sei moralische Standpunktlosigkeit; auch die Bewahrung der Schöpfung, ein Lieblingsthema des Vaters, sei mit Homosexuellen schon logisch nicht zu meistern. Der Vater ist betrübt und konsterniert. Zeitenwandel: Früher konnte man Eltern mit dem Bekenntnis zur Homosexualität schockieren, heute mit dem zur Homophobie.

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Weil den griechischen Banken das Bargeld ausgeht, hilft die EZB mit weiteren Notkrediten. Würde ein Manager in der Privatwirtschaft so handeln, müsste er sich wegen Veruntreuung verantworten.

Der Grexit ist im Grunde nur der Sieg des Marktes und der Vernunft. Die alte, von vielen Politikern immer erneut negierte Erkenntnis: Gegen den Markt, gegen die nüchterne Einschätzung der Kaufleute lassen sich keine Wolkenkuckucksheime bauen. Man muss im nachhinein noch dankbar sein, dass Helmut Kohl der DDR keinen ‚dritten Weg’ zugestand, kein Durchwurschteln als Sonderwährungszone oder dergleichen. Die Ergebnisse wären ähnlich gewesen wie jetzt in Griechenland.

Beim letzten ‚Post’ vergessen: Massiv beschädigt durch den Grexit und all die Hilfs-Querelen der letzten Wochen ist auch die FDP. Zwar hat sie in letzter Zeit einige schöne Erfolge erzielt, doch ist sie inhaltlich tief in das Chaos der Eurorettung verstrickt. Die war ihr, entgegen aller Parolen von Eigenverantwortung und Rückbau des Staates, wichtiger als Marktregeln, auch für sie zählte der Traum eines supranationalen Europas mehr als Parteiprogramm und demokratische Selbstbestimmung. Wäre es anders, müsste sie scharf gegen Brüssel stehen, gegen alle Rettungsschirme, gegen die Zinspolitik der EZB. Wie es tatsächlich war, zeigt der Umgang mit dem ‚Eurorebellen’ Frank Schäffler, der aus allen Parteiposten gemobbt wurde. Insofern ist der drohende Grexit auch eine Niederlage Lindners und seiner Euro- und EU-Politik. Die Neuerfindung der FDP ist schon gescheitert, bevor sie halbwegs begonnen hat.  

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In der FAZ die klügste Frage der Woche: „Was macht Mitleid mit uns?“ Anlaß war das Urteil im Fall Tugce Albayrak und die nachgerade hysterische Parteilichkeit, mit der Medien wie Politiker das Opfer heroisiert hatten. Der Prozeß ergab: Frau Albayrak war keineswegs pazifierendes Vorbild, sondern aggressiv, selbstbewusst, provozierend; die tödliche Eskalation war auch ihre Schuld. Nun stehen viele ziemlich belämmert da, selbst der Bundespräsident mit seiner multikulturellen Instant-Rhetorik. Die Parallelen zur ‚Flüchtlings’-Debatte sind offensichtlich. Auch hier wäre die Frage, ob Mitleid nicht oft den Blick verstellt, jederzeit berechtig.

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Ein Leser moniert mein wenig freundliches Urteil über Frauenfußball. Seiner Ansicht nach müsse man die physischen Nachteile von Frauen berücksichtigen. Auch beim 100-Meter-Sprint spreche niemand von drittklassigen Leistungen, nur weil Frauen deutlich langsamer als Männer sind.

Richtig. Und falsch. Natürlich können Frauen sich untereinander messen, können Fuß-, Hand- oder Basketball spielen oder welchen Sport auch immer betreiben. Aber man sollte nicht so tun, als lägen die Leistungen auf dem Niveau der Männer. Oder als sei das öffentliche Interesse vergleichbar.

Tatsache ist: Bei allen Ligaspielen der Frauen sind die Stadien so gut wie leer. Es gibt daher keinen sachlichen Grund, Stunden um Stunden öffentlich-rechtlicher Sendezeit mit irgendwelchen Spielen zu füllen, die niemand sehen will. Was ARD und ZDF hier betreiben, ist Erziehung mit einem klar ideologischen Hintergrund: Man soll auch den Fußball der Frauen gut finden, selbst wenn es an allem mangelt, was die Kunst von Messi, Pirlo, Schweinsteiger und Lampard so attraktiv macht.

Dahinter steht der Gedanke, dass Frauen im Grunde alles genauso gut können wie Männer. Und dass biologische Unterschiede nicht zählen, weil eben das Geschlecht nur ein soziales Konstrukt, kein unveränderbares Faktum sei. Das ist nicht mehr als eine der modernen Gendermythen, die täglich widerlegt werden. Zu Recht meinte kürzlich der Trainer von Nadal, jeder der Top-300-Spieler würde die Weltranglistenerste Serena Williams vom Platz schießen – und auch in allen anderen Sportarten, bei denen Physis zählt, wären die Ergebnisse ähnlich. An der Tatsache, dass Männer bis zu 30 Prozent mehr Muskelmasse haben, führt keine Genderei vorbei.

Die öffentlich-rechtliche, von Gebührengeldern bezahlte Indoktrination wäre nicht weiter störend, würde sie nicht auch jenseits des Sports Einfluß gewinnen. Problematisch wird das ideologische Egalitätsdenken vor allem dort, wo es um Leben und Tod geht. Natürlich kann man Frauen im Militärdienst einsetzen, und Staaten wie Israel, deren Bevölkerungszahl weit hinter denen der feindlichen Anrainer zurücksteht, müssen dies sogar aus rein numerischen Gründen. Aber die gleichen Leistungen wie Männer bringen Frauen nicht. Sie können weniger tragen, sind physisch weniger belastbar und, nach einer englischen Studie, im Fall eines Kampfes deutlich anfälliger für Verletzungen und Tod. Weniger Muskeln heißt schnellere Erschöpfung heißt geringere Überlebenschancen – und heißt auch: Höhere Risiken für Kameraden, die Verletzte evakuieren müssen. So einfach. Von 29 weiblichen Offizieren der amerikanischen Marines, die sich seit 2012 für die Führung von Kampfeinheiten bewarben, hat keine einzige den Ausbildungskurs geschafft; nur vier überstanden den ersten Tag. Zwar ist die offizielle Doktrin der US-Streitkräfte immer noch, dass geschlechtliche ‚Diversity’ eine Stärke sei – aber die Fakten sprechen klar dagegen. Auch bei Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk kommt die Ideologie der Geschlechtergleichheit an physische Grenzen: Nützlicher als eine empathische Elfe ist in Rettungsfällen ein 110-kg-Hüne, der Schwerverletzte leichthin schultern kann.

Aber vielleicht sollte man künftig Frauen nur von Frauen retten lassen – und Mitarbeiter von ARD und ZDF auch. Dann wäre das Gerede von der Gleichheit schnell vorbei – und die Übertragung von Frauenfußball wohl auch. (Dank im übrigen an G.H. für die aufschlußreiche Studie!)