Diskriminierung überall; und die Philosophie der belgischen Eisenbahn

Die Hauptarbeit zahlreicher EU-Ausschüsse gilt den angeblich Diskriminierten dieser Welt: Schwulen, Lesben, Transgender-Leuten, Farbigen, Migranten, Muslimen, Frauen, Zwergen, Albinos und was sonst. Dahinter stecken Klientelpolitik und Selbstvergewisserung: Wer eine neue diskriminierte Gruppe entdeckt, kann die linke Klientel der Feldforscher und Sozialklempner mit Studien und sonstigen Aufträgen versorgen; außerdem hebt der angebliche Einsatz für irgendwelche Opfer das eigene Ansehen. 

Nicht nur deshalb gibt es jede Woche zahlreiche Anhörungen zur Lage diskriminierter Gruppen, zuletzt zwei zum Thema “Prostitution und Menschenhandel”. Die eine veranstaltet von der niederländischen Linksliberalen Sophie in ‘t Veld, einer leider in die falsche Richtung blitzgescheiten Person; die andere von der Fraktion der vereinigten Linken und Nordischen Grünen (GUE/NGL), einer Sammlungsbewegung für radikal abseitige Vorstellungen. 

Hier allerdings war es andersrum. Die Akademikerinnen um in ‘t Veld hingen dem lebensfernen Bild der Prostitution als bürgerlichem Beruf an. Konsequent sprachen sie von “Sex-Arbeiterinnen”, der Begriff “Prostituierte” sorgte für verdrehte Augen. Dass die Entkriminalisierung der Prostitution, 2001 von der Regierung Schröder/Fischer unter Beihilfe von FDP und PDS/Die Linke beschlossen, keineswegs nur positive Folgen gehabt, sondern Deutschland zum “Mittelpunkt der Zwangsprostitution in Europa” gemacht habe (so die Zeitschrift EMMA), wurde ebenfalls nicht gerne gehört. Überhaupt gilt EMMA in diesen Kreisen, auch wegen Alice Schwarzers klarer Haltung zum Islam, als rechtes Hetzblatt. Im übrigen, so einer der “Experten”, habe Neuseeland gezeigt, dass die Legalisierung nicht zu einem Anstieg der Prostitution führen müsse. Dass Neuseeland nicht zum Schengen-Raum gehört und buchstäblich eine Insel ist, schien er nicht zu wissen. 

In beiden Anhörungen kamen auch Prostituierte zu Wort. Aber nur in der zweiten sprachen sie Klartext. Die Sicht auf die Prostitution als “normaler” Beruf sei irreführender Unfug. Dieser “Beruf” sei von Gewalt geradezu umstellt, von Schlägen, Vergewaltigung, Ausbeutung, von Drohungen gegen Familienmitglieder, von Erpressung und Freiheitsberaubung. “Ich habe manchmal am Tag 200 Euro gehabt, manchmal 100, manchmal 50 – aber am Abend hatte ich immer Null”, so eine der Damen. “Das ist kein normaler Beruf; und der Begriff “Sex-Arbeiterin” ist von niemandem erfunden worden, der das wirkliche Leben kennt!” 

Was die kluge Frau nicht wusste: Nirgends wird das wirkliche Leben so gering geachtet wie in den Ausschüssen der EU. 

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Mal wieder in Berliner Galerien unterwegs. Doch auch dieses frühere Vergnügen wird schal. Der Déjà vu herrscht als Dauerschleife, die immergleichen Variationen von Farbspielen oder gegenständlichem Brutalismus’. Dazu diverse Bastelarbeiten, und alles mit dem Hang zum Großen, aber ohne dass die Größe irgendeine künstlerische Funktion hätte. So verstärkt sie nur den Eindruck des Banalen. 


Allerdings wird auch deutlich: Würde der Berliner Senat gegen die Entfremdung von Wohnraum für Zwecke des Kunsthandels vorgehen, wäre die herrschende Wohnungsnot zumindest teilweise behoben. Wenn die Kunst, wie von vielen Künstlern behauptet, auch einen sozialen Anspruch hat, wäre die Rückführung der Ausstellungsräume in den Berliner Wohnungsmarkt ein konsequenter Schritt! 

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Maxime eines Freundes: “Bei drei Arten von Gesprächseröffnungen ist sofort das Weite zu suchen: Chem-Trails; jüdische Verschwörungen; Artikel im politischen Teil von Süddeutsche oder ZEIT.” 

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Die belgische Eisenbahn ist, man mag es kaum glauben, noch schlechter als die deutsche. Auf dem Perron erklärt mir ein Einheimischer die Grundsätze der SNCB: 1) Ausnahmslos jeder Zug, egal ob IC oder S-Bahn, ist verspätet. 2) Muss man umsteigen, ist der erste Zug so weit hinterher, dass man den zweiten, ebenfalls verspäteten, keinesfalls erreicht. 3) Abfahrt- und Ankunftszeiten sind lediglich Näherungswerte. Pro Zug sind mindestens 25 Prozent der vorgesehenen Reisezeit aufzuschlagen. Also: einfache Zugfahrt von 60 Minuten = 75 Minuten. Einmal umsteigen = 90 Minuten, zweimal umsteigen = 105 Minuten, und so fort…


Drollig auch: Wagenstandsanzeiger sind in Belgien noch nicht erfunden, auch keine Schaubilder zum Streckennetz. Wer also nicht in der belgischen Geographie zuhause ist und nicht weiß, wo Ottignie, Mons oder Namur liegt, muss in der Vorhalle warten, bis der Zug einfährt und die Bildschirme die Zugverbindungen mit den jeweiligen Stopps zeigen – um dann, zusammen mit vielen anderen, zum Bahnsteig zu eilen. Und wissen sollte man auch: Wer von Brussel-Luxemburg, der Haltestelle des Parlaments, zum Bahnhof Brüssel-Nord möchte, muss selbstredend in den Zug “Brüssel-Süd” einsteigen. 

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Deutlich zu früh für eine Verabredung in einem der moderneren, allgemein als “hip” bezeichneten Hotels. An den Wänden doppelmannshohe Monitore, auf denen Musik-Clips laufen – diesmal offensichtlich ein Hip-Hop-Frauen-Special. Da der Ton abgedreht ist, wirkt all das Posen mit vorgestreckten Händen und den totzitierten Finger-Codes, all die schnutige Mimik zwischen Schmollen, Wut und Erstaunen besonders drollig – der Jugendprotest als Pantomime. Auffallend ist das hier vorgeführte Rollenmodell junger Frauen: Das Leben als ADHS in einer bonbonbunten Konsum-Welt. Man ist immer im emotionalen Ausnahmezustand: Genervt, traurig, himmelhochjauchzend, in jedem Fall hyperaktiv. Vom Schlafzimmer zur Jacht zum Friseur zum Bentley Cabrio. Und immer rollt der weibliche Twen mit Augen, Arsch und Armen. Kinder und Küche kommen nie vor, 20 Mal am Tag wird das Outfit gewechselt – Gucci, Prada, Rolex. Bücher sind nur dazu da, betont achtlos weggeworfen oder gleich zerrissen zu werden. Wenn eine junge Frau sitzt, dann lediglich, um sich die Nägel zu lackieren, exaltiert im Lounge-Chair zu räkeln oder zu telefonieren. Telefonate jedoch, auch das ist eine Konstante der Clips, enden regelmäßig im Streit. Gespräche werden daher nicht mit der roten Taste beendet, sondern mit dem Wurf des Handys in die Sofaecke, manchmal auch – natürlich unter Tränen, immerhin wird der treueste Begleiter geopfert – ins Aquarium. Generell erfolgt Kommunikation nur auf zweierlei Weise: Entweder von oben herab mit Chauffeuren, Butlern oder anderen Unterlingen; oder als Konfrontation. Vermutlich unfreiwillig wird hier der solistische Lebensentwurf der Generation “Snowflake” erfasst: Wo Widerspruch so wenig vorgesehen ist wie das Erdulden von Frustrationen, ist der Dauerstreit nur konsequent.