Coffee Togo und andere Narrheiten

Der Artikel von Mariam Lau in der ZEIT zur Seenotrettung wirft unter den Lesern hohe Wellen. Barbarisch sei die Sicht der Autorin, inhuman, menschenverachtend, demagogisch, ein Plädoyer für’s Ersaufenlassen. Sie solle sich schämen, mal Artikel 1 Grundgesetz lesen oder Anne Frank fragen. Sofern Lau selbst einmal in Seenot gerate, sei zu überlegen, ob man sie rette. Und so weiter, und so fort. Auch ZEIT-Leser wollen so verroht sein, wie es die Redaktion in ihrer Nähe zur grünen Päderastie oder zur “Systemalternative DDR” oftmals schon war.

Schön auch der Gedanke, von vielen Empörten so oder ähnlich zitiert: “Menschen zu retten ist menschenrechtliche Pflicht!” Jene 100.000 Kinder, die jedes Jahr allein in Deutschland abgetrieben werden, scheinen von dieser Pflicht ausgenommen.

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“Ich würde mich freuen, wenn jemand wie Helene Fischer mal auf ihrem Konzert sagen würde: Ich finde die AfD doof,” meint der Schauspieler Ulrich Matthes, ein Bewunderer der Kanzlerin und Wolfgang Schäubles. Mit ihm würde er gern Shakespeares King Lear inszenieren. Eine gute Wahl: Das Drama um einen König, der ebenfalls zu Kindersprache und kindischer Naivität zurückkehrt, Politik für doof hält und das Land ins Chaos stürzt. “Thou shouldst not have been old till thou hadst been wise”.

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Dialog mit einer erregten Silversurferin bei einer Diskussionsveranstaltung: “Sie wollen ernsthaft den Migrationshintergrund von Straftätern feststellen lassen, Herr Fest?” – “Ja, gewiß.” – “Und wie soll das gehen? Wollen Sie von jedem in Deutschland ein genetisches Profil erstellen? Vielleicht sind auch Sie nicht reinrassig, vielleicht hat Ihre Mutter mit einem Schweden oder Russen geschlafen.” – “Charmant. Aber es geht hier um den Migrations-, also den kulturell-weltanschaulichen Hintergrund, nicht um den genetischen. Insofern würde ich einfach fragen, woher Eltern und Großeltern stammen.” – “Das ist Rassismus!”

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Sitzung des akademischen Senats einer linksrheinischen Uni. Die Rektorin ermahnt einen Professor, seine Anträge künftig in gendergerechter Sprache zu stellen, wie von der Verwaltung beschlossen. Der Professor wehrt sich: Das stünde nirgends im Gesetz, und wissenschaftlich lasse sich weder Neutrum noch ein ‘drittes’ oder sonstiges Geschlecht ermitteln. Insofern sei der Beschluß reine Willkür, und der werde er sich nicht beugen. “Aber Sie sollten schon Menschen so ansprechen, wie jene das für richtig halten.” “Wenn das so ist, bin ich für Sie und alle in der Verwaltung ab heute ‘Mein Führer’”. Totenstille. Die anwesenden Kollegen hätten so getan, als seien sie vertieft in ihre Akten.

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Ein Freund, ausgestattet mit Ruderboot und allen notwendigen Berechtigungen, angelt bei Sonnenaufgang im Chiemsee. Ein Elektroboot nähert sich und geht längsseits. Es ist der Beamte für die Kontrolle des ordnungsgemäßen Angelwesens. Hier ist nicht alles ordnungsgemäß: Der gerade gefangene Fisch ist noch nicht ins Angelverzeichnis mit Länge und Fangort eingetragen, dennoch die Angel schon wieder ausgeworfen. Das ist, man glaubt es nicht, eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem deutlichen Bußgeld geahndet wird. Hier funktioniert der Rechtsstaat.

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“Bitte einen Coffee Togo zum Mitnehmen”. Fangstricke des Alltags-Germish, keine Reminiszenz an deutsche Kolonialgeschichte.

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Schlussworte aus einem Brief des zu früh verstorbenen FAZ-Redakteurs Hennig Ritter an einen überschätzten Sozialhistoriker: “Für Ihren weiteren Lebensweg, den ich schon jetzt aus den Augen verliere, wünsche ich Ihnen alles Gute.”

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Absehbar: Die ZEIT ist eingeknickt. Sie entschuldigt sich dafür, dass man angeblich den Artikel von Mariam Lau missverstehen konnte. Doch missverständlich war hier nichts. Es ging vielmehr um das bewusste Nichtverstehenwollen mit dem Ziel, Lau zu diskreditieren. Das übliche Verfahren von Denunzianten – und es wird nun von Giovanni di Lorenzo, Sabine Rückert und Bernd Ulrich gedeckt. Zu den Anwürfen gegen die Autorin kommt die Feigheit der Chefredaktion. Wieder bestätigt sich der erste Eintrag in diesem Blog: Die ZEIT als Odenwaldschule des deutschen Journalismus.

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Hübsche Idee eines Freundes: Eine Ehrennadel für alle, die von ihrer Redaktion im Stich gelassen und verraten wurden. Da hätte man bald ein Ressort zusammen. Und es würden täglich mehr.