Der Maulwurf als Giraffe – und anderer öffentlich-rechtlicher Schwachsinn

Kürzlich nahm ich in Dresden teil an einer Podiumsdiskussion zwischen Vertretern der AfD und dem Chefredakteur des ZDF, Peter Frey, sowie dem von ARD-aktuell, Kai Gniffke. Es ging um die Qualität der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Eine wirkliche Annäherung fand nicht statt, dazu war die Wahrnehmung zu unterschiedlich: Die Chefredakteure hielten die Arbeit ihrer Redakteure für gut bis sehr gut, der Publizist Michael Klonovsky, große Teile des Publikums und ich waren anderer Ansicht. Doch fielen einige bemerkenswerte Sätze. So meinte Kai Gniffke, verantwortlich für Tagesschau und Tagesthemen: “Ausgewogenheit gehört bei der ARD zum journalistischen Grundprinzip.”

Wie diese Ausgewogenheit aussieht, konnte man letzten Donnerstag im Morgenmagazin der ARD erleben. Maximilian Krah, Vize der AfD in Sachsen, hatte in einer Kolumne behauptet, im Jahr 2018 seien in Chemnitz bisher 60 Frauen vergewaltigt worden, davon die meisten durch Ausländer. Da für das aktuelle Jahr noch keine Polizeistatistik vorliegt, waren die Zahlen nicht verifizierbar; ob sie falsch sind, sei dahingestellt. Zumindest stellte die Chemnitzer Freie Presse im Juni fest, dass “nahezu jeden Tag die Polizei eine sexuell motivierte Straftat melde”.

Auf Befragung durch das Morgenmagazin räumte Krah seinen Fehler ein, wies aber darauf hin, dass seine These, wonach mit den ‘Flüchtlingen’ die Zahl der sexuellen Straftaten gegen Frauen drastisch gestiegen sei, sich ebenso auf die vorliegenden Zahlen von 2017 stützen lasse. Hierzu hatte er dem Fernsehteam die polizeilichen Daten für 2017 übergeben. Sie dokumentieren einen Anstieg der Vergewaltigungen in Chemnitz seit Öffnung der Grenzen im Jahr 2015 von 4 auf 50, also um über 1200 Prozent.

Diese Fakten wurden vom Morgenmagazin unterschlagen. Kein Wort zu den signifikant gestiegenen Sexualstraftaten, kein Wort dazu, dass die These Krahs in diesem Licht eben doch viel für sich hat. Statt dessen interviewte Patricia Klieme die Vertreterinnen zweier Opferhilfe-Vereinen, die sich bemühten abzuwiegeln. Laut ihrer Websites werden beide Vereine direkt von der sächsischen CDU/SPD-Regierung, vom Landratsamt Erzgebirge oder von der Stadt Chemnitz finanziert und hängen mithin vom Wohlwollen jener Politiker ab, die Grenzöffnung und Kontrollverlust unmittelbar zu verantworten haben. Derartige Gewährsfrauen betrachtet die ARD vermutlich als seriös. Noch einmal: “Ausgewogenheit gehört bei der ARD zum journalistischen Grundprinzip.”

Nachtrag: Wildwasser Chemnitz, einer der befragten Vereine, verlinkt auf seiner Seite auf eben jenen von Maximilian Krah und auch oben zitierten Artikel der Chemnitzer Freien Presse vom 1. Juni 2018. Wenn das alles falsch ist, wundert man sich über die Verlinkung und so viel Alarmismus. Denkbar ist jedoch, dass die ARD-Frau Klieme auch aus den Gesprächen mit den Vertreterinnen der Opferhilfe nur solche Sequenzen verwendete, welche die tatsächliche Bedrohungslage contra-faktisch herunterspielen. Ganz im Sinne öffentlich-rechtlicher Ausgewogenheit.

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Wenn der Global Compact on Migration, wie von der Regierung behauptet, nur unverbindliche Lirum-Larum-Regeln enthält – ist dann die Reise Merkels und der deutschen Delegation in Wirklichkeit ein Spaßtrip und Veruntreuung von Steuergeldern?

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Jede Sprache dient der Verständigung. Letztlich geht es um Wahrheit: Was ist und was ist nicht? Diese Verständigung ist nur möglich, wenn hinsichtlich der Begriffe Einigkeit besteht. Natürlich kann man rot auch blau nennen, Vater Mutter oder Terror Demokratie. Aber dann ist Verständigung ausgeschlossen. Wenn die Begriffe keine Wahrheit haben, endet jede Debatte.

Für die begriffliche Wahrheit ist bei Gegenständen der Phänotyp entscheidend. Ein Maulwurf bleibt ein Maulwurf, auch wenn er selbst vielleicht lieber Giraffe wäre. Das Äußere stellt den Maßstab.

Nur Genderisten bestreiten das, gegen das eigene Vermögen. Wer sie bittet, kurz und verständlich die Unterschiede zwischen den angeblich klar zu trennenden Geschlechtern binär, divers, two-spirit und cis zu benennen, zwischen Unterstrich-weiblich und Sternchen-weiblich, erlebt größte Verlegenheiten. Es käme auf den Willen des Betroffenen an, heißt es. Klar: Dann ist der Maulwurf doch Giraffe.

Was sich als Rücksichtnahme auf individuelle Befindlichkeiten tarnt, ist in Wahrheit ein Kampf um parasitäre Besserstellung. Giraffen beispielsweise sind in Deutschland eine Minderheit. Daher werde sie versorgt, gestriegelt, bekommen ausreichend Futter. Maulwürfe bekommen das nicht. Ihr Leben ist unversorgt, nicht selten sogar bedroht.  

Daher ist es einträglich, Giraffe zu sein. Das ist der ganze Sinn von Gender. Es geht um Zuwendungen, es geht darum, andere für sich arbeiten zu lassen. Wer nicht hetero ist, sondern genderfluid, demigirl, nicht-binär, maverick oder xeno, soll Anspruch auf Förderung haben. Wie bei der Giraffe geht es um Futter und Unterhalt. Und es geht um Macht. Es geht um die Macht, das eigene Klientel auf Kosten anderer versorgen zu lassen, indem man deren Bedürftigkeit gegen jede Wahrheit definiert. Lüge zur Vorteilsgewinnung. Nichts anderes ist Gender.

Das sieht Andrej Reisin, ‘Faktenfinder’ oder Faktenerfinder beim NDR, anders. Er schrieb kürzlich: “Wer gegen Gender ist, ist rechts. Es gibt keinen biologischen Determinismus, der aus dem Vorhandensein bestimmter Organe und Hormonspiegel automatisch ableitet, welche Eigenschaften und Fähigkeiten ein Mensch hat.”

Schon mit Blick auf genetische oder hormonelle Erkrankungen ist das grober Unfug. Aus dem Down-Syndrom lassen sich eben durchaus Schlüsse auf das intellektuelle Potential des Betroffenen ziehen. Richtig ist lediglich, dass auch Menschen ohne Down-Syndrom dem Schwachsinn nahe sein können. Ein Zeichen dafür ist üblicherweise das Bestreiten phänotypischer Merkmale. Wer sich selbst entgegen seinem Erscheinungsbild für Napoleon, Jesus oder Dschingis Khan hält, ist ein Fall für die geschlossene Abteilung. Dass der NDR sich jener annähert, werden angesichts der Äußerung von Herrn Reisin oder mit Blick auf die Realitätsverdrängung in Tagesschau, Morgenmagazin oder Panorama immer weniger bestreiten.

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Ein junger Jude kommt zum Rabbi: “Rabbi, was muss ich tun, um unsterblich zu werden?” “Nun, heirate!” “Macht mich das denn unsterblich?” “Nein, aber es nimmt Dir den Wunsch.”  (mit Dank an CG)

Fischköppe, Fischfilets

Twitter-Perle: “Und der Haifisch, der hat Zähne / und die trägt er im Gesicht! / Und der Flüchtling hat ein Messer / doch der Staatsfunk sieht es nicht!” (Dank an MS)

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Für den 3. September notiert: Punk ist tot! Er war schon lange leere Geste, keine wirkliche Verweigerung, sondern nur die aufgesetzte Selbsthypnose der Wohlstandsverwahrlosten. Mit dem Konzert in Chemnitz, beworben von dem SPD-Funktionär Frank-Walter Fischfilet, ist Punk endgültig in Staatsdienste getreten. Klarer kann er seine Wurzeln nicht verraten. Immerhin: Nicht alles, was Angela Merkel mit ihrer Politik zerstört, gibt Grund zur Trauer.

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Unverändert eine grobe Ungerechtigkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht: Roland Freisler ist immer noch bekannter als Hilde Benjamin.

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Wer nie bei links-grünen Anwälten, Professoren, Lehrern zu Gast war und dort über Benjamin Netanjahu, das neue Nationalitätengesetz oder die ‘jüdische Kontrolle der Medien’ hat sprechen hören, weiß nicht, was willige Vollstrecker sind. 

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Hamburg behauptete über viele Jahre, im Vergleich mit Berlin die feinere, stilvollere, besser angezogene Stadt zu sein. Das scheint, zumindest mit Blick auf die Männer, vorbei. Selbst in gut situierten Kreisen herrscht bei einigen eine Ungezwungenheit in Fragen von Umgang und Kleidung, die man eher in Neukölln und Wedding verorten würde. Immer noch, trotz der Adaption durch Halbwelt- und Sonnenstudio-Szene, ist ‘Proling’ der angesagte Kleiderstil, also kunstvoll beschädigte oder abgewetzte Jeans, die irgendwie suggerieren sollen, ihr Träger gehöre zur Schicht der Arbeiter und verfüge über handwerkliche Fähigkeiten jenseits der Erinnerung an den Sechskant von Ikea. Dazu trägt der Als-ob-Malocher auch im fortgeschrittenen Alter ein schlichtes T-Shirt, das nach nichts aussieht und aussehen soll, aber 120.- Euro kostet. Beide Textilien sind eng geschnitten, was die sich abzeichnende Wampe betont, gleichzeitig aber, wie auch der Verzicht auf Rasur, die Authentizität des Proleten-Theaters erhöht. An den Füßen Chucks, womit die Garderobe der Väter auch beim Schuhwerk der ihrer Söhne gleicht. Wird es am Abend kühl, werden Kapuzenpullover (‘Hoodies’) übergezogen, als sei man im Fitnessstudio, nicht Gast einer Einladung. Die fast durchgehend gut gekleideten Frauen scheinen sich an der Kostümierung ihrer Männer nicht zu stören. Manche spottet zwar über den Rückfall ihres Gemahls ins Studentische, doch erscheint diese Art der Midlife-Crisis den meisten als deren erträglichste Form. Außerdem genießen sie den Kontrast. Denn nichts weist deutlicher auf das wahre Alter als die Betonung einer nicht gegebenen Jugendlichkeit. Nur gefärbte Haare und ein Goldkettchen fehlen noch zum Sugardaddy. Im Büro tragen all diese Leute ausschließlich Anzug.

Und noch eine Mentalitätsverschiebung ist bemerkbar. Nur noch wenige Hamburger zeigen in politischen Fragen die früher so angenehme Gelassenheit der Hanseaten. Statt dessen meinen nicht wenige, dass ein wunderbar lauer Sommerabend danach rufe, Debatten über das “schwachsinnige Parteiprogramm” der AfD zu starten. Das ist nicht ohne Komik. Während draußen die Phalanx der großen Geländewagen steht und die Frauen über den gerade beendeten Familienurlaub in den USA, in Frankreich oder auf Sardinien sprechen, erklingt im Garten das Lamento, die AfD “leugne den Klimawandel”. Andere, deren Berufsweg ausschließlich der Optimierung des persönlichen Vermögens galt, die noch nie freiwillig etwas für dieses Land getan, geschweige denn Abende und Wochenenden irgendeiner Parteiarbeit gewidmet haben, belehren darüber, wie Demokratie funktioniere. Oder sie halten, selbst Banker oder IT-Berater, eine AfD-Mitgliedschaft für “unter meinem Niveau”. Einer kritisiert diesen Blog, den er schon lange nicht mehr lese, ginge es doch “immer um dieselben 4 oder 5 Themen”. Der Hinweis, die meisten Werke, seien es Ilias, Prinz von Homburg, Buddenbrooks oder die kleine Raupe Nimmersatt, kreisten sogar nur um ein Thema, greift irgendwie nicht durch; vermutlich waren drei der Werke dem Kritiker unbekannt. Eine hübsche Mutter möchte keinesfalls “zurück an den Herd”. Dass die AfD dies nirgends fordert, verhallt ungehört. Zuvor klagte dieselbe Frau wortreich über die – finanziell keineswegs notwendige – Doppelbelastung durch Kinder und Beruf.

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GenderStudies sind keine neue Erfindung. Schon die alten Griechen kannten Versuche, das Geschlecht zu konstruieren. So steckt die Meerjungfrau Thetis ihren kleinen Sohn Achill in Mädchenkleider und lässt ihn zusammen mit den Töchtern des Lykomedes erziehen. Die Verweiblichung soll das Orakel überlisten, wonach Achill zwar ein Held, jedoch im Trojanischen Krieg sterben werde. Doch die Griechen brauchen Achill, denn ohne ihn, auch das eine Prophezeiung, werden sie den Krieg nicht gewinnen. So schicken sie, als einige Jahre später der Krieg unausweichlich wird, den listigen Odysseus auf die Suche, der als Kaufmann verkleidet den Töchtern des Lykomedes Gastgeschenke überreicht: Schmuck, Haute Couture, aber auch einen Speer und Schild. Als einzige der ‘Töchter’ greift Achill sofort voller Freude zu den Waffen… (mit Dank an CG)

Verbrannte Schmetterlinge, geschächtete Debatten

Was heute Tinder ist, waren früher Bücher. In Cafes, in der Bahn oder im Park traf man auf Leserinnen, und die Bücher eröffneten das Gespräch, waren Versprechen oder Warnung: Koeppen tranig, Beauvoir anstrengend, Fromm verlabert-esoterisch. “Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen” bedeutete: Finger weg! Mädchen, die J.K.Toole oder Dylan Thomas lasen, waren weit vorn. Heute starrt jede auf ihr Handy.

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1965 sorgte der Regisseur Peter Brook mit der Inszenierung von ‘US’ am Londoner Aldwych-Theater für einen großen Moment in der Geschichte der Bühnenkunst – und für einen Skandal. Als Sinnbild für die Bombardierung der vietnamesischen Zivilbevölkerung mit Napalm verbrannte einer der Schauspieler auf der Bühne einen lebenden Schmetterling. Die Empörung war immens: Zuschauer verließen weinend den Saal, es gab Proteste, wüste Anwürfe, Drohungen. Während jeder der Theatergänger in seinem Leben vermutlich schon dutzende Insekten getötet hatte, weil sie ihn beim Schlafen, Essen, Lesen störten oder ihm einfach, wie manches Spinnentier, Unbehagen bereiteten, zeigte er bei der Bühnenverbrennung plötzlich mehr Herz für den Falter als für jedes vietnamesische Kind. Die Erregung war schließlich so groß, dass Brook den Feuertod nur noch simulieren ließ. Die Tierliebe hatte gesiegt – oder, wie andere meinten, Hysterie und Verlogenheit.

Vermint ist das Feld noch immer. Im Verbreitungsgebiet der Hannoverschen Allgemeine (HAZ) tauchten kürzlich Aufkleber mit dem Slogan “Mätoo” auf, eine gegen das Schächten gerichtete Verballhornung der Hashtag-Kampagnen “#Metoo” respektive “#Metwo”. Ich postete den Artikel mit dem Hinweis, dass mich das Thema ‘Schächten’ nicht interessiere (wörtlich: es mir egal sei), um so mehr jedoch die journalistische Einordnung durch die HAZ: Die nämlich vermutete sofort “islamkritische” und gar “rassistische” Motive hinter der Aktion. Selbst eine intelligent-subversive Kritik am Schächten gilt heute manchem Blatt als Ausdruck von Rassismus.

Doch nicht diese Tabuisierung einer notwendigen Debatte erregte die Gemüter, sondern mein Bekenntnis, dass mich die Frage des Schächtens nicht sonderlich interessiere. Einige waren “schockiert”, andere kündigten die Facebook-Freundschaft, eine nannte mich ein “Ekelpaket”. In Fragen des Tierschutzes ist schon Indifferenz ein Vergehen. Auch der Hinweis, dass man sich kaum über das Schächten empören könne, solange man über Massentierhaltung und Tiertransporte hinwegsehe, und dass auch beim ‘normalen’ Schlachten der Tod auf das Tier warte, half nicht. Ich hatte einen Schmetterling verbrannt.

Tatsächlich verfolgt mich dieser Schmetterling mit einer gewissen Hartnäckigkeit. 2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen, und auch in den Redaktionen gab es viele Befürworter. Die allerdings störten sich an meiner Prognose: Nehme man die Regelung ernst, müsste man Massentierhaltung untersagen. Dann aber werde Fleisch zum Luxusartikel. Zudem sei auch das Schächten zu verbieten, was sofort den Vorwurf des Antisemitismus nach sich ziehe. Daher werde der Tierschutz als Staatsziel nur eine Luftnummer bleiben: Kein Politiker wolle dem Arbeiter das Aldi-Kotelett wegnehmen, kaum einer sich mit der Landwirtschafts-Lobby anlegen – und mit der jüdischen Gemeinde schon gar nicht. Bei mehreren Kolleginnen war ich damit ‘unten durch’; wochenlang maßen sie mich mit bösen Blicken, so als hätte ich die Vergiftung ihrer Katzen und Sittiche zu Unterhaltungszwecken gefordert.

Neues zum Thema Schächten kommt nun aus Österreich. Dort entschied ein Landesverwaltungsgericht, dass die Versorgung mit geschächtetem Fleisch mit Blick auf das Leid der Tiere eng gefasst werden müsse. Nur wer glaubwürdig religiöse Motive vorweisen könne, dürfe, so das Gericht, derartiges Fleisch erwerben. Anderenfalls bestünde die Gefahr, dass alle Schlachtereien zum Schächten übergingen, um sich – neben der sonstigen – auch die muslimisch-jüdische Klientel zu sichern. Diese Entwicklung sei jedoch mit dem Tierschutz unvereinbar.

Wie aber die Vorgabe umsetzen? Der Vorschlag eines Landeshauptmanns, wonach sich jüdische oder muslimische Käufer namentlich anmelden sollten, führte zu einem Aufschrei der jüdischen Gemeinde, natürlich unter Hinweis auf die Deportations-Listen der Nazis. Eine eigene Lösung blieb die Gemeinde schuldig.

Eben das monierte ich gegenüber einer Berliner Jüdin, die mich auf den Fall aufmerksam gemacht hatte. Als religiös oder gar orthodox war sie mir bisher nicht aufgefallen, und so erlaubte ich mir zu bemerken, dass religiöse Speiseverbote auf einen Agnostiker wie mich wie ein negativer Gottesbeweis wirkten. “Wenn der Herr auf so etwas achtet, befasst er sich mit Dingen, die an seiner Weisheit, Allmacht und damit an seiner Existenz zweifeln lassen.” Auch das war ein verbrannter Schmetterling. “Ich dachte”, so die Antwort, “Sie sind ein Demokrat und kein Faschist”. Selbst Agnostizismus steht heute unter Faschismus-Verdacht, und jeder Spott über steinzeitliche Rituale. So erfasst die Absolutierung der Kultur nun auch das Denken ehemals vernünftiger Leute. Und jede Debatte wird geschächtet.

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Nicht ganz ohne Verbindung zum Vorigen: “Nichts können viele deutsche Juden weniger ertragen als einen Deutschen ohne anti-semitische Vorurteile.” Nahum Goldman (1895 – 1982), Chef des World Jewish Congress.

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Café Savigny, Grolmanstraße, Treffen mit einem Parteikollegen. Mitten im Gespräch tritt die Besitzerin des Cafés an den Tisch, unterbricht uns und maßregelt aus dem Blauen heraus den Kollegen. Er habe sich hier vor einem Jahr mit einer Journalistin von Cicero getroffen, und die hätte den Namen des Cafés in ihrem Artikel gebracht. Das sei unerhört, er wie auch die Journalistin hätten vorher um Erlaubnis fragen müssen. Man sei ein weltoffenes Café, usw, usw. Lauter dummes Zeug. Wie so oft: Mangel an Manieren, Mangel an Toleranz, verbrämt als Verteidigung von Weltoffenheit.

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Gehört: “Winselfächer” als Sammelbegriff für GenderStudies, Erziehungswissenschaften, Psychologie…

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Ein amerikanischer Freund will eine Diskriminierungs-App entwickeln. Erfasst würden Herkunft, sozialer Status, Geschlecht, Religion, Gewicht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung und anderes mehr. Index 100 sei der weiße, alte, schlanke Mann aus Iowa. In Gesellschaften, in denen Leistung immer weniger, Diskriminierung immer mehr zähle, sei eine solche App für Behörden, Personalabteilungen und Migrationsstellen unverzichtbar. Endlich lasse sich zweifelsfrei ermitteln, ob der übergewichtige, verpickelte Analphabet aus Kirgisistan oder die einbeinige Lesbe aus Swasiland im Diskriminierungsranking höher stehe! Tatsächlich ein Gewinn.