Bitte ein Bit! Willkommenskultur als Kulturverlust

Am Dienstag bei Herrn Lanz ein Germanistikstudent, der syrische Flüchtlingslager besucht hatte. Er selbst stellte sich vor als Angehöriger der „Generation Komasaufen, die endlich aufwachen müsse“. Dem Eindruck nach ein freundlicher junger Mann, wenngleich man ihm die Erschütterung über das Erlebte nicht völlig abnahm; dafür wirkte seine Empörung irgendwie zu glatt, seine Eloquenz zu selbstverständlich. Doch mag ich mich irren.

Inhaltlich allerdings kam von ihm wenig, sieht man von den üblichen Gemeinplätzen ab: Dass die EU mehr tun müsse, dass die Ausgaben für das EU-Treffen in Elmau in keinem Verhältnis zur Flüchtlingshilfe stünden, dass schon die Kategorisierung als ‚Flüchtling’ oder ‚Asylant’ ein Affront sei. Vielmehr müsse man jeden Menschen als Einzelschicksal begreifen, also: Die syrische Lehrerfamilie, der syrische Arzt, etc. Aufwachen, junger Mann! Genau das macht das deutsche Asylrecht, das nicht kursorisch prüft, sondern jeden Fall einzeln. Ein bißchen Recherche vor TV-Auftritten ist nicht immer hinderlich. Im übrigen, das hätte man ihm sagen sollen, ist auch denkbar: Der syrische Dschjihadist, der Vergewaltiger aus Aleppo, der Assad-Geheimdienstmann. Aber denkbar eben nicht für Herrn Lanz.

Sei’s drum. Doch stellt das freundlich-ahnungslose Gerede des jungen Mannes eine andere Frage: Ob nämlich die deutsche Fremdenliebe tatsächlich auf Barmherzigkeit beruht, oder vielleicht eher auf Unbildung, Unkenntnis, Kulturverlust? Nicht einmal ein Germanistik-Student, der die deutsche Sprache, ihre Lieder, Novellen, Balladen und Gedichte lieben und bewahren sollte, mag erkennen, dass mit der derzeitigen Invasion auch Kulturabbrüche einhergehen, wie sie schon überall zu sehen sind. Und dennoch dieses vehemente Engagement für das wahlloseste Willkommen fremder Kulturen? Haben diese Leute wirklich einen Bezug zu dem, was sie studieren, dem ihr Herzblut gelten sollte? Machen sie sich noch irgendeinen Gedanken darüber, was der Kern der Germanistik ist, und was das eventuell auch für ihr Leben und ihre Ansichten bedeutet? Jedes geisteswissenschaftliche Studium beruht auf kultureller Differenz, auf der Eigentümlichkeit des Gegenstandes, seiner Historie und Werte. Nur deshalb gibt es eigenständige Fächer wie Romanistik, Sinologie, Islamwissenschaften: Weil es Unterschiede gibt, weil eben nicht alles Esperanto ist. Aber dem deutschen Studenten bleibt es verborgen. Er repräsentiert den modernen Typus des gutherzigen, aber kenntnisfreien Barbaren des Anything goes. Warum nicht eine Schlachterlehre beginnen, selbst wenn man dem Veganismus huldigt?

So sind die meisten Deutschen längst Bitburger. Im aktuellen Werbespot der Brauerei ist ein Baum zu sehen, der aufs Nachbargrundstück stürzte, und nun nähert sich der verantwortliche Eigentümer mit ein paar Flaschen Friedens-Pils dem Nachbarn. „Wenn aus Nachbarn Freunde werden…“, heißt es im Spot, und natürlich soll das Bier nur der erste Schritt sein zu der sich anbahnenden Freundschaft. Aber die Vermutung liegt nahe, dass bei vielen das Bier nicht nur das Starterkabel der Freundschaft ist, sondern ihr einziger Inhalt. Eben Generation Komasaufen. Wer keine Ahnung von eigenen Werten hat, findet alle Menschen nett, egal was sie glauben, meinen, vertreten. Dem Trinker ist zum Trinken jeder recht, dem Menschen ohne Kultur jeder willkommen. Wer für nichts mehr steht, hat auch keine Gründe, andere abzulehnen. Willkommenskultur als Ausdruck kulturellen Komas. Nicht die klassenlose Gesellschaft ist das Ende jeder Differenzierung und jeder Geschichte; erst die kulturlose Gesellschaft wird das erreichen. Na dann: Bitte ein Bit!

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In letzter Zeit öfter zu hören, auch von Jürgen Opitz, dem christdemokratischen Bürgermeister von Heidenau: „Jedem der Flüchtlingen in der Prager Botschaft wurde über den Zaun geholfen, und es wurde nicht gefragt: Bist Du Wirtschaftsflüchtling, wirst du politisch verfolgt, oder warum wollen Sie die DDR verlassen?“ Äpfel und Kokosnüsse…

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Vor einigen Monaten hatte ich enthemmte Neuköllner türkischer Herkunft, die einen Freund und mich bedrohten und gegen dessen Wagen spuckten, lapidar als ‚Pack’ bezeichnet. Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, sah hierin einen Grund zur wortreichen Empörung. Nun hat es der Ausdruck in die höchste Politik geschafft, doch schweigt Herr Maroldt zu Herrn Gabriel. Nicht nur begrifflich gehen Pack und Esel manchmal zusammen…

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Auf dem geschätzten Blog von Roland Tichy fordert der Gastautor Finn Meurer eine Vervierfachung des deutschen Wehretats. Dafür hätte ich jede Sympathie, doch muss man fragen: Warum? Für Brunnenbohrungen steht das Technische Hilfswerk bereit, für die Rettung von Schiffbrüchigen im Mittelmeer könnte man Rettungskreuzer chartern. Genuine militärische Aufgaben erfüllt die Bundeswehr längst nur noch sporadisch. Denn es fehlt der politische Wille, und es fehlt der persönliche Mut.

Das liegt an von der Leyen, de Maiziére und Merkel ebenso wie an Steinmeier oder Gabriel. Keiner würde je eine Entscheidung treffen, die irgendwie das Militär ins Spiel bringt – als Militär, nicht als Heilsarmee. Statt dem täglichen Angriff auf die Grenzen Deutschlands entgegenzutreten, leistet die Bundeswehr humanitäre Hilfe. Seit Monaten wird über die kriminellen Schleuserbanden geklagt, gerade wurde in Österreich ein Lastwagen mit 70 Leichen entdeckt. Aber so wie das Militär ist auch der Militärische Abwehrdienst nur Girlande. Staaten wie Israel, die USA oder Großbritannien hätten längst geheimdienstliche Maßnahmen ergriffen, dem täglichen Angriff auf die Grenzen durch das organisierte Schleusertum zu begegnen – die Große Koalition überlässt dies der ohnehin überlasteten Polizei. Das Militärische ist nur noch Maskerade.

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Gehört von einem Kollegen: ‚Die SZ-Beiträge Carolin Emckes, die sich selbst als Philosophin vorstellt, zeichnen ein ebenso deprimierendes Bild vom Zustand der Philosophie wie der SZ’.

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Juristen kennen das Lehrbeispiel für den ‚Übergesetzlichen Notstand’. Eine Lokomotive rast auf zehn Streckenarbeiter zu, die nicht gewarnt werden können. Der Weichenwärter hat nur einen einzigen Weg, den sicheren Tod der Arbeiter zu verhindern, indem er die Weiche umstellt – damit jedoch den ebenso sicheren Tod zweier anderer Arbeiter verursacht. Das Notwehrrecht liefert hier keine Lösung, da Leben gegen Leben steht und juristisch eine Abwägung zwischen gleichwertigen Gütern nicht möglich ist. Daher der Notbehelf des Übergesetzlichen Notstands, der die Wahl des kleineren Übels exkulpiert – allerdings, so in der Diskussion um den Abschuß entführter Passagiermaschinen, nicht von allen Juristen anerkannt wird. Auch in der gegenwärtigen Diskussion zur Migrationsproblematik gilt der simple Gedanke des ‚kleineren Übels’ als unzumutbar: Lieber nimmt man den viel größeren Schaden für das Gemeinwesen hin, als dass man einigen wenigen möglicherweise einen Tort antäte. Fiat justitia, pereat mundus.

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Im Berliner Radio 1 ein Bericht über eine syrische Familie, die nach einem Jahr ‚endlich’ (O-Ton) eine eigene Wohnung erhalten hat, wobei sich der Begriff ‚eigene’ nur auf die Nutzung bezieht. Dass man die Wohnung durch irgendeine ‚eigene’ Leistung sich verdient hätte, ist nicht impliziert: Selbstverständlich zahlt das Amt, also der Steuerzahler, Miete, Strom, Wasser, Heizung.

Interessant ist, dass die Vermieterin der syrischen Familie entgegenkam. Sie habe, weil die Miete ursprünglich die vom Amt bewilligte Maximalmiete überstieg, ihre Forderung reduziert.

Ein schönes Beispiel tätiger Hilfe, aber auch bezeichnend. Seit Jahren herrscht in Berlin eine Wohnungskrise, viele Deutsche suchen ebenfalls bezahlbaren Wohnraum, und die typischen ‚Besichtigungsschlangen’ bis aufs Trottoir hinaus sind allgemein bekannt. Aber ist es denkbar, dass jene Berliner Vermieterin irgendeiner hiesigen Familie derart entgegengekommen wäre und auf Miete verzichtet hätte? Kaum. Der Profit sozialer Bewunderung ist eben höher, wenn man an ‚Flüchtlinge’ vermietet. Rassismus, getarnt als Barmherzigkeit.

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Ein fetter, ungepflegter Mensch verfolgt mich seit Jahren mit Hass und Niedertracht. Er ist ein guter Fernsehkritiker, ansonsten aber ein verbohrter Blockwart. BILD-Leute mochte er nie, doch den tieferen Grund seiner Zuneigung hatte ich vergessen. Nun erinnerte mich ein Freund. Vor Jahren hätte ich am Rande einer Veranstaltung gefragt, wie es sich denn als Minderheit lebe. “Spielen Sie auf meine Homosexualität an?” “Nein, sondern darauf, dass Sie schwul sind, aber trotzdem so gar keinen Geschmack haben. Ist das in Ihrer Community nicht von Nachteil?“ Schallendes Gelächter – auch darüber, zu welch unbekümmerten Frechheiten man früher den Mut hatte. Dann das schöne Gefühl: Das war es wert!