Bitte nur Gewalt gegen Personen!

Berlin-Tegel. Wie immer, egal ob man aus Doha, Bangkok, New York, London oder Istanbul einfliegt, der Eindruck verhockter Provinzialität. Dort großzügige Tempel der Globalisierung, hier DDR-Charme: Zerschlissene Vorhänge, an den niedrigen Decken verschmutzte Stahllochplatten, kaltes Neonlicht. So präsentiert sich der Flughafen der Hauptstadt. Auch die Organisation rückständig: Der Flieger einer dieser Airbusse mit 40 oder mehr Reihen, bei der Landung erleidet eine Frau einen Schwächeanfall. Trotz einer Position auf dem Außenfeld erhält nur der vordere Ausstieg eine Treppe. So dauert es mehr als 20 Minuten, bis so viele Passagiere das Flugzeug verlassen haben, dass ein Ärzteteam zu der Frau vorstoßen kann – ein handfester Skandal. Endlich, nach weiteren 10 Minuten, ist die zweite Treppe für den hinteren Ausstieg da – die dann immerhin noch von einem (!) Passagier genutzt wird.

Ähnlich der Eindruck beim Verlassen des Flughafens: Wie immer scheint der Streit unter den Taxifahrern, wer nun die nächsten Passagiere aufnehmen darf, wichtiger als die Personenbeförderung. Auch das eine Absurdität: Hatten wir nicht in Deutschland irgendwann mal Vertragsfreiheit, wonach also der Kunde entscheiden kann, bei wem er einsteigt? Statt dessen wird man gezwungen, in jedes noch so verkommene Taxi einzusteigen. Andererseits: Auch die Freiheit des Wortes, der Kommunikation oder der Tarifparteien spielt in diesem seltsamen Land immer weniger eine Rolle.

Der arabische Taxifahrer freundlich, mit sehr guten Orts- und Deutschkenntnissen. Irgendwie kommt das Gespräch auf Raif Badawi, den saudischen, zu 1000 Peitschenhieben verurteilten Blogger. Ob ich eine Petition unterzeichnen würde? Sicherlich, aber beim Signieren der Gedanke: Ginge es um Wowereit, der durch seine Berliner Bräsigkeit Milliarden vernichtet und das BER-Chaos wesentlich zu verantworten hat, würde ich noch 1000 Peitschenhiebe mehr fordern. Aber nicht wenige Journalisten winden diesem Versager auch noch Kränze.

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Im Flieger der Quatar Airways der Aufruf, für darbende Kinder in Bangladesh, Indien, Afrika zu spenden. Vermutlich sollten die Kinder zumindest so alt werden, dass sie die Todesfälle auf den katarischen Baustellen der Fußball-WM ausgleichen können.

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‚Der Farang’, die Zeitung für deutsche Aussiedler in Thailand, berichtet von immer größeren Problemen der dortigen Rentner. Grund ist der Kursverfall des Euro. Voraussetzung für den dauerhaften Aufenthalt von Ausländern in Thailand ist der Nachweis eines ausreichenden Vermögens oder eines Monatseinkommen von 65.000 Baht. Früher waren das mal 1.400 Euro, heute sind es rund 1.850 – da wird es für viele Rentner eng. So müssen sie nun – oft mit großem Verlust – ihre thailändischen Häuschen verkaufen und die Rückkehr nach Deutschland planen. Letztlich zahlen sie mit der Zerstörung ihrer Existenz für die Euro-Politik und die Rettung von Griechen etc.

Ebenburger, ein amerikanischer Expat mit militärischer Vergangenheit, fragt, ob Leute wie Draghi oder Schäuble, die mit ihrer Politik den Kursverfall des Euro verantworten, gefährdet seien. Er meint damit allerdings keine Bedrohung durch Linksextremisten oder Blockupy, sondern durch ‚Patrioten’. Kann man einem Amerikaner erklären, dass die herrschende deutsche Eigenschaft die Feigheit ist und es so etwas wie einen konservativen Staatsskeptizismus in Deutschland nicht gibt? Dass hier – anders als etwa in Frankreich – niemand begreift, dass jede Freiheit immer auch der Drohung mit den Dämonen des Anarchischen bedarf, die die Regierenden zügelt?

Dass in Deutschland niemand auf eigene Faust Rechnungen geradezieht, verwundert häufiger. Keines der mißbrauchten Kinder der Odenwaldschule, keiner der Zöglinge katholischer Internate hat je zur Lupara gegriffen; keiner der um ihre Existenz gebrachten ‚Thailänder’ wird es tun. Dabei wäre es nur allzu verständlich, und in Hollywood gehört dies zu den klassischen filmischen Narrativen: Der brave Bürger, der vom Staat oder mächtigen Organisationen unberechtigt um Familie, Besitz oder Leben gebracht werden soll, wehrt sich mit Waffengewalt: ‚Das Mercury Puzzle’, ‚Der einzige Zeuge’, ‚Staatsfeind Nr.1’, ‚Bourne’, die Beispiele sind ohne Ende. Immer steht der Einzelne gegen eine staatliche, ins Kriminelle abgedriftete Organisation, und immer werden die Konflikte nicht per Diskurs gelöst, sondern mit Glock, Smith & Wesson oder Walther PPK.

Im Kern sind all diese Filme Ausdruck des amerikanischen Mißtrauens gegenüber dem Staat; kein Wunder, dass es dieses Genre in Deutschland nicht gibt. Die Botschaft dieser Filme ist immer: Erst die Gewalt führt zur Läuterung. Nicht zufällig enden sie fast ausnahmslos damit, dass die ‚Guten’ innerhalb des Systems aufwachen und dem Einzelkämpfer zur Seite stehen.

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Vom Film zur Realität, von Hollywood nach Frankfurt. Auch wenn ich fast jedes Verständnis für den Kampf gegen die EZB habe: Gewalt gegen Sachen wirkt immer infantil. Sehen die Protestierer eigentlich nicht, wie nah sie damit bei ISIS stehen? Wenn überhaupt, hat nur Gewalt gegen Personen eine Berechtigung. Auch der Staat zerstört nicht das Auto oder Haus eines Straftäters, sondern belangt ihn persönlich. Das sollte das Grundverständnis sein, ergänzt durch die Frage nach der persönlichen Verantwortung. Damit sind auch Angriffe auf Polizisten und Feuerwehrleute tabu.

Schwieriger die Frage, wie man zu tätlichen Angriffen oder Attentaten auf Draghi und Mitarbeiter der EZB stehen würde. Die EZB ist eine demokratisch nicht-legitimierte Organisation, die dennoch Politik betreibt, offenen Rechtsbruch begeht und Tausende Existenzen vernichtet. Soll man gegen sie und ihre Mitarbeiter keinen Widerstand leisten dürfen? Und könnte sich ein Täter auf Artikel 20 IV Grundgesetz berufen? Ich muss eingestehen: Es fällt mir schwer, Dinge in der Wirklichkeit zu verwerfen, die ich im Film für völlig richtig halte.

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Anton Hofreiter von den GRÜNEN meint zu den Protesten in Frankfurt: „Diese Menschen schaden der demokratischen Kultur in diesem Land“. Schaden tut dieser Kultur vor allem, dass es hinsichtlich EU und Euro nie eine Volksabstimmung gab und sich auch die einst basisdemokratischen GRÜNEN aus Macht- und Posten-Gründen von dieser demokratischen Selbstverständlichkeit längst verabschiedet haben.

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Auf meiner Reise Gespräche mit Engländern. Keiner habe in seinem Kreis auch nur einen Freund oder Bekannten, der Brüssel mit Sympathien betrachte, alle hielten Brüssel für ein Verhängnis. Der einzige Vorteil des Euro sei, dass man innerhalb Europas fast überall mit einer Währung zahlen könne. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen selbst Kleinstrechnungen mit Giro- oder Kreditkarte begleichen und schon bald auch Smartphones als Zahlmittel funktionieren, wird dieser Vorteil ohnehin bald von der Technik weltweit zur Verfügung gestellt. Nur die Nachteile des Euro werden bleiben.

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Wertungswechsel: Für die alten Griechen waren Menschen, die sich nicht an den politischen Diskussionen beteiligten‚ ‚Idioten’. Das war zunächst nur beschreibend und besagte lediglich, dass sich der Betreffende auf persönliche Anliegen konzentriere; aber schon bald war es abwertend gemeint. Heute hält sich das AfD-Mitglied Hans-Olaf Henkel etwas darauf zugute, vor seinem Einstieg in die Politik etwas „Anständiges“ gemacht zu haben.