Habeck und Hexenjagd

Annette Kurschus, stellvertretende EKD-Vorsitzende, verkündet im DLF (und ohne dass der Interviewer widerspricht) eine neue Form der Weihnachtsgeschichte: “Da sind zwei auf der Flucht. Auf der Flucht bringt die Frau ihr Kind zur Welt und weiß nicht, wo sie das tun soll. Sie erfährt ganz viel Ablehnung. Türen werden zugeschlagen.” Soso. Und da dachte ich immer, Josef hätte sich mit seiner Frau wegen einer Volkszählung aufgemacht “in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war”, und es sei einfach nur kein Platz in der Herberge gewesen.

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Auch in ZEIT, Süddeutsche und Tagesspiegel gibt es noch Nester des Widerstands: Während die politischen Redakteure die Klimakatastrophe verkünden und “Flug-Scham” propagieren, preisen die Kollegen vom Reiseteil unverdrossen die Schönheiten Lateinamerikas, der Malediven und Neuseelands. 

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Seit einiger Zeit unterbleibt bei muslimischen Anschlägen die Illuminierung nationaler Monumente in den Landesfarben unter dem Rubrum “Wir sind…”. Nach der Mordattacke in London blieb die Tower-Bridge selbst in den Sozialen Medien dunkel. 

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Brüssel, Abendempfang in einem wunderbar kultivierten Haus. Rund 40 Gäste aus aller Herren Länder und aus Kreisen, die man gemeinhin die besseren nennt. Lebhafte Gespräche, aber wie immer auch hier der unvermeidliche Party-Dussel, ein Journalist der Deutschen Welle. Die existenzbedrohende wirtschaftliche Lage vieler deutscher Zeitungen kommentierte er mit den Worten, die Privatmedien hätten eben versäumt, nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln – was sich als Nutznießer einer mit jährlich 350 Mio. Euro voll steuerfinanzierten Journalismus-Simulation leichthin sagt. Für mich war das der Lackmustest, nach rund fünf Sätzen wandte ich mich ab; das Leben ist zu kurz für Clowns und Leute ohne Manieren: Wie fast alle einfältigen deutschen Journalisten glaubten auch er und sein jüngst angetrauter Lebenspartner, ihre angebliche Unangepasstheit durch betont schlampige, dem Anlaß schlicht unangemessene Kleidung zum Ausdruck bringen zu müssen. So tarnt sich seit 40 Jahren der ödeste Mainstream als Nonkonformismus. 

Am nächsten Tag hörte ich, dass sich ein oder zwei Personen bei der Gastgeberin beschwert hätten, wie sie jemanden von der AfD einladen konnte. Wer das war, ist zu vermuten. Wie schon gesagt, über Politik hatten wir nicht gesprochen. Aber wie auch in Deutschland ist das inzwischen egal, das Verdikt steht ohnehin fest: Nazi, Rassist, Fremdenfeind. 

Das alles erinnert immer mehr an mittelalterliche Hexenjagden: “Gewiß, Kontakt mit dem Pferdefüßigen konnten wir Herrn Fest nicht nachweisen, Spuren schwarzer Magie haben wir bei ihm nicht entdecken können, und auf den Blocksberg geritten um Mitternacht bei Vollmond ist er auch nicht. Aber der Freund eines Bruder des Cousins einer Bekannten aus dem Nachbardorf will gesehen haben, dass einmal eine schwarze Katze seinen Weg kreuzte, und als er im Straßburger Parc de L’Orangerie vor der Voliere stand, soll der Uhu geblinzelt haben. Deshalb seien Sie auf der Hut: Mag er auch halbwegs zivilisiert wirken, mag er auch zusammen mit seiner Partei unverbrüchlich zu Israel stehen – letztlich bleibt er ein Antisemit, und kleine Kinder frisst er vermutlich auch!” Doch immer ein Trost: Wenn nur genügend “trockene Schleicher” die Welt bevölkern, kommt wie im Faust vielleicht tatsächlich der Teufel zu Hilfe.

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In westlichen Ländern ist die Einreise eine professionelle Formalie, in solchen der dritten Welt ein inszenierter Herrschaftsakt: Unfreundlich, schnarrend, kurzangebunden. So kürzlich in Indien. Dazu im Kontrast ein dicker Smiley-Button auf den einheitlichen Uniform-Krawatten der Grenzbeamten, versehen mit dem Warnhinweis: “We love to serve you”. 

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Zugfahrt, Zeitungslektüre, und wie fast immer ein Stück über Robert Habeck. Im bürgerlichen Leben sei der Grünen-Chef Schriftsteller, heißt es, und da ich nicht bewandert bin im Werk Robert Habecks, google ich ihn. 

Habeck, so Wikipedia, schreibt und veröffentlicht seine Bücher zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch. Das sei – O-Ton Habeck – „eine bewusste Entscheidung für einen gemeinsamen Lebensentwurf“. Ein bemerkenswerter Satz, eine Essenz des Zeitgeists in wenigen Worten. „Bewusste Entscheidung“ und „gemeinsam“ und „Lebensentwurf“. Die Autorenschaft als paritätische, gender-equilibrierte Veranstaltung, und als „Entwurf“ immer unfertig, ein dynamischer Prozeß, an dem man arbeiten muss, so von gleich zu gleich. Und „bewusst“ klingt auch gut, man hat sich nicht treiben lassen, sondern die Sache in die Hand genommen, aktiv geregelt. Jede Unternehmensfusion kennt dieselbe Prosa der Verlogenheit, “bewusste Entscheidung für eine gemeinsame Zukunft”. Kein Schriftsteller, der etwas auf sich hält, auf Form und Ausdruck, würde solch einen Satz veröffentlichen.

Und er würde auch nicht die Sprache aus der Hand geben, mit einem anderen teilen. Flaubert bekannte, tagelang schreiend durch die Wohnung gelaufen zu sein auf der Suche nach dem einen richtigen Wort. In den Manuskripten fast aller großen Autoren finden sich immer neue Überarbeitungen, Streichungen, Ergänzungen. Oft nur ein Wort, dann ein anderes, dann wieder zurück, ein vorsichtiges Tasten und Suchen. Es geht um Tempo, Rhythmus, Klang, Struktur, es geht um den perfekten Satz, und das bei jedem Satz. Bei Habeck geht es um den gemeinsamen Lebensentwurf. 

Das ist emotional anrührend, taugt aber nicht für Schriftstellerei. Jenseits von Reise-, Koch- und Kinderbüchern, die in der Regel keine allzu hohen Anforderungen an Sprache und Struktur stellen, scheinen solche Arbeitsteilungen immer fragwürdig. Doch muss ich einräumen, Fruttero und Lucentini nie gelesen zu haben, und die Brüder Goncourt waren eben Brüder und möglicherweise gleichermaßen begabt. Doch dürfte Herr Habeck seine Frau aus anderen als Gründen literarischer Parität geehelicht haben. Was also sagt die gemeinsame Autorenschaft mit seiner Frau über sein Selbstverständnis als Schriftsteller? 

Es sagt, dass er kein Schriftsteller ist, sondern ein Blender. Einer, der sich den Mantel der Schriftstellerei nur deshalb umhängt, weil der Beruf des “Schriftstellers” intellektuell wirkt und irgendwie kreativ, gebildet, sexy. Es sagt, und das zeigt die Platitüde von der “bewussten Entscheidung für einen gemeinsamen Lebensentwurf”, dass seine sprachliche Sensibilität kaum über die eines Freilandhuhns hinausgeht. Es sagt, dass die deutschen Journalisten ebenfalls keine Ahnung von literarischer Qualität haben und jede Behauptung gläubig nachbeten, wenn sie nur von Grünen kommt. Und es sagt, dass Herr Habeck weder die Schriftstellerei ernstnimmt, noch die Ehe, noch sich selbst. Kurzum: Der richtige Mann für grüne Politik.

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Gehört von einer Abgeordneten der Liberalen im EU-Parlament: “Was Kirche, Küche, Kinder für richtige Frauen, ist der EU-Frauenausschuß für Lesben!”


Diskriminierung überall; und die Philosophie der belgischen Eisenbahn

Die Hauptarbeit zahlreicher EU-Ausschüsse gilt den angeblich Diskriminierten dieser Welt: Schwulen, Lesben, Transgender-Leuten, Farbigen, Migranten, Muslimen, Frauen, Zwergen, Albinos und was sonst. Dahinter stecken Klientelpolitik und Selbstvergewisserung: Wer eine neue diskriminierte Gruppe entdeckt, kann die linke Klientel der Feldforscher und Sozialklempner mit Studien und sonstigen Aufträgen versorgen; außerdem hebt der angebliche Einsatz für irgendwelche Opfer das eigene Ansehen. 

Nicht nur deshalb gibt es jede Woche zahlreiche Anhörungen zur Lage diskriminierter Gruppen, zuletzt zwei zum Thema “Prostitution und Menschenhandel”. Die eine veranstaltet von der niederländischen Linksliberalen Sophie in ‘t Veld, einer leider in die falsche Richtung blitzgescheiten Person; die andere von der Fraktion der vereinigten Linken und Nordischen Grünen (GUE/NGL), einer Sammlungsbewegung für radikal abseitige Vorstellungen. 

Hier allerdings war es andersrum. Die Akademikerinnen um in ‘t Veld hingen dem lebensfernen Bild der Prostitution als bürgerlichem Beruf an. Konsequent sprachen sie von “Sex-Arbeiterinnen”, der Begriff “Prostituierte” sorgte für verdrehte Augen. Dass die Entkriminalisierung der Prostitution, 2001 von der Regierung Schröder/Fischer unter Beihilfe von FDP und PDS/Die Linke beschlossen, keineswegs nur positive Folgen gehabt, sondern Deutschland zum “Mittelpunkt der Zwangsprostitution in Europa” gemacht habe (so die Zeitschrift EMMA), wurde ebenfalls nicht gerne gehört. Überhaupt gilt EMMA in diesen Kreisen, auch wegen Alice Schwarzers klarer Haltung zum Islam, als rechtes Hetzblatt. Im übrigen, so einer der “Experten”, habe Neuseeland gezeigt, dass die Legalisierung nicht zu einem Anstieg der Prostitution führen müsse. Dass Neuseeland nicht zum Schengen-Raum gehört und buchstäblich eine Insel ist, schien er nicht zu wissen. 

In beiden Anhörungen kamen auch Prostituierte zu Wort. Aber nur in der zweiten sprachen sie Klartext. Die Sicht auf die Prostitution als “normaler” Beruf sei irreführender Unfug. Dieser “Beruf” sei von Gewalt geradezu umstellt, von Schlägen, Vergewaltigung, Ausbeutung, von Drohungen gegen Familienmitglieder, von Erpressung und Freiheitsberaubung. “Ich habe manchmal am Tag 200 Euro gehabt, manchmal 100, manchmal 50 – aber am Abend hatte ich immer Null”, so eine der Damen. “Das ist kein normaler Beruf; und der Begriff “Sex-Arbeiterin” ist von niemandem erfunden worden, der das wirkliche Leben kennt!” 

Was die kluge Frau nicht wusste: Nirgends wird das wirkliche Leben so gering geachtet wie in den Ausschüssen der EU. 

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Mal wieder in Berliner Galerien unterwegs. Doch auch dieses frühere Vergnügen wird schal. Der Déjà vu herrscht als Dauerschleife, die immergleichen Variationen von Farbspielen oder gegenständlichem Brutalismus’. Dazu diverse Bastelarbeiten, und alles mit dem Hang zum Großen, aber ohne dass die Größe irgendeine künstlerische Funktion hätte. So verstärkt sie nur den Eindruck des Banalen. 


Allerdings wird auch deutlich: Würde der Berliner Senat gegen die Entfremdung von Wohnraum für Zwecke des Kunsthandels vorgehen, wäre die herrschende Wohnungsnot zumindest teilweise behoben. Wenn die Kunst, wie von vielen Künstlern behauptet, auch einen sozialen Anspruch hat, wäre die Rückführung der Ausstellungsräume in den Berliner Wohnungsmarkt ein konsequenter Schritt! 

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Maxime eines Freundes: “Bei drei Arten von Gesprächseröffnungen ist sofort das Weite zu suchen: Chem-Trails; jüdische Verschwörungen; Artikel im politischen Teil von Süddeutsche oder ZEIT.” 

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Die belgische Eisenbahn ist, man mag es kaum glauben, noch schlechter als die deutsche. Auf dem Perron erklärt mir ein Einheimischer die Grundsätze der SNCB: 1) Ausnahmslos jeder Zug, egal ob IC oder S-Bahn, ist verspätet. 2) Muss man umsteigen, ist der erste Zug so weit hinterher, dass man den zweiten, ebenfalls verspäteten, keinesfalls erreicht. 3) Abfahrt- und Ankunftszeiten sind lediglich Näherungswerte. Pro Zug sind mindestens 25 Prozent der vorgesehenen Reisezeit aufzuschlagen. Also: einfache Zugfahrt von 60 Minuten = 75 Minuten. Einmal umsteigen = 90 Minuten, zweimal umsteigen = 105 Minuten, und so fort…


Drollig auch: Wagenstandsanzeiger sind in Belgien noch nicht erfunden, auch keine Schaubilder zum Streckennetz. Wer also nicht in der belgischen Geographie zuhause ist und nicht weiß, wo Ottignie, Mons oder Namur liegt, muss in der Vorhalle warten, bis der Zug einfährt und die Bildschirme die Zugverbindungen mit den jeweiligen Stopps zeigen – um dann, zusammen mit vielen anderen, zum Bahnsteig zu eilen. Und wissen sollte man auch: Wer von Brussel-Luxemburg, der Haltestelle des Parlaments, zum Bahnhof Brüssel-Nord möchte, muss selbstredend in den Zug “Brüssel-Süd” einsteigen. 

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Deutlich zu früh für eine Verabredung in einem der moderneren, allgemein als “hip” bezeichneten Hotels. An den Wänden doppelmannshohe Monitore, auf denen Musik-Clips laufen – diesmal offensichtlich ein Hip-Hop-Frauen-Special. Da der Ton abgedreht ist, wirkt all das Posen mit vorgestreckten Händen und den totzitierten Finger-Codes, all die schnutige Mimik zwischen Schmollen, Wut und Erstaunen besonders drollig – der Jugendprotest als Pantomime. Auffallend ist das hier vorgeführte Rollenmodell junger Frauen: Das Leben als ADHS in einer bonbonbunten Konsum-Welt. Man ist immer im emotionalen Ausnahmezustand: Genervt, traurig, himmelhochjauchzend, in jedem Fall hyperaktiv. Vom Schlafzimmer zur Jacht zum Friseur zum Bentley Cabrio. Und immer rollt der weibliche Twen mit Augen, Arsch und Armen. Kinder und Küche kommen nie vor, 20 Mal am Tag wird das Outfit gewechselt – Gucci, Prada, Rolex. Bücher sind nur dazu da, betont achtlos weggeworfen oder gleich zerrissen zu werden. Wenn eine junge Frau sitzt, dann lediglich, um sich die Nägel zu lackieren, exaltiert im Lounge-Chair zu räkeln oder zu telefonieren. Telefonate jedoch, auch das ist eine Konstante der Clips, enden regelmäßig im Streit. Gespräche werden daher nicht mit der roten Taste beendet, sondern mit dem Wurf des Handys in die Sofaecke, manchmal auch – natürlich unter Tränen, immerhin wird der treueste Begleiter geopfert – ins Aquarium. Generell erfolgt Kommunikation nur auf zweierlei Weise: Entweder von oben herab mit Chauffeuren, Butlern oder anderen Unterlingen; oder als Konfrontation. Vermutlich unfreiwillig wird hier der solistische Lebensentwurf der Generation “Snowflake” erfasst: Wo Widerspruch so wenig vorgesehen ist wie das Erdulden von Frustrationen, ist der Dauerstreit nur konsequent.

Die ‘Entjudung’ des Holocausts

Weltmeisterschaften der Leichtathleten. Auch hier hält die Gleichberechtigung Ungleicher in Form von Mixed-Staffeln Einzug, und mit schönen Ergebnissen: Bei den 4 x 400 Metern geht eine Japanerin mit 30 Meter Vorsprung in die letzte Runde – und wird von allen sieben Schlußläufern in einer Weise überholt, als sei sie lahm und fußkrank. Selbst der Reporter des ZDF fragt besorgt, wie die Athletin das wohl verkraften werde. Das aber ist die falsche Frage: Denn persönliche Traumata müssen in Fragen des Feminismus zurückstehen hinter dem großen Dienst, der dem “Empowerment” der Frauen erwiesen wurde. 

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Eines der großen Rätsel der Cafeterien von Brüssel und Straßburg: Wie man es trotz guter Kaffeemaschinen schafft, einen wirklich miserablen Kaffee anzubieten. 

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In der September-Sitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg wurde auch eine Resolution zur europäischen Erinnerungskultur verabschiedet. Erinnern sollen sich die Europäer nicht ihrer großartigen Philosophie, Musik, Literatur oder Malerei, nicht des Christentums oder der Aufklärung, nicht der Erfindung von Individuum, Wissenschaft und Nation, sondern ausschließlich der düsteren und bedrückenden Seiten: Nationalsozialismus und Stalinismus, der Kriege und Genozide, der Kolonialverbrechen und Hexenjagd. In einem Satz: Der linke Selbsthass als Leitkultur. 

Zusammengeschraubt war die gemeinsame Entschließung aus vier Anträgen der Grünen, Linken, Sozialisten und Konservativen. Diese Anträge glichen sich erstaunlicherweise bis aufs Wort, so als hätten alle voneinander abgeschrieben; nur in einigen marginalen Punkten ließen sich Unterschiede ausmachen: Grüne wollten auch der Verfolgung Homosexueller und Behinderter gedenken, Polen und Balten vor allem des Hitler-Stalin-Pakts, der mehrfach Erwähnung fand. Keine europäische Erinnerungskultur ohne Abbitte für Sklaverei und Kolonialismus, so als hätten alle europäischen Staaten gleichermaßen eine koloniale Vergangenheit, also auch Finnland, Luxemburg und Rumänien. Selbst die heutigen “Flüchtlinge” rechnete irgendein Antrag zum Erinnerungsfundus, und die kommunistische Linke legte Wert darauf, dass die Sowjetunion das erste und im Grunde einzige Opfer des Stalinismus gewesen sei. So sucht sie die westlichen Länder des Ostblocks vom Stalinismus auszunehmen – und damit von allen Nachfragen, wie es um die stalinistische Vergangenheit jener EU-Abgeordneten bestellt ist, die als Nachfolger der alten kommunistischen Kaderparteien in Brüssel sind. 

Der gemeinsame Antrag, auf den sich die großen Fraktionen schließlich einigten, enthält ein-, zweimal das Wort ‘Holocaust’, einmal ‘Antisemitismus’ – aber der Begriff ‘Jude’ fällt nie. Selbst Auschwitz wird nur im Zusammenhang mit der Ermordung eines polnischen Widerstandskämpfers erwähnt, so als sei Auschwitz ein zweites Katyn, nicht aber Chiffre für die Vernichtung des europäischen Judentums. 

Diese Auslassung ist so auffällig wie absichtsvoll. Denn die Erwähnung der Juden würde auch die Frage nach der Verantwortung der EU für Israel aufwerfen, also für den Staat, der unmittelbare Konsequenz des nationalsozialistischen Großverbrechens war – wie auch der vorangegangenen Pogrome in fast allen europäischen Ländern seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Denn die Judenverfolgung wurde zwar von den Nazis ins Extrem gesteigert, begonnen haben sie damit nicht; und schon weit vor Hitlers Machtergreifung flohen viele Juden vor dem europäischen Antisemitismus in die alte Heimat um Zion. 

Doch mit der Frage nach der Verantwortung Europas für Israel tut sich die Linke, die im EU-Parlament von Kommunisten über Grüne bis Sozialisten eine extremistische Linke ist, bekanntlich schwer. Sie steht in Treue fest zur Al Fatah und anderen kriminellen palästinensischen Organisationen. Und so finanziert die EU seit Jahren mit großen Geldzahlungen Schulen im Westjordanland und im Gaza, die nach ‘Selbstmordattentätern” benannt sind und in denen der Hass auf Israel die einzige Bildungskonstante ist. 

Aus linker Sicht ist der Holocaust daher eine zweischneidige Sache: Einerseits das ultimative Verbrechen, das man historisch geklittert den ‘Rechen’ zuschieben und damit gleichzeitig von den Verbrechen des Kommunismus ablenken kann; andererseits aber auch ein Verbrechen gegen die “falschen” Opfer, nämlich gegen jene, die schon für Ulrike Meinhof “als Geldjuden ermordet” wurden. Und klarsichtig erkannte die Leitfigur der RAF die Verbindungslinie zwischen dem national-sozialistischen und international-sozialistischen Hass auf Israel: “Der Antisemitismus (ist) seinem Wesen nach antikapitalistisch”. 

Wohl aus diesem Grunde versuchen Linke seit einigen Jahren, den Holocaust zu einem allgemeinen Signet des unübersteigbar Bösen zu machen, den Begriff gleichsam zu entjuden. ‘Holocaust’ steht aus ihrer Sicht für jede planmäßige Verfolgung von Opfergruppen, ob LGBT, Behinderte, Farbige, Flüchtlinge oder, besonders lachhaft, Muslime. Ausgenommen ist lediglich die systematische Vernichtung von Christen und Weißen, sei es in der arabischen Welt, in Simbabwe oder Südafrika. 

Insofern liegt die nun verabschiedete Resolution auf einer Linie mit dem, was Sigmar Gabriel 2017 in der Frankfurter Rundschau verkündete. Für ihn waren “die Sozialdemokraten die ersten Opfer des Holocaust”. Nach harten Protesten ruderte er zurück, aber nur sehr Gutgläubige hielten sein Statement für ein Versehen. Denn bei einem so heiklen Thema und unmittelbar nach einem politisch schwer verunglückten Besuch in Israel wird der Beitrag von mindestens 30 Spin-Doktoren, Freunden und Pressereferenten gegengelesen worden sein – und keiner soll den Lapsus bemerkt haben? Das scheint völlig undenkbar. Vielmehr dürfte keiner über den Satz gestolpert sein, weil keiner stolpern wollte. Er war ein Versuchsballon, der auf die Parteilinke zielte und auf deren antisemitische Umdeutung des Holocausts. 

Ein von mir im Plenum eingebrachter Ergänzungsvorschlag, der ausdrücklich der Juden gedachte, wurde von allen deutschen Grünen, Linken, Sozialdemokraten und der Mehrheit der Union abgelehnt. Zuvor hatte mir der christdemokratische Vizepräsident des Parlaments, Rainer Wieland, entgegen dem üblichen Procedere das Recht verweigert, den Antrag mündlich zu begründen. 

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“Die Sowjetunion war das erste Opfer des Stalinismus”. Man stelle sich vor, die Deutschen würden das vom Nationalsozialismus behaupten…

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Straßburg, am übernächsten Tisch ein französisches Ehepaar Mitte 50 mit seinen drei Kindern im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Angeregte Unterhaltung, plötzlich bedeckt der Ehemann die Frau mit Küssen. Beim zweiten Mal geht die Frau merklich auf Distanz, bei der dritten öffentlichen Liebesbezeugung protestieren die Kinder. Die alte Erfahrung: Irgendwann wünscht man sich von Partnern und Angehörigen vor allem, dass sie diskret sind. 

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Gehört: “Den Mord an den Groß- und Urgroßeltern der heutigen Israelis können viele Grüne den Nazis nachsehen; aber die Autobahnen werden sie Hitler nie verzeihen!”

Dennis Radtke, Terry Reintke und andere Lieblinge…

Laut Beschluß des Landgerichts Berlin darf Renate Künast mit Schmähungen belegt werden, die hier nicht wiederholt werden sollen. Der Beschluß ist grotesk, liegt aber auf der Linie vieler Gerichte, den Ehrenschutz für Politiker faktisch abzuschaffen. Nun zeigen sich gerade jene Medien empört, welche die Etikettierung von Alice Weidel als “Nazischlampe” für satirische Hochkultur und hinnehmbar hielten. Allerdings hat Weidel, anders als Frau Künast, nie Unzucht mit Kindern als legitim verteidigt. 

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Susanne Szech-Koundouros, Stellvertreterin des ständigen Vertreters der Bundesregierung in Brüssel, hatte zum Abendessen geladen. Szech-Koundouros ist freundlich, umgänglich, angenehm. Außerdem weiß sie, wie man sich anzieht. Gäste waren die deutschen Mitglieder des Ausschusses für Arbeits- und Sozialpolitik, gekommen waren Dennis Radtke (CDU), Gaby Bischoff (SPD) und die Grüne Katrin Langensiepen. Letztere freute sich gleich zu Beginn des Gesprächs über die designierte Kommissionschefin, weil Ursula von der Leyen als Ministerin einst kostenlose Bahnfahrten für Behinderte eingeführt habe. Das scheint nicht unbedingt ein Ausweis für Kommissionsbefähigung, doch ist Langensiepen aufgrund einer Erbkrankheit selbst schwer gehandicapt – und Dankbarkeit keine schlechte Eigenschaft. 

Gaby Bischoff gibt dagegen die klassische SPD-Mutti: Nicht übermäßig gewandt, fern jeder Brillanz, aber erfahren und solide an der Grenze zur Narkotisierung. Wohl zum Ausgleich trägt sie knallrote Blazer mit – sehr 80er-Jahre – hochgekrempelten Ärmeln. Außerdem hat sie eine Vorliebe für Schmuck, den mancher als ‘modern’, viele aber eher als ‘interessant’ bezeichnen dürften.

Drittens Dennis Radkte aus Wattenscheid. Früher SPD, heute CDU, dazwischen eine Karriere als Gewerkschaftssekretär. Er nannte, vermutlich um den Bundespräsidenten in seinem Urteil über die angebliche Bürgerlichkeit von SPD und CDU zu widerlegen, Anfang des Monats AfDler “Kackbratzen” und “Halbnazis”. Allerdings hatte er sich, so berichtete ein Kollege, bei einer Diskussionsveranstaltung ganz ähnlich über seine eigene Partei geäußert. Das sagte ich ihm ins Gesicht und fragte, ob solche Dreckwerferei auf einem Tourette-Syndrom oder dem Minderwertigkeitskomplex eines verkommenen Kleinbürgers basiere. Szech-Koundouros, alarmiert, trennte uns und versicherte, man wolle doch einen schönen Abend haben. Mein “Aber genau daran arbeite ich doch gerade” verhallte leider kommentarlos. 

Danach hockte Radkte, ein untersetzter, dicklicher Mann mit klassischem Gewerkschafter-Goatie, etwas unsicher am Tisch. Schaute ich ihn an, schaute er weg. Wie Gaby Bischoff ist er ein Freund auffälliger Accessoires: Sein mittelblaues Hemd hatte rot paspelierte Kragenränder und Manschetten, dazu große, durchsichtig-blaue Kunststoffknöpfe. Zum Carpaccio trinkt er Orangensaft, sein Französisch ist so, dass er sich die Karte übersetzen lassen musste. Dennoch wusste er schon bei der Bestellung, dass man in Straßburg meist länger auf das Essen warten müsse, als der Sozialausschuss für die Neuregelung der europäischen Sozialversicherung brauchen werde. Ein Mann von Welt.

Gut 90 Minuten wurde über sozialpolitische Projekte und Themen geredet. Dann waren alle noch so nebensächlichen Fragen erschöpfend berührt, und einmal mehr zeigte sich die Unfähigkeit vieler Deutsche zur leichten, eleganten Konversation. Mit jedem Engländer, Franzosen oder Italiener kann man jederzeit angeregt über Wetter, Fußball, Familie oder Urlaub reden; die Deutschen sitzen da wie Stockfisch. Offensichtlich hat keiner der drei Kollegen irgendein Interesse, das über Partei und Ausschüsse hinausgeht; oder nur solche, über die man besser nicht spricht. Irgendwann am Abend stach mich eine Wespe. Das war schmerzhaft, aber nicht schmerzhafter als diese Gesellschaft. 

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In den Büros des Europäischen Parlaments schalten sich die Stromsparlampen automatisch ab, sobald ein Sensor über längere Zeit keine Bewegung bemerkt. Wer also, was man im Büro zuweilen macht, längere Zeit am Schreibtisch sitzt, sitzt plötzlich im Dunkeln – und muss dann aufstehen und durch den Raum gehen, damit es wieder hell werde. Die Sache ist gleich doppelt ideologisch: Man will Strom sparen, aber die Leute auch auf Trab halten. Bitten, diesen Schwachsinn abzustellen, werden nicht erhört: Die Bewegungsmelder seien Pflicht, auch für Abgeordnete. 

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Vor einiger Zeit, vermutlich im Zusammenhang mit der Kampagne #MeToo, tauchte der Begriff “man-spreading” auf – die auf die Physis bezogene Variante jener “Gespreiztheit”, die im Deutschen eher der Wortwahl oder Gedankenführung gilt. Wenn Männer mit gespreizten Beinen säßen oder sonstwie ihre Körperlichkeit exzessiv betonten, sei das, so lernte man nun, weniger ein Zeichen fehlender Erziehung, sondern sexistisch-dominanten Verhaltens. 

Aber gibt es auch so etwas wie woman-spreading? Wer die Freude hat, in Ausschuss oder Plenarsaal hinter der Grünen Terry Reinke zu sitzen, kann auf diese Idee kommen. Bekannt wurde Reinke vor fünf Jahren durch das berüchtigte “Teletubbie”-Video. Den dort zu besichtigenden Auftritt an der Grenze zwischen kindisch und debil setzt sie im Parlament unverdrossen fort.

Auch in dieser Legislatur ist sie eine Freundin großer Gesten. Mindestens einmal pro Stunde erfolgt ihr persönliches Stretching: Die Arme weit nach oben abgespreizt, so als würde sie gerade aufwachen, dreht sie die Hände mit den zu kleinen Fingern im Kreis und zieht mal die eine, dann die andere Schulter hoch. Dann schüttelt sie ihr Haar, fasst es hinter dem Kopf zusammen, lässt es frei und schüttelt sich wieder. 

Nicht nur dieser Auftritt sorgt in hinteren Reihen für Gespött. Auch die Angewohnheit, Gespräche mit ihren Kollegen nicht etwa von der Seite zu führen, sondern vornübergebeugt, den keineswegs zierlichen Hintern dem Publikum entgegengestreckt, zieht beißende Kommentare nach sich – und nicht nur von Männern. Selbst Frauen der liberalen Fraktion spotten über “the German Hippo” und die plumpe, laute Selbstgefälligkeit, für die all diese ostentativen Auftritte stehen. Wenn es um den Klischee-Deutschen geht, macht den Grünen niemand etwas vor!

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August, Flughafen Berlin, der Flug ist verspätet. Hinter mir auf den sogenannten Lounge-Chairs versuchen eine Anwältin und ein Arzt, die Wartezeit wegzuplaudern. Sie kommt aus Braunschweig, er aus Rostock, beides ist längere Zeit Gegenstand vielfältiger Betrachtungen. Schließlich kommt das Gespräch auf die anstehenden Landtagswahlen, doch in welchen Ländern gewählt wird, wissen beide nicht genau: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen? Endlich ist man sich einig: Auf jeden Fall in Brandenburg! Daraufhin die Anwältin: “Und wissen Sie schon, wen Sie in Rostock wählen?” Auch geographisch ist der Osten für viele terra incognita.

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Erkenntnis beim Defilee der Abgeordneten über den Innenhof des Straßburger Parlamentsgebäudes am Wochenanfang: Dünne Frauen haben große Rollkoffer und oft noch drei Kleidersäcke über dem Arm; dicke dagegen meist nur einen kleinen, manchmal sogar winzigen Trolley. Entweder haben sie in Sachen Mode längst aufgegeben, oder sie können besser packen. Rätsel der Wirklichkeit. 

Person der Zeitgeschichte: Travis Bickle

In den Medien das große Aufatmen: Der Bahnsteigmörder von Frankfurt war kein muslimischer Attentäter, sondern mental instabil, vulgo ein “Psycho”. Tenor: Traurig, aber kann passieren. Doch was unterscheidet einen solchen Psycho von jemandem, der in einem Zug versucht, Passagiere mit einer Axt totzuschlagen? Der einen Lkw-Fahrer tötet, um dann mit dem Lkw in einen Weihnachtsmarkt zu rasen? Der unter Allahu-Akbar-Rufen in einem Supermarkt ihm unbekannte Personen absticht? Jeder Schwachsinn gilt als nachvollziehbares Motiv, wenn er sich religiös vermummt. Aber im einen wie im anderen Fall: Muss man diese Leute im Land haben? 

Bezeichnend auch die vom Kriminologen Christian Pfeiffer erörterte Frage, ob die vorangegangenen Schüsse auf einen Landsmann des Täters die Tat ausgelöst haben könnten – aus Pfeiffers Sicht die “perfekten Voraussetzungen für einen Racheakt”. Racheakte richten sich üblicherweise gegen den Täter oder seine Angehörigen, nicht aber gegen unbeteiligte achtjährige Buben. Aber Pfeiffers Einlassungen zeigen die geradezu zwanghafte Suche nach irgendeinem “deutschen” Anlaß, die selbst den ekelhaftsten Mord letztlich als Reaktion eines eigentlich friedlichen, nur durch die vorangegangene Tat blitzradikalisierten Erdenbürgers erklären soll. 

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In der FAZ, längst im linken Blindstream fest verankert, eine große Reportage von Bord des Schlepperschiffs Alan Kurdi. Nur das Allernötigste hätten die Schiffbrüchigen bei ihrer Havarie retten können, Ausweispapiere hätten sie ausnahmslos keine. Alle seien bescheiden und höflich, auch ihr Geschirr spülten sie selbst. Und nur zwei Wünsche hätten sie: Zigaretten und Zugang zum Internet. Die Frage, warum sie ein internetfähiges Smartphone haben, nicht aber Papiere, wird nicht gestellt. Die Antwort weiß ohnehin jeder: Weil der deutsche Innenminister und die deutsche Kanzlerin auf Ausweispapiere keinen Wert legen. 

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Gehört: “Wenn jemand in seiner Bewerbung schreibt, er sei zivilgesellschaftlich engagiert, weiß man: Hat sich erledigt.”

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Ein Frankfurter Freund, in der Selbsteinschätzung ein “heimatloser Freiliberaler”, berichtet freimütig über seine “Bickle-isierung” – nach Travis Bickle, der Hauptfigur des Films ‘Taxi Driver’. Auch bei ihm sei jener schleichende Perspektivenwechsel eingetreten, wenn der eigene Kiez von einem Ort des Vertrautseins zu einem der Bedrohung wird. Früher habe er gerne am Main gewohnt, heute sei ihm die Stadt, trotz einiger geglückter architektonischer Veränderungen, ein dauerhaftes Missvergnügen. In Maßen sei Zuwanderung vielleicht ein Gewinn, nun aber längst das Gegenteil. Das frühere Gefühl von Heimat, von Zuhausesein, sei verlorengegangen. Seine Entfremdung von der Stadt sei eine Folge zu vieler Fremder.

Selbst rassistische Stereotypen könne er inzwischen nachvollziehen: “95 Prozent der Männer mit dunklerer Hautfarbe hier im Viertel sind aggressiv, laut, arrogant, untätig, oft verwahrlost, meist aus dem kriminellen Milieu – entweder der Typ Shisha-Bar mit Tattoo, Jogginghose und schwarzem Benz; oder der zugeknallte, herumlungernde, bevorzugt vor Schulen oder Kindergärten pissende Afrikaner. Wie soll man da nicht den Phänotyp mit den Phänomenen zusammendenken, also mit Gewalt, Drogen, Schmutz? Und ihre Frauen, all die verschleierten Mißgelaunten, sind zumeist die muslimische Version der häßlichen Deutschen: Immer zickig, immer “Platz da”, immer voller Anspruch, aber ohne irgendeine eigene Leistung.”

Die Weltoffenheit, auf die Frankfurt traditionell stolz war, sei eine der Oberschichten gewesen, der Banker, Manager und Anwälte aus England, Frankreich, USA; heute herrsche in vielen Vierteln die Weltverschlossenheit des Islam. Der Bahnhofsmord an einem Achtjährigen sei ein Exzeß, gewiß; aber das Vertrauen in die öffentliche Sicherheit sei schon lange zerstört. In den letzten zwei Jahren sei dreimal bei ihm eingebrochen worden, ähnlich ginge es vielen Freunden. Nicht wenige verbrächten inzwischen ihre Freizeit auf Schießständen, und bei Tisch würden ernsthaft und kenntnisreich die Vorzüge bestimmter Kurzwaffen erörtert. Auch die bürgerlichen Kreise rüsten auf. 

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Die Identitäre Bewegung (IB)  ist das Spiegelbild der Grünen, Ethnopluralismus und Multikulti zwei Seiten einer Medaille – die eine Kopf, die andere Zahl. Beide träumen von kultureller Vielfalt. Die Multikulturalisten wollen diese Vielfalt in einem Land, die Anhänger der IB in jeweils einem Land. Für ihr Weltbild gilt abgewandelt der alte Satz des britischen Imperiums: A place for every culture, and every culture in its place. 

Beide Ideen sind, scharf ans Ende gedacht, mit dem Grundgesetz schwer zu vereinbaren. Denn beide stellen die kulturelle Identität über das Individuum. Ganz offen sagt dies Alain de Benoist, der wichtigste Vertreter des Ethnopluralismus. Für ihn liegt die Bestimmung der Völker allein in ihren künstlerischen Werken. Umgekehrt ist auch der Multikulturalismus mit seinem Kniefall vor jedem atavistischen Schwachsinn, kann der sich nur als kulturelle Tradition ausgeben, eine anti-individuelle Ideologie. Auch bei ihm zählt nicht der Einzelne, sondern die Identität der Gruppe. Daher die frauenfeindliche Haltung der Grünen zu Verschleierung, Kinder- und Zwangsehe, daher ihr Schweigen zu all den Verbrechen im Namen der islamischen Kultur.  

Nun hat Thomas Haldewang, CDU-Mitglied und parteiischer Chef des Verfassungsschutzes, die IB zum Beobachtungsfall erklärt. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Meinungsfreiheit, angesichts der Friedfertigkeit der Bewegung aber auch völlig unverhältnismäßig. Außerdem wirft die Beobachtung die Frage auf, warum nicht auch Grüne, SPD und Linke als Vertreter des Multikulturalismus beobachtet werden – zumal viele ihrer Mitglieder direkte Kontakte zur Antifa und anderen offen terroristischen Gruppierungen unterhalten.

Auffällig ist einmal mehr die Reaktion dessen, was sich hochmögend Zivilgesellschaft nennt. Tausende Anwälte hat dieses Land, viele von ihnen finanziell längst x-fach abgesichert. Aber keiner findet sich, der pro bono die IB vertritt und die Meinungsfreiheit verteidigt, wie immer er oder sie zum Ethnopluralismus stehen mag. Früher, beispielsweise beim sogenannten Radikalenerlaß, bot ein Heer von Anwälten den ‘Opfern’ ihre Dienste an; heute herrscht lautes Schweigen. Auch die ‘Organe der Rechtspflege’, als die Anwälte gelten, sind zumeist Organe der Feigheit und des konfliktscheuen Wohlverhaltens. 

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Ein Freund empfiehlt den Erwerb eines Stempels “Gelesen & gelacht!”. Perfekt als Ablagenotat für abwegige Zusendungen, zuweilen aber auch als Antwort ausreichend und zeitsparend.

Bericht aus Brüssel und Berlin

6:10, Flughafen Tegel, Personalwechsel beim Sicherheitspersonal. Korpulente Männer und Frauen, fast alle tätowiert, schlendern an den wartenden Passagieren vorbei, drängeln sich ohne ein Wort der Erklärung vor den Fluggästen durch die Sicherheitsschleusen. Dann Begrüßung wie unter Straßengangs: Die Frauen strecken ihre Fäuste gegeneinander, die Männer klatschen sich ab, alles mit großem Hallo, alles bewusst langsam. Sollen die Passagiere doch warten. Asiatische Fluggäste schauen irritiert, Deutsche zucken belustigt mit den Schultern. Berliner Zustände. 

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“Übergriffe und sexuelle Belästigung” scheint im Europäischen Parlament ein großes Thema. Es gibt diverse Kurse in den jeweiligen Landessprachen, auch auf Deutsch. Von den insgesamt 114 Abgeordneten aus Deutschland und Österreich hatten sich vier zu einer Teilnahme entschlossen: Neben mir noch Maria Noichl (SPD) sowie Erik Marquardt und Pierrette Gabrielle Herzberger-Fofana von den Grünen.

Während man sich seinen Platz sucht, frage ich die Seminarleiterin, ob es viele Fälle sexueller Belästigung im Europäischen Parlament gebe. Die Bayerin Noichl mischt sich ein und fragt spitz zurück, ob ich meine, dass es Verhältnisse ohne sexuelle Belästigung gebe. Durchaus, erwidere ich, keines meiner Arbeitsverhältnisse war beispielsweise von sexuellen Übergriffen geprägt, ebenso wenig seien es meine Freundschaften. Und auch die meisten Ehen dürften, sofern sie funktionieren, zwar mitunter viel mit Sex zu tun haben, aber nicht mit sexueller Belästigung. Hier sei die Belästigung vielmehr zumeist erwünscht und daher gerade keine. Böse Blicke der beiden Partei-Frauen. Wer der Feind ist, wissen sie nun, auch bevor ich meine Parteizugehörigkeit offenbare. 

Erik Marquardt kommt 20 Minuten zu spät. Dann flegelt er sich auf einen Stuhl und blickt weitere 10 Minuten ausschließlich auf sein Handy, bis die Seminarleiterin ihn bittet, dem Kurs zu folgen. Langatmige Erklärungen, “wichtige Pressesache”, “muss heute noch raus”, “brauche nachher ‘ne Pause für meine Tweets”. Die Welt wartet auf Erik Marquardts Botschaften. Der übliche Mangel an Respekt und Höflichkeit, bemantelt als geschäftige Wichtigtuerei. 

Pierrette Gabrielle Herzberger-Fofana, 1949 in Bamako geboren und im Senegal aufgewachsen, hat laut Wikipedia zwei Studiengänge abgeschlossen und über die Frauenliteratur in der Subsahara-Zone promoviert. Früher war sie eine durchaus attraktive Person, heute ist sie das nicht. Mancher würde sie fett nennen. Außerdem trägt sie offene Sandalen, und damit tut sie sich und anderen keinen Gefallen. Pediküre ist ihr offensichtlich ein Fremdwort, ihre Füße sind plump, rissig, ihre eingewachsenen, schrundigen Fußnägel kein erfreulicher Anblick. Ausgerechnet sie klagt am lautesten über sexuelle Belästigung, und eben auch über die “visuelle”.

Irgendwann wird es mir zu bunt. So weise ich darauf hin, dass ein ins-Auge-fassen allein noch gar nichts besage. So wie Kinder Menschen mit gesichtsdeckenden Tattoos, Piercings oder sonstigen Absonderlichkeiten anstarrten, würde auch ich solche Personen gelegentlich näher betrachten und mich fragen, wie es sich in solcher Aufmachung wohl lebe. Mit sexueller Konnotation habe das so wenig zu tun wie manche Füße mit Fußhygiene. Ein Engel geht durch den Raum. Die Seminarleiterin lächelt in sich hinein. 

Aber nicht nur sexuell hat sich die Welt gegen Frau Herzberger-Fofana verschworen. Auch andere Fallen stellt sie ihr. So habe ihre Assistentin, die schon länger im Europäischen Parlament (EP) arbeitet und mehr Erfahrung hat als die neue Abgeordnete der Grünen, ihr doch tatsächlich erklärt, wie andere MEP (Mitglieder des EP) ihr Büro organisierten. Große Empörung, auch Frau Noichl betrachtet das als übergriffig. Ich sehe darin eher eine freundliche Hilfestellung; wenn Frau Herzberger-Fofana es anders machen wolle, hindere sie niemand. Unwillig schütteln sich meine Kolleginnen. Dem Minderwertigkeits-Komplex ist alles Territorialverletzung und Machtfrage, selbst die schlichteste Organisationsempfehlung.  

Am Ende wird es heiter. Es geht um Grenzen zwischen Abgeordneten und Assistenten, und die Frage kommt auf, ob Assistenten auch private Besorgungen der MEP erledigen, beispielsweise deren Wäsche von der Reinigung holen sollten. Frau Noichl verneint dies strikt, Frau Herzberger-Fofana stimmt ihr auffallend zögerlich bei, Erik Marquardt rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum. “Aber wenn die Assistentin das ausdrücklich anbietet…”, fragt er etwas kleinlaut. “Sie hat darum gebettelt, nicht wahr?” erkundige ich mich freundlich. Wieder lächelt die Seminarleiterin. Herr Marquardt lächelt nicht. 

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Ein paar Betrachtungen zum zurückliegenden EU-Wahlkampf. FDP-Kandidat Carl Grouwet, Lebenspartner des Journalisten Gustav Seibt, erklärt den Schülern der Zehlendorfer Peter-Lenné-Schule seine Beweggründe für den Kampf um ein EU-Mandat: “Und dann möchte ich nach Brüssel, weil ich dort vor 25 Jahren meinen Mann kennenlernte, mit dem seit 10 Jahren verheiratet bin”! Großer Applaus. Seit “Wowi” scheint kein homosexueller Politiker auf dieses Bekenntnis verzichten zu können, und auch hier lautet die Unterzeile: “Ich bin schwul, und das ist gut so!” – wobei es nicht um gut, sondern um “besser” geht. Denn die eigentliche Botschaft des Outings ist: Homosexuelle sind die sensibleren, ehrlicheren, weniger stromlinienförmigen Politiker. Tatsächlich sind sie vor allem die spießigeren, die selbst ihr Privat- und Intimleben für politische Zwecke instrumentalisieren. Kaum ein heterosexueller Politiker tut das heute noch, nutzt den Ehepartner als Argument im Wahlkampf; bei Schwulen ist es ein verlässlicher Topos. Sie sind die neuen Heroen der Bausparvertrags-Idylle, und der immer ein bißchen zu geschniegelte, zu glatte, zu adrette Grouwet ist ihr Prototyp. Diese Idylle kann Grouwet nun fortsetzen, wenn auch nur in Berlin. Grouwet wurde nicht gewählt.

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RDA, der Internationale Bustouristik-Verband, schickt seine Wahlprüfsteine für die EU-Wahl. Im Anschreiben heißt es: “Es ist der Reisebus, der Europa für Reisegäste aus fernen Ländern im besten Sinne erfahrbar macht. So werden aus Vorurteilen Freundschaften und Kulturen wachsen zusammen. Der Reisebus leistet so tagtäglich einen ganz erheblichen Beitrag zur Friedenssicherung in Europa.” 

Der Reisebus als Friedensmission – darauf muss man kommen. Dass die Betreiber dieser Friedensmissionen erheblich an der illegalen Migration nach Europa mitverdient haben, dass sie auch Mörder und Terroristen nach Deutschland beförderten, ist vermutlich ein anderes Thema.

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“Die Parteiposition ist folgende: Nach der Machtübernahme werden sämtliche Personen, die sich für TTIP eingesetzt haben, an die Wand gestellt.” Aus dem Buch “Herr Sonneborn geht nach Brüssel” des früheren Titanic-Chefredakteurs und wiedergewählten EP-Abgeordneten der “PARTEI”. Nach der Ermordung Joachim Lübckes bekommen solche Späße wirkliche Tiefe.