Journalismus als narzisstische Kränkung

Blick in die Zeitungen: Trauer, Empörung, Unverständnis, Wut. Und all dies wegen einer urdemokratischen Entscheidung: Weil die Engländer beschlossen haben, die EU zu verlassen. Also eine Organisation, deren demokratische Defizite immer und immer wieder moniert, aber nie behoben wurden; die für immer neue Skandale um Selbstbedienung, Nepotismus, Korruption und Verschwendung stand und steht; die die Meere leerfischt, Butter- und Rindfleischberge, Milchseen und Halden von Tomaten, Oliven oder Orangen produziert, die dort verrotten; die in der Ukraine, so selbst Außenminister Steinmeier, durch eine wenig kluge Politik einen Krieg provozierte; die offen das selbst gesetzte Recht bricht und einen Hang zu Intransparenz, Heimlichkeit und Lobbyistenhörigkeit hat; und deren Chef nach eigenen Worten der Lüge huldigt und nach Ansicht anderer vor allem dem Alkohol.

Durchaus Gründe also, diesem Club die Mitgliedschaft zu kündigen. Doch in den deutschen Medien vom Samstag finden diese Gründe kein Gehör. Statt dessen herrschen Leberwurst und üble Nachrede. Es hätten, so ein Tweet der taz-Frauen, die „Rassisten“ gewonnen. Die halbe britische Bevölkerung nun plötzlich Rassisten, und dieser Vorwurf ausgerechnet von Deutschen? Der Tagesspiegel sieht die „Alten“ am Werk, ebenso tut es der Online-Chef der FAZ, Mathias Müller von Blumencron. Für ihn haben sich die Wähler am europäischen „Erbe versündigt. Es wird Zeit für eine neue Rebellion. Es wird Zeit, dass die Jüngeren wieder härter mit den Älteren abrechnen.“ Versündigen, Rebellion, härter abrechnen? Ist dieser SA-Slang der FAZ angemessen, und angemessen einer demokratischen Entscheidung?

Auch die Süddeutsche beklagt den Einfluß der Älteren vom Lande, die gegen die Interessen der jüngeren Städter gestimmt hätten. Was allerdings diese Interessen sein sollten, bleibt ungesagt. Die Haftung für griechische Renten, für spanische oder zypriotische Banken? Die Vernichtung der europäischen Nationen wie ihrer Sozialstandards durch den rechtswidrigen und millionenhaften Zuzug von Migranten? Oder sollte das Interesse der Jugend in der Aussicht auf Altersarmut liegen, garantiert durch die Zins- und Anleihenpolitik der EZB und Herrn Draghis?

All dies bleibt so nebulös wie die der Jugend unterstellte Weitsicht. Zumindest in Deutschland war die Jugend selten ein Garant für politische Klugheit. Man lief dem Kaiser so begeistert hinterher wie später Hitler und noch später Stalin, Mao, Pol Pot oder Ho Tschi-Minh. Wenn die britische Jugend so gutmütig, unbeschlagen und historisch schimmerlos ist wie die deutsche, sollte man in politischen Dingen eher auf die Älteren vertrauen – und auf die weitgehend negativen Erfahrungen, die viele Ältere mit der EU, mit Regulierungswahn, Euro und Rechtsbruch gemacht haben.  

Vorbildlich objektiv auch ZDF-heute am Tag der Entscheidung. Ein einziger Befürworter des Brexit wurde interviewt: Ein eher skeptischer Brite, der zwar froh ist, dass man nun wieder Herr im eigenen Haus sei, auch wenn dies kein einfacher Weg werde. Ansonsten ausschließlich EU-Befürworter, vor allem aus Schottland. Die Welt der LEAVE-Wähler fand nicht statt, als hätte niemand für den Ausstieg gestimmt; ihre politischen Vertreter wurden nicht gezeigt. Und auf die erste Stellungnahme von Außenminister Steinmeier hin, dass es ein Weiter-so nicht geben dürfe und man nun in die Bevölkerung hineinhorchen müsse, fragte das ZDF wen um Auskunft nach den Befindlichkeiten des Volkes? Ausgerechnet und ausschließlich Linke-Chef Bernd Riexinger, also den Vorsitzender einer Partei, der die Bevölkerung in den letzten Landtagswahlen überall drastisch Vertrauen und Mandate entzog.

Ebenfalls zu vernehmen: All diejenigen, die ihre elitäre Verachtung des Volkes in den Mantel der Besorgnis hüllen. Auf STERN-Online befand Micky Beisenherz: „Demokratie ist eine feine Sache. Das Dumme daran ist nur, dass die Doofen mitmachen dürfen.“ Für Nikolaus Blome von BILD sind die Briten schlicht „irre“. Sogar ins Grundsätzliche geht Ulrich Reitz vom FOCUS in seiner Videobotschaft: „Man darf Staatsdinge auf gar keinen Fall dem Volk anvertrauen. Wer das Volk fragt, der muss sich nicht wundern, wenn völlig falsche Entscheidungen fallen.” Rund 18 Millionen Briten als Doofe und Irre, und generell – dort wie hier – das Volk als Garant für völlig falsche Entscheidungen. Warum es dann jedoch in der Lage sein soll, bei Unterhaus- oder Bundestagswahlen die richtigen Kreuze zu machen, bleibt irgendwie im Dunkeln. Auch die hiesige Rechtsprechung aus Karlsruhe, wonach bei konstitutiven Entscheidungen allein (!) das Volk zu entscheiden habe, scheint Herrn Reitz nicht zu irritieren. Für ihn und andere gilt: Repräsentative Demokratie ist operabel nur als Verbrämung eines Führerstaates der Elite.

Zahllos ferner die Warnungen vor dem wirtschaftlichen Untergang, und dies auch von Leuten, deren Kenntnisse der Nationalökonomie bisher kaum in Erscheinung traten. Ein Tenor der Einhelligkeit: Großbritannien wird abstürzen, untergehen, zu einer kleinen, abgehängten Insel verkümmern. Das widerspricht zwar allen Erfahrungen, dem universitären Standard wie auch der Anpassungsfähigkeit der Briten; doch die gegenteilige Prognose findet sich nirgends. In jedem Fall wäre sie Brüssels Albtraum: Dass nämlich Großbritannien, befreit von Bürokratie, Einheitsrichtlinien und Milliardenzahlungen, wirtschaftlich vorankommt, während der Euro-Raum stagniert, Milliarden in die Bankenrettung steckt und sozial zerbricht. Nun gibt es seit Freitag einen Maßstab des Vergleichs.

Man könnte beliebig fortfahren. Wenige Berichte sind journalistisch-nüchtern, Verständnis für den Brexit äußert kein Journalist. Immerhin fragt Dirk Schümer in der WELT, ob der Sieg der EU-Skeptiker nicht auch auf Versäumnisse von Merkel, Juncker und Schulz zurückgehe, und ob der Unmut nicht seine Berechtigung habe. Ansonsten herrscht Einheitsmeinung: Die Rassisten, Deppen, Alten, die Bauern und Anti-Modernisten haben gewonnen; das Dumpfe triumphiert, verloren hat das weltoffene, urbane, jugendliche Europa. Mehr Schwarz-Weiß war nie. Und selten auch weniger Begründung.

Deutlich wird: Es geht gar nicht um Abwägung, Argumente, den Versuch der Objektivität; es geht um kollektive Selbstversicherung. Man will gut sein, modern, auf Seiten der Zukunft stehen – und die gehört, so sehen es viele Journalisten, natürlich nicht Volk oder Nation oder Grenzen. Sie gehört supranationalen Projekten, und damit der EU. Wer den alarmistischen Ton betrachtet, mit dem viele deutsche Medien vor der Wahl den Zusammenhalt beschworen, wie auch den wütend-hysterischen nach dem Brexit, kommt kaum umhin, an eine schwere narzisstische Kränkung zu denken. Nachdem sie schon bei Islam und Flüchtlingskrise mit Bewertung und Prognosen daneben lagen, nachdem die Heilsgewißheit des Euro und der kommenden europäischen Wirtschaftsmacht in Rettungsaktionen und höchster Arbeitslosigkeit verdampfte, geht die Angst um unter Journalisten – vor dem Verlust der Deutungshoheit wie der eigenen Bedeutung. BITTE GEHT NICHT, der SPIEGEL-Titel zum Brexit, war daher nicht nur als Appell an die Briten zu lesen; ebenso war er eine Botschaft an die eigenen Leser.

Die EU muss sich ändern, heißt es nun allerorten. Aber ändern muss sich auch der Journalismus. Der alte der fortgesetzten Bevormundung ist, wie schon bei AfD und Pegida, gescheitert. So wenig wie die Briten der EU, vertrauen viele Deutschen der Lügen-, Beschwichtigungs- und Schönwetterpresse. Nicht nur in Brüssel gibt es viel zu überdenken. Aber jede Wette: Wirklich ändern wird sich nichts.

* * *

In der JF macht Karlheinz Weissmann dankenswerterweise darauf aufmerksam, wie sehr Humanität und Nächstenliebe zur Tradition der Linken gehören. So sah die Zeitschrift Konkret die vietnamesischen Boatpeople, die zwischen 1978 und 1989 vor dem kommunistischen Terrorismus flohen, als „Schwarzhändler, Zuhälter und US-Kollaborateure“. Andere wollten den „Konterrevolutionären“ das Asylrecht verweigern, der Schriftsteller Peter Weiss sie der kommunistischen Schutzhaft überstellen; und der hessische Ministerpräsident Holger Börner fragte skeptisch, ob diese Leute nicht aus einem sehr fremden Kulturkreis kämen. Das taten sie. Aber sie haben sich besser integriert als viele, die laut und faul sind und diesen Staat immer noch ablehnen, obwohl sie länger hier und von ihm leben.

* * *

Alan Posener, Chefkommentator der WELT, twittert zum BREXIT, zustimmend geteilt von Springer-Kollegen: „So Cameron / Farage / Johnson / Corbyn managed to do what Napoleon, the Kaiser and Hitler failed to do: destroy Great Britain. Well done, lads, have fun in Little England.“ Die ‚Leave’-Wähler als Hitlers willige Vollstrecker, der Brexit als zweites Coventry? So etwas nennt man wohl Relativierung. Für jemanden, der sich nicht zu knapp seiner jüdischen Herkunft berühmt, ist das zumindest eine originelle Position.

* * *

Mehr aus der Welt der journalistischen Wunder: Über Jahre wurde, wann immer es um den Islam und seine Modernisierungsfähigkeit ging, von allen Medien auf Professor Bassam Tibi verwiesen, den Erfinder des „Euro-Islam“. Wie kein anderer stand er für die Hoffnung, dass westlicher Pluralismus und Islam doch irgendwie verschmolzen werden könnten, zumindest in Europa. Nun hat Bassam Tibi seiner Idee abgeschworen, sie im Magazin CICERO öffentlich wiederrufen. Es gäbe keinen Euro-Islam, die Idee sei gescheitert. „Ich kapituliere. Der Kopftuch-Islam hat gesiegt“. Resonanz in den Medien? Mehr oder minder null. Nicht einmal sein altes Hausblatt FAZ hat berichtet.

* * *

Noch eine Nachricht von letzter Woche über den SPIEGEL, die zunächst an mir vorbeigegangen war: Wegen Rückstellungen und schwacher Geschäftsentwicklung wurde die Gewinnausschüttung auf einheitlich 1.000 Euro pro Mitarbeiter reduziert; früher betrug sie oft 2 Monatsgehälter. Das alte Gesetz, auch bei anderen Medien zu sehen: Für Ideologie und Regierungsnähe zahlt man erst mit Auflage, dann mit Gehalt und Arbeitsplatz. 

* * *

Ein etwas zynischer Freund mit Hang zur Selbstbetrachtung: „Erst kommt das Fressen, zugleich die Unmoral.“