Barmherzigkeit und Langeweile

Twitter sei ein verlässliches Messinstrument für politische und sonstige Torheit, schrieb ich vor kurzem. Diese Woche belegte meine These überreich: Frau Künast twitterte Dummheiten zum Anschlag in Würzburg, Herr Augstein empfahl dem Westen, endlich die Waffen niederzulegen, einige deutsch-türkische Mitbürger glänzten mit rassistischen Hass-Tweets. Und die Morde in München zeigten einmal mehr, wie schwierig die Beurteilung der aktuellen Lage per Twitter ist, wenn sich Zeugenaussagen zu Täterzahl, Waffenart und Äußerungen des Mörders widersprechen.

Medial Senge bekommt nun auch Dr. Maximilian Krah, CDU-Politiker aus Dresden. „Willkommenskultur ist tödlich“ hatte er nach ‚München’ per Tweet verbreitet, ein ‚Shitstorm’ folgte, und natürlich distanzierte sich, weil sie ehrlos ist, keine Solidarität kennt und nach jedem Kniefall vor dem linken Zeitgeist lechzt, auch seine eigene Partei. Dabei war der Krah’sche Tweet einer der wenigen, der mal einen klugen Gedanken enthielt: Ob nämlich nicht nur die Willkommenskultur der letzten 20 Monate, sondern die der letzten 20 oder mehr Jahre ein Verhängnis war? Wer die Demonstrationen der Erdogan-Anhänger in Berlin sah und hörte, ihre nationalistisch-faschistischen Parolen und die kriminellen Drohungen gegen säkulare Deutsch-Türken, könnte schon auf den Gedanken kommen, dass Dr. Krah nicht unrecht hat. Davon unabhängig stellen neun Opfer, darunter viele Jugendliche, durchaus die Frage, wen man eigentlich ins Land gelassen hat – und ob die Regeln für dieses Gelassenwerden nicht überdacht werden sollten.

„Ich bin Deutscher“, soll der Schütze gerufen haben. „Ja, leider“, möchte man erwidern. Wenn das Deutsche nur noch eine Frage des Passes und der Willkür eines willkommenskulturig reformierten Staatsangehörigkeitsrechtes ist, mag der Täter recht haben. Aber was macht ihn jenseits eines gestempelten Papieres zum Deutschen? Wer nie die Oper, Konzerte oder Theater besuche, wer Museen so wenig kenne wie Literatur, Poesie oder Malerei, so schrieb kürzlich Michael Klonovsky, sei kein Europäer. Das mag anspruchsvoll sein, doch trifft es den Kern: Wer den zentralen Werten westlicher Kultur nichts abgewinnen kann, bleibt unabhängig von Sprachkenntnisse bestenfalls ein Fremder; dass er immer öfter zum Feind wird, ist ein Grund für das verbreitete Unbehagen.

Insofern müsste neu über das Staatsangehörigkeitsrecht debattiert werden. Das gilt, die genannten Demonstrationen haben es gezeigt, vor allem für die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft. Will man wirklich Leuten alle Vorzüge der Zugehörigkeit zu diesem Staatswesen verschaffen, die offen einem fremden Despoten huldigen und dieses Land verachten? Ebenso ist die Frage zu erörtern, was Staatsangehörigkeit begründet. War es wirklich klug, das Kriterium der Abstammung zu verwässern, es zu ergänzen durch das eher beliebige Faktum des Aufenthaltsortes der Mutter? Immerhin bietet die Abstammung ein einfach handhabbares Kriterium, das eine gewisse historische Verbundenheit seines Trägers mit dem Land dokumentiert – weshalb nicht zuletzt auch die Türkei und viele andere Länder daran festhalten. Auch das so oft gelobte amerikanische Staatsangehörigkeitsrecht ist längst nicht so liberal gedacht, wie es heute wirkt und von vielen behauptet wird: Zur Zeit seiner Verabschiedung war der avionische Kurztrip zwecks Statuserlangung unbekannt, und die physische Anwesenheit ein Synonym für erhebliche Mühen, in das Land einzureisen. Wer es in die USA geschafft hatte, wollte sich dort aus eigener Kraft eine Existenz schaffen – und damit auch deren Werte leben. Das aber ist bei vielen Migranten, die heute nach Deutschland kommen, wohl eher nicht der Fall.

* * *

Die uns heute selbstverständlichen Gattungen der Literatur entstanden, darauf verweist der Altphilologe Bruno Snell (1896 – 1986), nicht gleichzeitig in der griechischen Welt, sondern nacheinander: Epos (vermutlich gegen 800 A.D.), Lyrik (um 600 A.D.) und Drama (um 500 A.D.). Und er benennt einen auffälligen Zusammenhang zwischen Lyrik und Politik: „Zur Zeit der Lyriker konstituiert sich die griechische Polis. (…) Es ist kein Widerspruch, dass das Persönlichkeitsbewußtsein und die staatliche Ordnung der Polis zur gleichen Zeit entstehen: Bürger sein ist etwas anders, als zu einer Masse von Angeführten zu gehören.“ Der epische Lobgesang auf Kriegsheld oder Gottheit ist kulturell immer Frühzeit; das Individuelle tritt hinter die Heldentat, den Sieg über Titanen oder Trojaner. Erst wo Individualismus möglich ist, kann auch Lyrik entstehen.

Nochmal Snell: „Die Tragödie erhebt den radikalen Anspruch, dass es gerecht auf der Welt zugehen müsse, und stellt damit Ansprüche an die Menschen, aber auch an die Götter, die über gesellschaftliches Wohlverhalten hinausgehen.“ Die griechische Tragödie als Ausgangspunkt von Humanität und Barmherzigkeit, weit vor jedem christlichen Wirken. Und nicht zufällig sind beide bis heute Phänomene vor allem der westlichen Welt.

* * *

In der NZZ kürzlich ein lesenswertes, aber auch erschreckendes Interview mit dem peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der in Spanien lebt. Viele kluge Beobachtungen, eine Bemerkung fällt seltsam aus dem Rahmen: “Wo immer Veränderungen anstehen, entsteht auch Verlustangst. Sir Karl Popper nannte diesen Affekt die Rückkehr zum «verlorenen Gruppengeist des Stammes» – und genau das trifft die Lage im gegenwärtigen Europa. Man sehnt sich zur Kleingruppe zurück, die einem vermeintlich mehr Sicherheit bot, die dieselbe Sprache sprach, in dieselbe Kirche ging, das gleiche Bier trank. Dieses im Menschen angelegte Bedürfnis, eine Art evolutionäres Erbe aus der Zeit, in der man noch in Stämmen lebte, nicht in Wolkenkratzern, steckt hinter dem Aufstieg der nationalistischen politischen Strömungen unserer Zeit.”

Solche Vulgärpsychologie war so oder ähnlich in letzter Zeit häufiger zu lesen, ob zu AfD, Front National, zu Brexit oder ‚Flüchtlings’-Krise. Immer wird Verlustangst unterstellt, und damit etwas irgendwie Rückwärtsgewandtes, Kleingruppenhaftes, das dem Geist moderner Urbanität widerspreche. Und natürlich trinken die Ängstlichen Bier, nicht hippe Cocktails, und gehen zur Kirche, nicht in Wolkenkratzer. Auch das ‚Nein’ der Briten zur EU war bekanntlich der Aufstand der ländlichen Pub-Kunden aus kleinen Cottages, die sich am Kirchplatz ducken. Gegenüber den Verteidigern der Nationalstaatlichkeit ist kein Klischee zu schlicht.

Aber stimmt eigentlich die Prämisse, wonach der Mensch sich ausnahmslos gegen Veränderungen wehre? Wer sich im Alltag umschaut, könnte auch behaupten: Kaum etwas ist stärker als der Wunsch nach Veränderung! Viele wollen sich neu erfinden, wandern aus, schulen um, ergreifen neue Berufe. Ob ‚Frauentausch’, ‚Dschungelcamp’, Diätshows oder eine der zahlreichen Sendungen, in denen Häuser umgebaut und neu dekoriert werden – das Fernsehen lebt geradezu vom Willen zum Neuem, und es berührt damit offensichtlich die Zuschauer. Nicht einmal der Krieg, das dokumentieren die Fotos zur Kriegserklärung 1914, konnte die Lust auf das Neue, auf das Unbekannte mildern; Hunderttausende jubelten, war doch dies endlich die Gelegenheit, aus Dorf und piefigen Verhältnissen auszubrechen. Schließlich zeigen die Scheidungsraten: Selbst im Kern des persönlichen Umfelds ist die Furcht vor Veränderung oft deutlich geringer als die vor dem status quo. Wenn es also eine anthropologische Konstante gibt, dann ist es der Wunsch nach neuen Ufern. Wäre es anders, gäbe es weder Migrationsströme noch Zweit- oder Drittfrauen.

Entgegen Llosa lässt sich daher behaupten: Vor allem das Hergebrachte hat kaum Verteidiger. Denn der Zeitgeist kennt nur eine Haltung: Die als selbstverständlich vorausgesetzte Verbeugung vor der Veränderung als solchen. Es ist der Glaubenssatz der Moderne, anzutreffen bei Journalisten wie Managern, bei Kirchenleuten wie Schauspielern – der Fetisch aller Weltgewandten: Dass Veränderung ein Synonym für das wahre Leben sei, zudem nicht aufzuhalten und ausschließlich als Bereicherung zu verstehen. Dagegen scheint kein Einwand möglich, mag auch die Geschichte viele gegenteilige Beispiele kennen, nicht zuletzt den Untergang Griechenlands oder Roms.

Doch wissen will davon niemand. Dass es auch schlechter werden kann, dass Staat, sozialer Standard und selbst der Frieden aktiv geschützt werden muss, ist vielen Hekuba. So zeigt sich im Kniefall vor dem Goldkalb Veränderung ein Ausdruck des herrschenden Relativismus’. Nicht nach dem Wert einer Veränderung wird gefragt und ob es Gründe gibt, sie zu begrüßen oder zu bekämpfen. Nur die Veränderung selbst zählt, und deshalb wird die multikulturelle Gesellschaft so bejubelt wie rechtswidrige Migration. Was immer unter der Flagge der Veränderung segelt, hat die Moral auf seiner Seite. Deshalb auch die seltsam teilnahmslose Hinnahme all dessen, was als Preis der Globalisierung erkennbar wird: Aushöhlung parlamentarischer Rechte durch Handelsabkommen, ein räuberisches Investmentbanking dank globaler Deregulierung, Steuervermeidung durch weltweit agierende Konzerne – und letztlich auch der muslimische Terror. Nach den Mordaktionen von Nizza, Würzburg und München betonte Kanzleramtschef Peter Altmeier höchstselbst diesen Zusammenhang: Das eben sei der Preis der Globalisierung.

Doch sind solch zynische Rechnungen nichts anderes als die Verschleierung der Selbstpreisgabe. Das ähnelt der Dramaturgie der Wir-bauen-Dein-Haus-um-Sendungen: Selbst wenn das neue Wohnzimmer zwischen abscheulich und obszön rangiert, wird es erst einmal tränenreich beklatscht, Entsetzen nie geäußert. Gegenüber dem Neuen hat man keine Meinung, oder zumindest keine schlechte. Und auch Altmeier ist solch ein Claqueur: „Deutschland kann Globalisierung!“, rief er unlängst ekstatisch im Westfälischen Industrieclub. Nach neun Toten in München und den vielen Verletzten von Würzburg muss man sagen: Stimmt. Deutschland kann Globalisierung. Wenn Globalisierung Verluste meint.

Doch steht hinter diesen Selbstpreisgaben noch etwas anderes, und Llosa benennt es als Antrieb seiner literarischen Arbeit: „Jeder Alltag ist doch in der Regel profan, unfrei, langweilig. Im Vergleich zu all dem, was da auch noch sein könnte. (…) Die Abenteuer, die Sie imaginieren, sind stets spannender als die, die Sie tatsächlich erleben.“ Schreiben nicht als Wunsch nach Ausdruck, Erkenntnis und vollendeter Form – sondern als Narkotikum gegen die eigene Leere.

Das aber dürfte auch bei vielen Jüngern des Neuen die eigentliche Motivation sein. Schon im ‚Refugees-welcome’-Jubel, in seiner schrillen Überjazztheit, war auch immer Erlösung zu spüren. Endlich konnte man ausbrechen aus dem „profanen, unfreien, langweiligen Leben“ als Redakteur, Banker, Beamter, konnte es eintauschen gehen Lebenssinn, Abenteuer, Humanität. Nun verliert, das zeigt das dramatisch einbrechende Engagement der freiwilligen Helfer, auch diese Droge ihre Wirkung. In der Welt der immer neuen Kicks wird auch das Leben als Gutmensch nach wenigen Wochen schal. Wer kein ernsthaftes Fundament besitzt, muss erkennen: Die Furcht vor dem Ennui ist etwas anderes als Barmherzigkeit, und der Migrant, mit einem Bild Gottfried Benns, kein Tankwart für Lebensinhalt. So bleibt die Leere. Und schon morgen kann ganz Anderes die nächste Lust versprechen – im Guten wie im Bösen.

* * *

Nach jedem größeren Anschlag durch Anhänger der Friedensreligion bekomme ich von einem namenlosen Absender eine weiße Karte, auf der gestempelt der Satz steht: „Hat sich BILD schon bei Ihnen entschuldigt?“ Nicht ohne Witz. „Herr, gedenke der Athener!“