Loriot, Hitler und reverser Rassismus

Zur Vereinbarkeit von Islam und westlicher Demokratie. Tatsächlich lässt sich letztlich keine Religion mit der Idee von Toleranz und Pluralismus zusammenbringen. Jede hat ihren ehernen Kern, über den Gläubige nicht diskutieren werden, jede ihre Loyalitäten, die denen des Staates entgegenstehen können; jede ist ihrem Wesen nach totalitär. Auch das nunmehr friedliche Nebeneinander von Katholizismus und Staat war in Deutschland blutig erkämpft, und zwar buchstäblich mit Mord, Verfolgung und Rechtsbeugung. Noch bis in die Zeiten des Dritten Reiches hassten deutsche Katholiken Bismarck, der den politischen Anspruch Roms rücksichtslos bekämpfte, mit guten Gründen mehr als den Teufel. Und unter den Katholiken gab es keine Bombenwerfer, keine Attentäter, keine Terrorkrieger.

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Eine der Lieblingsanekdoten Loriots: Kurz nach seinem 21. Geburtstag wurde Richard Wagners Neffe Wieland bei einem Besuch Hitlers, der mit der Familie eng befreundet war, von diesem persönlich aufgefordert, endlich der NSDAP beizutreten. „Selbstverständlich, Onkel Wolf“, habe Wieland geantwortet und schon am nächsten Tag beim Bayreuther Parteibüro vorgesprochen: „Mein Name ist Wieland Wagner, ich möchte in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei eintreten!“ Der ruhig-fränkische Sekretär habe ihn dafür gelobt, aber auch darauf hingewiesen, dass es für die Aufnahme zweier Bürgen bedürfe. Wieland Wagner, voller Stolz: „Mein Bürge ist unser Führer Adolf Hitler!“ Daraufhin der Sekretär, unbeeindruckt: „Aner genücht net!“ Regeltreue gibt es nicht nur in Preussen. Und manchmal hat sie geradezu subversiven Charakter. (Die Anekdote findet sich in den schönen Erinnerungen Stefan Lukschys an die gemeinsamen Zeiten mit Loriot. Titel: „Der Glückliche schlägt keine Hunde“)

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Österreichs neues Kirchengesetz verbietet, dass sich die dortigen islamischen Religionsgesellschaften ihre gewöhnlichen Aufwendungen von ausländischen Organisationen finanzieren lassen. Das richtet sich frontal gegen die ATIP, den österreichischen Ableger der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet, deren deutsches Gegenstück die DITIB ist. Künftig werden mithin die türkischen Imane in Österreich nicht mehr von der Türkei finanziert werden können. Das wäre auch für Deutschland ein richtiger Schritt, zumal seit jeher unverständlich war, warum eine fremde staatliche Einrichtung, der man bestenfalls Undurchsichtigkeit attestieren kann, hier Religions-Propaganda betreiben und Imame herschicken darf. Auch steht die DITIB im Ruf, nicht immer genügend Distanz zu radikalen islamischen Gruppierungen zu wahren und die Integration zu hintertreiben. So agitierte sie jahrelang gegen Islamunterricht in deutscher Sprache. Auch die Ansicht ihres mittelbar obersten Dienstherrn Erdogan ist eindeutig: Er hält schon Assimilierung für ein Verbrechen, geschweige denn Integration. Während Österreich hieraus die richtigen Schlüsse zieht, schaut Deutschland weiterhin weg.

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Frankreichs Ex-Präsident Giscard d’Estaing präsentiert im FOCUS mal wieder eine neue, alte Idee zur EU: Ein ‚Kerneuropa’ aus erst 6, dann 12 Staaten soll die Integration vorantreiben. Und warum? Schon der erste Satz macht das klar: „Mein Kerneuropa-Projekt (…) versucht, Europa einen Platz im globalen Wettbewerb zu verschaffen.“ Wie immer geht es um Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft. Dabei zeigen die Proteste gerade der Franzosen, dass sie ihre Lebensart höher schätzen als die totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Hübsch auch der Satz: „Gleiche Währung, gleiche Steuern! Die Bevölkerung würde das sehr begrüßen.“ Sicher. Vor allem, wenn alle die strangulierenden Steuersätze der französischen Sozialisten bekämen. Das Buch, in dem Monsieur d’Estaing seine Thesen vertritt, heißt Die letzte Chance Europas. Das zumindest ist eine Hoffnung.

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„But the age of chivalry is gone. That of sophisters, economists, and calculators has succeeded; and the glory of Europe is extinguished forever.“ Edmund Burke, um 1780

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Die Arab Bank ist von einem amerikanischen Gericht zu Schadensersatz an Opfer terroristischer Anschläge verurteilt worden, weil sie wissentlich die Aktivitäten der Hamas und anderer muslimischer Terrororganisationen unterstützte, beispielsweise Geld an die Familien von (Selbst-)Mordattentätern überwies. Auch in Europa arbeiten mehrere Filialen, darunter in Frankfurt. Doch gebe es, wie ein freundlicher Mitarbeiter der Bafin erklärt, für im Ausland residierende Banken nur sehr kursorische Kontrollrechte, die keine Verbotsmöglichkeiten böten. Hier etwas zu ändern, wäre sinnvoll.

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Ein amerikanischer Kollege weist darauf hin, dass in den USA – andern als  in Deutschland, Frankreich, England, Spanien, Skandinavien – muslimische Radikale bisher eher selten seien; auch gebe es kaum Amerikaner, die auf Seiten der IS kämpften. Seine These: Radikalität entstehe vor allem dort, wo sich Leute dem Nichtstun, dem Selbstmitleid und der Flucht in Ideologien ergeben könnten – also in Sozialstaaten; und in Ländern ohne Aufstiegs- und Arbeitsmöglichkeiten, wie denen der arabischen Welt.

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Gespräch mit Freunden über die ersten, zuweilen etwas seltsamen Lieben der Töchter. Wie würde man reagieren, wenn plötzlich eine ‚Glatze’ sich als künftiger Schwiegersohn vorstellte? Oder, um es weniger einfach zu machen, ein wohlerzogener junger Herr, der aber freimütig bekennt, dass er Demokratie und Gleichberechtigung ebenso ablehne wie Straffreiheit für Homosexuelle und im Übrigen der Ansicht sei, dass den Juden weder ein Staat noch ein Existenzrecht zustehe? Einhellige Ansicht: Man würde jenem die Tür weisen und Tränen wie Streitereien mit der Tochter in Kauf nehmen. Nachfrage: Gelte dies auch, wenn die Tochter mit einem Muslim liiert sei, der in der Sache nicht anders denke als der freundliche deutsche Junge? Allgemeine Ansicht: Wohl kaum, auch scheue man die absehbaren Vorwürfe aus dem Freundeskreis.

Zum Vorigen: Es gibt, vor allem unter Linken, so etwas wie einen reversen Rassismus, der die eigenen Landsleute zum Ziel hat. Deutlich wird dies vor allem im häufig zu hörenden Einwand, diese oder jene Kritik an Ausländern sei nicht ‚differenziert’ genug, denn nicht alle Türken, Roma, Griechen würden… usw, usw. Binsen. Umgekehrt wird jedoch jedes negative Klischee über die Deutschen willig akzeptiert und mit immer neuen eigenen Geschichten koloriert: Dass die Deutschen kinderfeindlich, besonders im Urlaub schlecht gekleidet, dazu humorlos, laut, pedantisch seien. Recht haben beide Seiten. Nur dass man gegenüber den Deutschen solche Klischees auch widerspruchslos bedienen darf.

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“Intellektuelle sind freundlich zum Fremden nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört.” Botho Strauss, Anschwellender Bocksgesang

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EU: BZ!