Faschismus, Pathos und failed states

In der ZEIT vom 6. November plädiert Thea Dorn für mehr Pathos im Umgang mit der Bundeswehr. Das mag richtig sein, viel wichtiger aber wäre, dass die Bundeswehr selbst auf Pathos setzt. In allen angelsächsischen Büchern über die letzten Kriege antworteten die Soldaten auf die Frage, warum sie sich gemeldet hätten, mit mehr oder minder den gleichen Pathos-Formeln: Dass sie etwas der Gemeinschaft zurückgeben und auf etwas im Leben zurückschauen wollten, auf das sie stolz sein könnten, dass Corpsgeist und Kameradschaft, aber auch gerade Gefahr und Risiko sie angezogen hätten. Das macht die Attraktivität einer Armee, nicht Kita-Plätze; und nur für solch hohen Werte opfert man gegebenenfalls sein Leben.

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„Ich bin aus Iowa, und nun bin ich hier in der irakischen Wüste unter dem Sternenhimmel, und morgen ziehe ich los und jage und töte Männer. Ist das nicht romantisch?“ Ein 22-jähriger Soldat einer Eliteeinheit, die im Irakkrieg 2003 zum Einsatz kam, in „Generation Kill“ von Evan Wright

Im Zusammenhang mit dem Töten wirkt der Begriff „romantisch“ zunächst irritierend. Tatsächlich trifft er den Punkt. Auch das Verhältnis der Romantiker zur Wirklichkeit war geprägt von Ironiefreiheit, Pathos, höchstem Einsatz. Krieg ist nur die düstere Seite des romantischen Lebensgefühls.

Das ist den Deutschen kaum noch verständlich. Vielleicht auch deshalb das Erstaunen über jene Landsleute, die sich zum Kampf für die ISIS melden. Doch erinnert deren Bereitschaft nur daran, dass es immer Teile der Gesellschaft gibt, die mit der so verachteten Bürgerlichkeit nichts anfangen können. “Seit meiner Kindheit trieb mich der leidenschaftliche Wunsch nach dem Absoluten und nach Grenzüberschreitung; jetzt hatte mich diese Leidenschaft an den Rand der Massengräber in der Ukraine geführt. Ich war immer bestrebt gewesen, radikal zu denken; nun hatten auch der Staat, die Nation die Radikalität und das Absolute für sich entdeckt; wie hätte ich mich in diesem Augenblick verweigern, nein sagen und mich stattdessen für die Bequemlichkeit der bürgerlichen Gesetze, die laue Sicherheit des Gesellschaftsvertrags entscheiden können?” SS-Obersturmführer Dr. Max Aue in Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“.

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Sehen eigentlich jene, die ihre Karrieren mit Feldzügen gegen die Bürgerlichkeit begannen, in welcher Tradition sie stehen? Und wer sich nun im Geiste an ihre Seite gesellt?

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„Jede Nation spottet über die andere, und alle haben recht“. Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit

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Meine Jugend war faschistisch. Zumindest konnte diesen Eindruck bekommen, wer Anfang der 1980er durch Bonn lief. Nicht nur die Studentenvertretung ASTA, auch viele Plakate machten deutlich, wie es um Land und Welt bestellt war: Hinter allen ‚Machtstrukturen’ lauerten Faschisten. Die Sozialfaschisten der SPD, die Rüstungsfaschisten von Krauss-Maffei, die Wirtschaftsfaschisten der DAX-Konzerne, die Nachrüstungsfaschisten unter Helmut Schmidt. Es gab Konsumfaschisten, Atomfaschisten, dazu US-Faschisten, ein Synonym für fast alle weißen Amerikaner. Ich selbst war, aufgrund meiner Zuneigung zu Parlamentarismus und Grundgesetz, Systemfaschist. Außerdem las ich Faschistenpresse (FAZ, SPIEGEL).

Das Faschistengerede ist aus der Mode gekommen. Vermutlich sind ihre Wortführer inzwischen selbst so weit Teil des Systems, der Wirtschaft oder der Presse, dass sie sich nicht gern erinnern. Wohl deshalb verschließen sie ihre Augen vor der einzig wirklich faschistischen, nämlich totalitären, frauenfeindlichen, autoritären und antisemitischen Bewegung in diesem Land.

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Europa sei ein „Powerhouse“, ein „Wirtschaftsblock“, eine „ökonomische Weltmacht“. So oder ähnlich haben sich alle letzten Kommissionspräsidenten geäußert. Dabei sagen zahlreiche Studien das Gegenteil. Die meisten europäischen Länder sind hinsichtlich Produktivität und Innovationskraft weit hinterher. Bulgarien, Rumänien, der Balkan sind in allen Rankings faktisch „failed states“, ohne funktionierende Wirtschaft, ohne funktionierendes Ausbildungssystem, ohne Innovationen, ohne Zukunft. Kein Wunder, das viele der Bürger wegwollen. Nicht viel besser steht es um Portugal, Spanien, Italien, Griechenland. Gegen Länder wie Korea oder China, die Milliarden in Forschung und Ausbildung investieren, sind Teile von Europa Dritte Welt.

Die Frage ist, ob man das ändern kann. Dagegen spricht schon die endemische Korruption und faktische Rechtsfreiheit in vielen der genannten Staaten. Aber selbst wenn es diese Probleme nicht gäbe, wäre zu fragen, ob nicht Brüssel selbst Hauptfeind der zukunftsfähigen wirtschaftlichen Entwicklung ist.

Über Jahrzehnte versenkte Brüssel rund 70 Prozent seines Haushalts in der Landwirtschaft. Hunderte von Milliarden gingen in einen Sektor, der weder Arbeitsplätze noch Innovationen schafft. Noch im aktuellen Haushaltsplan sind rund 30 Prozent der 1 Billion Euro, die Brüssel für die nächsten 5 Jahre verplant, für die Bauern vorgesehen. Während die USA mit Google, Amazon, Facebook, Apple und Tausenden anderen erfolgreichen Firmen Schlüsselbereiche wie Genforschung, Digitaltechnik, Medizin und Rüstung beherrschen, investiert Brüssel in Äpfel und Schweinefleisch. Während die EU eine Wirtschaftspolitik betreibt, als wollte sie den Morgenthau-Plan endlich Wirklichkeit werden lassen, investieren auch Korea und China massiv in den technologischen Fortschritt.

Nun visiert die EU schon die Aufnahme von Ukraine, Moldawien, Georgien an, also von weiteren schwer korrupten, rein agrarischen Ländern. Und das heißt: Noch mehr Geld für den landwirtschaftlichen Sektor, mit zahlreichen unsinnigen Folgeinvestitionen in Infrastruktur und Maschinen.

Für alle jungen, fähigen Leute müsste das ein klares Signal sein: Wirtschaftlich hat Europa keine Zukunft, und persönlich daher auch nicht – will man nicht Bauer, Bürokrat oder Pfleger werden. Die Zukunft liegt jenseits des Ozeans oder der Mongolei.

Verantwortlich dafür ist Brüssel. Auch deshalb muss man die EU bekämpfen und zerschlagen!