Wir Muslime: Minderwertigkeitskomplexe und Anti-Amerikanismus

Bekanntlich hat es Maggie Thatcher immer abgelehnt, ihre Politik als konservativ etikettieren zu lassen. Ihr politisches Handeln, so meinte sie, sei lediglich Ausdruck von Common sense, von gesundem Menschenverstand. Darin lag mehr als nur der Spott über einen politischen Gegner, dem sie nicht einmal den allergeringsten Wirklichkeitssinn zugestehen wollte; es war dies auch Zeichen ihrer generellen Abneigung gegenüber Ideologien, und eben auch konservativer. Ziel ihrer Politik war kein höheres Programm, kein Masterplan eines gesellschaftlichen Umbaus. Sie löste lediglich Fesseln, alles weitere würde man sehen. Eine konservative Idee war das nicht, bestenfalls eine liberale.

Auch der Erfolg der AfD stand lange im Zeichen der Ideologieskepsis. Ihre Anhänger hatten genug von den realitätsfernen Wohlstandsverheißungen des Euro, während immer neue Milliarden für Banken, betrügerische Südstaaten und eben jene EU-Verwaltung bewilligt wurden, die dieses Chaos zu verantworten hat; und sie hatten auch genug vom neo-liberalen Mantra des ‚Marktes’, dem sich alles unterwerfen müsse, wie auch vom verantwortungslosen Gerede, wonach nur die EU den Frieden bewahren könne.

Ebenso unideologisch agierte die AfD bisher in der ‚Flüchtlings’-Frage. Während Koalition, GRÜNE und LINKE Willkommenskultur und Humanität zur Staatsraison ausriefen, wies die AfD standhaft auf die Überforderung der Kommunen hin sowie auf den offenen Rechtsbruch, den die Öffnung der Grenzen bedeutet. Politisches Handeln war für die AfD keine Frage religiöser (Barmherzigkeit) oder weltlicher (Solidarität) Ideologie, kein Mittel zum Zwecke einer multikulturellen Gesellschaft oder der Überwindung des Nationalstaates, sondern nüchterne Rechtsstaatlichkeit. Staatliches Handeln ist daran gebunden, was das Parlament in Gesetzen beschlossen hat. Niemand darf sich darüber hinwegsetzen, nicht einmal im Notfall. So hielt die AfD auch in der Flüchtlingsfrage die Tür zur Ideologie fest verschlossen.

Das scheint sich zu ändern. Wenn Flüchtlingspolitik nicht mehr mit schlichten rechtsstaatlichen Argumenten begründet wird, sondern mit biologistischen, ethnischen oder sonstigen, wissenschaftlich nicht verifizierbaren Erklärungen, geht die Partei genau den Schritt, den Thatcher ablehnte. Und sie überschreitet damit auch die Grenze, die sie momentan von der Weltanschauungs- und Weltbeglückungspolitik der anderen Parteien unterscheidet. Das würde ihren Charakter grundlegend ändern – und für viele wohl auch ihre Wählbarkeit.

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„Wir schaffen das“. Der immer neue deutsche Glaube an die ‚Wunderwaffe’.

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Seit einiger Zeit hatte ich mir Notizen gemacht zu einem Faktum, von dem ich nicht sicher war, ob es über Einzelfälle und mediale Exaltationen hinausgeht: Zur wachsenden anti-amerikanischen Haltung. Ob nach dem Mord an einem Austauschschüler oder nach fragwürdigen Tötungen durch Polizisten, immer war die Aufregung der Deutschen gewaltig. Was, passierte es in Russland, China oder Kolumbien, kaum als Meldung ins Blatt fände, war und wird in STERN, SPIEGEL oder SZ verläßlich großes Thema, so es in den Staaten erfolgt. Während islamische Terrorgruppen bekanntlich nichts mit dem Islam zu tun haben, gilt jeder derangierte Waffennarr als Repräsentant und Inbegriff amerikanischer Wesensart.

Diese Einstellung spiegelt sich auch in der Ungnädigkeit, die bei Gesprächen über amerikanische Politik gleichsam zum Diskursstandard gehört. Greifen die USA irgendwo ein, wissen die Kritiker schon vorab, dass es keine politische Lösung geben werde oder dass allein wirtschaftliche und geostrategische Gründe eine Rolle spielten, also wohl irgendwie egoistische, moralisch zweifelhafte Erwägungen. Halten die Amerikaner sich zurück, wie lange in Syrien oder Sudan, ist auch das nicht richtig. Richtig ist allein: Was immer sie machen, ist falsch.

Und selbst wenn sie gar nichts machen, machen sie doch irgendwas. Das erfährt man derzeit in der ‚Flüchtlingskrise’. Denn auch sie soll, folgt man den Leserbriefen der Zeitungen und Debatten in sozialen Netzwerken, Konsequenz amerikanischer Politik sein, der Kriege in Afghanistan und im Irak. Abgesehen von der Tatsache, dass der Afghanistan-Krieg längst vorbei ist, auch die Bundeswehr dort im Einsatz war und viele Migranten aus Afrika und dem Balkan stammen, hat sich der Großteil der syrischen und irakischen Kriegsflüchtlinge erst in Marsch gesetzt, als Frau Merkel die Willkommenskultur als Deutschlands Erwachen verkündete. Ohne diesen Akt wären die meisten Syrer und Iraker in ihrem Land respektive in ihren Lagern in Jordanien, im Libanon oder der Türkei geblieben, hätten die europäischen Nachbarn die Migranten nicht passieren lassen. Die deutsche Flüchtlingskrise ist mithin hausgemacht. Dennoch sind viele überzeugt, der wahre Schuldige fände sich jenseits des Atlantiks.

Nun hat Richard Herzinger in der WELT Ähnliches konstatiert: Eine in ihrer Verbreitung und Offenheit ungewöhnlich aggressive Abneigung gegenüber den USA. Und auch er sieht eine neue Qualität. War der Antiamerikanismus bisher eine Domäne der Linken, geht er heute quer durch Sozial-, Partei- und Bildungsschichten, findet sich bei alten wie jungen Leuten. Für manchen Bürgerlichen ist der große Bruder inzwischen fast so sehr der große Satan wie für Linksautonome oder die Mullahs in Teheran.

Herzinger sieht in dem neuen, auch konservativen Anti-Amerikanismus ein Zeichen für den Niedergang der liberalen Staatsdoktrin, ein Abgesang auf Parlamentarismus und individuelle Freiheiten. Das scheint sehr hoch gegriffen. Vermutlich sind die Gründe primitiver. Denn wer nachfragt, stößt nie auf staatspolitische Erwägungen, etwa auf Überlegungen zu einer kommunitarischen Bürgerlichkeit oder auf sonstige Alternativen zum westlichen Individualismus. Auch glaubt niemand, Europa könne auf den Schutz der USA verzichten. Stattdessen begegnet man einem Sammelsurium aus krausen Gedanken, die, in der einen oder anderen Form, auf vier Vorhalten gründen: Gegenüber Kapitalismus, militärischer Macht, dem Einstehen für Israel und kultureller Hegemonie.

Wer sich allerdings die Mühe macht, hier nachzufassen, greift immer ins Leere. Was genau ‚der Kapitalismus’ sei, worin konkret seine Defizite lägen und vor allem, welche Alternativen es gäbe, weiß selbst in bürgerlichen Kreisen kaum jemand zu beantworten. Eher liegt die Kritik im Gefühlten: Man will schon smarte Phones und Tablets, und Wohnungen, Lebensmittel und Reisen sollen bezahlbar sein; aber bitte nicht auf Kosten anderer, sondern ‚gerecht’. So wird tatsächlich noch Marx zitiert, als seien dessen Schriften eine Analyse der heutigen Zeit, uneingeschränkt gültig und jenseits aller Kritik. Am Ende steht jedenfalls eine Gewißheit: Kapitalismus ist böse, die Verteilung der ‚Weltgüter’ unfair, Handel immer Ausbeutung. Und irgendwie sind die Amerikaner daran schuld, wenn auch nur im Ungefähren. Denn auch hier: Sobald man nachfragt, woran sich deren Verantwortlichkeit festmachen lasse, welche ökonomischen Handlungen der Amerikaner die Welt konkret ins Unheil stoßen, kommt: nichts. Oder zumindest nichts, was anderen Staaten, ob China, Indien, Frankreich oder Brasilien, nicht auch in der einen oder anderen Weise angekreidet werden könnte – nur dass jenen gegenüber Kritik unterbleibt.

Kapitalismus = Imperialismus = Militarismus. Wird dieser schlichte Komintern-Unfug tatsächlich noch gelehrt? Vermutlich an deutschen Schulen, denn irgendwo muss es ja herkommen. Denn auch diese Simplizitäten sind wieder zu hören, und eben nicht nur von Linksalternativen. Für eine pazifistische Gesellschaft, die allein in Montagsdemonstranten noch ihre angeblichen Feinde erkennen mag und deren Armee nicht einmal mehr bedingt einsatzbereit ist, scheint schon der Wille der USA zur militärischen Stärke ein Affront. Wenn der Kapitalismus der Satan ist, ist das Militär sein Beelzebub. So schließen sich Überlegungen, bevor sie zu welchen werden.

Ebenso zwingend ist der dritte Vorhalt, die Kritik an der amerikanischen Israel-Politik. Auch hier gilt: Was immer das Weiße Haus anstellt, es ist zu wenig, zu lasch, zum falschen Zeitpunkt. Wer um Verständnis für innenpolitische Rücksichtsnahmen wirbt, muss erfahren, dass genau diese den jüdischen Einfluß dokumentierten. Und? Aber weiter gehen die Ausführungen nicht, als erkläre schon allein der Verweis auf den pro-israelischen Lobbyismus die Verworfenheit der amerikanischen Israel-Politik. So erscheint der Vorhalt oft nur als Erweiterung der obigen Formel: Kapitalismus = Judentum = Zionismus = Imperialismus = Militarismus. Hier allerdings ist sie gleichermaßen anschlußfähig für ganz Linke wie ganz Rechte. Die Amerikaner als Steigbügelhalter des internationalen Finanzjudentums, der „Geldjuden“, von denen Ulrike Meinhof sprach. Es gibt Kontinuitäten, die brechen nie. So wird der Anti-Amerikanismus zum Antisemitismus ‚über Bande’. Wenn man die Juden nicht selbst kritisieren mag, kritisiert man zumindest ihre verläßlichsten Verbündeten.

Schließlich wird auch ein letztes Ressentiment wieder ausgegraben, das in einem kulturvergessenen Volk wie den Deutschen besonders ratlos macht: Die Warnung vor kultureller Hegemonie. Doch auch hier gilt: Wer den Vorwurf ernst nimmt, wer nachfragt, ob ‚House of Cards’ oder ‚Breaking Bad’ das eigene Lebensgefühl bedrohen, ob Franzen, Auster oder Salter zu Unrecht deutsche Autoren verdrängten, ob wir mehr Helene Fischer hören sollten statt Pharell Williams, stößt ins Nichts. Man glaubt an die kulturelle Hegemonie der USA, hält sie auch irgendwie für ungerecht, aber begründen will man dies nicht.

Doch liegt eben darin ein Zeichen. Denn gerade die Abstrusität der Vorhalte macht deutlich, dass es nicht um Abwägung geht, um der Rationalität zugängliche Sachfragen; es geht um emotionale Dinge, verbrämt als Kapitalismus-, Kultur-, Militär- oder Israelkritik. Herzinger sieht den Grund in der Vergangenheit: Zum Vorschein „käme ein Ressentiment gegen die USA als einer vermeintlichen Unterdrückermacht, die Europa und seine Nationen an ihrer Selbstentfaltung gehindert habe“. Nun würden die Aversionen der 1930er Jahre gegen das freiheitlich-individualistische Gesellschaftskonzept reaktiviert.

Ist das so? Ich denke nicht. Kaum jemand kennt noch die Wirrheiten der ‚konservativen Revolution’, niemand bei Verstand nimmt sie ernst. Auch die ‚Betrachtungen eines Unpolitischen’ und die Verortung der Deutschen diesseits des Westens ist allenfalls eine Frage germanistischer Oberseminare, hat aber keine politische Relevanz. Auch die eigene Erfahrung, die Gespräche mit Eltern, Freunden, Verwandten, spricht gegen Herzingers These. Die Begeisterung über Kennedy, die Mondlandung, Monroe, Miller und Hemingway war so echt wie die Faszination der Jüngeren für ‚Der weiße Hai’, ‚E.T.’ oder ‚Star Wars’. Für die Flakhelfergeneration waren Bogart, Wilder und Wayne wichtiger als Erik Ode oder Jürgen von Manger, war Bonn vertrauenswürdiger als Walhalla. Auch die angebliche „Unterdrückung“, von der Herzinger spricht, war allenfalls ein Topos der Altnazis. Von den meisten wurde der Verbleib der amerikanischen Streitkräfte in Europa mit Dankbarkeit gesehen, und zwar weit über den Vietnamkrieg hinaus, sicherte er den Kontinent doch vor dem Zugriff der Russen. Vor die Wahl gestellt, optierten die Deutschen, mit wenigen Ausnahmen wie den Eltern von Frau Merkel, doch lieber für die westliche als für die östliche Re-education.

Insofern muss es einen anderen Grund für den wachsenden Anti-Amerikanismus geben, jenseits aller alten Geschichte. Vermutlich sind es psychologische Beweggründe. Von einer Macht, die den USA lange militärisch standhielt, die führend war in Wissenschaft und Forschung, deren Schulen und Universitäten Weltruf hatten, ist Deutschland abgestiegen zu einer Lachnummer. Ob ICE, Lkw-Maut, Drohnen, Satelliten oder Transportflugzeuge, kein technisches Großprojekt kommt ohne schwerste Mängel und Verzögerungen; nicht einmal für die Hauptstadt kann dieses Land einen Flughafen errichten. Zwar ist es wirtschaftlich noch erfolgreich, aber nur auf Gebieten der old technology, dem Auto- und Maschinenbau. Auf allen Zukunftsfeldern, ob Gen- oder Medizinforschung, Militär- oder Digitaltechnik, ist Deutschland längst abgehängt, teilweise schon zurück hinter aufstrebenden asiatischen Nationen. Während die Deutschen um Frauenquote und Mütterente streiten, erobern die Amerikaner die Zukunft.

So erscheint die Nörgelei an den Amerikanern in erster Linie als Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes, der seine Berechtigung hat. Man weiß, dass man abgeschlagen ist, verloren hat, nur noch am Katzentisch sitzt. Aber man will sich nicht eingestehen, dass man selbst schuld ist, dass die anderen fleißiger, härter, besser waren. So flüchtet man in vorgebliche Kritik. Im Grunde sind wir auf dem Weg zur muslimischen Haltung. Denn auch dort ist der Hass auf Amerika nur die Kehrseite des Eingeständnisses, dass die arabische Kultur ihren Zenit der Leistungsfähigkeit längst überschritten hat, man faul, bequem und ideenlos wurde. So wendet man das eigene Ungenügen gegen den Erfolgreichen. Dort wie hier. Wir Muslime.

 

Zur Herrschaft der Amöbenwörter

Selbst Vizekanzler Gabriel (SPD) hat nun erkannt: “Aus Saudi-Arabien werden überall in der Welt wahhabitische Moscheen finanziert. Aus diesen Gemeinden kommen in Deutschland viele islamistische Gefährder”. Ähnlich äußerte sich sein Fraktionschef Oppermann, dem zufolge der Wahhabismus die “komplette Ideologie” für den IS bereitstelle. Dieser sunnitische Islam saudi-arabischer Prägung herrscht, wie kürzlich zu lesen, fast in allen afrikanischen Ländern, dazu wird er beispielsweise in Afghanistan, Indien und Pakistan in saudisch finanzierten Schulen gelehrt; nimmt man hinzu, dass der schiitische Islam iranischer Provenienz ebenfalls weltweit terroristische Gruppen unterstützt, ist die Äußerung der SPD-Größen nichts anderes als das Eingeständnis: Die oft beschworene Trennung zwischen Islam und Islamismus gibt es nicht. Der Islam ist so, wie er derzeit ist und gelehrt wird, generell der Feind aller westlichen Werte und unvereinbar mit der freiheitlichen Demokratie.

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Der Soli wird nicht abgeschafft, die Grundsteuern gerade erhöht, weitere Steuererhöhungen bzw Schuldenaufnahmen sind in der Diskussion. Dennoch verkündete der niedersächsische Innenministers Boris Pistorius (SPD) bei Plasberg: „Niemandem wird wegen der Flüchtlinge etwas weggenommen.“ Gewiß. 

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Mal wieder zur EU. Deren neuester Wahnwitz heißt Anfa (Agreement on net-financial assets), eine – natürlich streng geheime, der parlamentarischen Kontrolle wie öffentlichen Debatte entzogene – Vereinbarung, welche die Möglichkeiten der nationalen Notenbanken für „nichtgeldpolitische“ Anlagen regelt. Nun kommt heraus, dass vor allem die französische und italienische Notenbank zwischen 2006 und 2012 für über 500 Milliarden Euro Wertpapiere gekauft haben – und vermutlich großenteils Staatsanleihen. Die Schuldner kauften also ihre eigenen Schuldverschreibungen, indem sie neues Geld druckten. Das ist gerade das, was nicht erlaubt ist, nämlich Wertpapiererwerb zu geldpolitischen Zwecken. Doch EZB-Chef Draghi, von 2006 – 2011 Leiter der italienischen Nationalbank, weiß angeblich nichts Genaues über Umfang und erworbene Titel, ist jedoch sicher, dass es nicht um verbotene Staatsfinanzierung ging. Geldpolitisch ist das die alte italienische Verteidigung des in flagranti erwischten Gemahls: „Liebling, es ist nicht das, was Du denkst!“ Auch Draghi kann ‚alles erklären’, wo es nichts zu erklären gibt, sondern nur die Scheidung – was in seinem Fall der sofortige Rücktritt wäre. Aber darauf ist vergeblich zu hoffen, die Demission würde ein zu helles Licht auf die außerordentlich fragwürdigen Karrieren in der EU werfen. So wird die Umverteilung zulasten der Sparer und zugunsten von Banken und Pleiteländern weitergehen, gedeckt von der angeblichen ‚Hüterin der Währung’ EZB und den Parlamenten, die auch hierzu wieder einmal schweigen.

Auch ein anderer Aspekt ist bemerkenswert: Während Italien und Frankreich im Rahmen ihrer Mitwirkung in der Troika einigen Staaten harte Austeritätsprogramme verordneten und den Geldhahn zudrehten, öffneten sie ihn für sich selbst und verschleierten ihre eigenen Finanzprobleme. Das ist schon ein großes Beispiel für innereuropäische Solidarität und für den Wert der Stabilitätszusicherungen, die den Euro betreffen.

Deutsche Gewißheiten, trotz Sigmar Gabriel: Die Morde von Boko Haram, Al Qaida, ISIS et al haben nichts mit dem Islam zu tun; und kein Skandal, keine Veruntreuung, kein Rechtsbruch, keine Korruptionsaffäre etwas mit den Strukturen der EU.

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Gespräche über Talkshows und Zeitungsartikel. Generell der Eindruck des Repetitiven, Unergiebigen, des Kreiselns um immer gleiche Positionen. Es gehe nicht um Verständigung oder Klärung, sondern um Rechthaberei. Daher so häufig das Gefühl der vertanen Zeit nach Will, Plasberg oder Illner, aber auch nach der Lektüre von Zeitungen. Interessant sind nur die Sachverhalte, fast nie die Einordnungen. Die wirken wie rhetorische Grabenkriege ohne Geländegewinne.

Seinen tieferen Grund hat dieser Niedergang der öffentlichen Debatte vor allem in der Verwischung der Begrifflichkeiten, in der Herrschaft der Amöbenwörter, also all jener konturlosen Begriffe, die gerade wegen ihrer Unschärfe nichts mehr bedeuten. So ist man im Zustand des Babeltums.  Zwar spricht oder schreibt jeder vordergründig Deutsch, aber eine Verständigung ist dennoch ausgeschlossen. Auch das ein Zeichen kommender Konflikte.

Amöbenwörter gibt es ohne Ende, aktuell sind es vor allem rechtsextrem und rechtsradikal. Einen definitorischen Sinn haben diese Einordnungen, die ja nicht steigerungsfähig sind, nur dort, wo sie klar antidemokratische oder antiparlamentarische Positionen bezeichnen; alles andere ist zulässiger Konservatismus. Dennoch in vielen Kommentare wie selbstverständlich die Einschätzung von Personen oder Parteien als rechtsextrem / rechtsradikal, obwohl selbst beim Front National die Einordnung inzwischen zweifelhaft scheint. Aber auch ‚Flüchtling’ ist ein Amöbenwort, ebenso Solidarität und Integration. Überall fehlt es an Ab- und Eingrenzung, die Begriff und benanntes Phänomen von anderem trennen. So wird alles qwerty: so ergiebig wie eine Diskussion über die Tastaturbelegung von Schreibmaschinen.

Einige Tage später meint ein kluger Kopf: Begriffliche Unschärfe sei fast immer ein Zeichen absichtsvoller Semantik. Man wolle Unschärfe, weil es nicht um Klarheit, sondern um Diskurs-Hoheit ginge. Der berühmte Dialog zwischen Alice und Humpty Dumpty: „Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“. „Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“ Der ‚herrschaftsfreie Diskurs’ als realitätsfernes Gerede – klarer ist das nie gefasst worden. Heute zu erleben in fast jeder Talkshow.

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Erstaunlich ist der Weg der FAZ. Dort berichtet Friederike Haupt unter dem Titel „Die völkische Bewegung stellt sich vor“ über die Reaktionen von AfD-Sympathisanten auf einen Artikel ihres Kollegen Volker Zastrow in der Sonntagsausgabe FAS. Diese Reaktionen sind oftmals primitiv, unerfreulich, emotional. Aber dürfen sich die Frankfurter darüber wundern?

Denn der Artikel von Zastrow war, soviel lässt sich sagen, von ganz eigener Qualität. Obwohl Autor eines höchst lesenswerten Buches über politische Renegaten, betrachtet Zastrow derartige Abtrünnigkeiten mit weit weniger Wohlwollen, wenn sie unter AfD firmieren. Deren „Gier nach Gewalt war mit Händen zu greifen“, auf den Demonstrationen habe die Anhängerschaft „Wut, Hass und einen nicht mehr zu übersehenden Hunger nach Gewalt“ gezeigt. Das widerspricht zwar diametral den Polizeiberichten, den Erkenntnissen zahlreicher Beobachter wie auch der Berichterstattung der Medien über die Berliner AfD-Demonstration, doch hat Zastrow vielleicht eigene Erkenntnisse. Nur teilt er sie leider nicht mit, abgesehen vom Verweis auf ein paar Filmausschnitte, in denen Journalisten beschimpft und herumgeschubst werden. Ist das schon “Gier nach Gewalt”? Wer sich zudem der Unterstellungen im Zusammenhang mit dem Asylantenmord in Dresden und dem Angriff auf Frau Reker in Köln erinnert oder der Äußerungen eines Journalisten beim NDR-Magazin Panorama, der sich als besonders radikaler Demonstrant gerierte, kann nicht überrascht sein. Und nicht nur die Neue Züricher Zeitung hat unlängst die Einseitigkeit der Berichterstattung deutscher Medien über die ‚Flüchtlingskrise’ festgestellt, also über das Kernthema der AfD – wobei ‚Einseitigkeit der Berichterstattung’ nur die eidgenössisch-zurückhaltende Vokabel für ‚Lügenpresse’ ist. Auch der Auftritt eines öffentlich-rechtlichen Reporters als Clown mit der klaren Intention, die AfD-Demonstration als Zirkusnummer zu diskreditieren, dürfte das Vertrauen der Parteigänger in die Objektivität der Medien nicht gestärkt haben. Als Wille zur thematischen Auseinandersetzung ließ sich solch eine Kostümierung jedenfalls kaum begreifen. Kann man den Demonstranten ihren Unmut also verdenken?

Zastrow kann. ‚Wir sind das Volk’-Rufe sind für ihn kein Ausdruck des Widerstandes gegen die Deutungshoheit der politisch-medialen Elite, sondern einer „völkischen Bewegung“, die nur deshalb keine eindeutig nationalsozialistischen Symbole verwende, „weil diese nun einmal verboten seien“. Doch kann die Abwesenheit von Hakenkreuz und Horst-Wessel-Lied Zastrow nicht beirren. Selbst die Deutschlandfahne ist für ihn Zeichen anti-republikanischer Gesinnung, eindeutig der exterminatorische Charakter der AfD. Ginge es nach der AfD, so Zastrow, „sollen alle erst einmal wenigstens (!) mundtot gemacht werden“. Daher sei auch der Slogan ‚Merkel muss weg’ keineswegs nur politisch zu verstehen; er sei physisch gemeint, als Mordaufruf. Darauf muss man nun kommen. Aber Zastrow meint das wirklich ernst.

Als Beleg verweist er auf ein Video eines Wachmannes beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Der hatte sich tatsächlich in indiskutabler Weise geäußert. Aber macht ihn das, zumal seine Parteizugehörigkeit ungeklärt ist, wirklich zu einem Sprecher der AfD? Sind Angehörige eines bekanntermaßen nicht übermäßig intellektuellen Berufsstandes verläßliche Gewährsmänner für den Kurs einer Partei? Doch Zastrow ist das egal, ebenso wie eine Unterscheidung zwischen AfD und Pegida. Jeder, der irgendwelche Dummheiten von sich gibt, ist automatisch AfD. Manchmal, ist zu ergänzen, jedoch leider auch FAS.

Man kann, wie auf diesen Seiten schon geschehen, die AfD scharf kritisieren; man kann ihre Entwicklung mit Skepsis oder Besorgnis verfolgen, ihr Personal für fragwürdig halten. Aber der Partei Mordlust, einen Hang zur Gewalt und eine nationalsozialistische Gesinnung zu unterstellen, ohne dies ansatzweise zu begründen, kann man seriöserweise nicht. So sind es gerade solche Artikel, die den Vorwurf der ‚Lügen-’ oder ‚Pinocchio-Presse’ bestätigen.

Um so befremdlicher wirkt daher das Nachkarten von Friederike Haupt. Man tritt Hunderten mit Wucht und Niedertracht ins Kreuz und wundert sich, wenn diese das nicht gut finden? Haupt verlagert damit die Qualität des Zastrow-Artikels aus der FAS noch in die FAZ hinein. Wie es um diese Qualität steht, zeigt der verlässlichste Lackmustest des Journalismus’, die Kolumne von Jakob Augstein bei SPIEGEL online. Der hat das Stück von Zastrow lobend erwähnt. Mehr muss man nicht sagen.

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Auch ‚völkisch’ ist im übrigen ein Amöbenwort, und nicht ohne Grund hat Jakob Augstein sich darauf gestürzt. Was es heißt, will er so wenig sagen wie Zastrow, es hat nur denunziatorischen Wert ­ – aber den reichlich. Daher an dieser Stelle zu Erinnerung: Auch das Grundgesetz spricht in der Präambel und in Artikel 1 vom ‚deutschen Volk’. Offenkundig baut auch das Grundgesetz auf völkischem Gedankengut.

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Schlußwort zur EU: Entscheidend für die dortige Karriere scheint eine einzige Qualifikation: Man muss ein Bock sein; dann wird man ganz sicher zum Gärtner ernannt.