Kommunikationsverweigerung: Von Affen lernen

Unter der Überschrift „Die Anatomie eines journalistischen Fehlers“ korrigiert die amerikanische Zeitschrift ‚Rolling Stone’ ihre Geschichte über eine angebliche Bandenvergewaltigung an der Universität Virginia. Der Artikel war letztes Jahr erschienen und insinuierte, dass Vergewaltigungen an amerikanischen Hochschulen gleichsam üblich seien – was zu landesweiten Debatten um die Frage führte, ob zum politisch-gesellschaftlichen Establishment auch so etwas wie eine ‚Rape culture’ gehöre.

Ein unabhängiges Journalisten-Team der Universität Columbia, nach ersten Zweifeln vom Rolling Stone selbst mit der Überprüfung beauftragt, stellte nun im Einklang mit eingehenden Ermittlungen der Polizei fest: „Es gibt keine ausreichende faktische Grundlage, um die erhobenen Vorwürfe zu stützen“. Die Veröffentlichung, so der Report, „sei ein vermeidbarer Fehler in allen Bereichen: Recherche, Faktenprüfung, Umsetzung, Aufsicht“. Viel härter kann ein Verdikt kaum ausfallen. Die Autorin Rubin Erdely hatte nur mit ‚Jackie’ gesprochen, dem angeblichen Opfer, das sich beharrlich weigerte, die Namen der Täter zu nennen. Weil aber die Geschichte größte Aufmerksamkeit versprach, zudem ‚Jackie’ sowohl Frau Erdely als auch der Fact-Checkerin des Blattes glaubwürdig erschien, wurden alle Zweifel weggeschoben, andere Quellen nicht gesucht oder gehört. So kam eine Vergewaltigung ins Blatt, die sich nicht nachweisen lässt, mithin aus journalistischer Sicht nicht existiert – was auch der Wirklichkeit entsprechen mag.

Doch was ist die Moral von der Geschichte? Dass Menschen fehlbar sind, geschenkt. Dass eine Frau eine andere anlügt? Dass beide gewissenlos sind, gierig auf Erfolg, Aufmerksamkeit, Lob, Auszeichnung, auf Rampenlicht und Mittelpunkt? Auch geschenkt. Aber man hätte gern zu diesem Thema die Meinung von EMMA, die doch selbst Handlungen depressiver Piloten als männerspezifische Gewaltorgien einordnet. Was sind nur die genderspezifischen Folgerungen aus diesem Versagen? Sind angeblich männliche Eigenschaften wie Misstrauen, Distanz, Kühle im investigativen Journalismus vielleicht hilfreicher als geschlechtsspezifische Solidarität und Emotionen? Fest steht nur: Den künftigen Opfern von Vergewaltigungen werden solche Lügengeschichten nicht eben helfen.

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Von der Schwester eines Freundes folgende Geschichte: Während ihres Studiums jobbte sie um 1980 im Witthüs, einem Lokal weit im Westen Hamburgs. Es war ein schöner Tag, Lokal und Terrasse rappelvoll, und unter den Gästen auch ein Mann mit seinem Jungen. Beide saßen dort lange, der Vater hatte offensichtlich Freude, dem hungrigen Sohn jeden Wunsch zu erfüllen, großzügig wurde bestellt. Als es aber ans Bezahlen ging, stellte der Mann fest, dass er sein Portemonnaie vergessen hatte, es stecke im Mantel zuhause in der Innenstadt, rund 15 km entfernt – was man nun machen könne: Seinen Sohn als Pfand dalassen oder seinen Ausweis? Man einigte sich schnell auf den Ausweis, der Mann dankte, entschuldigte sich mehrfach und versprach, noch am gleichen Tag zurückzukommen und die Rechnung zu begleichen. Und so geschah es, gut zwei Stunden später war er wieder da, zahlte die Zeche und bat um seinen Ausweis. Und erst da fiel der Blick der jungen Serviererin auf den Namen: Rudolf Augstein. Sie hatte ihn nicht erkannt, in der Hektik des Betriebs keine Zeit gehabt, den Gast näher ins Auge zu fassen. Entsetzen, Entschuldigungen, aber Augstein wies das alles zurück. Es sei sein Fehler gewesen, ihre Reaktion völlig ok, er hätte zu danken – was er mit einem außerordentlich großzügigen Trinkgeld unterstrich. Erstaunlich. Heute würden viele in der Position Augsteins vermutlich irgendein Bohei veranstalten und auf ihre Prominenz verweisen, statt anstandslos die lästige Autofahrt hin und zurück zu akzeptieren. Andere Zeiten.

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Von derselben Person eine treffende Beobachtung: Personen aus dem früheren Westberliner ShowBiz wären verläßlich daran zu erkennen, dass sie äußerlich im Jahr 1989 stehengeblieben seien. Die Männer mit zu offenen Hemden, die Frauen mit zu hohen Stiefeln, beide immer zu braun, zu viel Gold, Baywatch-Frisuren.

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„Kommunikation ist die Grundlage jeder Beziehung“. So steht es in jeder Frauenzeitschrift und in noch mehr Psychologiebüchern und Management-Ratgebern. Viele Männer würden allerdings ergänzen: Nicht zu jeder Zeit und nicht immer verbal. Wer sich jemals voller Vorfreude auf die Sportschau vor den Fernseher setzte, um dann von Frau oder Freundin auf den Sonntagsausflug, die neuen Schuhe oder sonst drängende Fragen angesprochen zu werden, weiß, wovon ich rede. Kommunikation ist manchmal auch ein Killer – oder weckt zumindest Verständnis für solche.

Dass Kommunikation mitunter schädlich sein kann, belegt eine Anekdote in Paul Therouxs wunderbarem Reisebuch ‚An den Gestaden des Mittelmeers’. Überall stünden auf Gibraltar Schilder mit Warnhinweisen, wonach man die dort lebenden Affen nicht füttern, anstarren oder ansprechen solle. Trotzdem würden jedes Jahr mehrere Hundert Touristen gebissen. Und nun kommt das statistische Wunder: 90% der Gebissenen seien Frauen.

Woran liegt das? Meine auf Erfahrung gestützte Spekulation: Männer sehen die Affen und denken: ‚Verlauste Viecher, aber bitte: Sie kümmern sich um ihren Dreck, ich mich um meinen, alles ist gut.’ Also: Keine Kommunikation als bewusste Entscheidung. Frauen sehen dagegen Lebewesen, die ihren eigenen Wünschen nachgehen, ohne fremden Kommunikationsbedürfnissen Beachtung zu schenken. Der Diskurskonflikt ist unvermeidbar, nur dass die Affen Dinge tun können, die man keinem Mann mehr zugesteht. Interessant: Zumindest auf Gibraltar scheinen sämtliche Eigenschaften, die wie selbstverständlich Frauen zu- und Männern abgesprochen werden, nämlich Empathie, Rücksichtnahme, Dezenz und Einfühlungsvermögen, das Geschlecht zu wechseln. Doch wohl nur eine geographische Besonderheit. Ein Zauberfelsen.

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In der SZ vom Wochenende ein quälend schlichtes, in seiner naiven Begeisterung für Bindungsfreiheit geradezu anrührendes Plädoyer gegen die Ehe sowie – ernsthaft – ein Lob des Quickies. Engländer nennen solch vorsätzliche Niveau-Reduktion ‚dumbing down’. Aber vielleicht notwendig.

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Das angezündete Asylantenheim in Tröglitz, juristisch eine schwere Brandstiftung. Andererseits: Da niemand verletzt wurde, handelt es sich aus linker Perspektive lediglich um Gewalt gegen Sachen. An jedem 1. Mai entsteht in Berlin oder Hamburg, ganz abgesehen von den verletzten Polizisten, weit größerer Schaden, und die rund 2000 abgefackelten Autos in denselben Städten waren GRÜNEN, SPD und Linke auch nie ein Grund für scharfe Maßnahmen. Nun müssen sie erkennen: Der Sponti-Spruch „Anarchie ist machbar, Herr Nachbar“ kann sich auch gegen ihre Projekte wenden.

Brandstiftung ist sicherlich jenseits des zivilen Ungehorsams; überraschend ist sie nicht. Wenn die Politik Probleme negiert und, weil keine Wahlen anstehen, jede Diskussion verweigert, werden auch die Reaktionen schärfer. Zudem gibt die Regierung nicht ansatzweise zu erkennen, ob und wie sie den Flüchtlingsstrom eindämmen will. Nicht einmal rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber werden abgeschoben. So dürften auch die 1500 Schiffsbrüchigen, die am Wochenende in Italien landeten, schon in wenigen Tagen hier vorsprechen; Italien ist bekanntlich großzügig in der Vergabe von Eisenbahntickets. Doch statt irgendein Konzept vorzulegen, wie es nun weitergehen soll, herrscht die große Feigheit. Fast 40 Prozent der Afrikaner, also rund 500 Millionen, wollten 2009 nach einer Gallup-Studie ihre Heimat verlassen, seitdem sind die Verhältnisse dort keineswegs besser geworden – aber keiner der hiesigen Politiker traut sich, das Thema ernsthaft anzusprechen. Kein Wunder: Der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus wäre ihm sicher. Was wir gegenwärtig erleben, ist die größte Völkerwanderung seit 1500 Jahren, ist eine Landnahme mit friedlichen Mitteln, wenn auch nicht weniger aggressiv als kriegerische Maßnahmen – und mit ebensolchen Folgen für die eingesessene Bevölkerung. Glaubt denn wirklich jemand, dass irgendeiner der Flüchtlinge in völlig zerstörte, möglicherweise islamistische Länder zurückkehrt? In einen der abgewirtschafteten, von Clans terrorisierten afrikanischen Staaten? Oder dass es deren Kinder tun? Wer hierher kommt, wird bleiben. Selbst unter den Brücken ist das Leben in Deutschland besser als in den Slums von Lagos, Nairobi oder Kinshasa. Hinzu kommt die Wanderung aus den europäischen Armenhäusern, die wir der EU-Freizügigkeit verdanken, und dann noch der Asylantenstrom aus dem Balkan, aus Syrien, Irak, Tschetschenien, Weißrussland. Alles Menschen mit eigenen Werten, eigenen Ansichten, oft fragwürdigen, unserem Rechts- und Staatsverständnis entgegengesetzten Haltungen. Doch selbst eine derart dramatische Herausforderung an dieses Land ist für die Kanzlerin und ihren Stellvertreter kein Anlass zur Stellungnahme oder Einordnung. Keine große Rede, keine Ansprache an die Nation. Aus den Parteien, angeblich an der politischen Willensbildung des Volkes beteiligt, ebenfalls nichts. Statt dessen sprachloses Wegtauchen oder mediale Denunziation; die Probleme überlässt man den Brandermittlungsbehörden und Sicherheitsapparaten auf der Straße. Und der NPD. Die sollte der großen Koalition Kränze winden. Denn nichts fördert diese elende, eklige Partei mehr als Negieren, Wegschauen und Nichtstun. Auch das wird irgendwann in der Leistungsbilanz der großen Koalition stehen.

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Seit Wochen immer das gleiche Spiel der griechischen Regierung: Einlenken, drohen, einlenken, drohen. Mal mit immer größeren Reparationsforderungen, dann mit dem Grexit, dem Öffnen der Tore für weitere Flüchtlingsmassen oder der Hinwendung zu Putin, zuweilen ergänzt durch wüste Beschimpfungen. Beleidigung und Erpressung als Grundlage staatlichen Umgangs. Nicht nur von Seiten Griechenlands, Italien und Frankreich formulieren lediglich eleganter. Auch wenn es Merkel noch nicht weiß: Europa – Euro hin oder her – ist längst gescheitert.

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“Steinewerfen ist der Lieblingssport der Deutschen”, schrieb ich in meinem letzten Eintrag, und weil dort auch ein jüdischer Witz vorkam, griff ein Freund beides auf (hier für jene, die  diesem Blog nicht auf Facebook folgen):

Christus, neben ihm die Ehebrecherin, zu dem Umstehenden: “Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.” Von hinten kommt ein Stein geflogen. Jesus: “Mutter, lass das!”