Gesundes Volksempfinden und die Pädophilie der ZEiT

Ach, Brüssel! Ist schon jemand schneller entzaubert worden als EU-Präsident Juncker? Selbst seine Verteidiger sind derzeit in Deckung gegangen. Und dieser Mensch soll Brüssel noch fünf Jahre kraftvoll führen und reformieren? Das glauben nicht einmal die Hühner in den subventionierten Legebatterien.

Der Fall Juncker zeigt erneut, dass von einer wirklichen Opposition in der EU nicht gesprochen werden kann. Alle großen Parteien stehen schon deshalb zu Juncker, weil seine Demission das gerade gefundene Gleichgewicht innerhalb der EU-Kommission und damit auch die Postenverteilung empfindlich stören würde. Zudem wäre ein Rücktritt Junckers das Eingeständnis, dass die Staatschefs den Falschen gewählt haben. Und für das Image der EU wäre der Abgang auch nicht förderlich. So macht man die Schotten dicht und hofft auf besseres Wetter und die Vergesslichkeit der Wähler.

Auch die deutsche Politik taucht im Fall Juncker weitgehend ab. Im Ergebnis haben wir einen vom europäischen Steuerzahler hochalimentierten Kommissionspräsidenten, der eben diesen Steuerzahler jahrelang zugunsten eines nutzlosen Zwergstaates und zahlreicher Großunternehmen ausnahm. Das muss man hinbekommen! Chapeau!

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„Er war gescheit, er war logisch, er wusste viel; aber ist das mehr als Barbarei?“ Robert Musil, Mann ohne Eigenschaften

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AfD-Chef Bernd Lucke erklärte kürzlich, die Position seiner Partei sei weder rechts noch links, sondern die des gesunden Menschenverstandes. Das hat er von Maggie Thatcher, die sich ebenso gegen die Etikettierung ‚links’ oder ‚rechts’ wehrte. In Deutschland jedoch wurde nicht dieser Bezug gesehen, sondern von der SZ auf die Nähe zum ‚gesunden Volksempfinden’ verwiesen, mit dem die Nazis ihre angebliche Nähe zum Volk, vor allem aber jeden Rechtsbruch als gleichsam demokratisch legitimiert kaschierten.

Nun hat aber das ‚Volk’, nimmt man nicht mit den Nazis Sozialdemokraten, Juden, Zentrumspolitiker und sonstige Verfolgte des Dritten Reiches aus, kaum einheitlich gedacht und die nationalsozialistischen Mördereien keineswegs begrüßt. Auch im Übrigen waren die Vorbehalte gegenüber den braunen Horden groß, vor allem in christlich geprägten Gegenden, und solange es noch freie Wahlen gab, waren die Ergebnisse für die NSDAP eher dürftig. Anders allerdings sah es bei vielen Intellektuellen aus. Der Kniefall zahlreicher Großdenker, aber auch der Ärzte, Juristen, Professoren, Studentenschaften und nicht zuletzt auch vieler Journalisten vor Deutschlands angeblichem Erwachen ist gut dokumentiert, und vermutlich war es auch ihr Hang zur Radikalität, der viele Intellektuelle zu treuen Parteigenossen der ersten Stunden machte. Sicherlich haben auch einfache Leute versagt; aber noch viel mehr diejenigen, die sich dem Volk überlegen fühlten. Das Empfinden der Intellektuellen ist oft verhängnisvoller als das des Volkes.

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In der ZEIT verweist der sozialdemokratische Parteienforschers Franz Walter auf den segensreichen Einfluss, den Frauen in der Gründungsphase der GRÜNEN hatten. Vor allem an ihrem Widerstand sei die frühere Begeisterung vieler Grüner für die Entkriminalisierung von Sex mit Kindern gescheitert, weil die Frauen sehr viel klarer als ihre Parteigenossen sahen, dass es hier um Fragen des Machtmissbrauchs innerhalb von Beziehungen ging. Doch auch mit Blick auf die Unterdrückung der Frauen im Islam sind diese Fragen offen, und auch hier werden die GRÜNEN irgendwann entscheiden müssen, was sie wollen: Multikulti oder Frauenrechte?

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Früher Kommunist, später Chef des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, immer anregend: Wolfgang Streeck. Kühl sieht er im Euro ein neo-liberales Projekt. Denn die Einheitswährung sollte nicht nur den Handel vereinfachen, sondern eben auch Produktivitätsdefizite sichtbar machen und dadurch die Völker zur Ökonomisierung zwingen. Das ist gelungen. Ebenfalls neoliberalen Charakter hat die Freizügigkeit, die Druck auf Tarifregeln macht. Nicht ohne Grund hat sich DGB-Chef Reiner Hoffmann in einem FAZ-Interview schon vor Wochen vorsichtig distanziert. Dennoch halten Sozial- wie auch Christdemokraten sklavisch an Euro und Freizügigkeit fest. Früher waren die Linken gegen den Neoliberalismus, die Konservativen gegen Multikulti. Seit aber beides unter der Flagge ‚Euro’ respektive ‚Europa’ daherkommt, mögen sie sich daran nicht mehr erinnern.

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Gespräch mit einem Freund, der selbst mal für Schröder votierte, über dessen Verbindung zum Hannoveraner Unternehmer Maschmeyer. Jenseits des Eindrucks der Käuflichkeit bedrücke vor allem der gänzliche Mangel an Stil. Natürlich müsse man als Kanzler auch Viertelseiden wie Maschmeyer treffen; aber mit solch primitiven Existenzen gesellschaftlich, vielleicht sogar freundschaftlich verkehren? Nur wenn man ähnlich simpel gestrickt sei, könne man das ertragen – was aber hier wohl der Fall sei.

Die Berliner haben für diesen prosaischen, auf das Kaufmännische reduzierten Typus des Geschäftsmanns den Ausdruck ‚Koofmich’. Das hat Schröder vielleicht wörtlich genommen.

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In dem schon erwähnten ZEIT-Interview weist Franz Walter darauf hin, dass die Bagatellisierung der Pädophilie gerade auch in der ZEIT selbst ihre Fürsprecher hatte und die Zeitung sich diesem Thema bis heute nicht stelle. Antwort der ZEIT-Redakteure Mariam Lau und Peter Dausend: „Das haben wir anders gelesen“. Was das genau heißt, bleibt unklar, doch sollte wohl die Validität der Feststellung in Zweifel gezogen werden. Dankenswerterweise nennt Walter in der FAZ vom 17.11. Ross und Reiter: Vor allem der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Rudolf Walter Leonhardt, habe sich über Bedenken gegen die Entkriminalisierung der Pädophilie mokiert und sie als „verquere, verquollene Vorstellungen“ von Spießern abgetan. Und er war nicht der einzige, der so in der ZEIT schreiben durfte. Um so rätselhafter die Replik von Dausend und Lau. Was soll man da anders lesen? In Anlehnung an meine Bemerkung aus der ersten Oktoberwoche: Odenwaldschule, nun auch thematisch.

Noch trostloser allerdings ist die EU. Daher: Bekämpfen + zerschlagen!