Die ‘Entjudung’ des Holocausts

Weltmeisterschaften der Leichtathleten. Auch hier hält die Gleichberechtigung Ungleicher in Form von Mixed-Staffeln Einzug, und mit schönen Ergebnissen: Bei den 4 x 400 Metern geht eine Japanerin mit 30 Meter Vorsprung in die letzte Runde – und wird von allen sieben Schlußläufern in einer Weise überholt, als sei sie lahm und fußkrank. Selbst der Reporter des ZDF fragt besorgt, wie die Athletin das wohl verkraften werde. Das aber ist die falsche Frage: Denn persönliche Traumata müssen in Fragen des Feminismus zurückstehen hinter dem großen Dienst, der dem “Empowerment” der Frauen erwiesen wurde. 

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Eines der großen Rätsel der Cafeterien von Brüssel und Straßburg: Wie man es trotz guter Kaffeemaschinen schafft, einen wirklich miserablen Kaffee anzubieten. 

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In der September-Sitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg wurde auch eine Resolution zur europäischen Erinnerungskultur verabschiedet. Erinnern sollen sich die Europäer nicht ihrer großartigen Philosophie, Musik, Literatur oder Malerei, nicht des Christentums oder der Aufklärung, nicht der Erfindung von Individuum, Wissenschaft und Nation, sondern ausschließlich der düsteren und bedrückenden Seiten: Nationalsozialismus und Stalinismus, der Kriege und Genozide, der Kolonialverbrechen und Hexenjagd. In einem Satz: Der linke Selbsthass als Leitkultur. 

Zusammengeschraubt war die gemeinsame Entschließung aus vier Anträgen der Grünen, Linken, Sozialisten und Konservativen. Diese Anträge glichen sich erstaunlicherweise bis aufs Wort, so als hätten alle voneinander abgeschrieben; nur in einigen marginalen Punkten ließen sich Unterschiede ausmachen: Grüne wollten auch der Verfolgung Homosexueller und Behinderter gedenken, Polen und Balten vor allem des Hitler-Stalin-Pakts, der mehrfach Erwähnung fand. Keine europäische Erinnerungskultur ohne Abbitte für Sklaverei und Kolonialismus, so als hätten alle europäischen Staaten gleichermaßen eine koloniale Vergangenheit, also auch Finnland, Luxemburg und Rumänien. Selbst die heutigen “Flüchtlinge” rechnete irgendein Antrag zum Erinnerungsfundus, und die kommunistische Linke legte Wert darauf, dass die Sowjetunion das erste und im Grunde einzige Opfer des Stalinismus gewesen sei. So sucht sie die westlichen Länder des Ostblocks vom Stalinismus auszunehmen – und damit von allen Nachfragen, wie es um die stalinistische Vergangenheit jener EU-Abgeordneten bestellt ist, die als Nachfolger der alten kommunistischen Kaderparteien in Brüssel sind. 

Der gemeinsame Antrag, auf den sich die großen Fraktionen schließlich einigten, enthält ein-, zweimal das Wort ‘Holocaust’, einmal ‘Antisemitismus’ – aber der Begriff ‘Jude’ fällt nie. Selbst Auschwitz wird nur im Zusammenhang mit der Ermordung eines polnischen Widerstandskämpfers erwähnt, so als sei Auschwitz ein zweites Katyn, nicht aber Chiffre für die Vernichtung des europäischen Judentums. 

Diese Auslassung ist so auffällig wie absichtsvoll. Denn die Erwähnung der Juden würde auch die Frage nach der Verantwortung der EU für Israel aufwerfen, also für den Staat, der unmittelbare Konsequenz des nationalsozialistischen Großverbrechens war – wie auch der vorangegangenen Pogrome in fast allen europäischen Ländern seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Denn die Judenverfolgung wurde zwar von den Nazis ins Extrem gesteigert, begonnen haben sie damit nicht; und schon weit vor Hitlers Machtergreifung flohen viele Juden vor dem europäischen Antisemitismus in die alte Heimat um Zion. 

Doch mit der Frage nach der Verantwortung Europas für Israel tut sich die Linke, die im EU-Parlament von Kommunisten über Grüne bis Sozialisten eine extremistische Linke ist, bekanntlich schwer. Sie steht in Treue fest zur Al Fatah und anderen kriminellen palästinensischen Organisationen. Und so finanziert die EU seit Jahren mit großen Geldzahlungen Schulen im Westjordanland und im Gaza, die nach ‘Selbstmordattentätern” benannt sind und in denen der Hass auf Israel die einzige Bildungskonstante ist. 

Aus linker Sicht ist der Holocaust daher eine zweischneidige Sache: Einerseits das ultimative Verbrechen, das man historisch geklittert den ‘Rechen’ zuschieben und damit gleichzeitig von den Verbrechen des Kommunismus ablenken kann; andererseits aber auch ein Verbrechen gegen die “falschen” Opfer, nämlich gegen jene, die schon für Ulrike Meinhof “als Geldjuden ermordet” wurden. Und klarsichtig erkannte die Leitfigur der RAF die Verbindungslinie zwischen dem national-sozialistischen und international-sozialistischen Hass auf Israel: “Der Antisemitismus (ist) seinem Wesen nach antikapitalistisch”. 

Wohl aus diesem Grunde versuchen Linke seit einigen Jahren, den Holocaust zu einem allgemeinen Signet des unübersteigbar Bösen zu machen, den Begriff gleichsam zu entjuden. ‘Holocaust’ steht aus ihrer Sicht für jede planmäßige Verfolgung von Opfergruppen, ob LGBT, Behinderte, Farbige, Flüchtlinge oder, besonders lachhaft, Muslime. Ausgenommen ist lediglich die systematische Vernichtung von Christen und Weißen, sei es in der arabischen Welt, in Simbabwe oder Südafrika. 

Insofern liegt die nun verabschiedete Resolution auf einer Linie mit dem, was Sigmar Gabriel 2017 in der Frankfurter Rundschau verkündete. Für ihn waren “die Sozialdemokraten die ersten Opfer des Holocaust”. Nach harten Protesten ruderte er zurück, aber nur sehr Gutgläubige hielten sein Statement für ein Versehen. Denn bei einem so heiklen Thema und unmittelbar nach einem politisch schwer verunglückten Besuch in Israel wird der Beitrag von mindestens 30 Spin-Doktoren, Freunden und Pressereferenten gegengelesen worden sein – und keiner soll den Lapsus bemerkt haben? Das scheint völlig undenkbar. Vielmehr dürfte keiner über den Satz gestolpert sein, weil keiner stolpern wollte. Er war ein Versuchsballon, der auf die Parteilinke zielte und auf deren antisemitische Umdeutung des Holocausts. 

Ein von mir im Plenum eingebrachter Ergänzungsvorschlag, der ausdrücklich der Juden gedachte, wurde von allen deutschen Grünen, Linken, Sozialdemokraten und der Mehrheit der Union abgelehnt. Zuvor hatte mir der christdemokratische Vizepräsident des Parlaments, Rainer Wieland, entgegen dem üblichen Procedere das Recht verweigert, den Antrag mündlich zu begründen. 

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“Die Sowjetunion war das erste Opfer des Stalinismus”. Man stelle sich vor, die Deutschen würden das vom Nationalsozialismus behaupten…

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Straßburg, am übernächsten Tisch ein französisches Ehepaar Mitte 50 mit seinen drei Kindern im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Angeregte Unterhaltung, plötzlich bedeckt der Ehemann die Frau mit Küssen. Beim zweiten Mal geht die Frau merklich auf Distanz, bei der dritten öffentlichen Liebesbezeugung protestieren die Kinder. Die alte Erfahrung: Irgendwann wünscht man sich von Partnern und Angehörigen vor allem, dass sie diskret sind. 

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Gehört: “Den Mord an den Groß- und Urgroßeltern der heutigen Israelis können viele Grüne den Nazis nachsehen; aber die Autobahnen werden sie Hitler nie verzeihen!”

Dennis Radtke, Terry Reintke und andere Lieblinge…

Laut Beschluß des Landgerichts Berlin darf Renate Künast mit Schmähungen belegt werden, die hier nicht wiederholt werden sollen. Der Beschluß ist grotesk, liegt aber auf der Linie vieler Gerichte, den Ehrenschutz für Politiker faktisch abzuschaffen. Nun zeigen sich gerade jene Medien empört, welche die Etikettierung von Alice Weidel als “Nazischlampe” für satirische Hochkultur und hinnehmbar hielten. Allerdings hat Weidel, anders als Frau Künast, nie Unzucht mit Kindern als legitim verteidigt. 

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Susanne Szech-Koundouros, Stellvertreterin des ständigen Vertreters der Bundesregierung in Brüssel, hatte zum Abendessen geladen. Szech-Koundouros ist freundlich, umgänglich, angenehm. Außerdem weiß sie, wie man sich anzieht. Gäste waren die deutschen Mitglieder des Ausschusses für Arbeits- und Sozialpolitik, gekommen waren Dennis Radtke (CDU), Gaby Bischoff (SPD) und die Grüne Katrin Langensiepen. Letztere freute sich gleich zu Beginn des Gesprächs über die designierte Kommissionschefin, weil Ursula von der Leyen als Ministerin einst kostenlose Bahnfahrten für Behinderte eingeführt habe. Das scheint nicht unbedingt ein Ausweis für Kommissionsbefähigung, doch ist Langensiepen aufgrund einer Erbkrankheit selbst schwer gehandicapt – und Dankbarkeit keine schlechte Eigenschaft. 

Gaby Bischoff gibt dagegen die klassische SPD-Mutti: Nicht übermäßig gewandt, fern jeder Brillanz, aber erfahren und solide an der Grenze zur Narkotisierung. Wohl zum Ausgleich trägt sie knallrote Blazer mit – sehr 80er-Jahre – hochgekrempelten Ärmeln. Außerdem hat sie eine Vorliebe für Schmuck, den mancher als ‘modern’, viele aber eher als ‘interessant’ bezeichnen dürften.

Drittens Dennis Radkte aus Wattenscheid. Früher SPD, heute CDU, dazwischen eine Karriere als Gewerkschaftssekretär. Er nannte, vermutlich um den Bundespräsidenten in seinem Urteil über die angebliche Bürgerlichkeit von SPD und CDU zu widerlegen, Anfang des Monats AfDler “Kackbratzen” und “Halbnazis”. Allerdings hatte er sich, so berichtete ein Kollege, bei einer Diskussionsveranstaltung ganz ähnlich über seine eigene Partei geäußert. Das sagte ich ihm ins Gesicht und fragte, ob solche Dreckwerferei auf einem Tourette-Syndrom oder dem Minderwertigkeitskomplex eines verkommenen Kleinbürgers basiere. Szech-Koundouros, alarmiert, trennte uns und versicherte, man wolle doch einen schönen Abend haben. Mein “Aber genau daran arbeite ich doch gerade” verhallte leider kommentarlos. 

Danach hockte Radkte, ein untersetzter, dicklicher Mann mit klassischem Gewerkschafter-Goatie, etwas unsicher am Tisch. Schaute ich ihn an, schaute er weg. Wie Gaby Bischoff ist er ein Freund auffälliger Accessoires: Sein mittelblaues Hemd hatte rot paspelierte Kragenränder und Manschetten, dazu große, durchsichtig-blaue Kunststoffknöpfe. Zum Carpaccio trinkt er Orangensaft, sein Französisch ist so, dass er sich die Karte übersetzen lassen musste. Dennoch wusste er schon bei der Bestellung, dass man in Straßburg meist länger auf das Essen warten müsse, als der Sozialausschuss für die Neuregelung der europäischen Sozialversicherung brauchen werde. Ein Mann von Welt.

Gut 90 Minuten wurde über sozialpolitische Projekte und Themen geredet. Dann waren alle noch so nebensächlichen Fragen erschöpfend berührt, und einmal mehr zeigte sich die Unfähigkeit vieler Deutsche zur leichten, eleganten Konversation. Mit jedem Engländer, Franzosen oder Italiener kann man jederzeit angeregt über Wetter, Fußball, Familie oder Urlaub reden; die Deutschen sitzen da wie Stockfisch. Offensichtlich hat keiner der drei Kollegen irgendein Interesse, das über Partei und Ausschüsse hinausgeht; oder nur solche, über die man besser nicht spricht. Irgendwann am Abend stach mich eine Wespe. Das war schmerzhaft, aber nicht schmerzhafter als diese Gesellschaft. 

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In den Büros des Europäischen Parlaments schalten sich die Stromsparlampen automatisch ab, sobald ein Sensor über längere Zeit keine Bewegung bemerkt. Wer also, was man im Büro zuweilen macht, längere Zeit am Schreibtisch sitzt, sitzt plötzlich im Dunkeln – und muss dann aufstehen und durch den Raum gehen, damit es wieder hell werde. Die Sache ist gleich doppelt ideologisch: Man will Strom sparen, aber die Leute auch auf Trab halten. Bitten, diesen Schwachsinn abzustellen, werden nicht erhört: Die Bewegungsmelder seien Pflicht, auch für Abgeordnete. 

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Vor einiger Zeit, vermutlich im Zusammenhang mit der Kampagne #MeToo, tauchte der Begriff “man-spreading” auf – die auf die Physis bezogene Variante jener “Gespreiztheit”, die im Deutschen eher der Wortwahl oder Gedankenführung gilt. Wenn Männer mit gespreizten Beinen säßen oder sonstwie ihre Körperlichkeit exzessiv betonten, sei das, so lernte man nun, weniger ein Zeichen fehlender Erziehung, sondern sexistisch-dominanten Verhaltens. 

Aber gibt es auch so etwas wie woman-spreading? Wer die Freude hat, in Ausschuss oder Plenarsaal hinter der Grünen Terry Reinke zu sitzen, kann auf diese Idee kommen. Bekannt wurde Reinke vor fünf Jahren durch das berüchtigte “Teletubbie”-Video. Den dort zu besichtigenden Auftritt an der Grenze zwischen kindisch und debil setzt sie im Parlament unverdrossen fort.

Auch in dieser Legislatur ist sie eine Freundin großer Gesten. Mindestens einmal pro Stunde erfolgt ihr persönliches Stretching: Die Arme weit nach oben abgespreizt, so als würde sie gerade aufwachen, dreht sie die Hände mit den zu kleinen Fingern im Kreis und zieht mal die eine, dann die andere Schulter hoch. Dann schüttelt sie ihr Haar, fasst es hinter dem Kopf zusammen, lässt es frei und schüttelt sich wieder. 

Nicht nur dieser Auftritt sorgt in hinteren Reihen für Gespött. Auch die Angewohnheit, Gespräche mit ihren Kollegen nicht etwa von der Seite zu führen, sondern vornübergebeugt, den keineswegs zierlichen Hintern dem Publikum entgegengestreckt, zieht beißende Kommentare nach sich – und nicht nur von Männern. Selbst Frauen der liberalen Fraktion spotten über “the German Hippo” und die plumpe, laute Selbstgefälligkeit, für die all diese ostentativen Auftritte stehen. Wenn es um den Klischee-Deutschen geht, macht den Grünen niemand etwas vor!

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August, Flughafen Berlin, der Flug ist verspätet. Hinter mir auf den sogenannten Lounge-Chairs versuchen eine Anwältin und ein Arzt, die Wartezeit wegzuplaudern. Sie kommt aus Braunschweig, er aus Rostock, beides ist längere Zeit Gegenstand vielfältiger Betrachtungen. Schließlich kommt das Gespräch auf die anstehenden Landtagswahlen, doch in welchen Ländern gewählt wird, wissen beide nicht genau: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen? Endlich ist man sich einig: Auf jeden Fall in Brandenburg! Daraufhin die Anwältin: “Und wissen Sie schon, wen Sie in Rostock wählen?” Auch geographisch ist der Osten für viele terra incognita.

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Erkenntnis beim Defilee der Abgeordneten über den Innenhof des Straßburger Parlamentsgebäudes am Wochenanfang: Dünne Frauen haben große Rollkoffer und oft noch drei Kleidersäcke über dem Arm; dicke dagegen meist nur einen kleinen, manchmal sogar winzigen Trolley. Entweder haben sie in Sachen Mode längst aufgegeben, oder sie können besser packen. Rätsel der Wirklichkeit.