Glückliche Pessimisten, konservative Genossen

Kurzkritik: Der Schriftsteller Jurek Becker habe einst in einer Buchhandlung gedankenverloren in einem seiner Bücher geblättert, als ihm der Buchhändler, an ihm vorbeigehend, zuraunte: „Des isch nix“.

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Gespräch über einen verstorbenen Psychiater, den ein durchaus eigenwilliges Verständnis der ärztlichen Schweigepflicht zeichnete. Was immer er erfuhr, ging brühwarm oder noch heißer an seine Freunde. So waren die über alle Psychosen, Depressionen, Eheprobleme oder sexuellen Absonderlichkeiten eines Teils der Münchner Gesellschaft informiert. Man möchte nicht selbst betroffen sein, aber aus der Entfernung: Eine Thomas Mann’sche Figur.

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Ein Freund, Mitglied der SPD und bisher deren unbeirrbarer Wähler: Wie es den Unterschied zwischen tatsächlicher und gefühlter Temperatur gebe, existiere im Augenblick so etwas wie tatsächliche und gefühlte politische Verortung. Er selbst halte sich für alles andere als konservativ, entnehmen aber den Medien, dass er es deren Meinung nach wohl sei, weil er ungeordnete Zuwanderung, Multikulti und die Abdankung des Rechtsstaats zugunsten von Barmherzigkeitsforderungen skeptisch sehe. Dabei fühle er sich nicht weniger ‚links’, ‘sozialdemokratisch’ und gesellschaftspolitisch fortschrittlich als früher. Nur halte er genau diese Positionen durch eben jene Menschen bedroht, die jetzt ins Land kämen.

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Bei der Winfried-Fest-Lecture zu Ehren meines verstorbenen Onkels, einst parlamentarischer Staatssekretär in Berlin. Den Vortrag hält Tina Hassel, Chefredakteurin des ARD-Hauptstadtbüros, das angekündigte Thema lautet ‚Zur Veränderung des Hauptstadtjournalismus unter dem Vorzeichen europäischer Krisen’. Hierzu allerdings buchstäblich kein Wort, der Vertrauensverlust gerade des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und dessen Gründe sind Hassel keine Erwähnung wert. Stattdessen spricht sie derart engagiert über die Alternativlosigkeit der Merkelschen Flüchtlings- und Europapolitik, dass später ein Zuhörer fragt, ob sie als „Journalistin oder Politikerin gesprochen habe“. Journalistisch gesehen eine freundliche Hinrichtung, das Attest völliger Distanzlosigkeit. Thema verfehlt, Beruf verfehlt, setzen.

Jenseits der tagespolitischen Fragen scheinen derart intellektuell beschämende Auftritte nicht wirklich geeignet, an den Segen von Frauenquoten zu glauben. Urteilt man nach Tiefe und Gehalt ihres Vortrags, können fachliche Gründe bei der Karriere Hassels keine große Rolle gespielt haben; wichtiger waren vermutlich Geschlecht und Gesinnung. Womit man dann möglicherweise auch eine Antwort auf die Fragestellung des eigentlich angekündigten Vortrags hat.

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Telefonat mit einem ernsthaften, leicht deprimierten Christen: Die Zeiten seien schrecklich. Ich widerspreche. Im Gegenteil, für Pessimisten seien sie wunderbar, schon weil der Zeitenlauf die eigene Position, wonach alles noch schlimmer würde, ständig ins Recht setze. Zudem bestätige sich die alte Erkenntnis, dass man nur mit Pessimisten intelligent lachen könne. Optimisten bräuchten weder Witz noch Humor, um die Realität zu ertragen; sie glaubten voll unduldsamen Eifers an den goldenen Morgen, an den Neuen Menschen, das Paradies, den ewigen Frieden und Endsieg. Da sei amüsierte Distanz zu sich selbst nur hinderlich. Weder Lenin noch Mao oder Hitler zeigten irgendeinen Witz, auch die meisten anderen Linken würden erst im Alter klug, zynisch und erträglich; davor seien sie fast immer nervende Besserwisser. Ob Jesus Humor hatte, ob er über sich und die Welt lachen konnte, sei die schwierigste Frage. Schweigen, dann die melancholische Antwort: Wie bei uns allen – vermutlich erst am Kreuz.

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„Anständige Menschen arbeiten um des Ruhmes oder Geldes wegen; unanständige wollen die Welt verändern und die Menschen erlösen.“ Marcel Reich-Ranicki

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Unsere im weiteren Sinne nachbarschaftlichen Verhältnisse sehen so aus: Polen hat den deutschen Botschafter einbestellt, Ungarn, Slowakei, Tschechien und Österreich sehen in Deutschland eine Gefahr für Europa, England uns als Hippie-Staat. Die Griechen hassen uns, Frankreich leidet unter Terroristen aus Deutschland, Italien und Spanien (und viele andere) verweigern jedes Entgegenkommen in Flüchtlingsfragen, Dänemark und Schweden machen ihre Grenzen dicht. Auch wenn man Angela Merkels Politik in vieler Hinsicht kritisieren mag: Die Zerstörung der undemokratischen, ungeliebten, unfähigen Chimäre EU betreibt sie mit großem Erfolg! Wenigstens dafür muss man sie lieben.

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Ein Politiker: Mit Blick auf die Berichterstattung in diesem Land habe Merkel völlig recht. Die Grenzen lassen sich nicht schließen – oder eben nur auf Kosten von Bildern, die kein Politiker mit seinem Namen verbunden sehen möchte: Schwer bewaffnete Polizisten, Stacheldraht, Tränengas, von harten Wasserstrahlen getroffene Kleinkinder und Frauen, vielleicht bei eisigen Temperaturen. Mit einer Presse, die die Rechte von Fremden grundsätzlich höher bewerte als die der Einheimischen, seien Grenzschließungen nicht zu machen.

Insofern komme nur eine radikale Absenkung der Attraktivität Deutschlands für unerwünschte Migranten in Betracht. Die allerdings müsse schnell erfolgen. Denkbar wäre die völlige Streichung von Geldleistungen, Residenzpflicht, Zwangsarbeit zur Beteiligung an den Verfahrenskosten, keinerlei Familiennachzug während der ersten fünf oder zehn Jahre – und auch dann nur für Frau und Kinder, nicht für sonstige Verwandten. Zu diskutieren wäre zudem die ausnahmslose Abschiebung auch bei geringfügigen Straftaten, alternativ – sollte die Abschiebung nicht möglich sein – die automatische Verhängung der jeweiligen Höchststrafe.

Generell die Frage, ob Straftäter, die das Gastrecht mißbrauchen und daher moralisch jeden Anspruch verwirken, in diesem Land zu leben, in den Genuss von Resozialisierungsüberlegungen kommen sollten. Wer sexuell nötigt, betrügt, stiehlt oder raubt, wer sich mithin als sozial untauglich für das Leben in diesem Land erweist, muss auch nicht resozialisiert werden oder von solchen Regelungen profitieren.

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Zu nationalem Ruhm gelangt ist Jim Kenney, Bürgermeister von Philadelphia. Er erklärte einem staunenden Pressecorps, dass ein Attentat auf einen Polizisten nichts mit dem Islam zu tun habe. „In no way, shape or form does anybody in this room believe that Islam or the teaching of Islam has anything to do with the attack“. Unmittelbar zuvor hatte sein Polizeichef in der gleichen Pressekonferenz die Umstände des Attentats geschildert: Der Attentäter habe sich dem Polizisten in einem traditionell muslimischen Gewand genähert, 13-mal geschossen und nach der Festnahme geäußert, er habe im Namen des Islam gehandelt, weil die Polizeigesetze gegen die Scharia verstießen. Dennoch verneinte, so die Überschrift im Wall Street Journal, der Bürgermeister das Offensichtliche. Nicht nur in Deutschland hat man Angst vor den Fakten. Der Polizist, aus drei Wunden blutend, nahm im übrigen die Verfolgung auf und schoß den Attentäter nieder. In den USA ist er ein Held, der Bürgermeister ein Lump. In Deutschland wäre es umgekehrt.

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Im ARD Morgenmagazin beschreibt eine Hamburger Polizistin ihren Alltag. Wenn sich ein Muslim weigere, seine Ausweispapiere zu zeigen, weil er grundsätzlich nicht mit Frauen spreche, werde nach einem anderen Streifenwagen mit männlicher Besatzung geschickt. So laufe Integration. (Dank an MJ für den Hinweis).