Dank an Greta, stürzende Adler

Cocktailparty, unter den Gästen eine sehr amüsante Zahnärztin. Ihre drei Kinder – 14, 14 und 16 Jahre – hätten mit Greta Thunberg die Liebe zur Klimarettung entdeckt – was zu Dauerdiskussionen mit den Eltern über deren angeblich rücksichtslosen, klimaschädlichen Lebenswandel führte. Zwei Wochen sei es etwas mühsam gewesen, Türen hätten geknallt, Tränen, wütende Blicke des Nachwuchses ob der elterlichen Ignoranz. Nicht nur der Planet, auch das häusliche Klima stand auf der Kippe.

Aber nun sei alles gut, man habe sich den Wünschen des Nachwuchses gebeugt. Daher sei Fleisch, weil in der Produktion klimaschädlich, aus dem Speiseplan gestrichen, ebenso die bei den Kindern sehr beliebten Avocados. Zu weite Transportwege, grauenhafte CO2-Bilanz. Man ernähre sich jetzt vornehmlich regional, also auf der Basis von Kartoffeln, Möhren, Eiern, Salat. Bei Obst sei die Lage etwas schwierig, denn natürlich entfielen Bananen, Orangen oder Kiwi; aber Äpfel würden auch schmecken. Die früher übliche Pizza zum ‘Tatort’ per Bringdienst sei gestrichen, selbstverständlich auch Häagen Dazs. Und sie selbst könne nun länger im Bett bleiben: Der morgendliche Fahrdienst wurde eingestellt.

Noch machten die Kinder gute Miene; aber es gäbe erste Auflösungserscheinungen. Der Älteste wurde bei McDonalds mit einem Double-Burger gesichtet, die Zwillinge seien auffällig oft zum Mittagessen bei Freundinnen. Und die Ankündigung des Vaters, man werde im Sommer nicht wie geplant mit dem Wohnmobil durch Kanada reisen, es sei schließlich auch an der Ostsee schön, führte zu einem heulenden Abgang ins Kinderzimmer.

Gegenüber Greta Thunberg empfinde sie große Dankbarkeit. Keine Chauffeurdienste mehr, viel weniger Kocherei, und selten habe sie so viel gelacht wie bei den wöchentlichen Treffen im Steakhaus, wenn sie und ihr Mann besprächen, mit welchen neuen Ideen des privaten Klimaschutzes sie ihre Kinder quälen könnten. Deren bedingungslose Kapitulation, so die fröhliche Mama, sei nur noch eine Frage von Tagen.

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Nicht selten ist “Konsens” die kleine Schwester der Gleichschaltung.

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Leser, die diesen Blog schon länger verfolgen, werden sich erinnern: Früher war hier im Kopf ein in sich verkanteter Adler zu sehen, ein Werk der Hamburger Künstlerin Rahel Bruns, ein kleiner Verwandter des hier zu sehenden Vogels. http://rahelbruns.com/adler/

Bruns hatte einst aus der ersten sogenannten BILD-Bibel Kunstwerke geformt, darüber kamen wir ins Gespräch, und da sie eine Hoffnung war, aber kein Geld hatte, kaufte ich ihr ein paar Werke ab – darunter auch den Adler, der den Blog zierte. Als ich in die AfD eintrat, bat sie um Entfernung, und dem Wunsch kam ich umgehend nach, zumal ich als Politiker mich selbst in den nicht immer geliebten Vordergrund stellen musste.

Wer seitdem meine Seite aufrief, konnte den Adler nicht mehr sehen. Doch blieb, wie ich zu spät erfuhr, auf den Servern des Websitenprovider sein Bild trotz Löschung der Verknüpfung erhalten, und dort war es weiterhin über Google zu finden – sofern man die Namen Bruns und Fest eingab. Das machte die Künstlerin – und verklagte mich auf Unterlassung. Angesichts unseres zuvor durchaus freundschaftlichen Umgangs eine etwas verblüffende Reaktion, aber im Kampf gegen die AfD leiden nicht selten auch menschliche Qualitäten.

In der Sache hatte ich keine Chance, also beugte ich mich und zahlte die Kosten für den von ihr beauftragten Anwalt. Der Adler und zwei seiner Geschwister, gestürzt aus dem Horst meines Wohlwollens, kamen in den Keller, aber auch dort standen sie hauptsächlich im Wege. Ein befreundeter Kunsthändler versprach Hilfe, und schon kurze Zeit später meldete er Vollzug: Alle drei hätten einen neuen Besitzer gefunden, ihre Qualität sei dem Erwerber nicht verborgen geblieben.

Der neue Eigentümer sei Marxist, Unternehmer und Sammler klassischer Gemälde – aber auch von Nazi-Memorabilia. Kurios. Sollten die Adler nun als eherne Ergänzung von NS-Schrott dienen, von Werkausgaben Hubert Lanzingers oder Ehrendolchen der SS? Ein, zwei Tage war ich irritiert, verunsichert hinsichtlich des eigenen Geschmacks. Die Wirklichkeit hat ihren subversiven Witz.

Ein Freund deutet den Verbleib der Adler anders: Man könne in der Skulptur des in sich selbst gefangenen Wappentieres der Bundesrepublik nicht nur eine Warnung vor der Überforderung der Demokratie sehen, sondern – aus andere Perspektive – eine Verheißung: Endlich sei das verhasste System, lächerlich verkeilt und bar jeder Größe, am Ende. Das sei auch heute noch die Position sehr vieler linker Künstler, aber auch eine von Reichsbürgern und Nationalbolschewisten. Denkbar. Die Extreme berühren sich, die Symbolik wechselt ihre Adepten. Ein schönes neues Klientel für Rahel Bruns.

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Gehört: Die Liebe vieler Journalisten zur EU ist eine Form des medialen Stockholm-Syndroms.