Frauenzeitschriften und Politik

Zum Osterfest ein hübscher jüdischer Witz: Treffen sich Nathan und Benjamin. ‚Aber Benjamin, wie siehst Du aus? Geht es Dir nicht gut? Ist etwas passiert?’ ‚Du fragst, ob etwas passiert ist? Etwas? Eine Katastrophe! Mein Sohn ist zum Christentum konvertiert! Kannst Du Dir das vorstellen? Der Rabbi spricht nicht mehr mit mir, die Verwandtschaft redet von Schande, meine Frau sagt, ich hätte den Jungen falsch erzogen. Oh Himmel, es ist furchtbar! Wieso mir, wieso nur mir?’ ‚Oh Benjamin, großes Leid hat Dich ereilt! Und der Herrgott möge Dir und den Deinen verzeihen!’ ‚Ach, lass gut sein. Das hat ER bereits.’ ‚Der Herrgott? ER hat mit Dir gesprochen und Dir verziehen?’ ‚Ja. Du kennst den kleinen Busch in meinem Garten? Als ich wieder einmal mein Leid klagte und den Herrn fragte, was ich nur machen solle, fing der Busch an zu brennen, und aus den Flammen sprach die Stimme des Herrn zu mir.’ ‚Die Stimme des Herrn! Unglaublich! Ein Wunder! Und was, lieber Benjamin, hat der Herr Dir gesagt? Sollst Du Deinen Sohn opfern?’ ‚Nein, nein, ER war recht entspannt. „Benjamin”, hat ER gesagt, “Dein Sohn ist zum Christentum konvertiert? Mach Dir nicht draus. Ist mir auch passiert. Und was Du tun sollst? Ganz einfach: Schreib ein Neues Testament.“’

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Jetzt offiziell: Das Sturmgewehr G36 der Bundeswehr ist zumindest aus Sicht des Verteidigungsministeriums im Kampf nicht zu gebrauchen. Die Gerüchte gibt es seit Jahren, also lange bevor die jetzige Verteidigungsministerin ins Amt kam. Doch erst jetzt gibt es ein Ergebnis. Warum dauerte das so lange? Weil es vorher einen Minister gab, der den katastrophalen Zustand der Bundeswehr wesentlich mitzuverantworten hat, aber dennoch weiterhin im (anderen) Amt bleibt: Thomas DeMaizière. Sein Verbleiben in der Regierung ist der tägliche Beweis, dass Unfähigkeit nicht schadet.

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Im Zeitungskiosk einmal mehr verblüfft über die offensichtlich immer wachsende Zahl der Frauenzeitschriften. Gab es vor Jahren vielleicht 15, 20 derartige Titel, hat man nun den Eindruck, dass nicht nur jede Altersgruppe, sondern jeder Jahrgang seit 1960 eigene Titel hat. Und fast alle verkünden den Segen der Selbstoptimierung: Wie man schlanker, schöner, erfolgreicher, klüger, gelassener wird, dazu eine bessere Mutter, Partnerin, Gespielin und auch Sex Appeal, Ausstrahlung, Durchsetzungsstärke gewinnt. Alles ist möglich.

Nur ein Thema fehlt verläßlich auf all diesen Titeln: Politik. Das ruft eine Studie in Erinnerung, die vor Jahren Michael Walter, der langjährige, inzwischen leider verstorbene Chef der Marktforschung bei Gruner + Jahr zeigte. Thema war die Entwicklung des politischen Interesses bei Jugendlichen. Hielten sich in den frühen 80er Jahren noch 70 Prozent der Männer im Alter zwischen 19 und 39 für politisch interessiert, waren es um das Jahr 2000 nur noch 40 Prozent. Wirklich erschreckend waren jedoch die Zahlen bei jungen Frauen: Hier ging die Selbsteinschätzung des politischen Interesses von 35 auf 2 (!) Prozent zurück. Faktisch war Frauen dieser Altersgruppe das Gemeinwesen mithin schnurz. Unvergeßlich der Kommentar Walters in Richtung der anwesenden, leicht feministischen BRIGITTE-Chefredakteurin Anne Volk: „Ob diese Entpolitisierung mit dem Wirken der BRIGITTE zu tun hat, konnten wir nicht klären“.

Hat sich an diesem Befund etwas geändert? Wer mit jungen Frauen spricht, stößt auf politische Ahnungslosigkeiten, die nur deshalb nichts Abgründiges haben, weil überall die Wüste des Desinteresses herrscht. Deutsche Minister oder Ministerpräsidenten sind ebenso wenig bekannt wie die Funktion des Bundestages; Fragen nach dem Sinn von Demokratie, Rechtstaatlichkeit oder Gewaltenteilung sorgen für die großen Augen, die bei Jugendlichen oft den Status des Genervtseins und die Ungehörigkeit der Frage signalisieren. Sie kennen die Teilnehmer an DSDS oder Germany’s Next Topmodel, die wichtigsten Modelabels, die versteckten Funktionen des Handys. Politik kennen sie nicht, und sie wollen sie auch nicht kennen. Kommt es zu diesem Themen, folgt meist die sofortige Flucht. Und ich spreche von Frauen, die das Gymnasium besuchen.

Woran liegt diese Entpolitisierung? Hat der Feminismus die Frauen möglicherweise aus der Politik getrieben, weil deren Protagonisten wie Roth, Schwarzer, Ditfurth, Künast oder Süßmuth nicht unbedingt Inbegriff eines attraktiven Frauenbildes waren und sind? Meiden junge Frauen deshalb die Politik, weil sie den Feminismus für ihr eigenes Leben nicht mehr akzeptieren, er in der Politik aber gefordert wird, wie die vehementen Attacken vieler Bundestagsfrauen auf Familienministerin Kristina Schröder zeigten? Oder läuft die Erziehung jenseits der bekannten Defizite im Lesen, Rechnen, Schreiben auch staatspolitisch falsch?

Vielleicht hatte aber auch Michael Walter mit seinem mokanten Kommentar einen Punkt getroffen. Denn es erscheint zumindest fraglich, ob die von Frauenzeitschriften seit Jahren gepredigte Selbstverfassung, also ‚Quality time für Eigenes’, für Yoga, Reisen, Beauty, Ayurveda, Backen und das richtige, der jeweiligen Seelenlage entsprechende Outfit, mental für Politik geeignet ist. Lässt sich dieser Fokus auf das Ich mit dem Kompromiss-Wesen der Politik vereinbaren? Und ist das ewige Gerede von der Selbstoptimierung, das ja immer von einem Defizit ausgeht, also einem Mangel an Schönheit, Selbstbewusstsein oder Gleichrangigkeit, eine gute Voraussetzung für ein Vorankommen in der Politik? Anders gefragt: Wird dieser Minderwertigkeitskomplex, der von Frauenzeitschriften propagiert und ins Unendliche fortgeschrieben wird, in der Politik (und in vielen anderen Berufen auch) nicht recht schnell hinderlich?

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„Wenn ich einen Pflug führte, eine Herde weidete, einen Garten pflegte oder Kleider ausbesserte, würde niemand auf mich achten, wenige würden mich beaufsichtigen, selten würde man mich tadeln und es fiele mir leicht, allen zu gefallen. Da ich aber die geistigen Umrisse der Natur abgrenze, für die Nahrung der Seele sorge und bestrebt bin, den Geist zu pflegen, ist sogleich einer da, der mich ins Auge fasst und bedroht, beobachtet und anfällt, einholt, beißt und verschlingt. Ja, es ist nicht nur einer. Viele sind es, fast alle.“ So der 1600 als Ketzer verbrannte Philosoph, Priester und Astronom Giordano Bruno. Das kann man auf die Diskussion übertragen, die derzeit über die Veröffentlichung von Namen und Bildern des Germanwings-Piloten geführt wird. Im Internet Kübel von Dreck, wüste Anwürfe, enthemmte Fäkalsprache. Dabei dürften die meisten, die sich hier selbstgewiß echauffieren, nie als Journalisten gearbeitet haben und mit den Aporien und Nöten dieses Berufs kaum vertraut sein. Sicher scheint: Nach den vorliegenden Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sind die Veröffentlichungen rechtlich nicht zu beanstanden. Alles darüber hinaus sind Erwägungen im schwankenden Bereich von Moral, Pietät, Rücksicht – und damit durchaus unterschiedlichen Einschätzungen zugänglich. Doch kein Bewusstsein für diese Selbstverständlichkeit, immer schwerstes moralisches Verdikt. Den ersten Stein zu werfen ist der Lieblingssport der Deutschen.

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Noch zu Frauenzeitschriften: Gibt es eigentlich Hefte für Männer, die allein von deren Minderwertigkeitskomplexen leben? 

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Im Märzheft der Monatszeitschrift MERKUR ein kluger Aufsatz über moderne Despotien, wie man sie in Rußland, Aserbaidschan, China, Ägypten oder Saudi-Arabien erlebt. Anders als früher im Dritten Reich oder den kommunistischen Regimen gebe es nirgends mehr einen Kult um das Volk, um Arbeiterschaft, Bauernstand oder Nation. Despotien zeigten nicht mehr offen ihr tyrannisches Gesicht, sondern nutzten demokratische Kernelemente als Maskerade: So würde regelmäßig gewählt, Kandidaten und Parteilisten aber vorher selektiert, von den staatlich gelenkten Medien ohnehin nur über genehme Kandidaten berichtet. Jede wirkliche Opposition werde unterdrückt, verfolgt, umgebracht. Da es keine politische Kontrolle gebe, herrsche überall ein System der Klientelwirtschaft. Despotie erzeuge notwendig Korruption und oligarchische Systeme mit hoher Konzentration von Privatvermögen. Die Herrschaft des Rechts (rule of law) sei abgelöst durch die Herrschaft per Gesetz (rule by law). Bemerkenswert der Befund, dass der gut ausgebildete Mittelstand, früher meist Hort der Opposition, heute in den meisten Despotien zur kooperativer Machtteilung bereit sei: Gehorsam gegen wirtschaftliche Freiheit. Das widerspricht der früher beliebten These, dass wirtschaftliche Entwicklung immer zur demokratischen Entwicklung führe.

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Und noch ein Fundstück: Im aktuellen Chrismon mal wieder ein irritierender Beitrag, diesmal ein Gespräch zwischen Heiner Geißler und der muslimischen Ärztin Aydan Özdaglar. Beide sind sich völlig einig, dass der Islam nichts mit dem Terror der Islamisten zu tun hat. Nur die Deutschen wüssten das eben nicht, sie könnten, so Geißler, „nicht sauber differenzieren zwischen Islamismus und Islam“. Dass selbst ausgewiesene Islam-Forscher damit ihre Schwierigkeiten haben, scheint Geißler nicht zu wissen. Doch auch Frau Özdaglar bewegt sich ähnlich souverän und hochmütig durch alle Tiefen. Zwar „kenne sie sich in den Regeln der islamischen Theologie viel zu wenig aus“, doch weiß sie, dass beispielsweise die Frauenentrechtung im Koran nicht vorkomme. Wichtig sei, dass der „Koran richtig gelesen wird und die Suren nicht nur stückweise zitiert werden, wie es Pegida-Anhänger tun“. Keine Ahnung von islamischer Theologie, aber wissen, wie man die Suren richtig versteht – fallen derartige Widersprüche den Moderatoren nicht auf? Interessant der Hinweis von Frau Özdaglar, ein heutiges Burka-Verbot würde in Deutschland zu einem Aufstand und „schließlich auch zu Gewalt“ führen. Gewiß: Islam heißt Frieden. Und die Gesetze des Gastlandes haben zurückzutreten hinter der Scharia. Sonst droht man mit Gewalt. Und das alles in Chrismon. Aber weder Herr Geißler noch die Moderatoren nehmen dies zum Anlass, nachzufragen oder das Gespräch sofort zu beenden. Protestantismus wirkt immer häufiger wie bloße Standpunktlosigkeit, drapiert als interessierte Toleranz.