Eindrücke aus Dresden

Dresden ist aus vielen Gründen eine Reise wert, momentan vor allem wegen der ‚Logik des Regens’. So heißt eine Ausstellung von Katagamis, Papierschablonen zum Färben von Kimonos. 125 Jahre lagerten diese Meisterwerke der Schneidekunst und formalen Reduktion vergessen im Depot, überlebten Krieg und die Wirren der Zeit. Nun werden 140 der 16.000  (!) wiederentdeckten Schablonen im Japanischen Palais gezeigt. Eine Offenbarung! Während Europa sich gerade vom akademischen Pomp befreite, war die Moderne schon längst in Japan zuhause.

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Pegida: Wer die Demonstranten sind und was sie bewegt, war nun schon mehrfach zu lesen, aktuell im Focus. Trotzdem schadet es nicht, sich selbst ein Bild zu machen. Auch mein Eindruck vom Sonntag: „Abgehängte“ sind es ganz sicher nicht, auch nicht „Nazis in Nadelstreifen“. Auf der Veranstaltung kein antisemitischer Schwachsinn, kein übel ausfälliges Plakat. Die Parolen der frühen GRÜNEN, denen ein SPD-Spitzenpolitiker einst Schläge mit der “Dachlatte” androhte, waren oft böser.

Anders als erwartet, waren auf dem Theaterplatz erstaunlich viele Frauen. Springerstiefel sah ich nicht, auch keine Lonsdale-, Thor Steinar oder sonst zweifelhafte Marken. Ein paar Leute in Bomberjacken, aber ist das schon ein Ausweis antidemokratischer Gesinnung? Die Reden eher schlicht, aber mit dem vergleichbar, was DGB-Chef Bsirske oder SPD-Generalsäkretärin Fahimi bei vergleichbaren Veranstaltungen von sich geben, geht es um Mindestlohn, Unternehmertum oder Kapitalismus. Das Thema Islam kam kaum vor. In erster Linie ging es um mehr direkte Demokratie, eine Forderung, für die viele GRÜNE vehement eintraten, bevor sie ihre Liebe zum Dreireiher entdeckten. Auch der Appell, keine weiteren Wirtschaftsflüchtlinge aufzunehmen, so lange es an Mitteln für Pflege, Kitas, Schulen, Sicherheit und ärztlicher Versorgung fehle, kann man kaum als indiskutabel abtun. Und dann noch Solidaritätsadressen an Russland. Da bin ich anderer Meinung, aber bitte.

Was die Pegidisten eint, ist das Mißtrauen gegenüber Presse und Abgeordneten. Ersteres ist, betrachtet man die Diffamierungen, die in den Medien verbreitet und oft ausdrücklich geteilt wurden („Rattenfänger“, „Muff“, „Ignoranten“, „Abgehängte“, „Rassisten“, „Mischpoke“, „Schande“, „Hass im Herzen“, „Verblödete“), durchaus nachvollziehbar. Und auch die Skepsis gegenüber der etablierten Politik und ihren Seilschaften ist nicht falsch. Ohne die Proteste der Bürger wäre die absurde ‚Bildungsreform’ in Hamburg ebenso umgesetzt worden wie Stuttgart 21, auch ACTA und TTIP wären ohne den Einspruch der Zivilgesellschaft längst durchgewunken. Der Euro sollte mehr Jobs bringen, den Wohlstand mehren, die Völkerfreundschaft vertiefen, europaweit eine stabile Währung schaffen. Nichts ist eingetreten. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen ist in vielen Ländern völlig außer Kontrolle, Deutschland ein Objekt des Hasses, der Euro verliert dramatisch gegenüber Dollar und Franken, und ganze Bevölkerungsschichten in Südeuropa sind verarmt. Traut wirklich noch jemand den Versicherungen und Vorhersagen der Politik- und Wirtschaftselite?

Im übrigen war es immer ein Glaubenssatz gerade der Linken, dass die Politik zu wichtig sei, um sie den Politikern zu überlassen – ein mir durchaus sympathisches republikanisches Verständnis. Auch die GRÜNEN haben sich dadurch gegründet, dass sie die Belange des Gemeinwesens selbst in die Hand nahmen. Nun knüpft Pegida daran an.

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Für den amerikanischen Internet-Milliardär Peter Thiel, der früh in Firmen wie PayPal oder Facebook investierte, ist politische Korrektheit in westlichen Ländern unausweichlich: „Weil wir in der sehr demokratischen Tradition erzogen wurden, dass auch die Wahrheit notwendigerweise eine kollektive Wahrheit sei“. So erhalte man einen „künstlichen Konsens über alle großen Fragen aufrecht“. Im privaten Gespräch erkundige er sich daher zuweilen, “ob es etwas gebe, was der andere für absolut wahr halte, mit dem aber sehr wenige Menschen einverstanden wären?“ Erfrischend.

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Warum Dresden? Eine Antwort habe ich auch nicht. Aber könnte es sein, dass die Menschen in Dresden und der DDR ein besseres Sensorium für die Verlogenheiten der Politik haben – und gleichzeitig weniger Bereitschaft als der Westen, sich damit zu arrangieren? Dass sie sich dagegen wehren, die Errungenschaften von 1989 in der westdeutschen Klüngel-, Amigo-, Spezl-, Filz- oder Sumpfkultur aufgelöst zu sehen, im Reigen der Berliner Empfangs- und Hinterzimmermeierei von Politik und Medien? Dass sie schlicht die besseren, ernsthafteren Demokraten stellen?

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Dass die Vorbehalte der Pegidisten gegen die Presse nicht von der Hand zu weisen sind, macht auch die Berichterstattung über die Gegendemonstration deutlich – die es wie immer nicht gibt, sieht man vom Hinweis auf die Teilnehmerzahlen ab. Während alle auf Pegida starren, bleiben die Umtriebe der so genannten Antifa unberichtet. Vermutlich traut sich kaum ein Reporter dort hinein, sind doch die Vorbehalte gegenüber Journalisten („Scheiß-“, „Kapitalisten-“, „Fotzenpresse“) noch deutlich größer als bei Pegida – nur dass sie hier handgreiflich zum Ausdruck kommen. Als ich nach einiger Zeit von der Gegen- zur Pegida-Demonstration gehen wollte, wurde ich massiv behindert, geschubst, bepöbelt. „Deutschland verrecke“ war Dauerslogan, die Polizisten immer nur „Bullenschweine“, die Pegidisten sämtlich „Nazi-Kacke“, „Faschisten“, „Untermenschen“, die man „wegräumen“, „beseitigen“, „ausmerzen“ müsse; einmal fiel auch der Begriff „vergasen“. So viel zur anti-faschistischen Attitüde. Aber an den linksradikalen Brutalismus hat sich der Mainstream längst so gewöhnt wie an die damit verbundene Aushöhlung eines Grundrechts. Während jede Demonstration von Palästinensern, radikalen Tierschützern, PKK-Aktivisten oder Rot-Floristen darauf vertrauen kann, ungestört abzulaufen, werden Versammlungen eher bürgerlich-konservativer Bewegungen systematisch von ‚Antifa’ gestört, ohne dass die Politik diese verfassungswidrige Übung unterbindet.

Wer sich ein Bild von Tonfall und Gewaltpotential der Antifa machen will, sollte sich unbedingt das Video des Antifa-Kanals MorgenthauFraktion anschauen:

http://www.netzplanet.net/antifa-ruft-zur-finalen-schlacht-gegen-pegida-auf-auch-mit-waffengewalt/19457

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Deutsche Torheit, nächster Teil: Am Zwinger, beim Treffpunkt der Pegida, hängt ein rund 10 Meter hohes Plakat der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: „14 Museen mit Werken aller Kontinente: Ein großes Haus voller Ausländer! Der Stolz des Freistaates.“ Dass nicht nur ‚Deutsche’ ihr Haus bevölkern, könnten allerdings auch Zoo und Aquarium behaupten, und es wäre ähnlich überzeugend. Schlimmer ist die Ahnungslosigkeit, mit der hier die Kunst vereinnahmt wird. Viele Künstler, und ebenso ihre kirchlichen oder adeligen Auftraggeber, hatten keinerlei Sinn für Toleranz, Religions- oder Niederlassungsfreiheit. Der Universalismus von Kunst oder Kirche war nur ganz selten einer der Menschenrechte. Basiswissen, erstes Semester.

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Ein Freund empfiehlt, das beliebte Bullshit-Bingo wieder einzuführen. Wann immer bestimmte Begriffe fielen, müsse man sofort das Thema wechseln, besser noch den Gesprächspartner. Beispiele seien derzeit Dummdeutsch-Vokabeln wie „Willkommenskultur“, „humanitäre Verpflichtung“, „selbsternannt“, „weltoffen“ oder der Hinweis „Auch die christlichen Kreuzzüge…“ Beim letzteren helfe nur sofortige Flucht.

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Laut dem Berliner Rundfunk RBB sollen 20.000 Teilnehmer zum Anti-Pegida-Konzert am Montag in Dresden gekommen sein, auf dem Herbert Grönemeyer, BAP, Silly, Jeanette Biedermann und andere spielten. Freier Eintritt, große mediale Begleitung – und dann nur 20.000? Ist das ein Beleg für die These, dass Pegida nur eine Minderheit repräsentiert?