Jodie Foster oder die Erbsünde des Politischen

Nach den Schlägereien zwischen Salafisten und Yesiden in Celle meint ein muslimischer Einwohner, „es könne nicht sein, dass diese Auseinandersetzungen nun in Deutschland ausgetragen würden“. Doch, kann es. Der Clash of Civilisations ist kein Regionalkonflikt, sondern, das zeigen die Anschläge in London, Madrid, New York, Bali oder Mumbai, im buchstäblichen Sinn ein Weltkrieg.

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Louvre, vor dem berühmten Gemälde von Antoine-Jean Gros, das Napoleon bei den Pestkranken von Jaffa zeigt, festgehalten als heroischer Akt der Barmherzigkeit. Ein PR-Bild. Anschließend soll Bonaparte befohlen haben, die Kranken zu vergiften.

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Gedankenspiel: Wie würde unsere Justiz heute den Fall Hitler behandeln? Dass Hitler ein Intensivtäter war, lässt sich kaum bestreiten, auch nicht die Schwere der Schuld. Da aber jeder Verurteilte Anspruch auf eine zweite Chance hat, müsste auch Hitler nach rund 25 Jahre auf Bewährung freigelassen werden. Geht man, ohne die Opfer des Krieges und der dort durchgeführten Mordaktionen, von 6 Millionen getöteten Juden, Zigeunern, Homosexuellen, Behinderten und Oppositionellen aus, kommt man auf etwas über 2 Minuten Haft pro Mord. Das mag absurd erscheinen. Tatsächlich läuft es nach bundesrepublikanischen Resozialisierungsmaßstäben in Fällen wie denen der serbischen Schlächter Karadzic oder Milosevic auf ähnlich unverhältnismäßige Strafen hinaus.

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„Kinder, lasst uns über Hochzeiten reden und über schöne Blumen.“ Unmissverständlicher Hinweis einer älteren Norddeutschen, das politische Lamento zu beenden.

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Interessant auch die Frage, wie es mit Hitler nach der Verbüßung von 25 Jahren, also Mitte 1970, weitergegangen wäre. Wie schon in der Landsberger Festungshaft hätte der nun über 80-jährige, seit jeher abstinent, vegan, Nichtraucher und bei bester Gesundheit, einige Bestseller geschrieben; der Versuch der bayrischen Staatsregierung, ein Publikationsverbot zu erwirken, wird vom Verfassungsgericht unter Hinweis auf Berufs- und Meinungsfreiheit kassiert. Anhänger gründen eine neue Partei des nationalen Sozialismus, natürlich fest auf dem Boden der Verfassung, die in Zeiten von Studentenunruhen und Terrorismus großen Zulauf erhält. Auch der linke Antisemitismus findet hier eine Heimstatt, ebenso das ökologische Ideal der nachhaltigen Schollenpflege und generell der deutsche Hang zum Kollektivismus, sei er völkisch, international oder europäisch. Ein neuer, brauner „Marsch durch die Institutionen“ beginnt. Die Irritationen der Amerikaner beseitigt der ‚Führer’ mit seiner anti-kommunistischen Haltung und dem Hinweis, die Freiheit des Westens werde am Mekong verteidigt; die der Russen mit dem einstigen guten Einvernehmen in der polnischen Frage.

Gespenstisch? Sicher. Unwahrscheinlich? Kaum. Der Haltungswandel gegenüber dem syrischen Diktator Assad zeigt, was möglich ist. Und der Gerichtshof in Den Haag ist weniger ein Beweis für die Macht als für die Ohnmacht des Rechtsstaat gegenüber Diktatoren. Bei politischen Verbrechern, ob Hitler, Ceausescu oder Honecker, sind Todesstrafe oder standrechtliche Erschießung die einzig sinnvollen Optionen.

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“23 Jahre – und nichts für die Unsterblichkeit getan.”

Don Carlos, Schiller

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Noch einmal „The Accused“ gesehen, den großartigen Film mit der großartigen Jodie Foster. Es geht um eine Vergewaltigung, bei der die Zuschauer grölen, anfeuern, skandieren. Dass diese wegen Anstiftung oder Beihilfe zu verurteilen wären, ist nach deutschem Recht gesetzt. Schwieriger ist die Frage, ob auch derjenige, der angeekelt weggeht, schuldig ist. Strafrechtlich wohl nicht; moralisch sicher. Auch Passivität kann schuldig machen.

Das hat vor allem politische Bedeutung. Die allermeisten Deutschen, so kürzlich Henryk Broder, hätten Hitler nicht gewählt, keine Juden totgeschlagen, keine Behinderten umgebracht, keine Oppositionellen gefoltert. Trotzdem seien sie schuldig. Weil sie den Nazis nicht in den Arm fielen, weil sie die braunen Horden gewähren ließen.

Insofern verfehlt der oft zu hörende Einwand, die Mehrheit der Muslime führe ein friedliches, unschuldiges Leben, den Kern des Problems. Denn es gibt es keine unschuldigen Mehrheiten, so lange es kriminelle und bösartige Minderheiten gibt. Das ist die Erbsünde des Politischen: Schuldig zu werden ohne eigenes Handeln. In diesem Sinne Edmund Burke: „Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen,
als dass gute Menschen gar nichts tun.“

Anflug von Depression: Warum wird an Schulen eigentlich Primo Levi, Anne Frank oder Judith Kerr gelesen, wenn solch selbstverständliche Schlüsse nicht gezogen werden? Selbst von klugen Leuten häufig der Hinweis auf die ‚unschuldige Mehrheit’. Für manche scheint Lesen auch im höheren Alter in erster Linie Buchstabieren.

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„Ich liebe es, das Ego eines anderen zu zerbrechen“. Bobby Fischer, ehemaliger Schach-Weltmeister

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Der Germanist und Romanist Siegfried Kohlhammer, einer der klügsten deutschen Köpfe und glänzender Essayist, ist Lesern der Monatszeitschrift Merkur wohlbekannt. Ein anderer kluger Kopf weist mich darauf hin, dass seine Aufsätze zum Islam auch zusammengefasst erhältlich sind in dem kleinen Buch „Islam und Toleranz“. Intelligent, nüchtern, kenntnisreich. Man sollte mit dem titelgebenden Kapitel beginnen, dann die folgenden lesen, dann die ersten vier. Ein Vergnügen auch wegen der vielen Hinweise auf andere Werke, die schon häufiger großen Gewinn brachten!

Was tun mit der EU? Bekämpfen, zerschlagen!