Habeck und Hexenjagd

Annette Kurschus, stellvertretende EKD-Vorsitzende, verkündet im DLF (und ohne dass der Interviewer widerspricht) eine neue Form der Weihnachtsgeschichte: “Da sind zwei auf der Flucht. Auf der Flucht bringt die Frau ihr Kind zur Welt und weiß nicht, wo sie das tun soll. Sie erfährt ganz viel Ablehnung. Türen werden zugeschlagen.” Soso. Und da dachte ich immer, Josef hätte sich mit seiner Frau wegen einer Volkszählung aufgemacht “in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war”, und es sei einfach nur kein Platz in der Herberge gewesen.

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Auch in ZEIT, Süddeutsche und Tagesspiegel gibt es noch Nester des Widerstands: Während die politischen Redakteure die Klimakatastrophe verkünden und “Flug-Scham” propagieren, preisen die Kollegen vom Reiseteil unverdrossen die Schönheiten Lateinamerikas, der Malediven und Neuseelands. 

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Seit einiger Zeit unterbleibt bei muslimischen Anschlägen die Illuminierung nationaler Monumente in den Landesfarben unter dem Rubrum “Wir sind…”. Nach der Mordattacke in London blieb die Tower-Bridge selbst in den Sozialen Medien dunkel. 

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Brüssel, Abendempfang in einem wunderbar kultivierten Haus. Rund 40 Gäste aus aller Herren Länder und aus Kreisen, die man gemeinhin die besseren nennt. Lebhafte Gespräche, aber wie immer auch hier der unvermeidliche Party-Dussel, ein Journalist der Deutschen Welle. Die existenzbedrohende wirtschaftliche Lage vieler deutscher Zeitungen kommentierte er mit den Worten, die Privatmedien hätten eben versäumt, nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln – was sich als Nutznießer einer mit jährlich 350 Mio. Euro voll steuerfinanzierten Journalismus-Simulation leichthin sagt. Für mich war das der Lackmustest, nach rund fünf Sätzen wandte ich mich ab; das Leben ist zu kurz für Clowns und Leute ohne Manieren: Wie fast alle einfältigen deutschen Journalisten glaubten auch er und sein jüngst angetrauter Lebenspartner, ihre angebliche Unangepasstheit durch betont schlampige, dem Anlaß schlicht unangemessene Kleidung zum Ausdruck bringen zu müssen. So tarnt sich seit 40 Jahren der ödeste Mainstream als Nonkonformismus. 

Am nächsten Tag hörte ich, dass sich ein oder zwei Personen bei der Gastgeberin beschwert hätten, wie sie jemanden von der AfD einladen konnte. Wer das war, ist zu vermuten. Wie schon gesagt, über Politik hatten wir nicht gesprochen. Aber wie auch in Deutschland ist das inzwischen egal, das Verdikt steht ohnehin fest: Nazi, Rassist, Fremdenfeind. 

Das alles erinnert immer mehr an mittelalterliche Hexenjagden: “Gewiß, Kontakt mit dem Pferdefüßigen konnten wir Herrn Fest nicht nachweisen, Spuren schwarzer Magie haben wir bei ihm nicht entdecken können, und auf den Blocksberg geritten um Mitternacht bei Vollmond ist er auch nicht. Aber der Freund eines Bruder des Cousins einer Bekannten aus dem Nachbardorf will gesehen haben, dass einmal eine schwarze Katze seinen Weg kreuzte, und als er im Straßburger Parc de L’Orangerie vor der Voliere stand, soll der Uhu geblinzelt haben. Deshalb seien Sie auf der Hut: Mag er auch halbwegs zivilisiert wirken, mag er auch zusammen mit seiner Partei unverbrüchlich zu Israel stehen – letztlich bleibt er ein Antisemit, und kleine Kinder frisst er vermutlich auch!” Doch immer ein Trost: Wenn nur genügend “trockene Schleicher” die Welt bevölkern, kommt wie im Faust vielleicht tatsächlich der Teufel zu Hilfe.

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In westlichen Ländern ist die Einreise eine professionelle Formalie, in solchen der dritten Welt ein inszenierter Herrschaftsakt: Unfreundlich, schnarrend, kurzangebunden. So kürzlich in Indien. Dazu im Kontrast ein dicker Smiley-Button auf den einheitlichen Uniform-Krawatten der Grenzbeamten, versehen mit dem Warnhinweis: “We love to serve you”. 

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Zugfahrt, Zeitungslektüre, und wie fast immer ein Stück über Robert Habeck. Im bürgerlichen Leben sei der Grünen-Chef Schriftsteller, heißt es, und da ich nicht bewandert bin im Werk Robert Habecks, google ich ihn. 

Habeck, so Wikipedia, schreibt und veröffentlicht seine Bücher zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch. Das sei – O-Ton Habeck – „eine bewusste Entscheidung für einen gemeinsamen Lebensentwurf“. Ein bemerkenswerter Satz, eine Essenz des Zeitgeists in wenigen Worten. „Bewusste Entscheidung“ und „gemeinsam“ und „Lebensentwurf“. Die Autorenschaft als paritätische, gender-equilibrierte Veranstaltung, und als „Entwurf“ immer unfertig, ein dynamischer Prozeß, an dem man arbeiten muss, so von gleich zu gleich. Und „bewusst“ klingt auch gut, man hat sich nicht treiben lassen, sondern die Sache in die Hand genommen, aktiv geregelt. Jede Unternehmensfusion kennt dieselbe Prosa der Verlogenheit, “bewusste Entscheidung für eine gemeinsame Zukunft”. Kein Schriftsteller, der etwas auf sich hält, auf Form und Ausdruck, würde solch einen Satz veröffentlichen.

Und er würde auch nicht die Sprache aus der Hand geben, mit einem anderen teilen. Flaubert bekannte, tagelang schreiend durch die Wohnung gelaufen zu sein auf der Suche nach dem einen richtigen Wort. In den Manuskripten fast aller großen Autoren finden sich immer neue Überarbeitungen, Streichungen, Ergänzungen. Oft nur ein Wort, dann ein anderes, dann wieder zurück, ein vorsichtiges Tasten und Suchen. Es geht um Tempo, Rhythmus, Klang, Struktur, es geht um den perfekten Satz, und das bei jedem Satz. Bei Habeck geht es um den gemeinsamen Lebensentwurf. 

Das ist emotional anrührend, taugt aber nicht für Schriftstellerei. Jenseits von Reise-, Koch- und Kinderbüchern, die in der Regel keine allzu hohen Anforderungen an Sprache und Struktur stellen, scheinen solche Arbeitsteilungen immer fragwürdig. Doch muss ich einräumen, Fruttero und Lucentini nie gelesen zu haben, und die Brüder Goncourt waren eben Brüder und möglicherweise gleichermaßen begabt. Doch dürfte Herr Habeck seine Frau aus anderen als Gründen literarischer Parität geehelicht haben. Was also sagt die gemeinsame Autorenschaft mit seiner Frau über sein Selbstverständnis als Schriftsteller? 

Es sagt, dass er kein Schriftsteller ist, sondern ein Blender. Einer, der sich den Mantel der Schriftstellerei nur deshalb umhängt, weil der Beruf des “Schriftstellers” intellektuell wirkt und irgendwie kreativ, gebildet, sexy. Es sagt, und das zeigt die Platitüde von der “bewussten Entscheidung für einen gemeinsamen Lebensentwurf”, dass seine sprachliche Sensibilität kaum über die eines Freilandhuhns hinausgeht. Es sagt, dass die deutschen Journalisten ebenfalls keine Ahnung von literarischer Qualität haben und jede Behauptung gläubig nachbeten, wenn sie nur von Grünen kommt. Und es sagt, dass Herr Habeck weder die Schriftstellerei ernstnimmt, noch die Ehe, noch sich selbst. Kurzum: Der richtige Mann für grüne Politik.

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Gehört von einer Abgeordneten der Liberalen im EU-Parlament: “Was Kirche, Küche, Kinder für richtige Frauen, ist der EU-Frauenausschuß für Lesben!”