Deutschland 2015: Delegitimation und Entwicklungsresistenz

Mal wieder im Deutschen Historischen Museum in Berlin. In der ständigen Ausstellung wird Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes wie des Godesberger Programms, als Carlo Schmidt vorgestellt. Berlin eben…

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Die Nachrichten des Berliner Radio Eins, einer Sendung des gebührenfinanzierten RBB, berichteten am Donnerstag von „völkischen Reden Alexander Gaulands“. Die klassische, hier klar denunziatorische Vermischung von Nachricht und Bewertung. Auch so ein Qualitätsmerkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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Ein kluger Kopf verweist auf eine Bemerkung Max Webers, wonach jeder verlorene Krieg die nationalen Werte und Überzeugungen delegitimiere. Im 20. Jahrhundert hätte Deutschland dies zweimal erlebt, dazu die moralische Delegitimation deutscher Kultur und Traditionen durch den Holocausts. Das erkläre den Selbsthass wie die Willkommenskultur. Die Psychologie der Niederlage.

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„Es gibt Menschen, die selbst für Vorurteile zu dumm sind.“ Egon Friedell (Dank an CG)

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Auf Youtube das Video eines Polizisten mit Migrationshintergrund, der einem Deutschen auf die Frage, warum jener einen Job, er aber selbst nur Hartz IV habe, antwortet: „Weil ich in der Schule aufgepasst habe und Du nicht“. Sehr hübsch, zu Recht wurde das Video auf Facebook vielfach ‚ge-likt’. Was aber wäre passiert, hätte ein biodeutscher Polizist dies einem Migranten entgegnet? Wäre da die Zustimmung auch so groß?

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„Weil der Islam alles sein kann, ist er das, was in seinem Namen geschieht. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Anders gesagt: Der Islam ist, was er ist, und nicht das, was man über ihn sagt oder sich von ihm erträumt.“ Necla Kelek

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„In Kriegen zwischen Kulturen ist die Kultur der Verlierer.“ Samuel Huntington

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Immer noch glauben viele, dass Terrorismus nicht religiös, sondern sozio-ökonomisch begründet sei. Dem widerspricht Theodore Dalrymple in einer erfrischend sarkastischen Eröffnung: „Bisher ist die Geschichte von Omar Ismail Mostefai, dem ersten der Pariser Angreifer, dessen Namen öffentlich genannt wurde, von trauriger Üblichkeit. Fast könnte seine Biographie geschrieben werden, ohne irgendetwas von ihm zu wissen: Ein Kleinkrimineller algerischer Herkunft aus dem, was die Welt ‚Banlieue’ nennt, lebte er weitgehend auf Kosten der Wohlfahrt…“ Davon gibt es auch hier Tausende. Sie alle sind im Grunde nichts anderes als die Bankrotterklärung aller Förder- und Integrationskurse wie auch des Jugendstrafrechts. Aber niemand nimmt das eine noch das andere in den Blick, fragt nach dem grundsätzlichen Sinn und der Berechtigung all der Resozialisierungs- und Bildungsmaßnahmen. Lieber ergibt man sich dem schönen Selbstbetrug, man könne mit etwas Antiaggressionstraining und Toleranzübung fundamentale Wertunterschiede überbrücken. Willkommens- ist Wegschau-Kultur.

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The best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity. William Butler Yeats (Dank an RGA)

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Nun also bekommt der türkische Premier Erdogan 3 Milliarden von der EU. Zur Erinnerung: Von jeder Rechtstaatlichkeit in sein Land weit entfernt, Journalisten werden verfolgt, umgebracht oder eingekerkert, die Kurden militärisch bekämpft. Kann irgendjemand sagen, warum Erdogan Unterstützung verdient, nicht aber Assad, der – anders als Erdogan – nie den IS unterstützte? Und würde eine Parteinahme zugunsten Assads das syrische Flüchtlingsproblem nicht weit eher an der Wurzel packen als die Finanzierung der Türkei?

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In der FAZ ein sehr ausführlicher Bericht über den von Saudi-Arabien finanzierten fundamentalistischen Islam. Alles längst bekannt, trotzdem lesenswert. Einmal mehr wird deutlich: Hier liegt die ideelle Brutstätte des Terrorismus. Dennoch darf man sicher sein: Politisch wird nichts unternommen.

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Deutschland gilt überall auf der Welt als wirtschaftliches Vorbild, als ökonomische ‚Lokomotive’ der europäischen Entwicklung und Stabilität. Doch ist die Frage, wie lange noch, und ob sich die Gesellschaft nicht schon längst, in den Kategorien Max Webers, von einer protestantisch-pharisäischen zu einer katholisch-publikanischen entwickelt hat, mit anderen Worten: Von einer, in der wirtschaftlicher Erfolg als Gunstbeweis Gottes gesehen wird, zu einer, in der sich Arme ihrer Armut nicht mehr schämen müssen und das schlechte Gewissen eher die Besserverdienenden trifft. Während in protestantisch fundierten Gemeinschaften der Anreiz zur Leistung wie zum Verlassen der Armut groß ist, sind publikanische Regionen eher entwicklungsresistent.

Für die Beurteilung dieser Frage hat der argentinische Staatsrechtler Mariano Grondona einst einen Katalog von kulturellen bzw. weltanschaulichen Faktoren entwickelt, die sich positiv oder negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auswirken. Neben der oben genannten protestantisch-pharisäischen Disposition sprächen seiner Ansicht nach folgende Indizien für wirtschaftliche Entwicklung:

–       Kennzeichen entwicklungszugewandter Gesellschaften ist das Vertrauen in das Individuum, in seine Kreativität und Vernunft unter Inkaufnahme der damit verbundenen Risiken. Politisch heißt das: Achtung der Vertrags- und Tariffreiheit, gleichzeitig Minimierung von Bürokratie, Subventionierung und staatlichen Vorgaben.

–       Für entwicklungsaffine Gesellschaften sind künftige Generationen bei der Verteilungsgerechtigkeit zu berücksichtigen; dies äußert sich in der Neigung zum Sparen. Dagegen betonen entwicklungsresistente Gesellschaften die Gegenwart und den Konsum.

–       Positive Beurteilung von Wettbewerb. In entwicklungsresistenten Gesellschaften wird Wettbewerb dagegen als Aggression gesehen, durch staatliche oder ständische Eingriffe reguliert. Neid und Ideen von utopischer Gleichheit werden legitimiert.

–       In entwicklungszugewandten Gesellschaften herrscht der Vorrang der Wissenschaft, also der Maßstab von Falsifizierung und Verifizierung. Dagegen sind wirtschaftsabgewandte Gesellschaften geprägt von Dogmen und Ideologien.

–       Fortschrittliche Gesellschaften schätzen Sekundärtugenden wie Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Ordentlichkeit, welche die Effizienz und Harmonie im Umgang fördern. Entwicklungsresistente Kulturen legen hierauf keinen Wert, weil diese Eigenschaften „im Schatten der großen Tugenden wie Liebe, Gerechtigkeit, Mut und Großherzigkeit stehen“.

–       Entwicklungsaffine Länder zeichnen sich durch den Realismus ihrer Vorhaben aus; sie beginnen nur, was sie auch leisten, abschätzen und in ihren Folgen bewältigen können. Zeichen entwicklungsresistenter Kulturen sind daher unfertige Kolossalprojekte wie Bahnhöfe, Flughäfen, Kulturbauten. Jeder Tag bringt eben einen neuen Traum…

–       Ökonomisch fortschrittliche Gesellschaften sehen sich als Schöpfer einer Welt, die man verändern kann; fortschrittsabgewandte dagegen im ewigen Kampf gegen sie und ihre furchtbaren Kräfte: Kapitalismus, Imperialismus, Zionismus, Gott oder Satan.

–       Entwicklungsaffine Länder: Herrschaft des Rechts. Entwicklungsresistente Länder: Herrschaft von Basisdemokratie und Umfragen.

Soweit Grondona, die Schlüsse mag jeder selbst ziehen. Mitzuteilen wäre allerdings noch eine weitere Kategorie, die auch den Autor betrifft: Entwicklungsaffine Gesellschaften schätzen die Arbeit und jeden Ausdruck tätigen Schaffens, weshalb vor allem der Unternehmer im hohen Ansehen steht. Dagegen gilt in entwicklungsresistenten Ländern die Bewunderung solchen Berufe, die keine faßbar-schöpferischen Produkte erzeugen: Künstler, Kardinal, EKD-Vorsitzende, (Alt-)Politiker und: Journalisten.

Weit weg von der Wirklichkeit: Bond und Medien

‚Spectre’ gesehen, den neuen Bond. Nicht schlecht, wie immer eindrucksvolle Stunts und Locations, aber irgendwie unbefriedigend, dünn. Vermutlich fehlt das Seismographische. Bond war immer ein Dschihadist des Westens, und nur dann war er wirklich gut: Wenn es gegen Russen oder Nordkoreaner ging oder gegen Leute, die den Westen ausradieren wollten, ob per Erdbeben, Atomschlag oder Virenangriff. Jetzt aber, und nicht zum ersten Mal, ist nur noch der Westen selbst der Feind, und zwar der Geheimdienst sich selbst: In ‚Skyfall’ ein enttäuschter MI6-Mitarbeiter, nun ein Überläufer in ministerialen Rängen. Statt äußerer Bedrohung nur noch internal affairs. Warum Christopher Waltz sein Komplott plant, bleibt ebenso unklar wie Ziel und Motiv. „Information ist alles“ erklärt nichts. Während die westliche Welt in Paris massiv attackiert, das Versagen der Informationsdienste deutlich wird, geht’s im Bond um die Bedrohung durch eben jene Dienste. Das ist das Gegenteil von Zeitgespür und zudem der Plot einer Serie wie ‚Person of Interest’ und von ‚Staatsfeind Nr.1’, eines fast 20 Jahre alten Films. Nicht nur Bond ist alt geworden. Auch seine Gegner und ihre Weltverschwörungen hinken hinterher.

Zudem stört der Ausflug in die Küchenpsychologie, den Bond-Filme plötzlich zeigen. In ‘Skyfall’ war das Motiv des Täters ein schwer derangiertes Mutterverhältnis, nun ist es ein Zwist zwischen Stiefbrüdern. Vielleicht wirken solche Psychologisierungen auf den weiblichen Teil der Zuschauer attraktiv; doch lag die Stärke vieler Bonds gerade in einem Männlichkeitsbild, das von Paartherapie so weit entfernt war wie seine Gespielinnen von der Idee, ‚dass man ja auch mal miteinander reden könne’. Aber aus und vorbei. Der nächste Bond ist eine Frau.

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Aus Peter Scholl-Latours Autobiographie: „Die sich zynisch gebenden französischen Ultrakonservativen in Adel und Bourgeoisie haben damals geklagt, Hitler habe ihnen sogar die Freude am Antisemitismus verdorben.“

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Gelegentlich erhalte ich Zuschriften mit der indignierten Frage, was wohl mein Großvater, Vater, Onkel, Bruder, etc zu diesen oder jenen Ausführungen gesagt hätten. Da ich spiritistisch nicht begabt bin, muss ich hinsichtlich meiner verstorbenen Familienmitglieder bekennen: Ich weiß es nicht, auch interessiert es mich wenig. Doch ebenso wirkt die Frage nach der Ansicht lebender Angehöriger wie aus der Zeit gefallen. Sollte die eigene Auffassung von der Familie abhängen, von Stamm oder Clan? Interessanter daher die Überlegung, was diese Frage über den Fragenden sagt, mit Blick auf Abnabelung, Eigenständigkeit, Autoritätsbedürfnis?

Ein Freund meines Vaters nannte solch mahnenden Erkundigungen Zauselfragen, also Fragen alter Leute, die den Mangel an Aufmerksamkeit, Zuspruch und Autorität mit der argumentationsfreien Maßregelung anderer Menschen kompensieren. Eine sehr deutsche Spezies. Auf die Rote Liste kommt der Zausel nie.  

Beim Spazierengehen der Gedanke, die Vorfahren würden tatsächlich ihre Meinung aus dem Off des Schattenreiches verkünden: Zu jeder Tagesaktualität, zu Erziehungsfragen, gegebenenfalls im Streit untereinander. Die Hölle wäre dann ein attraktiver Ort. Sollte man Gründe suchen, dem Spiritismus oder animistischen Lehren zu entsagen, findet man sie hier.

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Immer wieder zu lesen: Die Möglichkeit von Anschlägen sei der „Preis der Freiheit“, also im freiheitlich-demokratischen System angelegt. Doch haben die muslimischen Anschläge nichts mit innenpolitischen Friktionen zu tun, wie bei RAF, IRA, ETA. Sie sind keine Konflikte innerhalb eines Systems, sondern importiert – nicht der Preis der Freiheit, sondern von Multikulti und Ideologie. Und sie sind ein Preis, den zumindest in Deutschland niemand zahlen müsste.

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Früher war das Aufrechnen von Opfern die abscheuliche Übung alter Nazis. Dresden, Hiroshima, Katyn wurde den Mördereien Hitlers entgegengestellt. Heute ist das Aufrechnen auf linker Seite gang und gäbe. Nach jedem Anschlag im Westen daher verlässlich der Hinweis, die meisten Opfer der muslimischen Terroristen seien keine Christen. Wie schön.

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Ali Michael, Professorin der Universität von Pennsylvania, will keine Kinder haben, weil die weiß wären. Sie verachte ihre „Whiteness“ so sehr, dass sie sich entschieden habe, sich nicht zu reproduzieren. Um den weißen Rassismus ein für allemal zu beenden, müsse man sich schuldig fühlen. Im Grunde das Psychogramm vieler GRÜNER.

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Frage an alle zornigen Apologeten: Wenn der muslimische Hass auf den Westen seinen Grund tatsächlich in Kreuzzügen und Kolonialisierung hat, warum attackieren islamische Terroristen auch buddhistische, sinische und hinduistische Länder?

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Stehen wir im Krieg? Nach den Anschlägen von Paris war das die Einschätzung des französischen Staatspräsidenten, aber auch von Joachim Gauck und Papst Franziskus. Dem widersprachen vor allem deutsche Medien. Das Gerede vom Krieg sei überzogen und hysterisch; der Angriff sei, so beispielsweise Ulrich Kienzle und die ARD-Korrespondentin von Haaren bei Maischberger, kein Krieg, sondern ein terroristischer Anschlag.

Die Furcht vieler Journalisten vor dem Begriff des Krieges ist verständlich. Zunächst ist die verbale Pazifizierung Teil des medialen Grundkonsenses dieses Landes. Krieg ist böse. Wo der Einsatz der Bundeswehr nur noch für humanitäre Aufgaben zulässig scheint, wo sich die Öffentlichkeit jahrelang über den wahren Charakter der Afghanistan-Stationierung belog, ist die Erkenntnis, man befinde sich im Krieg, so überraschend wie unerfreulich, nicht zuletzt für die Glaubwürdigkeit der Medien.

Zweitens suggeriert der Begriff des Krieges, dass der Gegner mehr Truppen hat als nur ein paar verwirrte Mörder. Anschläge sind die Handlungsformen kleiner Gruppierungen wie RAF, Brigade Rosse, IRA; Krieg ist der Kampf Tausender.

Damit stellt der Begriff des Krieges eine dritte Frage: Mit wem man sich im Krieg befindet. Mit überschaubaren Einheiten von ISIS, Al Qaida, Boko Haram? Oder vielleicht mit sehr viel größeren Communities, nämlich mit all denen, die nach jedem Anschlag ihre jubelnde Zustimmung in muslimischen Netzwerken propagieren? Die, wie die türkischen Fans, vier Tage nach dem Anschlag eine Schweigeminute für die Opfer mit gellenden Pfiffen begleiteten? Sind wir vielleicht im Krieg mit dem Islam insgesamt?

Genau dieser Gedanke aber verstößt, viertens, gegen einen weiteren Glaubensgrundsatz linker Medien: Gegen die Idee von der multikulturellen Villa Kunterbunt. Auch da ist der Gedanke, man befinde sich mit einigen Hausbewohnern in quasi-militärischen Auseinandersetzungen, nicht hilfreich. Dass die Tötung von mehr als hundert Personen auf fremdem Territorium mit militärischen Waffen durchaus als Kriegshandlung durchgehen könnte, will man deshalb nicht sehen. Daher: Lediglich ein Anschlag.

Hanseatisch über Helmut Schmidt

Abends Nachrichten von den Anschlägen in Paris. Man flieht in hilflosen Zynismus. Unabhängig von den Allahu-Akbar-Rufen ist schon jetzt sicher: Die wahren, wirklichen, echten Feinde der westlichen Gesellschaft sind Front National, AfD, Pegida oder jüdische und christliche Gruppierungen.

Ein Freund meint nüchtern: Ohne islamische Zuwanderung kein 9/11, keine Anschläge in Madrid, London, Brüssel, Boston, Paris, würden Theo van Gogh und die Mitarbeiter von Charlie Hebdo noch leben, stünden viele Künstler nicht unter Polizeischutz. Von den sonstigen sozialen Kosten ganz abgesehen. Das sei schon ein hoher Preis für Willkommenskultur – den wir, angesichts von rund 400.000 unregistrierten ‚Flüchtlingen’, bald wohl selbst in Blut entrichten würden.

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Kein Nachruf auf Helmut Schmidt ohne Verweis auf seine Raucherei. Auch das ein Zeichen, wie sehr Individualität in diesem Land auf den Hund gekommen ist. Kann man einen Menschen wegen solcher Lappalien ernsthaft feiern?

Bei Schmidt, trotz all seiner gelehrten Klugheit, immer das Gefühl des Gespreizten, eines ganz unhanseatischen Hangs zum Pompösen: Inhaltlich wie auch im Stil seiner Rede. Er war der Meister der spätgeborenen Behaglichkeit, der Besserwisserei ex post. Griechenland hätte er nicht in den Euro aufgenommen, die Staatsverschuldung früher bekämpft, den Zustrom von Migranten schon vor Jahren begrenzt. Erkenntnisse aus dem Nachhinein. Als es darauf ankam, hat er nie öffentlich gegengehalten. So war er der Prophet der Rückschau, der immer wusste, wie man es hätte machen sollen. In Deutschland reicht das für die Position des verehrten Orakels.

Überall zu lesen: Eine seiner großen Leistungen sei die Standhaftigkeit im ‚Deutschen Herbst’ gewesen, seine Weigerung, der Erpressung der RAF nachzugeben, auch wenn dies den Tod Hanns-Martin Schleyers bedeutete. Aber ist Standhaftigkeit eine Leistung? Fraglich. Wo Überzeugungen und staatspolitische Selbstverständlichkeiten nichts mehr gelten, mag man das so sehen.

Abgesehen von seiner Haltung im ‚deutschen Herbst’ bleibt als einzige große Leistung Schmidts der Nato-Doppelbeschluß. Er beendete die immer zweifelhafte Ostpolitik der SPD und den ‚Wandel durch Annäherung’ – den die Aufstellung der russischen SS 20 klar widerlegte. Dennoch die contrafaktische Frage, mag sie auch beckmesserhaft klingen: Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn sich die SPD gegen ihren Kanzler durchgesetzt, die Aufstellung der Pershings verhindert hätte? Kaum. Der Ostblock war schon Anfang der 1980er Jahre wirtschaftlich am Ende, konnte der massiven Aufrüstung der USA, vor allem aber dem Gedanken der freiheitlichen Gesellschaft nichts mehr entgegensetzen. Längst glaubten, nach dem Bonmot eines polnischen Historikers, nur die Analphabeten Lateinamerikas und westdeutsche Intellektuelle noch an Humanität und Überlegenheit des Sozialismus’; alle anderen hatten sich abgewandt. So hatte der Doppelbeschluß eher symbolischen Charakter. Ohne ihn wären Unverlässlichkeit und Irrationalität der deutschen politischen Führung nicht erst jetzt deutlich geworden.

Vom Universalismus der Menschenrechte hat Schmidt bekanntlich nie etwas gehalten. Muslime, Chinesen und überhaupt Menschen aus anderen Kulturkreisen sollten nach ihrer eigenen Façon glücklich werden. Man kann die Geltung der Menschenrechte nur für den Westen auch anders begründen: Meinungsfreiheit und Rechtstaatlichkeit sind Standortvorteile, Grundlage für Kreativität, Forschung, Investitionen. Warum deutsche Regierungen diesen Standortvorteil aus der Hand geben wollen, indem sie andere damit behelligen, war nie wirklich klar.

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Auffällig: Das erste Argument für eine außerordentlich fragwürdige Politik heißt in diesem Land immer ‚Reiseerleichterung’. Damit begründete man die Ostpolitik, heute Schengen und EU.

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Der Kolumnist der B.Z., Gunnar Schupelius, machte diese Woche auf einen bemerkenswerten Vorgang aufmerksam: Auf Pläne der sozialdemokratisch geführten Berliner Senatskanzlei, die Unverletzlichkeit der Wohnung aus Gründen der Schäubleschen ‚Lawinengefahr’ aufzugeben. Dazu sollte das Polizeigesetz um einen vierten Absatz  mit folgendem Wortlaut ergänzt werden: „Die Ordnungsbehörden und die Polizei können zur Prüfung der Geeignetheit zur Unterbringung von Flüchtlingen Grundstücke, Gebäude oder Teile davon ohne Einwilligung des Inhabers betreten, wenn dies zur Verhütung drohender Obdachlosigkeit erforderlich ist.“ Der Vorschlag, so Schupelius, sei lautlos kassiert worden. Aber man sieht, worüber nachgedacht wird.  

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Nach Klemperer: Die neue LTI für Gutmenschen: Lawine, Tsunami, Invasion.

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Der Flüchtlingsgipfel auf Malta. EU und europäische Länder wollen nun der ‚Flüchtlingskrise’ auf originelle Weise Herr werden: Indem sie noch mehr Geld an kleptokratische, teils auch offen verbrecherische Regime verteilen. Diesmal zusammen 3,6 Milliarden Euro, und zwar zusätzlich zu den 20 Milliarden, die ohnehin schon jedes Jahr nach Afrika fließen. Nun endlich will man auch dort Perspektiven, Arbeitsplätze, bessere Ausbildung schaffen. Was über Jahrzehnte nicht geklappt hat, soll plötzlich funktionieren.

Doch schon jetzt ist gewiß: Ändern werden diese Mittel nichts. Nur die EU-Bürokratie wird davon profitieren, und die Heere von Evaluateuren, Beratern, Entwicklungshelfern und sonstigen Sozialmechanikern, die der EU schon aus eigenem Interesse immer weiter versichern, dass Afrika nun bald der große Schritt nach vorn gelinge. So wird die Veruntreuung europäischer Steuergelder weitergehen, ad infinitum. Denn welcher Politiker sollte je den Mut finden zuzugeben, dass all diese Förderung nutzlos, sinnlos, fehlerhaft war?

Wirklich deprimierend am Gipfel in Valetta ist die Einfallslosigkeit seiner Teilnehmer. Monatelang werden derartige Zusammenkünfte vorbereitet, Hunderte von Experten und Stäben hinzugezogen – und alles, was der EU und den europäischen Nationen einfällt, ist eine Lösung, die man auch in drei Minuten per Videokonferenz hätte abhandeln können? Warum koppelt man Hilfen nicht an ein Sinken der Fertilitätsrate, an den Korruptions-Index von Transparency International oder an Indices zur Bildung? Warum droht man den Herrschern nicht mit weltweiten Reiseverboten für sie und ihre Familien, wie man es mit Russland macht? Mit strengsten Kapitalverkehrskontrollen und Beschlagnahme ihrer Auslandskonten? Wieso nicht, wie hier schon einmal vorgeschlagen, als ultima ratio und nach dem Verursacherprinzip, mit militärischen Mitteln? Doch ist die EU, aller hochmögenden Selbstdarstellung zum Trotz, im Kern immer noch EWG: Keine politische, sondern eine Wirtschaftsgemeinschaft, ein Kaufmanns-Club. Und wie bei Kaufleuten ist ihre einzige Idee gegenüber Bedrohungen, das Scheckbuch zu ziehen.

Über Verrohung

Ein Begriff geht um: Verrohung. Innenminister deMaiziere hat diese Entwicklung konstatiert, dazu mehrere Soziologen und Kirchenleute, ebenso führende Politiker von GRÜNEN und SPD. Auch die Medien haben diese Thematik aufgegriffen, besonders dezidiert Markus Feldenkirchen auf SPIEGEL ONLINE. Sein Beitrag ‚Deutsche Verrohung: Was ist nur aus diesem Land geworden?’ erhielt auf Facebook zahlreiche Likes und zustimmende Kommentare, auch von Kollegen. Und spätestens hier beginnt das Rätsel.

‚Verrohung’, das steckt schon im Begriff, ist ein Prozeß. Somit läge die Frage nicht völlig fern, wann dieser Prozeß des Niedergangs ziviler Formen begonnen hat: Mit der AfD, wie Feldenkirchen wohl meint, oder mit Pegida? Vielleicht mit den nirgends verurteilten Anschlägen auf AfD-Wahlstände, auf Wohnungen und Autos konservativer Politiker? Oder vielleicht noch viel früher, mit dem Bombenanschlag der Tupamaros auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin, mit den Klappspatenangriffen auf einen hilflosen Beamten in Brokdorf, mit den Zwillen und Stahlkugeln, die in Wackersdorf und bei den schweren Krawallen um die Startbahn West gegen Polizisten Einsatz fanden? Mit all den Vokabeln der Dehumanisierung und Ausgrenzung, die Linke heute noch verwenden, den ‚Bullenschweinen’, ‚Systempolitikern’, ‚Faschisten’, mit dem Kürzel ‚ACAB’ (All Cops Are Bastards)? Mit dem Göttinger Mescalero-Artikel, der 1977 den „Abschuß“ von Generalstaatsanwalt Buback feierte, mit dem geradezu maßlosen Haß auf Ronald Reagan bei seinem Berlin-Besuch 1987 oder auf Helmut Kohl bei seiner Rede am 10. November 1989, ebenfalls in Berlin? Und könnte es sein, dass die NSU nur die rechte Verrohungsvariante jener terroristischen Bündnisse ist, die weit in linke Kreise hinein klammheimliche Sympathien genossen?

Schon angesichts dieser keineswegs vollständigen Auflistung könnte man auch fragen, ob Verrohung nicht gleichsam zur DNA der Linken zählt, zum nicht nur rhetorischen Kernbestand jeder ihrer gesellschaftspolitischen Engagements. Ob bei den Hausbesetzungen der Hafenstraße und Roten Flora in Hamburg oder bei den Aktionen von ATTAC, ob bei den Protesten gegen Atomkraft oder Nachrüstung, immer war eines gewiß: Eine zivilisierte, politische Lösung war oft über Jahre nicht gewollt. Man zielte, schon aus Gründen der medialen Aufmerksamkeit, auf Randale, und so sind auch die jährlichen Ausschreitungen zum 1. Mai in Hamburg und Berlin, entgegen aller anti-kapitalistischen Drapierung, Festivals eben jener „Wirtshausschlägerei-Stimmung“, die Feldenkirchen als neu bemerkt haben will. Tatsächlich gehört sie jedoch seit 1968 zum politischen Selbstverständnis der radikalen Linken.

Und natürlich könnte man auch fragen, inwieweit die Medien, und nicht zuletzt der SPIEGEL, an dieser Verrohung teilhatten. Mit ihrer Aufkündigung des anti-totalitären Comments, mit ihrem Verständnis für ‚Gewalt gegen Sachen’, ihrer belustigten Kommentierung von Schlingensief „Tötet Helmut Kohl“. Und natürlich mit ihrer Verharmlosung der lebensgefährdenden Attacken Joschka Fischers als ‚biographische Brüche’.

Schließlich: Wenn man wirklich über Verrohung sprechen will, über den Niedergang eines Gemeinwesens, sollte man auch jene Gruppe ins Auge fassen, die am deutlichsten für diese Entwicklung steht: Mit ‚Ehrenmorden’, Zwangsheiraten, Bildungsferne, Homophobie, ‚Deutschenklatschen’, mit all dem ungezügelten Rassismus, denen sich deutsche Schulkinder schon seit Jahren an vielen Schulen ausgesetzt sehen. Oder soll man hier Verrohung als kulturelle Eigenständigkeit begreifen?

Viele Fragen, Feldenkirchen stellt keine einzige. Verroht, so sein Urteil, sind immer die anderen, und nur die Deutschen. So einfach. Doch vielleicht liegt gerade in dieser Simplizität der Zauber, den viele Kommentatoren und Follower auf Facebook so attraktiv finden – und der auch ein Urteil über sie spricht.

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Zur Verrohung der gesellschaftlichen Debatte gleich ein Beispiel: Bert Pampel, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, twitterte folgende Satz: “Regierung, die sich nicht an Recht & Gesetz hält, trägt Mitschuld, wenn Bürger sich gg illegale Einwanderung wehren. BP”. Der erste Teil des Tweets entspricht der Einschätzung ehemaliger Verfassungsrichter, der zweite den Ergebnissen zahlreicher Umfragen. Für SPIEGEL ONLINE ist diese Harmlosigkeit aber schon zu viel: ‚Stiftung Sächsische Gedenkstätten irritiert mit rechtslastigem Tweet.’ Die Arbeit verrohter Denunziatoren.

Noch zum Vorigen: Ein Freund vermutet, die Verrohung des Umgangs entspringe dem legitimatorischen Bedürnis nach dem Feind, das alle faschistischen Bewegungen vereine. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Nun beherrscht dieser Faschismus  auch die ‚Mitte’.

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Dass die Regierung, wie vielerorts zu lesen, das Regieren eingestellt habe, ist nicht richtig. Diese Woche entschied der Bundestag, den Verkauf von E-Zigaretten und E-Shishas an Jugendliche zu verbieten.

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Vielleicht die aufschlußreichste Geschichte dieser Woche zum Zustand des Landes: Die Posse um eine mit 38.000 Euro öffentlich bezuschusste Reise Kreuzberger Schulkinder nach New York, die immer noch hohe Wellen schlägt. Glaubt man dem Tagesspiegel, ist dies kein Einzelfall, Zuschüsse von weit mehr als 2.000 Euro für Kinder sozialschwacher Familien seien nicht selten. Amüsant die Erklärung des Schulleiters, neben der Verbesserung der Englischkenntnisse habe der Besuch im Museum of Modern Art (MoMA) gelockt, hätten doch einige Schüler Kunst als Leistungskurs. Na dann. Wie immer die Erkenntnis: ‚Sozial’ ist immer nur die Unterstützung derjenigen, die wenig oder gar nichts leisten. Sofern man Fernreisen überhaupt als förderungswürdige Aufgabe des Staates sieht, sollte man nur solche Kinder unterstützen, deren Eltern versuchen, ihre desparate Lage zu verbessern. Alle anderen sollten selber zahlen oder unter Hinweis auf den fehlenden Ehrgeiz ihrer Eltern von Reisen ausgeschlossen werden.

Dazu folgende Geschichte: Schottische Bekannte haben zur Zeit viel Freude an ihrer Tochter. Die 16jährige, bisher eine eher mittelmäßige Schülerin, habe endlich die Kurve gekriegt, sich innerhalb eines Jahres im Klassen-Ranking vom 18. Platz aus an die Spitze gesetzt. Dafür erhielt sie den mit 500 Pfund dotierten Ambition Award der Schule.

Dass eine deutsche Schule einen Preis für Ehrgeiz auslobt und ihn auch so nennt, scheint undenkbar. Noch erstaunlicher ist allerdings die Reaktion der Lehrerin auf den Vorschlag der nun Klassenbesten, den Preis der Gemeinschaftskasse zu spenden. In Deutschland wäre dieses Ansinnen über den grünen Klee gelobt worden, als Zeichen von Gemeinschaftssinn und egalitärem Verzicht. Nicht so in Schottland. Dieser Wunsch, so die Lehrerin, sei weder nobel noch moralisch richtig. Nobel deshalb nicht, weil die anderen nicht auf Augenhöhe seien, also ebenso hart gearbeitet hätten und nur durch Krankheit, Pech oder sonstige Malaisen am Erfolg gehindert wurden. Und moralisch sei es falsch, alle jene, die weniger oder nichts geleistet hätten, am Preisgeld partizipieren zu lassen. Ihre Schule wolle Eigenständigkeit und Individualität fördern, und dazu gehöre auch der Mut, sich zu seiner Leistung und ihren Früchten zu bekennen und sie für sich zu genießen. Eine Einzahlung in die Gemeinschaftskasse würde diesem Gedanken und auch dem dahinter stehenden Menschenbild direkt widersprechen.

Was soll man sagen: Eine Hymne dieser Frau!

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Ein kluger Kopf, der sich selbst politisch links sieht und den Vizekanzler durchaus schätzte, gibt die beste Antwort auf meine Frage, wie er nach den letzten drei Wochen die politischen Chancen Gabriels beurteile: „Gabriel? Wer ist das?“

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‚Deutschland verrecke’, ‚Deutschland soll sterben’. Das letzte Residuum völkischen Gedankenguts, wenn auch umgedreht.

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Schließlich noch ein Bekenntnis. Ich schätze Thomas Schmid von der WELT. Er hat großartige Sachen geschrieben, die letzte lässt mich ratlos. Hat irgendjemand dieses Stück verstanden? Alle haben irgendwie recht, alle irgendwie auch nicht? „Wir dürfen hier nicht rein“ sei ein Verrat an der Idee Europas, das aber gleichzeitig seine Grenzen schützen müsse? Doch auch dies wohl ein Zeichen, der Wunsch nach Versöhnung des Unversöhnbaren, mag es auch logisch nicht zusammengehen. Und der Verzicht auf jeden klaren Standpunkt. Die journalistische Entsprechung deutscher Politik.

Selbsttötung als nationales Problem

Zurück von einer Reise, nun wieder am Schreibtisch mit deutschen Zeitungen. Immer mehr das Gefühl der repetitiven Berichterstattung: Noch eine Reportage aus einem Flüchtlingsheim, von irgendeinem Grenzübergang, über die ersten Schritten von Syrern oder Somalis in der neuen Heimat. Die Kommentare werden allerdings kritischer, selbst die SZ hat die Ratlosigkeit Gabriels, die Regierungsunfähigkeit der SPD und die großkoalitionäre Verweigerung dessen erkannt, was man einst Regieren nannte. Weiterhin traut sich niemand an die entscheidenden Fragen: Schießbefehl an den Grenzen, ja oder nein? Letztlich läuft es darauf hinaus. Denn was will man tun, wenn der IS auch die nördlichen Staaten Afrikas erobert? Will man dann eine weitere Invasion von Millionen hinnehmen?

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Hübsche Koinzidenz: Während ein Land, gezwungen von seiner Regierung, mit der Aufgabe aller Grenzen staatspolitischen Selbstmord begeht, diskutiert der Bundestag über das Recht zur Selbsttötung.

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Gehört: Deutsche Unternehmen bräuchten keine Frauen-, sondern eine Männerquote. Denn 99% aller Angestellten in diesem Land hätten, unabhängig vom Geschlecht, ohnehin keine Eier.

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Ein Bekannter, der in Kreuzberg und im Wedding zahlreiche Wohnungen besitzt, trennt sich von seinen Immobilien. Mit der gegenwärtigen Zuwanderung würde die Verlotterung vieler Areale wie der Wegzug solventer Mieter verstärkt, der Preis der Häuser mittelfristig sinken. Wenn nicht das Amt zahle, habe man jetzt schon Schwierigkeiten, Mieten einzuziehen; und in Gegenden, die selbst die Polizei nur unwillig betritt, würden auch Rechtstitel nichts nützen. Nun verkaufe er an arabische Investoren. Die wüssten, wie man diese Fragen regelt.

Ganz anders sieht es ein Arzt einer eleganten Praxis am Kurfürstendamm. Er hält die gegenwärtige „Zuwanderung“ für großartig. Endlich würden die Chancen steigen, wieder gute Mitarbeiter zu bekommen; derzeit sei es kaum möglich, die offenen Stellen zu besetzen. Die Integration sei ein „Kinderspiel“, das würde man schaffen. Im übrigen würde die „genetische Auffrischung den Deutschen guttun“. Wieder mal diese rätselhafte Verstiegenheit, über die hier schon einmal berichtet wurde. Man stelle sich vor, jemand würde den Polen oder Tschechen eine Invasion der Deutschen mit diesem Gedanken nahebringen. Da würde selbst der längst verstummte Martin Schulz aufschreien.

Womit wir beim nächsten Thema wären: Erinnert sich noch irgendwer an diesen völlig überschätzten Menschen, der Kommissionspräsident der EU werden wollte? Tatsächlich ist er Parlamentspräsident geworden, nur merkt man es nicht. Seit die so genannte Flüchtlingskrise das Mittelmeer verlassen hat, ist von MS nichts mehr zu hören. Einer der höchstbezahlten Top-Funktionäre der EU ist abgetaucht. So also agiert das überalimentierte Spitzenpersonal, das die meta-nationalen Probleme lösen soll. Dabei bedroht der deutsche Alleingang schon längst das innere Gefüge der EU, müsste also auch Schulz alarmieren. Doch auch von ihm: Nichts. Ein Abbild der EU.

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Fast jedes deutsche Unternehmen hat Führungsgrundsätze, Corporate Identity-Regeln, ethische Leitlinien; seit Jahren propagiert die ‚Wertekommission’ wertorientiertes Management. Zu nützen scheint das wenig. Immer wieder kommen neue Skandale ans Tageslicht: Siemens, Deutsche Bank, Ergo Versicherung, Karstadt, nun VW. Tatsächlich kann das niemanden überraschen. Wer mit früheren Vorstandsassistenten spricht oder sonstigen Leuten, die Top-Vorstände aus der Nähe kennenlernten, hört die immer gleichen Geschichten von Selbstbedienung, Veruntreuung und charakterlichen Defiziten. Der Chef einer großen Kölner Versicherung ließ seinen an Flugangst leidenden Hund auf Unternehmenskosten durch den Fahrer zum Comer See bringen und wieder abholen; andere rechneten private Feste über die Firma ab oder ließen Wein und Champagner, gedacht und bestellt für die Bewirtung von Firmengästen, kistenweise in den eigenen Weinkeller verfrachten. Ebenso würden Golfschläger und Jagdausrüstungen wie selbstverständlich der eigenen Firma in Rechnung gestellt, berufliche Fernreisen häufig mit dem Urlaub verbunden. Und so weiter, und so weiter. Die exzessive Nutzung des Sekretariats für Privatangelegenheiten, ob für Familienreisen, Steuerfragen oder Kinderversorgung, sei ohnehin fast selbstverständlich geworden. Middelhoff ist kein Einzelfall, sondern prototypisch. Selbst Nespresso-Kapseln würden für den Privatgebrauch mitgenommen. Man stiehlt nicht nur goldene Löffel, sondern selbst solche aus Blech respektive Aluminium. Irgendwas muss auf dem Weg zur Spitze auf der Strecke geblieben sein.

Was das sein könnte, habe ich im Newsletter des Deutschen Arbeitgeberverbandes skizziert. Verantwortlich für den ethischen Niedergang sind Kollektivismus, Anpassung, mangelnde Streitkultur. Und vor allem der Konsenszwang der Peergroup. Vermutlich lässt sich sagen: Ethik gedeiht nur im Individuellen; dagegen untergräbt die Einbindung in Gruppen oftmals moralische Werte. Die Kirchen, auch die Parteien zeigen das gerade.

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Im Deutschlandfunk kritisiert ein Kommentator die Rede Netanjahus, in der dieser an die ideologische Nähe zwischen Hitler und dem einstigen Mufti von Jerusalem erinnerte. Kernvorwurf: Der israelische Präsident politisiere den Holocaust. Erstaunlich. Wenn je eine Politisierung gerechtfertigt war, um Ähnliches künftig zu verhindern, dann wohl hier. Aber ‚politisiert’ werden darf nur noch, was bequem, links oder barmherzig ist.

Gerade gelesen: Die Leipziger GRÜNEN wollen die Richard-Wagner-Platz in Refugees-Welcome-Platz umbenennen. Vermutlich wünschen sie endlich mal einen Namen, den sie kennen.