Deutschland 2015: Delegitimation und Entwicklungsresistenz

Mal wieder im Deutschen Historischen Museum in Berlin. In der ständigen Ausstellung wird Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes wie des Godesberger Programms, als Carlo Schmidt vorgestellt. Berlin eben…

* * *

Die Nachrichten des Berliner Radio Eins, einer Sendung des gebührenfinanzierten RBB, berichteten am Donnerstag von „völkischen Reden Alexander Gaulands“. Die klassische, hier klar denunziatorische Vermischung von Nachricht und Bewertung. Auch so ein Qualitätsmerkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

* * *

Ein kluger Kopf verweist auf eine Bemerkung Max Webers, wonach jeder verlorene Krieg die nationalen Werte und Überzeugungen delegitimiere. Im 20. Jahrhundert hätte Deutschland dies zweimal erlebt, dazu die moralische Delegitimation deutscher Kultur und Traditionen durch den Holocausts. Das erkläre den Selbsthass wie die Willkommenskultur. Die Psychologie der Niederlage.

* * *

„Es gibt Menschen, die selbst für Vorurteile zu dumm sind.“ Egon Friedell (Dank an CG)

* * *

Auf Youtube das Video eines Polizisten mit Migrationshintergrund, der einem Deutschen auf die Frage, warum jener einen Job, er aber selbst nur Hartz IV habe, antwortet: „Weil ich in der Schule aufgepasst habe und Du nicht“. Sehr hübsch, zu Recht wurde das Video auf Facebook vielfach ‚ge-likt’. Was aber wäre passiert, hätte ein biodeutscher Polizist dies einem Migranten entgegnet? Wäre da die Zustimmung auch so groß?

* * *

„Weil der Islam alles sein kann, ist er das, was in seinem Namen geschieht. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Anders gesagt: Der Islam ist, was er ist, und nicht das, was man über ihn sagt oder sich von ihm erträumt.“ Necla Kelek

* * *

„In Kriegen zwischen Kulturen ist die Kultur der Verlierer.“ Samuel Huntington

* * *

Immer noch glauben viele, dass Terrorismus nicht religiös, sondern sozio-ökonomisch begründet sei. Dem widerspricht Theodore Dalrymple in einer erfrischend sarkastischen Eröffnung: „Bisher ist die Geschichte von Omar Ismail Mostefai, dem ersten der Pariser Angreifer, dessen Namen öffentlich genannt wurde, von trauriger Üblichkeit. Fast könnte seine Biographie geschrieben werden, ohne irgendetwas von ihm zu wissen: Ein Kleinkrimineller algerischer Herkunft aus dem, was die Welt ‚Banlieue’ nennt, lebte er weitgehend auf Kosten der Wohlfahrt…“ Davon gibt es auch hier Tausende. Sie alle sind im Grunde nichts anderes als die Bankrotterklärung aller Förder- und Integrationskurse wie auch des Jugendstrafrechts. Aber niemand nimmt das eine noch das andere in den Blick, fragt nach dem grundsätzlichen Sinn und der Berechtigung all der Resozialisierungs- und Bildungsmaßnahmen. Lieber ergibt man sich dem schönen Selbstbetrug, man könne mit etwas Antiaggressionstraining und Toleranzübung fundamentale Wertunterschiede überbrücken. Willkommens- ist Wegschau-Kultur.

* * *

The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity. William Butler Yeats (Dank an RGA)

* * *

Nun also bekommt der türkische Premier Erdogan 3 Milliarden von der EU. Zur Erinnerung: Von jeder Rechtstaatlichkeit in sein Land weit entfernt, Journalisten werden verfolgt, umgebracht oder eingekerkert, die Kurden militärisch bekämpft. Kann irgendjemand sagen, warum Erdogan Unterstützung verdient, nicht aber Assad, der – anders als Erdogan – nie den IS unterstützte? Und würde eine Parteinahme zugunsten Assads das syrische Flüchtlingsproblem nicht weit eher an der Wurzel packen als die Finanzierung der Türkei?

* * *

In der FAZ ein sehr ausführlicher Bericht über den von Saudi-Arabien finanzierten fundamentalistischen Islam. Alles längst bekannt, trotzdem lesenswert. Einmal mehr wird deutlich: Hier liegt die ideelle Brutstätte des Terrorismus. Dennoch darf man sicher sein: Politisch wird nichts unternommen.

* * *

Deutschland gilt überall auf der Welt als wirtschaftliches Vorbild, als ökonomische ‚Lokomotive’ der europäischen Entwicklung und Stabilität. Doch ist die Frage, wie lange noch, und ob sich die Gesellschaft nicht schon längst, in den Kategorien Max Webers, von einer protestantisch-pharisäischen zu einer katholisch-publikanischen entwickelt hat, mit anderen Worten: Von einer, in der wirtschaftlicher Erfolg als Gunstbeweis Gottes gesehen wird, zu einer, in der sich Arme ihrer Armut nicht mehr schämen müssen und das schlechte Gewissen eher die Besserverdienenden trifft. Während in protestantisch fundierten Gemeinschaften der Anreiz zur Leistung wie zum Verlassen der Armut groß ist, sind publikanische Regionen eher entwicklungsresistent.

Für die Beurteilung dieser Frage hat der argentinische Staatsrechtler Mariano Grondona einst einen Katalog von kulturellen bzw. weltanschaulichen Faktoren entwickelt, die sich positiv oder negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auswirken. Neben der oben genannten protestantisch-pharisäischen Disposition sprächen seiner Ansicht nach folgende Indizien für wirtschaftliche Entwicklung:

–       Kennzeichen entwicklungszugewandter Gesellschaften ist das Vertrauen in das Individuum, in seine Kreativität und Vernunft unter Inkaufnahme der damit verbundenen Risiken. Politisch heißt das: Achtung der Vertrags- und Tariffreiheit, gleichzeitig Minimierung von Bürokratie, Subventionierung und staatlichen Vorgaben.

–       Für entwicklungsaffine Gesellschaften sind künftige Generationen bei der Verteilungsgerechtigkeit zu berücksichtigen; dies äußert sich in der Neigung zum Sparen. Dagegen betonen entwicklungsresistente Gesellschaften die Gegenwart und den Konsum.

–       Positive Beurteilung von Wettbewerb. In entwicklungsresistenten Gesellschaften wird Wettbewerb dagegen als Aggression gesehen, durch staatliche oder ständische Eingriffe reguliert. Neid und Ideen von utopischer Gleichheit werden legitimiert.

–       In entwicklungszugewandten Gesellschaften herrscht der Vorrang der Wissenschaft, also der Maßstab von Falsifizierung und Verifizierung. Dagegen sind wirtschaftsabgewandte Gesellschaften geprägt von Dogmen und Ideologien.

–       Fortschrittliche Gesellschaften schätzen Sekundärtugenden wie Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Ordentlichkeit, welche die Effizienz und Harmonie im Umgang fördern. Entwicklungsresistente Kulturen legen hierauf keinen Wert, weil diese Eigenschaften „im Schatten der großen Tugenden wie Liebe, Gerechtigkeit, Mut und Großherzigkeit stehen“.

–       Entwicklungsaffine Länder zeichnen sich durch den Realismus ihrer Vorhaben aus; sie beginnen nur, was sie auch leisten, abschätzen und in ihren Folgen bewältigen können. Zeichen entwicklungsresistenter Kulturen sind daher unfertige Kolossalprojekte wie Bahnhöfe, Flughäfen, Kulturbauten. Jeder Tag bringt eben einen neuen Traum…

–       Ökonomisch fortschrittliche Gesellschaften sehen sich als Schöpfer einer Welt, die man verändern kann; fortschrittsabgewandte dagegen im ewigen Kampf gegen sie und ihre furchtbaren Kräfte: Kapitalismus, Imperialismus, Zionismus, Gott oder Satan.

–       Entwicklungsaffine Länder: Herrschaft des Rechts. Entwicklungsresistente Länder: Herrschaft von Basisdemokratie und Umfragen.

Soweit Grondona, die Schlüsse mag jeder selbst ziehen. Mitzuteilen wäre allerdings noch eine weitere Kategorie, die auch den Autor betrifft: Entwicklungsaffine Gesellschaften schätzen die Arbeit und jeden Ausdruck tätigen Schaffens, weshalb vor allem der Unternehmer im hohen Ansehen steht. Dagegen gilt in entwicklungsresistenten Ländern die Bewunderung solchen Berufe, die keine faßbar-schöpferischen Produkte erzeugen: Künstler, Kardinal, EKD-Vorsitzende, (Alt-)Politiker und: Journalisten.