Feindbilder, Wirtschaftsflüchtlinge, Hirnforschung

Christopher Street Day (CSD) in Hamburg. Die immer gleichen Bilder, wie auch in Berlin, München, etc. Aufdringlich, grell, zuweilen mit Absicht eklig. Épater le bourgeois – nur dass es den gar nicht mehr gibt. Irgendwann der Gedanke: Die Betonung der Andersartigkeit, die der CSD so forciert ausstellt, sollte der Gesetzgeber ernst nehmen. Wenn Homosexualität eine Abweichung darstellt, wie im Selbstverständnis des CSD offenkundig dokumentiert, ist die Gleichstellung mit der Ehe irrig. Nebenbei: So wenig wie man die Sexualität von ‚Heten’ expressiv vorgeführt bekommen möchte, so wenig sollten Homosexuelle mit ihren sexuellen Vorlieben andere Menschen öffentlich behelligen dürfen.

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Mal wieder ein Gedankenspiel, diesmal anläßlich des Start der neuen Bundesliga-Saison: Ein Spieler macht vor jedem Spiel den Hitlergruß, wenn auch in veränderter, vom Strafgesetzbuch nicht erfasster Weise. Trotzdem ist jedem klar, was gemeint ist. Darauf angesprochen, gibt der Spieler zu Protokoll, er kenne die grausame Geschichte des Nationalsozialismus, finde sie auch selbst verachtenswert, glaube aber an dessen Reformierbarkeit. Im übrigen sei er durchaus Antisemit, würde sich aber hierzu nicht öffentlich äußern.

Was würde passieren? Nimmt man den Fall Nadja Drygalla zum Maßstab, hätte man die Antwort. Die damals 23-jährige Ruderin wurde 2012 aus dem Olympischen Dorf komplimentiert, als ihre Liebe zu einem früheren NPD-Kandidaten bekannt wurde; sie selbst hatte ihre Sympathien für die NPD immer bestritten. Zwar gab und gibt es offiziell in Deutschland keine Sippenhaft, im Fall der Liebe zu einem Rechtsradikalen aber eben schon.

Im Zentrum der damaligen Debatte stand die Vereinbarkeit sportlicher und politisch fragwürdiger oder gar offen demokratiefeindlicher Werte. Sollen Feinde der Demokratie einen Sport repräsentieren können, dessen Kernidee immer auch Gleichheit, Respekt und Fairness ist? Die Frage ließe sich auch im deutschen Fußball stellen. Nicht wenige Spieler – genannt sei hier nur Franck Ribéry – zelebrieren vor jedem Match offen einen Glauben, der bekanntermaßen Glaubensfreiheit wie die Gleichberechtigung der Geschlechter verneint, Demokratie ablehnt und Homosexuelle wie Apostaten mit dem Tod verfolgt; auch ein rabiater Anti-Semitismus wird von vielen offiziellen Repräsentanten dieses Glaubens offen gelebt. Der „Respekt“, den Ribéry oder Özil in einer Kampagne der Fifa einfordert, gewährt nun gerade ihr Glaube keinem, der nicht Muslim ist.

Dennoch scheint dies für niemanden ein Problem, wird die Frage nie gestellt – trotz der Hunderten, die jeden Tag im Namen des Propheten hingemordet werden, trotz der offenen Verachtung westlich-demokratischer Werte, die in allen Koranschulen gepredigt wird, trotz der vielen Experten, die eine Vereinbarkeit von Demokratie und Islam bezweifeln. Wenn die Funktionäre des DFB, aber auch die Vereine ihre gesellschaftspolitische Verantwortung ernst nähmen, müssten sie dieser Frage einmal nachgehen – und sie auch beantworten.

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Diskussion mit einem Freund über die oft behauptete ‚kulturelle Bereicherung’, die im Multikulturellen liege. Auch er hält die Arbeit von Frau Langhoff im Berliner Maxim Gorki Theater um multikulturelle Identitäten eher für bemüht als überzeugend. Nehme man die dort gezeigten Stücke ernst, bedeute Multikulti immer nur Konflikt: Serben gegen Kroaten, Türken gegen Deutsche, Armenier gegen Syrer. Aber sei das kulturelle Bereicherung? Tatsächlich habe man in vielen muslimischen Vierteln eher den Eindruck der Entreicherung, was mit der auch statistisch festgestellten Bildungsferne korreliere. Ebenso scheine der russische, chinesische oder jugoslawische Einfluß auf die Kultur dieses Landes kaum erkennbar. Glasierte Enten, Goldkettchen für Männer oder Konvois schwarzer deutscher Limousinen rechne er nicht zur Kultur.

Generell die Frage, ob je irgendeine spezifisch kulturelle Leistung mit Masseneinwanderung verbunden war. Kulturellen Transfer durch Eroberung hat es gegeben, der Hellenismus ist ein Beispiel, auch der Einfluß der Briten in vielen Kolonien. Andererseits waren die damit einhergehenden Verluste oft gewaltig, man denke nur an den Untergang der indianischen, aztekischen oder römischen Kultur. Vermutlich entstand kulturelle Bereicherung immer nur bei ein- oder gegenseitiger Faszination: Der west-östliche Divan ist ein Beispiel, ebenso die Entführung aus dem Serail; umgekehrt übernahmen viele östliche Länder westliche Moden, Verwaltungsformen, Bräuche. Doch immer stand dahinter Begeisterung für die Schönheit oder Effektivität des Fremden. Die jetzige Zuwanderung, auch die bisherige, ist davon weitgehend frei. Sie hat nichts, sie bietet nichts, und nicht wenige der Zugezogenen verachten die Deutschen. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für kulturelle Blüte.

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Sprachkritik. Die neue Lieblingsvokabel vieler Politiker lautet ‘unbürokratische Hilfe’. Früher stand dies für zügige Bearbeitung, heute meist für diskriminierende Rechtswidrigkeit. Alle rechtlichen Voraussetzungen für Leistungen oder Vergünstigungen, von Deutschen kleinlich gefordert, sollen plötzlich nicht mehr gelten.

Zweite Vokabel: ‘Feindbild’. Geboren aus der Pazifizierungssehnsucht der Deutschen, die jeden Konflikt semantisch entschärfen wollen. Es gibt keine Feinde mehr, nur noch imaginierte Feindbilder. Immanuel Kant hätte seine Freude an dem Begriff gehabt: Die Realität ist keine Tatsache, sondern allein paranoide Projektion. Nur die Deutschen können so etwas glauben.

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Lesenswert: „Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“ des Freiburger Neurobiologen Joachim Bauer. Einen Aggressions- oder Tötungstrieb gebe es nicht, die nobelpreisprämiierte These von Konrad Lorenz über das „Sogenannte Böse“ sei von der heutigen Hirnforschung ebenso widerlegt wie die Sigmund Freuds vom „Todestrieb“. Statt dessen präge den Menschen ein genetisch codiertes Bedürfnis nach sozialer Bindung, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft, das sich auch in der Größe bestimmter Hirnareale spiegele. Erst die Mißachtung dieser Bedürnisse erzeuge Aggression, die als kommunikatives Signal verstanden, wenn auch nicht immer geduldet werden müsse. Doch das Primäre sei nicht der Todes- oder Aggressionstrieb, sondern der Wunsch nach Vertrauen und Teilhabe. Vor allem die Erlebnisse der Kindheit hätten auf die Entwicklung der zentralen neuronalen Netze entscheidende Bedeutung, würden die Weichen stellen für Vertrauen, Bindungsfähigkeit oder pathologischen Abweichungen.

Bauers Buch ist dort gut, wo er als Neurobiologe argumentiert; wo er sich auf gesellschaftspolitische Gebiete wagt, darf man mitunter Zweifel haben. Doch sind viele seiner Überlegungen äußerst anregend. Wenn große Unterschiede in der Einkommensverteilung tatsächlich zu einer deutlichen Erhöhung des Aggressionspotentials führen, bieten die EU-Freizügigkeit wie auch der derzeitige Zustrom illegaler Afrikaner ganz neue Zukunftsperspektiven. Auch seine Ausführungen zum neurobiologisch eindeutig negativen Effekt von Medienkonsum auf Kinder und Jugendliche wirft viele Fragen auf. „Kleinkinder mit hohem TV-Konsum zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr zeigen im Vergleich mit Kindern mit geringeren Fernsehzeiten im 10. Lebensjahr deutlich schlechtere Schulleistungen, treiben weniger Sport, nehmen mehr ungesunde Nahrung zu sich, sind häufig übergewichtig und werden von Gleichaltrigen deutlich häufiger gehänselt oder gemobbt“ – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Aggressionspotential. Nachmittagsprogramm und Kinderfernsehen als negative Einflußfaktoren für den sozialen Aufstieg. Auch das stellt die Frage nach der Berechtigung solcher Formate, und zwar auch der öffentlich-rechtlichen.

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In der Mai-Ausgabe des MERKUR befasste sich der Publizist Jochen Thies mit einem Typus des Wirtschaftsflüchtlings, den man mit diesem Begriff eher selten verbindet: Mit den Politikern und Spitzenbeamten, die in die Wirtschaft wechseln – und zuweilen auch wieder zurück. Auch diese Leute suchen, wie derzeit viele Afrikaner, ein ‘Noch mehr’, selbst wenn sie genug haben – die moderne Form der protestantisch nobilitierten Gier. War früher der Posten des Kanzlers, Ministers oder Abteilungsleiters für viele Ziel und berufliche Erfüllung, scheint er heute oft nur Sprungbrett für die Karriere in der Wirtschaft. Der Politikbetrieb als Startkapital, die parlamentarische Arbeit als Trainee-Programm zum Knüpfen von Kontakten und Seilschaften, die dann später monetarisiert werden. Thiess nennt Beispiele über Beispiele: Schröder, Bangemann, Machnig, von Klaeden, Niebel, Bahr, Pofalla, Steg, Chrobog, Wissmann, Lahnstein, Stadelmeier, Abramowitsch, Biesel, etc, etc. Für Demokratien ist diese Entwicklung nicht unproblematisch: Kann von Politikern ein unvoreingenommener Umgang mit Wirtschaftsverbänden und Unternehmen erwartet werden, wenn sie letztlich dort unterkommen wollen? Die Wechsel des ehemaligen Wirtschaftsministers Werner Müller sowie seines Vertrauten Alfred Tacke auf Vorstandsposten von Unternehmen, die sie zuvor selbst begünstigt hatten, gibt die Antwort.