Kölner Kommentardesaster und der Untergang des Urbanen

In der American Academy ein Vortrag des amerikanischen Rechtswissenschaftlers David Abraham über Fragen von Integration und gesellschaftlicher Solidarität. Sein Blick auf die deutsche Politik und die Zukunft dieses Landes ist bestenfalls skeptisch. Der Flüchtlingsbegriff sei von Merkel und Medien „beyond recognition“ überdehnt worden, der europäische Zusammenhalt durch den deutschen Sonderweg ernsthaft gefährdet. Gutmenschentum sei kein Mittel, die Vergangenheit zu reparieren, die Vermischung von Einwanderung, Asyl und Duldung für Deutschland weder nützlich noch aufrichtig („neither productive nor honest“). Kein Land könne es sich erlauben, auf Auswahl seiner Neubürger zu verzichten. Die Integration der Muslime in den USA funktioniere deshalb, weil sie aus der gebildeten Mittelschicht Südostasiens kämen, nicht aus der Bauernschaft Anatoliens oder Nordafrikas; auch spielten sie prozentual keine Rolle. Das migrantische Prekariat der USA stamme aus Mexiko, doch seien deren Angehörige eben christlich und immun gegen radikalislamische Versuchungen. Die Amerikaner würden pro Jahr etwa 235.000 Leute abschieben, darunter nicht nur Illegale, sondern auch solche, die zwar einen Aufenthaltsstatus, aber keine volle Staatsbürgerschaft hätten. Zwei Drittel der Abgeschobenen seien Kriminelle; bei Sexualstraftaten werde immer abgeschoben. Staaten, die ihre Landsleute nicht zurücknehmen wollten, müsste man mit Druck oder Bestechung gefügig machen. Statt der Türkei jetzt 3 Milliarden Euro zu zahlen, hätte man ihr die Mittel zur Verfügung stellen sollen, um die Migranten von Deutschland fernzuhalten. Ach, dieser nüchterne Pragmatismus! 

Danach ein Gespräch mit einem Rentner, der als einer von 60 Ehrenamtlichen Deutschkurse für die rund 1100 ‚Flüchtlinge’ im alten Rathaus Wilmersdorf gibt. In den Kursen seien meistens nur Frauen und alte Männer, kaum mehr als zwei oder drei Personen; die jüngeren seien alle irgendwo in der Stadt unterwegs. Kaum ein Migrant könne auch nur ein Wort Deutsch oder Englisch, viele weder lesen noch schreiben. Von den jüngeren sehe kaum einer einen Grund, Deutsch zu lernen. Sie wollten einen Job als Handwerker, Mechaniker, was auch immer, und zwar jetzt. Das habe ihnen Merkel versprochen. Den Übersetzer müssten eben die Deutschen stellen. Wenn das die Leute sind, von denen es hieß, sie wären eine Bereicherung für Deutschland und wollten hier ein Leben aufbauen, ist noch viel zu erwarten – jedoch nur weniges, was Hoffnung macht. 

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Sieben Identitäten (und vermutlich auch sieben Ansprüche auf Geld und Sachleistungen) hatte der in Recklinghausen lebende Terrorist, der in Paris zwei Polizisten attackierte. Ein Freund lakonisch: Das zeige zwar die Qualitäten des deutschen Meldesystems, gebe aber Anlass zur Hoffnung. Vielleicht seien gar nicht 1,2 – 1,5 Millionen illegal eingewandert, sondern nur ein Siebtel.

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Merkel, Jäger, Gabriel, Maas – alle fordern eine „deutliche Reaktion des Rechtsstaates“, also genau jener Institution, die sie bisher in der ‚Flüchtlingskrise’ unter Verstoß gegen Dublin II und Verfassung suspendiert und mit Füßen getreten hatten.

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‚Köln’ prüft nicht nur den deutschen Rechtsstaat. Die Vorgänge sind auch ein Test für die Qualität oder Abwegigkeit deutscher Kommentatoren. Jacob Augstein (SPIEGEL) sah nur „ein paar grabschende Ausländer“, für Alan Posener (WELT) ist der Tahir-Platz in Kairo, auf dem sich eine Frau ungeschützt nicht bewegen kann, „viel zivilisierter als die Wiesn“. Ähnlich sieht es wohl das ZDF, das die von der taz gestreuten Lügenzahlen über angebliche Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest ungeprüft übernahm (dankenswerterweise von der FAZ richtigstellt). Doch das alles toppt die Literaturprofessorin Barbara Vinken aus München, die eine ganz eigene Sicht offenbarte: „Der Diskurs über den Orient und seine so vielversprechende wie bedrohliche Sexualität scheint mir, kurz gesagt, Symptom von Kastrationsangst… Sollten wir nicht hoffen, dass die neuen Männer, seien es Syrer oder Araber, ihren Frauenkult mitbringen und altdeutsche Ängste beschämen?“ Nebenbei: So jemand wird vom deutschen Steuerzahler alimentiert. (Dank an IR für den Hinweis)

Kaum schreibt man dies, scheitert ein weiterer Kommentator. Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, publiziert auf ZEIT.online ein Stück, das einen ratlos lässt: Sophistisch, selbstverliebt, verquast, herablassend gegenüber Regierung und Polizei, dabei bemüht ironisch und neckisch. ‚Köln’ als große Lachnummer. Ist das wirklich der angemessene Stil und Ausdruck für einen Vorsitzenden Richter des BGH?

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Spaziergang in Berlin-Kreuzberg. Vor einem türkischen Vereinslokal Männer mit Strickkäppis und Gebetsketten, etwas abseits Frauen in schwarzen Kleidern, mit schwarzen Kopftüchern. Solche Szenen kennt man aus jeder deutschen Großstadt, auch aus London, Marseille, Rotterdam, Kopenhagen. Und überall, besonders sogar vor den hochmodernen Glas- und Stahlfassaden der arabischen Metropolen, wirken die Personen deplaziert, die Szenen surreal, so als hätten sich die Leute verirrt, verlaufen bei der Suche nach ihren Ziegen und Eseln. Es ist, als wären Mittelalter und Dorf in die Stadt eingezogen, und mit ihnen eine archaische, anti-moderne Gesellschaft.

Das ist vermutlich auch der eigentliche Konflikt, der hinter ‚Köln’ steht, aber auch hinter den muslimischen Gegengesellschaften in vielen deutschen Städten: Das Aufeinandertreffen von urbanem Individualismus und atavistischen, vormodernen Clanstrukturen; von Stadt und Dorf. Nur, und das zeigt das Scheitern der Integration, scheint die Stadt ihre frühere Urbanisierungskraft verloren zu haben, das städtische Toleranzedikt nicht mehr zu wirken. Stadtluft macht nicht mehr frei. Statt sich auf die Stadt einzulassen, ihre Anonymität und Freiheit von familiärer Kontrolle zu schätzen, gehen viele Migranten den entgegengesetzten Weg: Zurück in die Dorfgemeinschaft mit ihren jahrhundertealten Regeln von Ehre, Zwangsheirat und Friedensrichtern, in die zweifelhafte ‚Wärme’ des Clans – oder, in Ermangelung einer Familie, in die Bruderschaft terroristischer Zellen.

Diese Verdörflichung der Städte ist der eigentliche Angriff auf das westliche Gesellschaftsmodell – mehr als terroristische Attentate. Viele einst hoch-urbane, libertäre Städte wie Beirut, Tanger oder Kairo sind längst wieder zu dem geworden, was arabische Metropolen die längste Zeit waren: Nicht Städte im europäischen Sinn, sondern einfach nur Ansammlungen von Unterkünften – ohne Rathäuser, ohne Gerichtssäle, ohne irgendeine bürgerliche Idee von freiheitlicher Selbstverwaltung. Und vor allem ohne irgendeinen kreativen Impuls. Standen Anfang des Jahrhunderts die genannten Städte für hohe Intellektualität, waren sie Treffpunkte für europäische und amerikanische Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle, haben sie heute jede Anziehungskraft verloren. Mit dem Untergang des Kolonialismus verlor auch die westliche Urbanität ihr Fundament. Nun ist dort alles plattes Land. Und hier droht Ähnliches.

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In welche Zeitung man auch schaut, die Ablehnung des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump ist einhellig. Dafür gibt es teils gute Gründe, nur ist derjenige, der für die größte Erregung sorgt, vielleicht der einzige, der für ihn spricht: Sein Vorschlag, keine Muslime mehr ins Land zu lassen. Tatsächlich muss man fragen, ob die Glaubensfreiheit von Gästen und Einwanderern wichtiger sein soll als die Sicherheit der Einwohner. Wer Verwandte, Kinder oder Freunde bei Anschlägen verloren hat, wird darüber möglicherweise anders denken als, sagen wir, Kolumnisten der ZEIT oder taz, die auf die verfassungsrechtlich garantierte Glaubensfreiheit pochen. Aber auch die Verfassung ist ein Produkt ihrer Zeit, und in diesem Fall Ausdruck eines naiv-optimistischen Weltbildes, entstanden in einer Zeit westlich-kultureller Dominanz und vor Massenvernichtungswaffen, Globalisierung und Migrationsströmen. Ob man an dieser Naivität zugunsten Fremder festhalten will, auch auf Kosten des Lebens der eigenen Landsleute, ist die Frage, die Trump stellt. 

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Ich stelle derzeit in bürgerlichen Kreisen eine andere: Ob man denn auch künftig Frau Merkel wählen würde? Gelächter, Empörung, zuweilen geradezu offene Wut, auch gegenüber der Partei. Der 9-Minuten-Beifall für Merkel auf dem letzten Parteitag ist unvergessen. Er würde, so einer der Befragten unter allgemeiner Zustimmung, nie mehr eine Partei wählen, die applaudiere, während Frau Merkel das Land ruiniere. Das werden interessante Wahlen. Allerdings: Dieselbe Frage in SPD-Kreisen löst annähernd gleiche Reaktionen aus. Und selbst im grünen Milieu wachsen seit ‚Köln’ die Zweifel.

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Aiman Mazyek bei Maischberger. Der Chef des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) sieht selbstverständlich die Kölner Exzesse in keinem Zusammenhang mit dem islamischen Frauenbild. Für ihn ist Islam gelebte Gleichberechtigung. Wie das aussieht, kann man auf der Website des ZMD erfahren. Dort wird weiterhin empfohlen, bei Eheschließungen in Deutschland das islamische Erbrecht in den Ehevertrag aufzunehmen, das Frauen klar benachteiligt. Auch dürfen muslimische Frauen keinen Nicht-Muslim heiraten. Die Verweigerung des ehelichen Beischlafs ist nur bei psychischen oder körperlichen Erkrankungen gestattet. Besonders drollig sind die Ausführungen zur Zeugenschaft: „Es gibt keine Regel im Islam, die besagt, dass die Aussage eines Mannes der Aussage von zwei Frauen entspricht. (…) Bei Zeugenschaft für geschäftliche Verträge o. ä. muss man zwei Männer als Zeugen haben oder einen Mann und zwei Frauen.“ Würde die katholische Kirche solche Dinge auf ihrer Website veröffentlichen, gäbe es einen Sturm der Entrüstung. Dass der ZMD jahrelang den radikalislamischen Muslimbrüdern nahestand (und vielleicht noch steht), ergänzt dieses Bild einer ehrenwerten Gesellschaft. Aber warum wird jemand wie Mazyek immer und immer wieder von öffentlich-rechtlichen Sendern eingeladen?

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Wenn unser Justizminister wirklich ein Zeichen für die Verteidigung des deutschen Rechtsstaates setzen wollte, wäre dies das erste: Der Erlass eines Gesetzes zur drakonischen Bestrafung von ‚Friedensrichtern’, mit hoher Mindeststrafe und ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung. Das wäre ein Signal.

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In seinem wunderbar abwegigen Klassiker ‚Per Anhalter durch die Galaxis“ schildert Douglas Adams den Plan einer Lichtjahre fernen Zivilisation, sich von den Dümmsten ihrer Gesellschaft zu trennen. So baute man ein riesiges Raumschiff für den Flug ins Nirgendwo, sabotierte jede Möglichkeit einer etwaigen Rückkehr und redete den Astronauten ein, sie wären die erwählten Kolonisatoren neuer Welten. Und so gingen Tausende voller Stolz über ihre Aufgabe an Bord – und zwar ausschließlich Friseure und Kellner, weil jene Zivilisation Angehörige dieser beiden Berufsgruppen als besonders überflüssig, dumm und verschwatzt empfand.

Warum ich das erzähle? Weil ich nicht annehme, dass Douglas Adams tatsächlich einen exterminatorischen Groll gegen Friseure und Kellner empfand. Vielmehr war gerade die eher abstruse Art der Selektion ein Instrument des Absurden und der Komik, kein Aufruf zur ernsthaften Debatte.

Genau so aber haben nicht wenige Leser meine letzten Einträge zum Existenzrechts der arabischen Welt und zur Übernahme des schwarzen Prekariats der USA verstanden. Ich habe Juwelen des Aberwitzes erhalten, ernsthafte Stellungnahmen zum Fleiß beispielsweise der Afrikaner, die „bei ihrer Mutti lernen, wie man die Küche putzt“. Andere monierten treuherzig, mein ‚arabischer Vorschlag’ sei „ja wohl ein bisschen hart“. Und nicht wenige empörten sich wortreich über den ‚Rassismus’ meines amerikanischen Freundes – einen ‚Rassismus’, den sie vermutlich auch Douglas Adams vorhalten würden.

Deshalb an alle ferngalaktischen Friseure und Kellner: Man kann die Absurditäten der Wirklichkeit, sei es die unkontrollierte Einwanderung oder die Diskussion über das Existenzrechts des Staates Israel, auch dadurch deutlich machen, dass man sie mit noch größeren Absurditäten konterkariert. Und: Das nächste Raumschiff ist im Bau.