Lügenpresse und linkes Selbstverständnis

Ein in vielen Filmen wiederkehrender Topos ist die Liebe des Bösewichts zur klassischen romantischen Musik. Ob im ‚007-Bond’ mit Curd Jürgens, in ‚Wannseekonferenz’, oder „Der Anschlag“, immer lauscht der Verderber der Welten den Klängen von Chopin, Schubert, Schumann. Auch Wagners Walkürenritt in ‚Apocalypse Now’ soll den Schrecken steigern, doch ist hier der Kontrast zur Rücksichtslosigkeit des Genießers nicht so groß; gleiches gilt für Beethovens brutalistische 5. Sinfonie in ‚A Clockwork Orange’. Laute, aufdringliche Musik hören nur die Handlanger; der wahre Teufel liebt es zärtlich. 

Das ist weniger von der Wirklichkeit entfernt, als man meint. So habe Lenin einst gegenüber dem kommunistischen Hymnendichter Maxim Gorki geäußert, er kenne „nichts Größeres als Beethovens Apassionata. Ich könnte sie jeden Tag hören. Eine erstaunliche, nicht mehr menschliche Musik. Ich denke immer voll Stolz daran (…), wessen menschliche Wesen fähig sind. Doch kann ich die Musik nicht oft hören, sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln, die in dieser schmutzigen Hölle leben und dennoch etwas so Schönes schaffen können. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – (…) man muss auf die Köpfe einschlagen, mitleidlos einschlagen. Hm, hm, eine teuflisch schwere Pflicht.“

* * *

Von der EU kommt ein neuer Anschlag auf das Selbstbestimmungsrecht der europäischen Völker: Die Aufhebung des Visumszwangs für Türken. Zwar erfüllt die Türkei nur rund 50 der 72 Voraussetzungen, doch auch hier gilt das heimliche Motto der EU: Wenn das Recht im Weg steht, muss es eben gebrochen werden. Notfallpläne gegen die Einreise zu vieler Türken, von Frankreich und Deutschland vorgebracht, wurden gerade von der EU abgelehnt.

Die künftigen Entwicklungen sind absehbar: Erdogan wird die Visafreiheit nutzen, ein innenpolitisches Problem zu lösen. So werden vor allem Kurden, in ihrer eigenen Heimat schwer drangsaliert, nach Deutschland kommen, jedoch ohne den Willen, je zurückzukehren. Kontrollieren wird dies ohnehin niemand, zumal die Polizei in den Gegenden der Clans nichts zu sagen hat. Werden die Gäste auch nach Ablauf ihres Visums doch einmal aufgegriffen, schützen Asylrecht, Kirchen-Aktivisten und die letztlich von deutschen Steuerzahlern entlohnten Anwälte. Auch die Türkei wird dafür sorgen, dass die Kurden nicht abgeschoben werden können. So werden die kurdischen Clans von Berlin, Bremen oder Köln, die längst weite Teile des Drogen- und Menschenhandels beherrschen, weiter wachsen. Die Prognose von Manfred Güllner, dem Chef des eher linken Demoskopie-Instituts Forsa, der den Niedergang der AfD sieht, scheint deshalb verfrüht. Denn die EU sorgt weiterhin für beste Werbung.

* * *

„Es gibt keine harmlosen Zivilisten.“ John Rambo

* * *

Kennzeichen moderner Gesellschaften sind Bindungs- und Wahlfreiheit. Man ist weitgehend frei von den Vereinnahmungen durch Sippe, Zunft, Staat oder Religion, kann seine Zugehörigkeiten frei bestimmen. Das ist in traditionellen Sozietäten anders, deshalb wirken sie – wie auch alle totalitären Gesellschaften – so gestrig. Insofern zeigt Merkel mit ihrem Hinweis, wer Angst vor einer Islamisierung habe, solle sein Christentum stärken, dass sie das Grundkonzept moderner Gesellschaften nicht verstanden hat. Gedanklich lebt sie noch immer in der totalitären Welt der Einheitspartei.  

Im Grunde entspricht die Bemerkung Merkels dem Satz von Honecker, wonach weder Ochs noch Esel den Lauf des Kommunismus aufhielten. Auch ‘Erich’ glaubte an die Kraft der bestehenden Verhältnisse, an die Attraktivität der kommunistischen Welt. Irgendwann würden die westdeutschen Arbeiter schon zum humaneren, besseren System übertreten, sich dem Lauf der Geschichte fügen. Was im Spielfilm ‘Good-bye Lenin’ den ironischen Handlungsrahmen bildet, dass nämlich der Westen sich dem Osten anschließt, hat er vermutlich im Innersten tatsächlich für möglich gehalten. Darüber sollte man nicht spotten. Die Hoffnung, dass der Islam sich irgendwann europäisieren werde, dass gläubige Moslems der Scharia entsagen, ist davon nicht weit entfernt.

* * *

Heute eine grundsätzliche Frage: Ist „Lügenpresse“ eine zwingende Begleiterscheinung linker Gesellschaften? Anders gefragt: Sind Menschen, die sich links verorten, überhaupt zum Journalismus fähig, genauer: zum politischen Journalismus? Oder sollten sich solche Leute, bei aller persönlichen Wertschätzung, vielleicht eher mit Fragen der Buchkritik, der Zoologie oder auch des Sports befassen, nicht aber mit solchen zu Wirtschaft, Geschichte, Politik? Immerhin setzte der Niedergang vieler renommierter Zeitungen zu dem Zeitpunkt ein, als die Feuilletonisten meinten, nun auch die Kommentierung der gesellschaftspolitischen Welt für sich entdecken zu müssen.

Die Erkundigung wirkt im übrigen anzüglicher, als sie ist. Denn in der Geschichte verzeichnet die Linke immer wieder Momente der umgekehrten Aufklärung, der Regression in die selbstgewählte Unmündigkeit. Man will seinen Verstand nicht gebrauchen, man will die Fakten nicht sehen. Hunderte linker Intellektueller fuhren in den 1920er und 1930er Jahren nach Rußland, sahen die Heerscharen von buchstäblich verhungernden Bauern, von Obdachlosen, verwahrlosten Kindern, sahen bitterste Armut und den Terror der Schauprozesse – und berichteten ihren Landsleuten im Westen von der Lichtgestalt Stalins, vom Glück der Russen und den Segnungen der neuen Zeit. Brecht schrieb Hymnen auf den Stalinismus, ergriffen äußerten sich Neruda, Shaw, Bloch, Hermlin, Aragon oder Dorothy Parker; andere wie H.G.Wells, Romain Rolland und Bertrand Russell nahmen das Wüten der Geheimpolizei wie auch das jedes Maß übersteigende Elend zwar zur Kenntnis, verschwiegen es aber bewusst in ihren Berichten. Der strahlende Morgen der Menschheit, den der Kommunismus versprach, sollte ohne das Grauen hereinbrechen, das jeden Morgen begleitet.

Und so auch später immer und immer wieder. Chrustschows Kritik 1956 am Personenkult um Stalin konnte die Linke nur kurzfristig irritieren. Schon bald richtete sie ihre Verehrungsbedürfnisse auf andere Verbrecher, auf Mao, Fidel, „Onkel Ho“, die roten Khmer, Tito, Enver Hodscha und auf Che, den erneut für die Menschheit gestorbenen Messias. Der Kult um das ‚linke Projekt’ gerann seinen Anhängern immer zum Kult der Person. Und jedes Mal war es ein von Klarsicht wie Menschlichkeit befreites Jubeltum. Millionenfachem Mord applaudierte man, und auch jedem Bruch von Kultur und Recht. Hochmut und Kadergeist verbanden sich zur Amoralität. Die Geschichte der westlichen Linken ist das Gegenprojekt zur Aufklärung.

Dieses Projekt ging bis zur Selbstverleugnung. Das bleibt der erstaunlichste Unterschied zu konservativen Denkern: Auch sie irrten zuweilen schwer, auch sie verrieten die Ideen der Aufklärung. Aber sie gingen nicht so weit, ihren Einsichten wider besseres Wissen abzuschwören. Zu Arthur Koestlers ‚Sonnenfinsternis’, der eindrucksvollsten Analyse der intellektuellen Unterwerfung unter den Parteigehorsam, findet sich meines Wissens keine Entsprechung im konservativen Milieu. Ihr Bedürfnis nach historischen Gewißheiten brachte Linke letztlich immer auf die Knie – wie auch das nach werktätiger Zugehörigkeit, nach Volksheim und der Solidarität der Völker. Spöttisch bemerkte mein Griechischlehrer gegenüber seinen empörten Schülern: „Links ist nur, wem der Mut zum Individualismus fehlt.“ Auch der angebliche Hang zur eigenständigen Lebensführung ist, neben dem behaupteten Eintreten für die Sache der Aufklärung, eine Lebenslüge der Linken.

Kollektivismus, also die Lust am Mainstream, und kultische Bedürfnisse – wer unter diesen Aspekten die Berichterstattung zur ‚Flüchtlingskrise’ betrachtet, wird Ähnlichkeiten zu früheren Irrwegen erkennen. Erst die falschen Hochrechnungen der Migrationszahlen (400.000, dann 700.000, dann 800.000, dann 1.100.000), dann die von fast allen Medien kolportierte Lüge zum Ausbildungsstand („Facharbeiter“) wie zu Geschlecht und Alter („überwiegend Frauen und Kinder“), dann das Schweigen um Übergriffe und Straftaten, schließlich die Behauptung, die Täter von Köln oder Brüssel seien keine Asylbewerber oder Profiteure der offenen Grenzen – alles mehr oder minder Schwindel, begleitet von einer geradezu skandalösen Bildsprache, die sich fast ausschließlich auf Mütter, Kinder oder alte Menschen konzentrierte. Auch das jüngste Projekt der Linken ist ein Projekt der durchgängigen Lüge, natürlich wieder für höhere Zwecke: Globale Gerechtigkeit und a brave, new, multicultural world. Guter Journalismus kann daraus nicht entstehen.

* * *

Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Islam aus ökonomischer Sicht: Hier herrscht die schöpferische, dort die unschöpferische Zerstörung.

* * *

Die gegenwertige Lage des Journalismus erfüllt einen alten Kampfbegriff mit neuem Leben: Den der “repressiven Toleranz”. Erfunden hat ihn Mitte der 1960er Jahre der Philosoph Herbert Marcuse, gemünzt war er auf die angeblich faschistische Konsumgesellschaft der Bundesrepublik. Nachdem die prognostizierte ‚Verelendung der Massen’ ausgeblieben war, statt dessen nicht nur Wohlstand, sondern auch Meinungsvielfalt und Individualismus blühten, brauchte die Linke eine neue Denunziationsformel, und Marcuse lieferte sie. Mit Blick auf den hochherzigen Konformismus der Medien, die jede Gegenposition mitleidslos verleumden, hat der Begriff heute zum ersten Mal seine Berechtigung.