Bericht aus Brüssel und Berlin

6:10, Flughafen Tegel, Personalwechsel beim Sicherheitspersonal. Korpulente Männer und Frauen, fast alle tätowiert, schlendern an den wartenden Passagieren vorbei, drängeln sich ohne ein Wort der Erklärung vor den Fluggästen durch die Sicherheitsschleusen. Dann Begrüßung wie unter Straßengangs: Die Frauen strecken ihre Fäuste gegeneinander, die Männer klatschen sich ab, alles mit großem Hallo, alles bewusst langsam. Sollen die Passagiere doch warten. Asiatische Fluggäste schauen irritiert, Deutsche zucken belustigt mit den Schultern. Berliner Zustände. 

* * *

“Übergriffe und sexuelle Belästigung” scheint im Europäischen Parlament ein großes Thema. Es gibt diverse Kurse in den jeweiligen Landessprachen, auch auf Deutsch. Von den insgesamt 114 Abgeordneten aus Deutschland und Österreich hatten sich vier zu einer Teilnahme entschlossen: Neben mir noch Maria Noichl (SPD) sowie Erik Marquardt und Pierrette Gabrielle Herzberger-Fofana von den Grünen.

Während man sich seinen Platz sucht, frage ich die Seminarleiterin, ob es viele Fälle sexueller Belästigung im Europäischen Parlament gebe. Die Bayerin Noichl mischt sich ein und fragt spitz zurück, ob ich meine, dass es Verhältnisse ohne sexuelle Belästigung gebe. Durchaus, erwidere ich, keines meiner Arbeitsverhältnisse war beispielsweise von sexuellen Übergriffen geprägt, ebenso wenig seien es meine Freundschaften. Und auch die meisten Ehen dürften, sofern sie funktionieren, zwar mitunter viel mit Sex zu tun haben, aber nicht mit sexueller Belästigung. Hier sei die Belästigung vielmehr zumeist erwünscht und daher gerade keine. Böse Blicke der beiden Partei-Frauen. Wer der Feind ist, wissen sie nun, auch bevor ich meine Parteizugehörigkeit offenbare. 

Erik Marquardt kommt 20 Minuten zu spät. Dann flegelt er sich auf einen Stuhl und blickt weitere 10 Minuten ausschließlich auf sein Handy, bis die Seminarleiterin ihn bittet, dem Kurs zu folgen. Langatmige Erklärungen, “wichtige Pressesache”, “muss heute noch raus”, “brauche nachher ‘ne Pause für meine Tweets”. Die Welt wartet auf Erik Marquardts Botschaften. Der übliche Mangel an Respekt und Höflichkeit, bemantelt als geschäftige Wichtigtuerei. 

Pierrette Gabrielle Herzberger-Fofana, 1949 in Bamako geboren und im Senegal aufgewachsen, hat laut Wikipedia zwei Studiengänge abgeschlossen und über die Frauenliteratur in der Subsahara-Zone promoviert. Früher war sie eine durchaus attraktive Person, heute ist sie das nicht. Mancher würde sie fett nennen. Außerdem trägt sie offene Sandalen, und damit tut sie sich und anderen keinen Gefallen. Pediküre ist ihr offensichtlich ein Fremdwort, ihre Füße sind plump, rissig, ihre eingewachsenen, schrundigen Fußnägel kein erfreulicher Anblick. Ausgerechnet sie klagt am lautesten über sexuelle Belästigung, und eben auch über die “visuelle”.

Irgendwann wird es mir zu bunt. So weise ich darauf hin, dass ein ins-Auge-fassen allein noch gar nichts besage. So wie Kinder Menschen mit gesichtsdeckenden Tattoos, Piercings oder sonstigen Absonderlichkeiten anstarrten, würde auch ich solche Personen gelegentlich näher betrachten und mich fragen, wie es sich in solcher Aufmachung wohl lebe. Mit sexueller Konnotation habe das so wenig zu tun wie manche Füße mit Fußhygiene. Ein Engel geht durch den Raum. Die Seminarleiterin lächelt in sich hinein. 

Aber nicht nur sexuell hat sich die Welt gegen Frau Herzberger-Fofana verschworen. Auch andere Fallen stellt sie ihr. So habe ihre Assistentin, die schon länger im Europäischen Parlament (EP) arbeitet und mehr Erfahrung hat als die neue Abgeordnete der Grünen, ihr doch tatsächlich erklärt, wie andere MEP (Mitglieder des EP) ihr Büro organisierten. Große Empörung, auch Frau Noichl betrachtet das als übergriffig. Ich sehe darin eher eine freundliche Hilfestellung; wenn Frau Herzberger-Fofana es anders machen wolle, hindere sie niemand. Unwillig schütteln sich meine Kolleginnen. Dem Minderwertigkeits-Komplex ist alles Territorialverletzung und Machtfrage, selbst die schlichteste Organisationsempfehlung.  

Am Ende wird es heiter. Es geht um Grenzen zwischen Abgeordneten und Assistenten, und die Frage kommt auf, ob Assistenten auch private Besorgungen der MEP erledigen, beispielsweise deren Wäsche von der Reinigung holen sollten. Frau Noichl verneint dies strikt, Frau Herzberger-Fofana stimmt ihr auffallend zögerlich bei, Erik Marquardt rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum. “Aber wenn die Assistentin das ausdrücklich anbietet…”, fragt er etwas kleinlaut. “Sie hat darum gebettelt, nicht wahr?” erkundige ich mich freundlich. Wieder lächelt die Seminarleiterin. Herr Marquardt lächelt nicht. 

* * *

Ein paar Betrachtungen zum zurückliegenden EU-Wahlkampf. FDP-Kandidat Carl Grouwet, Lebenspartner des Journalisten Gustav Seibt, erklärt den Schülern der Zehlendorfer Peter-Lenné-Schule seine Beweggründe für den Kampf um ein EU-Mandat: “Und dann möchte ich nach Brüssel, weil ich dort vor 25 Jahren meinen Mann kennenlernte, mit dem seit 10 Jahren verheiratet bin”! Großer Applaus. Seit “Wowi” scheint kein homosexueller Politiker auf dieses Bekenntnis verzichten zu können, und auch hier lautet die Unterzeile: “Ich bin schwul, und das ist gut so!” – wobei es nicht um gut, sondern um “besser” geht. Denn die eigentliche Botschaft des Outings ist: Homosexuelle sind die sensibleren, ehrlicheren, weniger stromlinienförmigen Politiker. Tatsächlich sind sie vor allem die spießigeren, die selbst ihr Privat- und Intimleben für politische Zwecke instrumentalisieren. Kaum ein heterosexueller Politiker tut das heute noch, nutzt den Ehepartner als Argument im Wahlkampf; bei Schwulen ist es ein verlässlicher Topos. Sie sind die neuen Heroen der Bausparvertrags-Idylle, und der immer ein bißchen zu geschniegelte, zu glatte, zu adrette Grouwet ist ihr Prototyp. Diese Idylle kann Grouwet nun fortsetzen, wenn auch nur in Berlin. Grouwet wurde nicht gewählt.

* * *

RDA, der Internationale Bustouristik-Verband, schickt seine Wahlprüfsteine für die EU-Wahl. Im Anschreiben heißt es: “Es ist der Reisebus, der Europa für Reisegäste aus fernen Ländern im besten Sinne erfahrbar macht. So werden aus Vorurteilen Freundschaften und Kulturen wachsen zusammen. Der Reisebus leistet so tagtäglich einen ganz erheblichen Beitrag zur Friedenssicherung in Europa.” 

Der Reisebus als Friedensmission – darauf muss man kommen. Dass die Betreiber dieser Friedensmissionen erheblich an der illegalen Migration nach Europa mitverdient haben, dass sie auch Mörder und Terroristen nach Deutschland beförderten, ist vermutlich ein anderes Thema.

* * *

“Die Parteiposition ist folgende: Nach der Machtübernahme werden sämtliche Personen, die sich für TTIP eingesetzt haben, an die Wand gestellt.” Aus dem Buch “Herr Sonneborn geht nach Brüssel” des früheren Titanic-Chefredakteurs und wiedergewählten EP-Abgeordneten der “PARTEI”. Nach der Ermordung Joachim Lübckes bekommen solche Späße wirkliche Tiefe.