Mahnmale und Gehirnwäsche

Spaziergang am Mahnmal der Schande. Gerade dieses Denkmal taugt am wenigsten zur Perhorreszierung. Es ist kein Askaban der deutschen Geschichte, das die Erinnerungen an die schönen und großen Ereignisse der Historie ins Vergessen drückt; und es ist kein Urgrund der Probleme, die dieses Land umtreiben, sei es Islamisierung, Eurokrise, Einwanderung, Verfall des Parlamentarismus. Magische Kräfte hat das Stelenfeld Eisenmans nicht. Wer die Kinder und Schulgruppen betrachtet, die das Denkmal fröhlich und neugierig, aber nie bedrückt durchstreifen, kann am Sinn des Bauwerks zweifeln; einen Ort jugendlicher Traumatisierung sieht er jedenfalls nicht.

Im Gegenteil stellt das Stelenfeld eine ganz andere Frage: Ob Mahnmale, besonders derart abstrakte, überhaupt noch funktionieren. Sind sie Garanten einer Erinnerungskultur, die den Weg in die Zukunft zeichnet? Bestimmen sie unser Selbstverständnis, unseren Blick in die Welt? Oder sind sie überholt, Statthalter einer längst vergangenen Epoche, die auf Mündlichkeit beruhte und daher gezwungen war, Bilder der kollektiven Erinnerung zu schaffen? Für die meisten Menschen waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Kirchen der einzige Bilderort, und das optische Gedächtnis war wie unberührt. Da schufen Denkmäler visuelle Metaphern. Heute ist dies völlig anders. Kino, Fernsehen, YouTube und Instagram sind allgegenwärtig, jede Werbung will die optische Überwältigung, jede Firma möchte ikonographische Bilder ihrer Produkte. Selbst ein Lebensmittelhändler wie Edeka nutzt das Bild des einsamen, zu Weihnachten vergeblich auf den Besuch seiner Kinder hoffenden Vaters, um letztlich Tütensuppen, Goldbären und 50 Gramm Gelbwurst zu verkaufen. In einer Welt der Visualisierung, des Overkills von Inszenierung und Makellosigkeit, wirken Denkmäler so aus der Zeit gefallen wie ein Telefon mit Wählscheibe.

Sind also Mahnmale noch von irgendeiner Bedeutung für das Lebensgefühl der Jugend? Dass Mario Götze seine Kraft für den entscheidenden Treffer im WM-Finale 2014 aus dem Gedanken an die Berliner Siegessäule und den Triumph der preußischen Armee über Frankreich 1871 zog, ist eher unwahrscheinlich. Und auch das Holocaust-Mahnmal dürfte kaum in die andere Richtung prägen. Für das Selbstbild der meisten Jugendlichen ist ein Spot von Nike, GoPro oder Apple vermutlich wichtiger als die Hermannstatue im Teutoburger Wald. 

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Linkes Mantra: BILD hat bei Bachmann mitgeschossen, Merkel bei Amri nicht mitgelenkt.

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Re-Education und Gedächtniswäsche. Noch zwei derzeit wieder diskutierte Askaban-Vokabeln, auch sie suggerieren Verlust und historische Demenz. Aber gab es nach dem 2. Weltkrieg überhaupt eine Re-Ed, die diesen Namen verdient? Gut belegt ist eher das Gegenteil: Dass der Entnazifizierungswille der Amerikaner und Engländer schon kurz nach Kriegsende deutlich nachließ, nicht zuletzt aufgrund des sich rasch verschärfenden Kalten Krieges. Auch in der Verwaltung und im diplomatischen Dienst wurde das Fachwissen alter Kader benötigt, und die personellen Kontinuitäten im Bereich der Justiz sind ein ausnehmend deprimierendes Kapitel der frühen Bundesrepublik. Schließlich fanden selbst in der Politik ehemalige Parteigenossen ihren Platz, von denen Hans Globke nur der bekannteste war: Vom Kommentator der Nürnberger Rassengesetze zum engsten Mitarbeiter Konrad Adenauers. Re-Education ist in derart bruchlosen Biographien kaum zu erkennen.

Aber was wären überhaupt die denkbaren Alternativen zur westlichen Re-Education gewesen, also dem Bekenntnis zu Demokratie, Kapitalismus, individueller Freiheit? Die Gedächtniswäsche nach dem russischen Modell in Workuta war wenig attraktiv, der Ständestaat schon nach dem 1. Weltkrieg beendet. Selbst ohne den Mord an den Juden war der Führerstaat mit seiner Ineffizienz, Korruption und terroristischen Rechtsverachtung vollständig desavouiert; der Verrat Hitlers an seinem eigenen Volk, dem er den Untergang wünschte, bildete nur den Höhepunkt der Ehrlosigkeit. Und zu den geistigen Traditionen der Vorkriegszeit führte auch kein Weg zurück: Ihre Vertreter hatte man zu großen Teilen vertrieben oder umgebracht, und wer zurückkehrte, sah sich nicht selten von gerade den Leuten verleumdet, die nun das geistige Deutschland forderten.

Die Wahrheit dürfte sein: Die Re-Education war weniger fremdbestimmt als selbstgewollt, der Vorteil des amerikanischen Gesellschaftsmodells zu offensichtlich. Lucky Strike und Schokolade, Swing und Kaugummi waren attraktiv, aber viel attraktiver waren Rechtssicherheit, freie Rede, Pursuit of Happiness. Was als ‚Umerziehung’ denunziert wird, war die Lust der Deutschen auf ein freies, selbstbestimmtes Leben, auf einen Schlußstrich unter Gestapo, Krieg, totalitäre Gleichschaltung und Meinungsdiktatur. Dass auch heute alle Länder, die diktatorische Regime abschütteln, sofort den American way of life adaptieren, zeigt dessen ungebrochene Anziehungskraft. Sein Versprechen von individueller Freiheit, Konsum und Lebensfreude, von diesseitigem Glück ohne übergroße Anstrengung, mag man ablehnen; unverändert attraktiv ist es weiterhin. Der Erfolg Hollywoods macht das ebenso deutlich wie der von HipHop und Rock’n Roll, von Harley-Davidson, Apple und BicMac. Dass es die kontinental-europäischen Länder trotz gewaltiger Film- und Musikförderung nie geschafft haben, der Herrschaft der amerikanischen Unterhaltungskultur dauerhaft etwas entgegenzusetzen, ist keine bloße Folge von Marktmacht; viel mehr hat sie zu tun mit eben dem Lebensmodell, für das Amerika steht.

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Das Unglück meiner Kindheit: Bei Geschenken gab es immer Obergrenzen!

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Wegen der völkischen, anti-jüdischen Einstellung ihres Namenspatrons, des Publizisten und Lyrikers Ernst Moritz Arndt, hat die Universität Greifswald letzte Woche beschlossen, diesen Namen abzulegen. Über den Sinn solcher Distanzierungen lässt sich streiten. Sofern man derartige Maßnahmen bejaht, sollten auch die Namen anderer Rassisten, Demokratiefeinde oder Befürworter totalitären Gedankenguts aus dem öffentlichen Raum entfernt werden. Ein weites Feld bieten die Patrone vieler Moscheen. Allein 40 sind in Deutschland nach osmanischen Eroberern genannt, beispielsweise die Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee. Von jenem ist ein Satz überliefert, dessen erste Worte auch im Deutschen besondere Parallelen eröffnen: “Mein Kampf geht solange weiter, bis Gottes Gesetz, die Scharia, auf der ganzen Welt herrscht oder ich sterbe.” Dass die türkische Gemeinde solche Namen wählt, zeigt ihre Bereitschaft zur Integration. (Dank an WH für den Hinweis)