A failed area: Neukölln

In dieser Woche zweimal nach Neukölln, und zweimal erstaunliche Erlebnisse. Zuerst mit einem Freund, der vor einem Fußgängerübergang hält, weil die Ampel rot zeigt. Von hinten nähert sich mit hohem Tempo ein schwarzer Kleinwagen, schwenkt um unseren Wagen herum und fährt ungebremst ‚bei Rot’ durch, obwohl Leute die Fahrbahn queren wollen. Ungläubiges Staunen und die Wette, welcher ethnischen Gruppe der Fahrer wohl angehöre. An der nächsten Kreuzung zeigt ein Fan-Schal von Besiktas Istanbul, dass wir beide recht hatten. Gelächter, ohne dass wir irgendeinen Kontakt mit dem Fahrer hätten, was durch die abgedunkelte Heckscheibe ohnehin nicht möglich wäre. Dennoch springen zwei junge Männer aus dem Wagen, kommen drohend auf uns zu, bitten zum Gespräch. Als wir weder Tür noch Fenster öffnen, spuckt einer gegen die Scheibe, der andere tritt gegen die Wagentür. Und solches Pack fordert ‚Respekt’.

Später bemerkt der Freund, in den USA wären derartige Vorkommnisse eher selten, weil jeder damit rechnen müsse, dass der Bedrohte eine Waffe hat. Zwar fordere der weithin freie Zugang zu Waffen manches Opfer; aber die zivile Höflichkeit werde durch Waffenbesitz eindeutig gefördert. Das wäre zu dessen Gunsten zu notieren.

Beim zweiten Mal ins Theater. Auf dem Rückweg noch ein kurzer Stopp bei einem Dönerladen. Von dort sehe ich, wie in die Lücke vor meinem Wagen ein Geländewagen hineinstößt, zweimal mit Wucht gegen mein Auto fährt. Als er zum dritten Mal zurücksetzt, rufe ich dem Fahrer zu, ob es möglich sei, mit etwas mehr Rücksicht einzuparken. Auch hier ein Levantiner, auch hier die Reaktion: Offene Aggression, Pöbeleien, Androhung von Gewalt. Dass ich nichts sage, scheint die Situation eher noch zu verschärfen. So viel zum Nutzen von Deeskalation. Die kommt dann durch einen Herrn mit breitem Kreuz, der sich dem Agressor von hinten nähert, ihn am Ohr packt und brutal zu Boden zwingt. Was dem „Kamelficker einfalle“, ob er ihm „die Löffel abreißen und die Finger brechen“ solle? Auch hier ein Akzent, wenn auch nur ganz leicht, vermutlich slawisch, den aber der Unterlegene sofort versteht. Entschuldigungen, Bücklinge, auch der Aufforderung, „sich vom Platz zu ficken, sofort“, kommt er anstandslos nach. Selbst das Ausparken klappt ohne weitere Karambolage.

Ich danke meinem Helfer, denke aber im Gehen: Das alles sind Umgangsformen eines kriminellen Milieus. Und das ist Neukölln wohl auch, die Vorstufe zum ‚failed state’: A failed area. Nur noch Gesindel, das faktisch herrscht, weil die Polizei mangels Präsenz nicht mal mehr so tut, als würde sie für Ordnung sorgen.

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Auch das Theaterstück im Neuköllner ‚Heimathafen’ seismographisch: ‚Ultima ratio’ handelt vom Kirchenasyl, vom Konflikt zwischen Humanität und standardisiertem Verwaltungsrecht. Eine gute Schauspielerin, hübsch auch die Inszenierung, aber das Stück intellektuell bestenfalls schlicht: Kitsch in der Art linker Agitprop-Aufführungen des frühen 20. Jahrhunderts. Ohne moralische Fallhöhe, mit eindeutigen Schuld- und Unschuldsrollen wie im Kasperletheater: Schutzmann und Krokodil. Hier die liebende somalische Familie und eine schwangere Frau mit Depressionen und Totgeburten, dort der angeblich mitleidlose Rechtsstaat, der zwar die medizinische Betreuung, monatelange Unterbringung und zahlreiche Rechtsverfahren zahlt, trotzdem aber weiterhin nach einem Asylgrund fragt. Unerhört! Dennoch die meisten Zuschauer begeistert. Ob sie auch so emphatisch geklatscht hätten, wenn der Flüchtling einer der beiden enthemmten Fahrer gewesen wäre? Oder ein Kriegsverbrecher, Vergewaltiger, Kinderschänder, der aber tatsächlich einen Asylgrund hat und bald im Nachbarhaus wohnt? DAS wäre eine ethische Herausforderung, und so würden es englische Autoren schreiben. Hier dagegen die Ödnis des frühkommunistischen Schwarz-Weiß-Theaters. Nur zielte dies auf Bauern und Proletarier, nicht auf großstädtisches Theaterpublikum. Doch sind die Unterschiede wohl nicht mehr groß.

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Ein Bekannter, dessen Haltung ich vor einiger Zeit hier anonymisiert erwähnte, ist angefressen, weil er sich wiedererkannt hat. Nun sei „das Kind in den Brunnen gefallen“. Meine Nachfrage, in welchen Brunnen, bringt ihn in Verlegenheit. Ich versuche zu helfen und frage, ob nun mit Demonstrationen vor seinem Haus in München-Grünwald zu rechnen sei, ob seine Partnerschaft in der Kanzlei oder seine amerikanischen Mandate gefährdet wären, ob Frau und Kinder nicht mehr mit ihm sprächen. Schweigen, dann schlägt er vor, das Gespräch zu beenden, meint aber kaum verstellt: den Kontakt. Bitte sehr. Auch das ist Bundesrepublik Deutschland, nämlich eine Geisteshaltung, die sich vor jeder, selbst der anonymisierten Öffentlichkeit fürchtet, weil sie ausschließlich als Nachteil wahrgenommen wird. Über Politik wird zwar geredet, aber nur privat. Sogar im Schutz der Anonymität hat man Angst, die eigene Meinung könne über den engsten Kreis hinaus bekannt werden, konstruiert „Nachteile“ und „Schäden“, phantasiert vom „Fall in den Brunnen“, selbst wenn die eigene Position dem allerglattesten Mainstream entspricht. Nichts, gar nichts haben diese Leute zu befürchten, aber sie gerieren sich, als bräuchten sie Personenschutz. Und so in allen Kreisen, bei erfolgreichen Anwälten, Ärzten, Unternehmensberatern, ob links oder rechts: Immer die Angst, die eigene Meinung könnte „bekannt“ werden. Die Erziehung von mutigen Staatsbürgern ist diesem Land nicht wirklich gelungen.

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‚Respekt’. Eine dieser Vokabeln, die fast immer falsch verwendet oder grundlos beansprucht werden, so auch im Werbespot der Fifa. Respekt kann man Toten erweisen, bei Lebenden gilt sie allein der Leistung. Das bloße Dasein hat keinen Anspruch auf besondere Würdigung, und für Bauerntölpel und enthemmte Eierdiebe, gleich welcher Nation, muss man keinen Respekt haben. Hier genügt ein Mindestmaß an zivilem Comment. Das sollte man beachten, mehr wäre falsch. Im Kern ist die Forderung nach ‚Respekt’ für bestimmte Ethnien ein Regress in vorzivilisatorische Zeiten: Nicht das Individuum zählt, sondern die Sippe, der Clan, die Gemeinschaft. Daher kommt diese Forderung auch ausschließlich von Angehörigen rückständiger Kulturen. Keinem Schweden, Amerikaner oder Chinesen würde es einfallen, von irgendwem ‚Respekt’ zu fordern, nur weil er eben schwedischer, amerikanischer oder chinesischer Staatsangehöriger ist. Andererseits ist die Forderung ein guter Indikator, dass man es mit intellektuell begrenzten Personen zu tun hat. Nicht Respekt ist angezeigt, sondern Mitleid.

 Noch dazu: „Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler der eigenen Nation (…) am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.“ Arthur Schopenhauer, ‚Aphorismen zur Lebensweisheit’

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In der Berliner Gemäldegalerie, vor Werken italienischer Barockmeister. Nymphen, Heroen, Gottheiten, dazu zahlreiche biblische Motive. Über mehrere Jahrhunderte war dies der europäische Bildungskanon, kannten selbst einfache Leute die Heldentaten von Herkules und Achill, die Geschichten von Samson und Delila oder von Susanna im Bade. Immer wieder wurden die Begebenheiten neu gedeutet und genutzt, ob von Shakespeare, Goethe, Joyce, Freud, heute von Anselm Kiefer oder Botho Strauß. Doch wie lange noch? Wer junge Leute nach der Mythologie der Griechen und Römer fragt, nach dem Personal des alten Testaments oder von Ilias und Odyssee, stößt meist ins Leere. Nichts und niemand ist ihnen bekannt, alles böhmische Dörfer. Die Mythen von heute heißen Harry Potter, Tribute von Panem, Fluch der Karibik. Nicht, dass das falsch wäre, jede Generation hat ihre Helden. Aber für das Verständnis der europäischen Kultur ergibt sich hieraus nichts. Nicht lange, und den meisten werden die Werke der italienischen oder flämischen Meister, die Theaterstücke und Opern der letzten Jahrhunderte so fremd sein wie die Inschriften der Inka. Ein Kulturbruch. Im Grunde muss man die abendländische Identität gar nicht mehr verteidigen; sie ist ohnehin schon längst zerstört.  

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Mit Blick auf die Zustände im Mittelmeer sprechen fast alle Medien von der „Flüchtlingskatastrophe“. Das ist Unsinn, der Begriff des Flüchtlings ist in Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention klar definiert: „Flüchtling ist eine Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt und wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann.“ Nur, auf wen dies zutrifft, ist ein Flüchtling. Alles andere sind Eindringlinge – und somit fast alle, die aus Afrika übersetzen. Sie sind so wenig ‚Flüchtlinge’ wie die Deutschen, die auf RTL oder Pro7 ihr Glück im Ausland suchen.

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Nach den Tiraden Erdogans gegen Bundespräsident Gauck, dem Leugnen des Völkermordes an den Armeniern, nach der immer deutlicheren Re-Islamisierung der Türkei, nach Schauprozessen, den Gezi-Park-Übergriffen der Sicherheitsbehörden, der Verfolgung der Opposition und der nicht nur heimlichen Unterstützung der ISIS durch die Türkei: Sollte dieses Land tatsächlich einmal EU-Mitglied werden? Und wer – außer GRÜNEN und EU-Bürokraten, die politisch immer aufs falsche Pferd setzen – hat sich dafür eingesetzt? Die Vollmitgliedschaft der Türkei war von jeher eine Schnapsidee. Wenigstens dieser Rausch ist nun wohl verflogen. 

Trauerspiel: Das Parlament und der Islam

Ein Hamburger Sozialarbeiter, der sich um ‚minderjährige unbegleitete Flüchtlinge’ kümmert, räumt offen ein, nicht mehr weiter zu wissen. Für fast alle seiner Schützlinge seien Diebstahl, Drogenhandel, Sozialbetrug die einzig bekannten Einkommensquellen. Eine Achtung von fremden Eigentum oder Rechten sei nicht zu vermitteln, sexuelle Gewalt als ‚Prämie des Chefs’ weithin akzeptiert. Wer in komplett verwahrlosten, rechtsfreien Gesellschaften aufwachse, kenne eben nur das Recht des Stärkeren. Diese Jugendlichen seien nicht mehr erreichbar, nicht ‚schwer’, sondern gar nicht erziehbar. 1300 ‚minderjährige unbegleitete Flüchtlinge’ leben derzeit allein in Hamburg.

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Gespräch mit einem Bekannten, den ich immer gerne sehe, auch wenn wir politisch nicht zusammenkommen. Er ist bekennender Marxist, Anhänger Gramscis, und voller Hoffnung. Zwar sei richtig, dass der Kapitalismus bisher für die Freiheit konstitutiv war, doch schaffe die Digitalisierung und ihre ökonomische Konzentration in den Händen einiger weniger Großkonzerne diese Freiheit gerade ab. Inzwischen sei der Kapitalismus der Freiheit so feindlich wie der Kommunismus – nur sei der eben sozialer. Bedenkenswert. Allerdings ist die Kollision von wirtschaftlicher Macht und Freiheit nicht neu, und meist hat sich die Gesellschaft erfolgreich gewehrt. Und während der Kapitalismus Wohlstand schafft, ist sozialistischen Experimenten dies nie geglückt. Auch bleiben die Möglichkeiten persönlicher Freiheit im Kapitalismus größer: Man muss sich schließlich der Digitalisierung nicht unterwerfen. Erhellend eine Nebenbemerkung: In den letzten Jahren habe er viele Weggefährten und Freunde verloren. Sein Festhalten an der marxistischen Religionskritik werde in linken Kreisen nicht mehr geschätzt, sobald sich die Kritik gegen den Islam wende.

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Der Deutsche Bundestag ist auch Herausgeber einer (steuerfinanzierten) Zeitschrift, die sich ‚Das Parlament’ nennt. Deren jüngste Ausgabe ist dem Islam gewidmet, und man kann darin erstaunliche Dinge lesen. So meint die aus diversen Talkshows bekannte Lamya Kaddor, „Salafismus und Islamfeindlichkeit bedingen sich und müssen gleichzeitig bekämpft werden.“ Ebenso hängen aber auch Nationalsozialismus und dessen Kritik miteinander zusammen. Sollte man deshalb beide verwerfen? Auf diesem Niveau geht es weiter: Für einen anderen Autor besitzt Indien eine „überwiegend muslimisch geprägte Gesellschaft“, ein Dritter befindet, dass „längst nicht alle Islamisten gewaltbereit sind“. Der willkürlichen, argumentativ nie belegten Trennung zwischen Islam und Islamismus folgt nun die Differenzierung zwischen gewaltbereiten und friedlichen Islamisten. So differenziert man alle Probleme aus der Welt. Ob sich die Scharia mit den Rechts- und Verfassungswerten des Westens vereinbaren lässt, sei eine „längst nicht abgeschlossene Debatte“, obwohl man genau hierzu von den vielen Islamwissenschaftlern, die „Das Parlament“ für seine Ausgabe gewinnen konnte, gern eine Antwort hätte. Statt dessen weiß ein weiterer Arabist: Die Scharia „strebt wie alle anderen Rechtsordnungen nach Gerechtigkeit“. Scharia, Grundgesetz, Code Napoleon, Constitution, Bill of Rights: Alles eine Gerechtigkeits-Soße, und wenn die Hindus ihre Witwen verbrennen wollen, ist das wohl auch eine Form der prästabilisierten Harmonie. Doch gilt dieser kriecherische Kulturrelativismus nur zulasten westlicher Werte. Denn obwohl angeblich alle Rechtsordnungen nach Gerechtigkeit streben, treibt den Autor doch eine Sorge um: „Kann es Gerechtigkeit für Muslime auch im nicht-muslimischen Staat und seiner Rechtsordnung geben?“ Ebenso klar ist der außenpolitische Blick: „Nicht die Islamisierung ist das Problem der Türkei, sondern ein zunehmend autokratisches System.“ Aber ob das eine möglicherweise mit dem anderen zusammenhängt? Ob vielleicht alle Theokratien notwendig autokratisch werden, weil das demokratische Regulativ fehlt? Weil eben nicht das Parlament, sondern eine religiöse Kaste das legislative Sagen hat? Und ist es denkbar, dass in solchen Systemen nicht nur politische, sondern auch materielle Interessen mit der Religion Hand in Hand gehen? Denkbar schon, nicht aber für Autor Marc Engelhardt. Er ist sich sicher: Islamistische Terrorgruppen „missbrauchen“ mit Entführungen, Schutzgelderpressungen und Schmuggel die Religion für eigene Profitinteressen. Dass diese Gelder zumeist für Waffenkäufe, Rekrutenwerbung, Sold und die Versorgung von Witwen und Waisen ausgegeben werden, mithin nicht der persönlichen Bereicherung, sondern der Ausbreitung des Islam dienen, bleibt unerwähnt. Doch würden derartige Details die Einschätzung des „Missbrauchs“ konterkarieren und damit die Frage nach dem Wesen einer Religion stellen, für die der Zweck buchstäblich jedes Mittel heiligt, bis hin zum Mord. Auch hier könnte man nachfassen. Doch nicht ein lohnenswerter Gedanke wird verfolgt, nicht eine kritische Position zum Islam entwickelt, die Kernfrage zu Parlamentarismus und Islam nicht einmal berührt. Darin also erkennt sich die Hauszeitung des Deutschen Bundestags. Ihr Herausgeber, das soll nicht verschwiegen werden, heißt Jörg Biallas. (Dank an Leser J.M. für den Hinweis)

Nochmal: „Das islamische Recht strebt wie alle anderen Rechtsordnungen nach Gerechtigkeit.“ So sieht es Mathias Rohe, Professor für Rechts- und Islamwissenschaften in Erlangen. Es gibt Sätze, die hält man in einem Land, das die Nürnberger Rassengesetze erließ, für nicht möglich. Noch furchtbarer als Juristen sind solche, die geradezu schimmerlos vor der Geschichte stehen.

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Der stellvertretende Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, bei Jauch: „Das Asylrecht ist dazu da, Flüchtlinge zu retten.“ Nein, nicht Flüchtlinge, sondern politisch Verfolgte. Das sollte ein ehemaliger Staatsanwalt wissen. Ebenso erstaunlich die anklagende Einlassung, die Afrikaner kämen „auf legalem Wege nicht mehr nach Europa“. Hier nachzuhaken, ob das ein Plädoyer für den Rechtsbruch sei, müsste sich eigentlich jedem Moderator aufdrängen. Aber wie immer lässt Jauch solch klärende Momente ungenutzt. 

Erstaunliches allerdings von Prantls Kollegen Thomas Kirchner. Der schrieb am Freitag, selbst wenn Griechenland aus dem Euro ausscheide, sei damit das Grundproblem nicht gelöst: Dass die Währungsunion nicht funktioniere, dass sie die Völker gegeneinander aufbringe, dass der Euro spalte statt vereine. Kirchners unerhörter Rat: Auflösen, alternativ zumindest verkleinern. Leider las man zur Wahl vor einem Jahr nichts dergleichen in der Süddeutschen.

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Merke: Die Leugnung des Holocausts ist strafbar, die des Genozids an den christlichen Armeniern der Wunsch des Außenministers.

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Der ‚Tatort’ am Sonntag: Ein gespenstisch präsenter Armin Rhode, insgesamt aber eine maue Folge. Interessant nur das Ende, nämlich die Einschätzung des Kommissars Bär, der Mittäter sei doch eigentlich ein „guter Junge“. Glauben die Drehbuchautoren, dass Kommissare, auf die gerade geschossen wurde, so etwas sagen? Dass ein junger Mann, der sich gegen den Rat seiner Freundin für einen Überfall entschied, bei dem Wachleute niedergeschlagen und Waffen eingesetzt wurden, kein Schwerkrimineller ist? Vielleicht. Zumindest scheint der weithin herrschende Hang zum reflexhaften Wohlwollen gut beobachtet.

Dazu aus eigener Erfahrung: Vielleicht erinnern sich noch einige an den Fall des Berliner ‚U-Bahn-Schlägers’ Torben P., der 2011 einem am Boden liegenden Fahrgast mehrfach mit voller Wucht ins Gesicht und auf den Kopf trat. Zwar entschied das Gericht auf versuchte Tötung, erkannte aber lediglich auf 2 Jahre und 10 Monate Haft. Da dieses Urteil angesichts der exzessiven Gewalt in vielen Medien ausnehmend kontrovers diskutiert wurde, lud die Berliner Staatsanwaltschaft kurz darauf einige Medienvertreter zu einer internen Diskussion. Ausnahmslos alle (!) anwesenden Richter und Staatsanwälte hielten das Urteil für zu hart, äußerstenfalls, so ein Anklagevertreter, hätte man auf 2 Jahre Haft plus Bewährung erkennen können. Einhellig auch die Meinung, das Strafmaß werde vor dem BGH keinen Bestand haben (was es dann aber hatte). Mein Eindruck, als ich den Ort verließ: Vor dieser Justiz muss sich niemand fürchten. Selbst die allerschwersten Delikte können auf Verständnis hoffen. Das spiegelt sich nun auch im ‚Tatort’. Torben P. hat im Übrigen schon bald darauf als Freigänger Abitur gemacht. 

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‚Christliche Nächstenliebe’: Nie ist der Nächste gemeint, immer der Fernste: Möglichst keinen Bezug zu Deutschland, möglichst unchristlich, möglichst ohne zivile Erfahrung, möglichst latent verfassungsfeindlich, möglichst ungebildet. Das ist der ideale Flüchtling.

Grass als Symbol, und Noten auch

Immer noch eine der fröhlichsten Fürsprachen des Konservatismus’: Wolf Jobst Siedlers Schlußsätze im Vorwort seiner legendären Architekturkritik ‚Die gemordete Stadt’ (1961): „Die Rückschrittlichkeit dieses Bandes bezieht also ihr gutes Gewissen aus den freundlichen Beziehungen, die er mit dem Fortschritt zu unterhalten glaubt. Sein Konservatismus hat die heitere Arroganz, von seiner Modernität überzeugt zu sein.“ Das Buch ist leider nur noch antiquarisch und dort zu erstaunlichen Preisen von bis zu 450.- € zu haben.

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Der Aufsichtsratsvorsitzende gibt bekannt, er sei „auf Distanz zum Vorstandsvorsitzenden“. Zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem sollte dies Verhältnis üblich sein.

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Ein freundlicher Leser fragt, wie ich das Problem des Flüchtlingsstroms lösen würde. Die Antwort lautet: Arabisch, eben wie Saudi-Arabien, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate es tun, oder auch fast alle Länder außerhalb Europas: Abschotten, Grenzen dichtmachen, allenfalls einzelne Personen aufnehmen. Keinem der außerordentlich reichen arabischen Länder würde es einfallen, seine Glaubensbrüder ungehindert einreisen und dort leben zu lassen. Wie bereits an anderer Stelle kürzlich gesagt: Zur Politik gehört es, Unerträglichkeiten stoisch zu ertragen. Aber noch besser wäre die Politik, wenn sie dieses Dilemma offensiv erläuterte.

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Selbst erlebt: „Entschuldigung, wie schreibt man Szene?“ „S-Z-E-N-E“. „Danke. Aber wie schreibt man ein großes ‚ß’?“

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Bekanntermaßen verschwieg Günter Grass jahrzehntelang seine SS-Mitgliedschaft, attackierte aber andere fehlbare Personen ohne Nachsicht. Ausgerechnet ihm meint SPD-Generalsekretärin Fahimi nachrufen zu müssen, er sei „immer ehrlich gewesen“. Was die SPD so für Ehrlichkeit hält.

Näher betrachtet scheint das Leben von Grass eher tragisch als beneidenswert. Anders als Thomas Mann oder Gottfried Benn war Günter Grass im doppelten Sinne ein früh Vollendeter: Nicht nur früh auf dem Höhepunkt seines Schaffens, sondern früh schon darüber hinaus. Eindrucksvoll bis bedeutend Katz und Maus, Blechtrommel, Hundejahre, dazu ein Gedichtband. Danach kam nichts mehr, was wirklich leuchtete, berührte, im Leser nachhallte: Butt, Rättin, Telgte, weites Feld, Krebsgang, Zwiebelhäuten muss man nicht lesen, man sollte es nicht einmal. Ohne Ideen und Wagnis, sprachlich stehengeblieben, die immer gleich ziselierte Barockprosa. Literarisch nur noch Abstieg. Wenn viele Nachrufe Grass als Symbolfigur dieses Landes sehen, gilt das vielleicht auch in diesem Sinne. 

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„Was hat ein, sagen wir 40jähriger Mann, der arbeitet, seine Familie unterhält Steuern und Abgaben ehrlich entrichtet, vom Staat zu erwarten? Außer Unheil gar nichts. Nicht zufällig, dass die gewählten Hoheiten des Staates und der Gebietskörperschaften vornehmlich als Fürsprecher von Sonderinteressen, Verständnisträger für Minderheiten, als Betroffene an jedwedem Leid jenseits der eigenen Zuständigkeit hervortreten: Sie haben zum Geschick der Mehrzahl nichts mitzuteilen. So werden sie auch von der Mehrheit, die sie ins Amt gebracht hat, geachtet und angesehen.“ Der unvergessene Johannes Gross in seinen Notizbüchern, 1987. Das gilt auch 30 Jahre später unverändert: Jedes Partikularinteresse, jede Minderheiten-Forderung wird zum ‚Problem der Gesellschaft’ erklärt, zur ‚Gerechtigkeitslücke’ oder zum Ausdruck sozialer Kälte: Frauenquote, Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, Betreuungsgeld, Mütterrente, Hartz IV-Sätze, syrische Flüchtlinge, etc. Nur für die steuerzahlende Mehrheit wird, siehe Soli oder kalte Progression, nie etwas getan.

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Motto eines melancholischen Patriotismus’: My country, right and wrong.

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Koinzidenz. Eine Versicherung will die Prämien für Häuser in der Nähe von Flüchtlingsheimen erhöhen. Es folgt ein Aufschrei in den Medien, sofort rudert die Versicherung zurück. Drei Tage später die neue Einbruchsstatistik mit enormen Zuwachsraten, zurückzuführen auf gut organisierte Räuberbanden aus dem Ausland. Die daraus folgende Erhöhung der Policen ist nirgends ein Thema, doch will die Politik den Einbau einbruchshemmender Schlösser subventionieren. Statt die Ursachen zu bekämpfen, überträgt sie Aufwand und Rechtsgüterschutz dem Privatmann.

Das Gleiche auch im Kleinen: Rund 200 Meter der teils sechs-, teils achtspurigen Hardenbergstraße, die den Bahnhof Zoo mit dem architektonischen Grauen verbindet, das Ernst-Reuter-Platz heißt, sind seit einiger Zeit 30er-Zone. Laut Auskunft eines Polizisten ist der Abschnitt Unfallschwerpunkt, weil immer wieder Studenten aus der angrenzenden TU nicht die Ampelübergänge nutzen, sondern vogelwild die Straße queren. Auch hier die Reaktion: Statt die Studenten zu ermahnen oder zu bestrafen, gängelt man lieber die Autofahrer. Deren Verwarnungen sind auch lukrativer.

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„Schauen Sie nach Berlin. Dort sind einige Bezirke aus dem Gleichgewicht geraten, weil der Anteil der Ausländer innerhalb kürzester Zeit extrem gestiegen ist. Wenn man aber auf der Straße fast keinen Deutschen mehr sieht, dann schrillen bei den Deutschen, aber auch bei den schon alteingesessenen Migranten die Alarmglocken.“ Die Berlinerin und heutige Integrationsministerin Baden-Württembergs, Bilkay Öney (SPD, bis 2009 bei den GRÜNEN), in der Südwestpresse. Man stelle sich die Reaktionen vor, hätte dies Alexander Gauland gesagt.

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In der FAZ schildert der Zoologe Axel Meyer von der Universität Konstanz seine Erfahrungen mit Studenten an deutschen Hochschulen. Fachbücher würden kaum gelesen, bei den Prüfungen werde betrogen und offen geschummelt, auch habe man versucht, in sein Büro einzubrechen – wohl um die Fragen der anstehenden Klausur einzusehen. Wer einen Test verpasse, ob aus Unlust oder sonstigen Gründen, habe Anspruch auf eine Nachklausur, versemmele er diese, könne noch eine mündliche Prüfung gefordert werden. Rätselhaft nicht nur für ihn, sondern auch für viele ausländische Studenten der Verzicht auf Studiengebühren. „Warum wir“, so Professor Meyer, „auf Kosten der deutschen Steuerzahler nicht nur Deutsche, sondern auch die zukünftige ausländische Konkurrenz ausbilden – denn hier bleiben die wenigsten – und damit einheimische Arbeitsplätze gefährden, bleibt wohl ein Geheimnis unserer vorausschauenden Politiker“. Gleichzeitig ist dieser Tage in allen Zeitungen zu lesen, dass kaum noch jemand einen Lehrberuf ergreift, alle auf die Universitäten drängen.

Noch dazu: Schon vor 25 Jahren erwähnte ein Freund, der sein Studium der Genforschung in den USA fortsetzte, die völlig andere Einstellung dortiger Studenten. Alle hielten das Studium, trotz hoher Gebühren, für ein Geschenk, dessen man sich würdig erweisen müsse, auch mit Blick auf den Ruf der Universität. Abschreiben oder Schummeln sei völlig undenkbar. Es herrsche der Geist der sportlichen Konkurrenz: Man wolle sehen, wer besser, wer der Beste ist.

Wie wenig Verständnis die Amerikaner für Betrug bei Leistungsprüfungen haben, zeigen die Vorgänge in Atlanta. Dort verurteilte ein Richter drei Schuldirektoren, die Tests zugunsten schwächerer Schüler manipulierten, zu jeweils 20 Jahren Haft, die erst nach 7 Jahren überhaupt zur Bewährung ausgesetzt werden darf. Wenn es um Chancengleichheit und individuelle Leistung geht, lassen die Amerikaner nicht mit sich spaßen.

Überhaupt erstaunt immer wieder die Unkenntnis, geht es um die historische Entwicklung, aber auch um den Zweck von Noten und Leistungsbeurteilungen. Beide sind außerordentlich soziale Errungenschaften des bürgerlichen Staates. Waren Posten und Beförderungen über Jahrhunderte von den Launen und Sympathien des Herrschenden abhängig, zählten plötzlich Fleiß, Wille, Einsatz, Können. Geburt und Beziehungen traten zurück, auch weniger glücklich Geborene konnten sozial aufsteigen. Die Abschaffung von Noten, gerade unter GRÜNEN und Sozialdemokraten beliebt, ist daher ein extrem reaktionäres, anti-egalitäres Projekt. 

Toleranz als Mangel an Phantasie

Die LINKE kritisiert, der neue rot-grüne Koalitionsvertrag in Hamburg sage nichts zur Armutsbekämpfung. Das sei hier nachgeholt, in einem Satz: Die wirksamste Armutsbekämpfung ist nach aller Erfahrung der Kampf gegen jene Ideen, für die die LINKE steht.

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Eine Freundin ist nicht glücklich mit meinem Blog. Alle Muslime als Anhänger einer anti-demokratischen Weltanschauung zu betrachten, hält sie für falsch. Aber warum? Fest steht, dass die Frau im Islam dem Manne untergeordnet ist, dass Glaubensfreiheit oder Apostasie mit dem Tode bedroht werden, dass die Scharia kein von Bürgern frei verhandeltes und verhandelbares Gesetz ist, damit auch keinen demokratischen Abstimmungen unterliegt – weshalb ein Kernbereich des Rechts dem Bürgerwillen entzogen, der politischen Teilhabe nicht zugänglich ist. Kurzum: Demokratische Autonomie, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit sind im Islam nicht möglich. Was also ist hieran nicht anti-demokratisch?  

Die Freundin ist Übersetzerin vor allem amerikanischer Werke, von den Söhnen ist einer homosexuell. Würde hier der Islam herrschen, wäre der Sohn mit dem Tode bedroht. Auch sie selbst könnte kaum eines der Bücher aus dem Reich des ‚großen Satans’ übersetzen, ihre berufliche Existenz wäre zerstört. Trotzdem nie die Frage, was eine ‚Unterwerfung’ im Houllebequeschen Sinn, also die Machtübernahme des Islam in Europa, für den Einzelnen ganz persönlich bedeutet.

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Fast schon ein Reflex: Nach der Zerstörung der Museumsschätze in Mossul, Ninive, Nimrud und Hatra durch ISIS wiesen zahlreiche Artikel auf ähnliche christliche Bilderstürmereien hin. Die hat es gegeben, doch fielen ihnen im wesentlichen Bildwerke der eigenen Religion zum Opfer. Außerdem immer die Frage, ob eine Dummheit eine andere rechtfertigt. Allerdings macht das Vorgehen der ISIS auf einen grundsätzlichen Unterschied aufmerksam: Nur in Europa wurde im 18. Jahrhundert ein Interesse für fremde Kulturen und deren Bewahrung entwickelt. Nirgendwo anders war das jemals der Fall. Ohne Humboldt und seine Adepten keine Ethnologie, keine ethnografische Feldforschung, keine Völkerkundemuseen. Wo dagegen der Islam herrscht, wissen wir meistens mehr über die Dinosaurier als über frühe dortige Kulturen.

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„Wer den Papst kritisiert, ist im Club der Aufklärer herzlich willkommen, wer Kritik am Islam übt, den erklären die Untersteller zum Rassisten.“ Der Historiker Jörg Baberowski in der ZEIT.

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Dass die Nazis Zigeuner grausam verfolgt und Tausende getötet haben, ist ein tief düsteres Kapitel. Dennoch verwundert zuweilen das Selbstverständnis, das auch jüngere Leute aus dieser Verfolgung gewinnen. So erklärt am Gedenktag der Nazimorde die Anwältin Nizaqete Bislimi (35), die Bundesregierung solle „endlich den Nachkommen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen“. Bislimi ist 1993 illegal aus dem Kosovo eingereist, wurde samt ihrer Familie 13 Jahre lang trotz fehlenden Asylgrunds geduldet und unterstützt, hat Abitur gemacht, studiert und eine eindrucksvolle Karriere vorzuweisen. So menschenunwürdig scheint das Leben hier nicht gewesen zu sein.

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Jene Politiker, die am nachdrücklichsten für Zuwanderung werben, sind immer Fürsprecher der Abtreibung.

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Ein ehemaliger Studienkollege, der diesen Blog entdeckt hat, meine Ansichten zum Islam aber nicht teilt, schickt mir eine ganze Seite mit Fragen: Warum ich dies so sähe und jenes so, ob ich hierzu Fakten liefern könne, welche Fundstelle es gebe. Ich leiste diesen Dienst, recherchiere, entwerfe mein Schreiben, arbeite Frage für Frage ab. Statt mit einem Wort darauf einzugehen, die genannte Literatur zu lesen und die Diskussion zu vertiefen, schon wenige Minuten später die Antwort – oder richtiger: Reaktion. Ein neues Konvolut, nun mit seinen Erfahrungen aus Algerien, Ägypten, dem Kosovo. Kein Satz zu den zuerst von ihm aufgeworfenen Fragen. Heutige Diskussionskultur, im Grunde wie bei Kleinkindern: Wer länger „Immer einer mehr als Du“ sagt, hat gewonnen.

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Diskussionskultur 2: Auf Facebook schreibt mir ein Michi Döfle: „Sie dummes Stück scheise“. Wie immer enthalten wir uns aller Namenswitze.

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Entspringt das überall anzutreffende Verständnis für den Islam möglicherweise einem Mangel an Empathie, vielleicht auch Phantasie? Ich stelle mir die 1000 Peitschenschläge vor, die Raif Badawi erwarten, wie sie die Haut zerfetzen, die Sehnen, die Rückenmuskeln, wie der Schmerz einbricht und wie Blut und Leben versickern. Ich stelle mir vor, wie ich unter dem Galgen stünde, der viele Homosexuelle erwartet, und was meine letzten Gedanken wären, meine Angst, meine Trauer und meine Verzweiflung, dass ich für meine Liebe bestraft werde, nur weil irgendein Mullah sich anmaßt zu wissen, was Allah für recht hält. Und ich stelle mir vor, wie mir meine Hände in den Folterkerkern mit Hämmern zerschlagen werden, die Schmerzen, die brechenden Knochen, die zerquetschten Fingernägel. Und all dies nur, weil ich einen Gedanken aufschrieb, der irgendeinem Imam nicht gefiel. Über all solche Momente ist vielfach geschrieben worden, weit eindrücklicher als hier, und man kann sich das zumuten. Aber die Unfähigkeit, zu trauern, sich in Opfer hineinzuversetzen, herrscht in diesem Land noch immer.

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„Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament der Nachkriegszeit“. Der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2004.

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In einer der letzten Ausgaben des STERN folgende Selbstdarstellung eines Autors: „Axel Vornbäumen war bei vielen revolutionären Maidemonstrationen in Berlin. Manchmal war das eher wie Dschungelcamp mit Tränengas.“ Ein-Tages-Krawalle als Revolution. Und ob auch verletzte Polizisten und Ladenbesitzer, denen keine Versicherung den Schaden zahlt, die Ausschreitungen als Unterhaltungsprogramm verstehen?

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In einem Interview mit der Jungen Freiheit, gerade aktuell am Kiosk, entwerfe ich kein ausgesprochen positives Zukunftsbild. „Im Moment“, so äußere ich mich dort, „kommen Zehntausende, die keinerlei Beziehung zu diesem Land, seiner Geschichte, seiner Kultur haben, und dies auch gar nicht wollen. Wenn diese Zuwanderer politische Parteien gründen, wird es nichts geben, was dieses Land zusammenhält. Dann haben wir libanesische Verhältnisse, also ein Land zerrissen vom Gift der Religionen und Ethnien, ohne verbindende Idee, unfähig zur Bewahrung der staatlichen Einheit.“ Ein Freund findet das zu alarmistisch. Das wäre zu hoffen. Tatsächlich ist die neue Einwanderung ein ungeheures soziologisches Experiment, die Veränderung des Staatsvolkes. Mag sein, dass es gutgeht. Aber wenn nicht, und wenn sich die Gruppen radikalisieren, ist das Land kaputt. Dieses Risiko sollte man sehen, wenn auch mehr als Feststellung, denn als Alarm.

Kommunikationsverweigerung: Von Affen lernen

Unter der Überschrift „Die Anatomie eines journalistischen Fehlers“ korrigiert die amerikanische Zeitschrift ‚Rolling Stone’ ihre Geschichte über eine angebliche Bandenvergewaltigung an der Universität Virginia. Der Artikel war letztes Jahr erschienen und insinuierte, dass Vergewaltigungen an amerikanischen Hochschulen gleichsam üblich seien – was zu landesweiten Debatten um die Frage führte, ob zum politisch-gesellschaftlichen Establishment auch so etwas wie eine ‚Rape culture’ gehöre.

Ein unabhängiges Journalisten-Team der Universität Columbia, nach ersten Zweifeln vom Rolling Stone selbst mit der Überprüfung beauftragt, stellte nun im Einklang mit eingehenden Ermittlungen der Polizei fest: „Es gibt keine ausreichende faktische Grundlage, um die erhobenen Vorwürfe zu stützen“. Die Veröffentlichung, so der Report, „sei ein vermeidbarer Fehler in allen Bereichen: Recherche, Faktenprüfung, Umsetzung, Aufsicht“. Viel härter kann ein Verdikt kaum ausfallen. Die Autorin Rubin Erdely hatte nur mit ‚Jackie’ gesprochen, dem angeblichen Opfer, das sich beharrlich weigerte, die Namen der Täter zu nennen. Weil aber die Geschichte größte Aufmerksamkeit versprach, zudem ‚Jackie’ sowohl Frau Erdely als auch der Fact-Checkerin des Blattes glaubwürdig erschien, wurden alle Zweifel weggeschoben, andere Quellen nicht gesucht oder gehört. So kam eine Vergewaltigung ins Blatt, die sich nicht nachweisen lässt, mithin aus journalistischer Sicht nicht existiert – was auch der Wirklichkeit entsprechen mag.

Doch was ist die Moral von der Geschichte? Dass Menschen fehlbar sind, geschenkt. Dass eine Frau eine andere anlügt? Dass beide gewissenlos sind, gierig auf Erfolg, Aufmerksamkeit, Lob, Auszeichnung, auf Rampenlicht und Mittelpunkt? Auch geschenkt. Aber man hätte gern zu diesem Thema die Meinung von EMMA, die doch selbst Handlungen depressiver Piloten als männerspezifische Gewaltorgien einordnet. Was sind nur die genderspezifischen Folgerungen aus diesem Versagen? Sind angeblich männliche Eigenschaften wie Misstrauen, Distanz, Kühle im investigativen Journalismus vielleicht hilfreicher als geschlechtsspezifische Solidarität und Emotionen? Fest steht nur: Den künftigen Opfern von Vergewaltigungen werden solche Lügengeschichten nicht eben helfen.

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Von der Schwester eines Freundes folgende Geschichte: Während ihres Studiums jobbte sie um 1980 im Witthüs, einem Lokal weit im Westen Hamburgs. Es war ein schöner Tag, Lokal und Terrasse rappelvoll, und unter den Gästen auch ein Mann mit seinem Jungen. Beide saßen dort lange, der Vater hatte offensichtlich Freude, dem hungrigen Sohn jeden Wunsch zu erfüllen, großzügig wurde bestellt. Als es aber ans Bezahlen ging, stellte der Mann fest, dass er sein Portemonnaie vergessen hatte, es stecke im Mantel zuhause in der Innenstadt, rund 15 km entfernt – was man nun machen könne: Seinen Sohn als Pfand dalassen oder seinen Ausweis? Man einigte sich schnell auf den Ausweis, der Mann dankte, entschuldigte sich mehrfach und versprach, noch am gleichen Tag zurückzukommen und die Rechnung zu begleichen. Und so geschah es, gut zwei Stunden später war er wieder da, zahlte die Zeche und bat um seinen Ausweis. Und erst da fiel der Blick der jungen Serviererin auf den Namen: Rudolf Augstein. Sie hatte ihn nicht erkannt, in der Hektik des Betriebs keine Zeit gehabt, den Gast näher ins Auge zu fassen. Entsetzen, Entschuldigungen, aber Augstein wies das alles zurück. Es sei sein Fehler gewesen, ihre Reaktion völlig ok, er hätte zu danken – was er mit einem außerordentlich großzügigen Trinkgeld unterstrich. Erstaunlich. Heute würden viele in der Position Augsteins vermutlich irgendein Bohei veranstalten und auf ihre Prominenz verweisen, statt anstandslos die lästige Autofahrt hin und zurück zu akzeptieren. Andere Zeiten.

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Von derselben Person eine treffende Beobachtung: Personen aus dem früheren Westberliner ShowBiz wären verläßlich daran zu erkennen, dass sie äußerlich im Jahr 1989 stehengeblieben seien. Die Männer mit zu offenen Hemden, die Frauen mit zu hohen Stiefeln, beide immer zu braun, zu viel Gold, Baywatch-Frisuren.

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„Kommunikation ist die Grundlage jeder Beziehung“. So steht es in jeder Frauenzeitschrift und in noch mehr Psychologiebüchern und Management-Ratgebern. Viele Männer würden allerdings ergänzen: Nicht zu jeder Zeit und nicht immer verbal. Wer sich jemals voller Vorfreude auf die Sportschau vor den Fernseher setzte, um dann von Frau oder Freundin auf den Sonntagsausflug, die neuen Schuhe oder sonst drängende Fragen angesprochen zu werden, weiß, wovon ich rede. Kommunikation ist manchmal auch ein Killer – oder weckt zumindest Verständnis für solche.

Dass Kommunikation mitunter schädlich sein kann, belegt eine Anekdote in Paul Therouxs wunderbarem Reisebuch ‚An den Gestaden des Mittelmeers’. Überall stünden auf Gibraltar Schilder mit Warnhinweisen, wonach man die dort lebenden Affen nicht füttern, anstarren oder ansprechen solle. Trotzdem würden jedes Jahr mehrere Hundert Touristen gebissen. Und nun kommt das statistische Wunder: 90% der Gebissenen seien Frauen.

Woran liegt das? Meine auf Erfahrung gestützte Spekulation: Männer sehen die Affen und denken: ‚Verlauste Viecher, aber bitte: Sie kümmern sich um ihren Dreck, ich mich um meinen, alles ist gut.’ Also: Keine Kommunikation als bewusste Entscheidung. Frauen sehen dagegen Lebewesen, die ihren eigenen Wünschen nachgehen, ohne fremden Kommunikationsbedürfnissen Beachtung zu schenken. Der Diskurskonflikt ist unvermeidbar, nur dass die Affen Dinge tun können, die man keinem Mann mehr zugesteht. Interessant: Zumindest auf Gibraltar scheinen sämtliche Eigenschaften, die wie selbstverständlich Frauen zu- und Männern abgesprochen werden, nämlich Empathie, Rücksichtnahme, Dezenz und Einfühlungsvermögen, das Geschlecht zu wechseln. Doch wohl nur eine geographische Besonderheit. Ein Zauberfelsen.

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In der SZ vom Wochenende ein quälend schlichtes, in seiner naiven Begeisterung für Bindungsfreiheit geradezu anrührendes Plädoyer gegen die Ehe sowie – ernsthaft – ein Lob des Quickies. Engländer nennen solch vorsätzliche Niveau-Reduktion ‚dumbing down’. Aber vielleicht notwendig.

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Das angezündete Asylantenheim in Tröglitz, juristisch eine schwere Brandstiftung. Andererseits: Da niemand verletzt wurde, handelt es sich aus linker Perspektive lediglich um Gewalt gegen Sachen. An jedem 1. Mai entsteht in Berlin oder Hamburg, ganz abgesehen von den verletzten Polizisten, weit größerer Schaden, und die rund 2000 abgefackelten Autos in denselben Städten waren GRÜNEN, SPD und Linke auch nie ein Grund für scharfe Maßnahmen. Nun müssen sie erkennen: Der Sponti-Spruch „Anarchie ist machbar, Herr Nachbar“ kann sich auch gegen ihre Projekte wenden.

Brandstiftung ist sicherlich jenseits des zivilen Ungehorsams; überraschend ist sie nicht. Wenn die Politik Probleme negiert und, weil keine Wahlen anstehen, jede Diskussion verweigert, werden auch die Reaktionen schärfer. Zudem gibt die Regierung nicht ansatzweise zu erkennen, ob und wie sie den Flüchtlingsstrom eindämmen will. Nicht einmal rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber werden abgeschoben. So dürften auch die 1500 Schiffsbrüchigen, die am Wochenende in Italien landeten, schon in wenigen Tagen hier vorsprechen; Italien ist bekanntlich großzügig in der Vergabe von Eisenbahntickets. Doch statt irgendein Konzept vorzulegen, wie es nun weitergehen soll, herrscht die große Feigheit. Fast 40 Prozent der Afrikaner, also rund 500 Millionen, wollten 2009 nach einer Gallup-Studie ihre Heimat verlassen, seitdem sind die Verhältnisse dort keineswegs besser geworden – aber keiner der hiesigen Politiker traut sich, das Thema ernsthaft anzusprechen. Kein Wunder: Der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus wäre ihm sicher. Was wir gegenwärtig erleben, ist die größte Völkerwanderung seit 1500 Jahren, ist eine Landnahme mit friedlichen Mitteln, wenn auch nicht weniger aggressiv als kriegerische Maßnahmen – und mit ebensolchen Folgen für die eingesessene Bevölkerung. Glaubt denn wirklich jemand, dass irgendeiner der Flüchtlinge in völlig zerstörte, möglicherweise islamistische Länder zurückkehrt? In einen der abgewirtschafteten, von Clans terrorisierten afrikanischen Staaten? Oder dass es deren Kinder tun? Wer hierher kommt, wird bleiben. Selbst unter den Brücken ist das Leben in Deutschland besser als in den Slums von Lagos, Nairobi oder Kinshasa. Hinzu kommt die Wanderung aus den europäischen Armenhäusern, die wir der EU-Freizügigkeit verdanken, und dann noch der Asylantenstrom aus dem Balkan, aus Syrien, Irak, Tschetschenien, Weißrussland. Alles Menschen mit eigenen Werten, eigenen Ansichten, oft fragwürdigen, unserem Rechts- und Staatsverständnis entgegengesetzten Haltungen. Doch selbst eine derart dramatische Herausforderung an dieses Land ist für die Kanzlerin und ihren Stellvertreter kein Anlass zur Stellungnahme oder Einordnung. Keine große Rede, keine Ansprache an die Nation. Aus den Parteien, angeblich an der politischen Willensbildung des Volkes beteiligt, ebenfalls nichts. Statt dessen sprachloses Wegtauchen oder mediale Denunziation; die Probleme überlässt man den Brandermittlungsbehörden und Sicherheitsapparaten auf der Straße. Und der NPD. Die sollte der großen Koalition Kränze winden. Denn nichts fördert diese elende, eklige Partei mehr als Negieren, Wegschauen und Nichtstun. Auch das wird irgendwann in der Leistungsbilanz der großen Koalition stehen.

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Seit Wochen immer das gleiche Spiel der griechischen Regierung: Einlenken, drohen, einlenken, drohen. Mal mit immer größeren Reparationsforderungen, dann mit dem Grexit, dem Öffnen der Tore für weitere Flüchtlingsmassen oder der Hinwendung zu Putin, zuweilen ergänzt durch wüste Beschimpfungen. Beleidigung und Erpressung als Grundlage staatlichen Umgangs. Nicht nur von Seiten Griechenlands, Italien und Frankreich formulieren lediglich eleganter. Auch wenn es Merkel noch nicht weiß: Europa – Euro hin oder her – ist längst gescheitert.

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“Steinewerfen ist der Lieblingssport der Deutschen”, schrieb ich in meinem letzten Eintrag, und weil dort auch ein jüdischer Witz vorkam, griff ein Freund beides auf (hier für jene, die  diesem Blog nicht auf Facebook folgen):

Christus, neben ihm die Ehebrecherin, zu dem Umstehenden: “Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.” Von hinten kommt ein Stein geflogen. Jesus: “Mutter, lass das!”

Frauenzeitschriften und Politik

Zum Osterfest ein hübscher jüdischer Witz: Treffen sich Nathan und Benjamin. ‚Aber Benjamin, wie siehst Du aus? Geht es Dir nicht gut? Ist etwas passiert?’ ‚Du fragst, ob etwas passiert ist? Etwas? Eine Katastrophe! Mein Sohn ist zum Christentum konvertiert! Kannst Du Dir das vorstellen? Der Rabbi spricht nicht mehr mit mir, die Verwandtschaft redet von Schande, meine Frau sagt, ich hätte den Jungen falsch erzogen. Oh Himmel, es ist furchtbar! Wieso mir, wieso nur mir?’ ‚Oh Benjamin, großes Leid hat Dich ereilt! Und der Herrgott möge Dir und den Deinen verzeihen!’ ‚Ach, lass gut sein. Das hat ER bereits.’ ‚Der Herrgott? ER hat mit Dir gesprochen und Dir verziehen?’ ‚Ja. Du kennst den kleinen Busch in meinem Garten? Als ich wieder einmal mein Leid klagte und den Herrn fragte, was ich nur machen solle, fing der Busch an zu brennen, und aus den Flammen sprach die Stimme des Herrn zu mir.’ ‚Die Stimme des Herrn! Unglaublich! Ein Wunder! Und was, lieber Benjamin, hat der Herr Dir gesagt? Sollst Du Deinen Sohn opfern?’ ‚Nein, nein, ER war recht entspannt. „Benjamin”, hat ER gesagt, “Dein Sohn ist zum Christentum konvertiert? Mach Dir nicht draus. Ist mir auch passiert. Und was Du tun sollst? Ganz einfach: Schreib ein Neues Testament.“’

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Jetzt offiziell: Das Sturmgewehr G36 der Bundeswehr ist zumindest aus Sicht des Verteidigungsministeriums im Kampf nicht zu gebrauchen. Die Gerüchte gibt es seit Jahren, also lange bevor die jetzige Verteidigungsministerin ins Amt kam. Doch erst jetzt gibt es ein Ergebnis. Warum dauerte das so lange? Weil es vorher einen Minister gab, der den katastrophalen Zustand der Bundeswehr wesentlich mitzuverantworten hat, aber dennoch weiterhin im (anderen) Amt bleibt: Thomas DeMaizière. Sein Verbleiben in der Regierung ist der tägliche Beweis, dass Unfähigkeit nicht schadet.

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Im Zeitungskiosk einmal mehr verblüfft über die offensichtlich immer wachsende Zahl der Frauenzeitschriften. Gab es vor Jahren vielleicht 15, 20 derartige Titel, hat man nun den Eindruck, dass nicht nur jede Altersgruppe, sondern jeder Jahrgang seit 1960 eigene Titel hat. Und fast alle verkünden den Segen der Selbstoptimierung: Wie man schlanker, schöner, erfolgreicher, klüger, gelassener wird, dazu eine bessere Mutter, Partnerin, Gespielin und auch Sex Appeal, Ausstrahlung, Durchsetzungsstärke gewinnt. Alles ist möglich.

Nur ein Thema fehlt verläßlich auf all diesen Titeln: Politik. Das ruft eine Studie in Erinnerung, die vor Jahren Michael Walter, der langjährige, inzwischen leider verstorbene Chef der Marktforschung bei Gruner + Jahr zeigte. Thema war die Entwicklung des politischen Interesses bei Jugendlichen. Hielten sich in den frühen 80er Jahren noch 70 Prozent der Männer im Alter zwischen 19 und 39 für politisch interessiert, waren es um das Jahr 2000 nur noch 40 Prozent. Wirklich erschreckend waren jedoch die Zahlen bei jungen Frauen: Hier ging die Selbsteinschätzung des politischen Interesses von 35 auf 2 (!) Prozent zurück. Faktisch war Frauen dieser Altersgruppe das Gemeinwesen mithin schnurz. Unvergeßlich der Kommentar Walters in Richtung der anwesenden, leicht feministischen BRIGITTE-Chefredakteurin Anne Volk: „Ob diese Entpolitisierung mit dem Wirken der BRIGITTE zu tun hat, konnten wir nicht klären“.

Hat sich an diesem Befund etwas geändert? Wer mit jungen Frauen spricht, stößt auf politische Ahnungslosigkeiten, die nur deshalb nichts Abgründiges haben, weil überall die Wüste des Desinteresses herrscht. Deutsche Minister oder Ministerpräsidenten sind ebenso wenig bekannt wie die Funktion des Bundestages; Fragen nach dem Sinn von Demokratie, Rechtstaatlichkeit oder Gewaltenteilung sorgen für die großen Augen, die bei Jugendlichen oft den Status des Genervtseins und die Ungehörigkeit der Frage signalisieren. Sie kennen die Teilnehmer an DSDS oder Germany’s Next Topmodel, die wichtigsten Modelabels, die versteckten Funktionen des Handys. Politik kennen sie nicht, und sie wollen sie auch nicht kennen. Kommt es zu diesem Themen, folgt meist die sofortige Flucht. Und ich spreche von Frauen, die das Gymnasium besuchen.

Woran liegt diese Entpolitisierung? Hat der Feminismus die Frauen möglicherweise aus der Politik getrieben, weil deren Protagonisten wie Roth, Schwarzer, Ditfurth, Künast oder Süßmuth nicht unbedingt Inbegriff eines attraktiven Frauenbildes waren und sind? Meiden junge Frauen deshalb die Politik, weil sie den Feminismus für ihr eigenes Leben nicht mehr akzeptieren, er in der Politik aber gefordert wird, wie die vehementen Attacken vieler Bundestagsfrauen auf Familienministerin Kristina Schröder zeigten? Oder läuft die Erziehung jenseits der bekannten Defizite im Lesen, Rechnen, Schreiben auch staatspolitisch falsch?

Vielleicht hatte aber auch Michael Walter mit seinem mokanten Kommentar einen Punkt getroffen. Denn es erscheint zumindest fraglich, ob die von Frauenzeitschriften seit Jahren gepredigte Selbstverfassung, also ‚Quality time für Eigenes’, für Yoga, Reisen, Beauty, Ayurveda, Backen und das richtige, der jeweiligen Seelenlage entsprechende Outfit, mental für Politik geeignet ist. Lässt sich dieser Fokus auf das Ich mit dem Kompromiss-Wesen der Politik vereinbaren? Und ist das ewige Gerede von der Selbstoptimierung, das ja immer von einem Defizit ausgeht, also einem Mangel an Schönheit, Selbstbewusstsein oder Gleichrangigkeit, eine gute Voraussetzung für ein Vorankommen in der Politik? Anders gefragt: Wird dieser Minderwertigkeitskomplex, der von Frauenzeitschriften propagiert und ins Unendliche fortgeschrieben wird, in der Politik (und in vielen anderen Berufen auch) nicht recht schnell hinderlich?

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„Wenn ich einen Pflug führte, eine Herde weidete, einen Garten pflegte oder Kleider ausbesserte, würde niemand auf mich achten, wenige würden mich beaufsichtigen, selten würde man mich tadeln und es fiele mir leicht, allen zu gefallen. Da ich aber die geistigen Umrisse der Natur abgrenze, für die Nahrung der Seele sorge und bestrebt bin, den Geist zu pflegen, ist sogleich einer da, der mich ins Auge fasst und bedroht, beobachtet und anfällt, einholt, beißt und verschlingt. Ja, es ist nicht nur einer. Viele sind es, fast alle.“ So der 1600 als Ketzer verbrannte Philosoph, Priester und Astronom Giordano Bruno. Das kann man auf die Diskussion übertragen, die derzeit über die Veröffentlichung von Namen und Bildern des Germanwings-Piloten geführt wird. Im Internet Kübel von Dreck, wüste Anwürfe, enthemmte Fäkalsprache. Dabei dürften die meisten, die sich hier selbstgewiß echauffieren, nie als Journalisten gearbeitet haben und mit den Aporien und Nöten dieses Berufs kaum vertraut sein. Sicher scheint: Nach den vorliegenden Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sind die Veröffentlichungen rechtlich nicht zu beanstanden. Alles darüber hinaus sind Erwägungen im schwankenden Bereich von Moral, Pietät, Rücksicht – und damit durchaus unterschiedlichen Einschätzungen zugänglich. Doch kein Bewusstsein für diese Selbstverständlichkeit, immer schwerstes moralisches Verdikt. Den ersten Stein zu werfen ist der Lieblingssport der Deutschen.

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Noch zu Frauenzeitschriften: Gibt es eigentlich Hefte für Männer, die allein von deren Minderwertigkeitskomplexen leben? 

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Im Märzheft der Monatszeitschrift MERKUR ein kluger Aufsatz über moderne Despotien, wie man sie in Rußland, Aserbaidschan, China, Ägypten oder Saudi-Arabien erlebt. Anders als früher im Dritten Reich oder den kommunistischen Regimen gebe es nirgends mehr einen Kult um das Volk, um Arbeiterschaft, Bauernstand oder Nation. Despotien zeigten nicht mehr offen ihr tyrannisches Gesicht, sondern nutzten demokratische Kernelemente als Maskerade: So würde regelmäßig gewählt, Kandidaten und Parteilisten aber vorher selektiert, von den staatlich gelenkten Medien ohnehin nur über genehme Kandidaten berichtet. Jede wirkliche Opposition werde unterdrückt, verfolgt, umgebracht. Da es keine politische Kontrolle gebe, herrsche überall ein System der Klientelwirtschaft. Despotie erzeuge notwendig Korruption und oligarchische Systeme mit hoher Konzentration von Privatvermögen. Die Herrschaft des Rechts (rule of law) sei abgelöst durch die Herrschaft per Gesetz (rule by law). Bemerkenswert der Befund, dass der gut ausgebildete Mittelstand, früher meist Hort der Opposition, heute in den meisten Despotien zur kooperativer Machtteilung bereit sei: Gehorsam gegen wirtschaftliche Freiheit. Das widerspricht der früher beliebten These, dass wirtschaftliche Entwicklung immer zur demokratischen Entwicklung führe.

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Und noch ein Fundstück: Im aktuellen Chrismon mal wieder ein irritierender Beitrag, diesmal ein Gespräch zwischen Heiner Geißler und der muslimischen Ärztin Aydan Özdaglar. Beide sind sich völlig einig, dass der Islam nichts mit dem Terror der Islamisten zu tun hat. Nur die Deutschen wüssten das eben nicht, sie könnten, so Geißler, „nicht sauber differenzieren zwischen Islamismus und Islam“. Dass selbst ausgewiesene Islam-Forscher damit ihre Schwierigkeiten haben, scheint Geißler nicht zu wissen. Doch auch Frau Özdaglar bewegt sich ähnlich souverän und hochmütig durch alle Tiefen. Zwar „kenne sie sich in den Regeln der islamischen Theologie viel zu wenig aus“, doch weiß sie, dass beispielsweise die Frauenentrechtung im Koran nicht vorkomme. Wichtig sei, dass der „Koran richtig gelesen wird und die Suren nicht nur stückweise zitiert werden, wie es Pegida-Anhänger tun“. Keine Ahnung von islamischer Theologie, aber wissen, wie man die Suren richtig versteht – fallen derartige Widersprüche den Moderatoren nicht auf? Interessant der Hinweis von Frau Özdaglar, ein heutiges Burka-Verbot würde in Deutschland zu einem Aufstand und „schließlich auch zu Gewalt“ führen. Gewiß: Islam heißt Frieden. Und die Gesetze des Gastlandes haben zurückzutreten hinter der Scharia. Sonst droht man mit Gewalt. Und das alles in Chrismon. Aber weder Herr Geißler noch die Moderatoren nehmen dies zum Anlass, nachzufragen oder das Gespräch sofort zu beenden. Protestantismus wirkt immer häufiger wie bloße Standpunktlosigkeit, drapiert als interessierte Toleranz.