Journalismus als Eskapismus

Wann immer es um die Hilfe für Völker geht, die unter Krieg, Hunger, Seuchen leiden, wird die umgehende Bereitstellung großer Steuermittel von Politikern mit der Standardfloskel begründet, „Ein so reiches Land wie Deutschland…“. Gerade hörte man dies wieder von Claudia Roth. Erstaunlich. Deutschland ist bis über beide Ohren verschuldet, und rechnet man Pensionsverpflichtungen, Target2-Salden, Schutzschirm-Bürgschaften sowie die notwendigen Investitionen in Infrastruktur und Bildung hinzu, ist es bankrott. In den Kommunen merken das die Menschen jeden Tag. Aber dennoch: „In einem so reichen Land…“. Reich ist dieses Land nur an Doofheit.

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Kurzer Prozess heißt immer ohne Prozess.

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 „Der Schlüssel zum Glück ist die Freiheit, aber der Schlüssel zur Freiheit ist der Mut!“ Perikles. Wirkt wie ein Kalenderspruch, benennt aber die wahre Grundlage jedes freiheitlichen Gemeinwesens. Nicht Wahlen oder Gesetze sind die Basis, sondern Mut. Mit Mut löst man jedes Problem; ohne ist man verloren. Aber kaum ein Deutscher begreift das. In den USA oder Israel dagegen fast jeder.

Woran mag das liegen? Nur eine Vermutung, ins Blaue hinein: In den USA würden, so sagt ein Freund, an jeder besseren Schule die großen Staatsreden erörtert. Cicero, Demosthenes, Lincoln. Das wäre auch ein Gedanke für Deutschland.

Aus eigener Erfahrung: Warum sind die meisten Deutschen nur so feige? Warum wagt kaum jemand, Probleme offen und öffentlich anzusprechen, ob sie nun Jugendkriminalität, Islam, Freizügigkeit, Flüchtlinge, Zuwanderung heißen? Warum dieser lemminghafte Hang zur Konformität? Dabei droht niemandem der Besuch von Stasi oder Gestapo. Wäre die Feigheit ein Verbrechen, hätten ihn allerdings viele verdient.

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Journalismus: Der schönste Beruf, der erbärmlichste Berufsstand.

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Der Shitstorm gegen die Ukraine-Berichterstattung der Tagesschau hält an. Tatsächlich ist das Misstrauen der Menschen gerechtfertigt. Nimmt man nur die Themen, welche sie am meisten beschäftigen, also Euro-Krise, Zuwanderung, Flüchtlinge, Brüssel, gibt es kein einziges bundesdeutsches Medium, das fundamental gegen den Mainstream argumentiert – von ganz wenigen Autoren abgesehen.

Exemplarisch vorgeführt wurde das von der SZ in ihrer großen EU-Beilage am 8. Mai. Nichts zu drängenden Fragen wie der Brüsseler Korruption, dem Nepotismus, der Verschwendung, nichts zur rechtswidrigen Bankenrettung, zum Bürokratismus oder zum ökologischen Raubbau, für den die Fischerei- & Landwirtschaftspolitik der EU steht. Statt dessen als Hauptstück ‚Civis Europaeus sum’ von Gustav Seibt, ein Aufsatz über die Entwicklung des Staatsangehörigkeitsbegriffs seit der Römerzeit. Sehr gelehrt, sehr klug, wie immer bei Seibt. Aber ist Staatsangehörigkeit wirklich das Kern-Problem der EU?

Ein wenig wirkte der Artikel wie ein Stück aus der DDR am Vorabend der Revolution 1989. Draußen demonstrieren die Massen gegen das Regime, und das Neue Deutschland schreibt über die goldene Zukunft des Marxismus-Leninismus. Und wie dort herrschte auch im Frühjahr 2014 die große systemische Affirmation: Wenn überhaupt Kritik geäußert wurde, dann nur nach grundsätzlicher Bejahung. Die Kabinettsfrage, ob all die Probleme der EU vielleicht struktureller Natur sind und das ganze Projekt ein einziger Irrweg, stellte dagegen niemand. Statt dessen Nichtigkeiten: Ob Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker der richtige Kommissionspräsident, ob die Wahl für die Regierungschefs bindend, ob eine Niederlage von Juncker für Merkel gefährlich sei. Usw, usw…

Was hier als Journalismus daherkam, war im Kern dessen Gegenteil, nämlich Verweigerung, Weggucken an der Grenze zur Desinformation, Eskapismus. Und zwar, cum grano salis, in allen deutschen Medien – und bei vielen Themen ist es auch aktuell nicht anders. Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen nur noch dem Mainstream folgt und jede politische Frage von Belang per Talkshow sediert, ist gelernt. Aber auch die Printmedien beteiligen sich inzwischen fast ausnahmslos an der Pazifizierung jeder Debatte, sei es EU, Zuwanderung, Abschiebung, Jugendstrafrecht. Auch das erinnert an die DDR: Dass es weitgehend egal ist, welche Zeitung man aufschlägt, weil überall der Tenor identisch ist: Gut sind Frieden, Solidarität, EU, Einwanderer, Patchwork, multikulturelle Vielfalt, Ukraine, Islam; schlecht sind Nationalstaat, Interessenspolitik, Kapitalismus, Leitkultur, Militär und Konservatismus. Kann es wirklich verwundern, dass die Medien an Glaubwürdigkeit und Auflage verlieren?

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“Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen”. Mark Twain, zitiert auf der Trauerfeier für Peter Scholl-Latour.

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Statt des schon bekannten Schlusses zum favorisierten Umgang mit der EU heute nur ein Kürzel: EU:BZ!