Grass als Symbol, und Noten auch

Immer noch eine der fröhlichsten Fürsprachen des Konservatismus’: Wolf Jobst Siedlers Schlußsätze im Vorwort seiner legendären Architekturkritik ‚Die gemordete Stadt’ (1961): „Die Rückschrittlichkeit dieses Bandes bezieht also ihr gutes Gewissen aus den freundlichen Beziehungen, die er mit dem Fortschritt zu unterhalten glaubt. Sein Konservatismus hat die heitere Arroganz, von seiner Modernität überzeugt zu sein.“ Das Buch ist leider nur noch antiquarisch und dort zu erstaunlichen Preisen von bis zu 450.- € zu haben.

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Der Aufsichtsratsvorsitzende gibt bekannt, er sei „auf Distanz zum Vorstandsvorsitzenden“. Zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem sollte dies Verhältnis üblich sein.

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Ein freundlicher Leser fragt, wie ich das Problem des Flüchtlingsstroms lösen würde. Die Antwort lautet: Arabisch, eben wie Saudi-Arabien, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate es tun, oder auch fast alle Länder außerhalb Europas: Abschotten, Grenzen dichtmachen, allenfalls einzelne Personen aufnehmen. Keinem der außerordentlich reichen arabischen Länder würde es einfallen, seine Glaubensbrüder ungehindert einreisen und dort leben zu lassen. Wie bereits an anderer Stelle kürzlich gesagt: Zur Politik gehört es, Unerträglichkeiten stoisch zu ertragen. Aber noch besser wäre die Politik, wenn sie dieses Dilemma offensiv erläuterte.

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Selbst erlebt: „Entschuldigung, wie schreibt man Szene?“ „S-Z-E-N-E“. „Danke. Aber wie schreibt man ein großes ‚ß’?“

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Bekanntermaßen verschwieg Günter Grass jahrzehntelang seine SS-Mitgliedschaft, attackierte aber andere fehlbare Personen ohne Nachsicht. Ausgerechnet ihm meint SPD-Generalsekretärin Fahimi nachrufen zu müssen, er sei „immer ehrlich gewesen“. Was die SPD so für Ehrlichkeit hält.

Näher betrachtet scheint das Leben von Grass eher tragisch als beneidenswert. Anders als Thomas Mann oder Gottfried Benn war Günter Grass im doppelten Sinne ein früh Vollendeter: Nicht nur früh auf dem Höhepunkt seines Schaffens, sondern früh schon darüber hinaus. Eindrucksvoll bis bedeutend Katz und Maus, Blechtrommel, Hundejahre, dazu ein Gedichtband. Danach kam nichts mehr, was wirklich leuchtete, berührte, im Leser nachhallte: Butt, Rättin, Telgte, weites Feld, Krebsgang, Zwiebelhäuten muss man nicht lesen, man sollte es nicht einmal. Ohne Ideen und Wagnis, sprachlich stehengeblieben, die immer gleich ziselierte Barockprosa. Literarisch nur noch Abstieg. Wenn viele Nachrufe Grass als Symbolfigur dieses Landes sehen, gilt das vielleicht auch in diesem Sinne. 

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„Was hat ein, sagen wir 40jähriger Mann, der arbeitet, seine Familie unterhält Steuern und Abgaben ehrlich entrichtet, vom Staat zu erwarten? Außer Unheil gar nichts. Nicht zufällig, dass die gewählten Hoheiten des Staates und der Gebietskörperschaften vornehmlich als Fürsprecher von Sonderinteressen, Verständnisträger für Minderheiten, als Betroffene an jedwedem Leid jenseits der eigenen Zuständigkeit hervortreten: Sie haben zum Geschick der Mehrzahl nichts mitzuteilen. So werden sie auch von der Mehrheit, die sie ins Amt gebracht hat, geachtet und angesehen.“ Der unvergessene Johannes Gross in seinen Notizbüchern, 1987. Das gilt auch 30 Jahre später unverändert: Jedes Partikularinteresse, jede Minderheiten-Forderung wird zum ‚Problem der Gesellschaft’ erklärt, zur ‚Gerechtigkeitslücke’ oder zum Ausdruck sozialer Kälte: Frauenquote, Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, Betreuungsgeld, Mütterrente, Hartz IV-Sätze, syrische Flüchtlinge, etc. Nur für die steuerzahlende Mehrheit wird, siehe Soli oder kalte Progression, nie etwas getan.

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Motto eines melancholischen Patriotismus’: My country, right and wrong.

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Koinzidenz. Eine Versicherung will die Prämien für Häuser in der Nähe von Flüchtlingsheimen erhöhen. Es folgt ein Aufschrei in den Medien, sofort rudert die Versicherung zurück. Drei Tage später die neue Einbruchsstatistik mit enormen Zuwachsraten, zurückzuführen auf gut organisierte Räuberbanden aus dem Ausland. Die daraus folgende Erhöhung der Policen ist nirgends ein Thema, doch will die Politik den Einbau einbruchshemmender Schlösser subventionieren. Statt die Ursachen zu bekämpfen, überträgt sie Aufwand und Rechtsgüterschutz dem Privatmann.

Das Gleiche auch im Kleinen: Rund 200 Meter der teils sechs-, teils achtspurigen Hardenbergstraße, die den Bahnhof Zoo mit dem architektonischen Grauen verbindet, das Ernst-Reuter-Platz heißt, sind seit einiger Zeit 30er-Zone. Laut Auskunft eines Polizisten ist der Abschnitt Unfallschwerpunkt, weil immer wieder Studenten aus der angrenzenden TU nicht die Ampelübergänge nutzen, sondern vogelwild die Straße queren. Auch hier die Reaktion: Statt die Studenten zu ermahnen oder zu bestrafen, gängelt man lieber die Autofahrer. Deren Verwarnungen sind auch lukrativer.

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„Schauen Sie nach Berlin. Dort sind einige Bezirke aus dem Gleichgewicht geraten, weil der Anteil der Ausländer innerhalb kürzester Zeit extrem gestiegen ist. Wenn man aber auf der Straße fast keinen Deutschen mehr sieht, dann schrillen bei den Deutschen, aber auch bei den schon alteingesessenen Migranten die Alarmglocken.“ Die Berlinerin und heutige Integrationsministerin Baden-Württembergs, Bilkay Öney (SPD, bis 2009 bei den GRÜNEN), in der Südwestpresse. Man stelle sich die Reaktionen vor, hätte dies Alexander Gauland gesagt.

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In der FAZ schildert der Zoologe Axel Meyer von der Universität Konstanz seine Erfahrungen mit Studenten an deutschen Hochschulen. Fachbücher würden kaum gelesen, bei den Prüfungen werde betrogen und offen geschummelt, auch habe man versucht, in sein Büro einzubrechen – wohl um die Fragen der anstehenden Klausur einzusehen. Wer einen Test verpasse, ob aus Unlust oder sonstigen Gründen, habe Anspruch auf eine Nachklausur, versemmele er diese, könne noch eine mündliche Prüfung gefordert werden. Rätselhaft nicht nur für ihn, sondern auch für viele ausländische Studenten der Verzicht auf Studiengebühren. „Warum wir“, so Professor Meyer, „auf Kosten der deutschen Steuerzahler nicht nur Deutsche, sondern auch die zukünftige ausländische Konkurrenz ausbilden – denn hier bleiben die wenigsten – und damit einheimische Arbeitsplätze gefährden, bleibt wohl ein Geheimnis unserer vorausschauenden Politiker“. Gleichzeitig ist dieser Tage in allen Zeitungen zu lesen, dass kaum noch jemand einen Lehrberuf ergreift, alle auf die Universitäten drängen.

Noch dazu: Schon vor 25 Jahren erwähnte ein Freund, der sein Studium der Genforschung in den USA fortsetzte, die völlig andere Einstellung dortiger Studenten. Alle hielten das Studium, trotz hoher Gebühren, für ein Geschenk, dessen man sich würdig erweisen müsse, auch mit Blick auf den Ruf der Universität. Abschreiben oder Schummeln sei völlig undenkbar. Es herrsche der Geist der sportlichen Konkurrenz: Man wolle sehen, wer besser, wer der Beste ist.

Wie wenig Verständnis die Amerikaner für Betrug bei Leistungsprüfungen haben, zeigen die Vorgänge in Atlanta. Dort verurteilte ein Richter drei Schuldirektoren, die Tests zugunsten schwächerer Schüler manipulierten, zu jeweils 20 Jahren Haft, die erst nach 7 Jahren überhaupt zur Bewährung ausgesetzt werden darf. Wenn es um Chancengleichheit und individuelle Leistung geht, lassen die Amerikaner nicht mit sich spaßen.

Überhaupt erstaunt immer wieder die Unkenntnis, geht es um die historische Entwicklung, aber auch um den Zweck von Noten und Leistungsbeurteilungen. Beide sind außerordentlich soziale Errungenschaften des bürgerlichen Staates. Waren Posten und Beförderungen über Jahrhunderte von den Launen und Sympathien des Herrschenden abhängig, zählten plötzlich Fleiß, Wille, Einsatz, Können. Geburt und Beziehungen traten zurück, auch weniger glücklich Geborene konnten sozial aufsteigen. Die Abschaffung von Noten, gerade unter GRÜNEN und Sozialdemokraten beliebt, ist daher ein extrem reaktionäres, anti-egalitäres Projekt.