Bertelsmann und die Verfälschung der Wirklichkeit

Zur kürzlich erwähnten medialen Verfälschung der Wirklichkeit: Letzten Freitag (28. 11.) berichtete Roland Preuss in der SZ unter der Überschrift ‚Realität und Vorurteil’ über eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, welche den fiskalischen Nutzen der Zuwanderung untersuchte. Ergebnis: Jeder Ausländer zahle durchschnittlich 3.300 € mehr an den Staat und in die Sozialkassen, als er herausnehme. Insgesamt profitiere Deutschland mit jährlich 22 Mrd. Euro von der Migration. Fazit Roland Preuss: „Trotz der hohen Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern sind sie unter dem Strich keine Belastung für die Sozialkassen.“

Nun muss man gegenüber den Studien der Bertelsmann-Stiftung grundsätzlich mißtrauisch sein, und auch bei dieser lohnt ein näherer Blick. Denn was hier als generelle Erhebung zum Thema ‚Zuwanderung’ daherkommt, ist es mitnichten. So erfasst die Studie zunächst nur Ausländer im staatsbürgerlichen Sinn, also Personen ohne deutschen Pass. Auch solche mit doppelter Staatsbürgerschaft werden als Deutsche behandelt, womit ein großer Teil der türkischen Zuwanderer aus der Erhebung fällt. So bezieht sich die Studie nur auf die rund 6,6 Millionen Ausländer, lässt jedoch die 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben, ausdrücklich außen vor. Dass jedoch die hochbezahlten englischen, amerikanischen oder französischen Spezialisten in Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen ebenso wenig dem typischen Zuwanderer entsprechen wie die ausländischen Mitarbeiter der EZB oder die Afrikaner, Spanier und Lateinamerikaner der Bundesliga, dürfte jedem klar sein. Dass solche Ausländer, wie es in der Studie heißt, vergleichsweise wenig Arbeitslosengeld und Rente in Anspruch nehmen, kann daher nicht wirklich überraschen. Aber zu fragen wäre, ob solche Leute überhaupt ‚Zuwanderer’ sind – oder nicht eher Legionäre; dass sie bewusst an ihrer Staatsbürgerschaft festhalten, muss ja irgendeinen Grund haben.

Zudem scheint die Aussagekraft der Studie insoweit problematisch, als sie lediglich die Steuereinnahmen den Sozialtransfers (Rente, Arbeitslosengeld, Krankenkassenausgaben, Hartz IV) gegenüberstellt. Kosten für Kriminalitätsbekämpfung, Sozialarbeiter, Sprachkurse, Sonderschulen, Übersetzer etc  werden nicht berücksichtigt, sind aber wohl auch eher ein Faktor bei den Menschen mit Migrationshintergrund. Nimmt man die von vorneherein aus, ist natürlich alles eitel Sonnenschein – und so möchte es wohl auch die SZ sehen.

Im übrigen tritt die Studie ausdrücklich für eine ‚gesteuerte’ Zuwanderung ein. Das heißt im Umkehrschluss, dass die vielen Flüchtlinge aus Afrika, Syrien oder dem Irak nur dann ins Land gelassen werden sollten, wenn sie über eine gute Ausbildung verfügen und (!) ihre Arbeitsleistung hier nachgefragt wird. Denn auch qualifizierte Ausländer sind eine Belastung der hiesigen Sozialsysteme, wenn es keine Arbeit für sie gibt. Schon jetzt hat Deutschland zu viele Architekten und Anwälte – noch mehr wären wenig hilfreich, zumal kaum etwas mehr frustriert und anfällig für Radikalismen macht als die Arbeit in Beschäftigungen, für die man weit überqualifiziert ist. Der syrische Herzspezialist, der sich in Dortmund oder Berlin als Taxifahrer über Wasser hält, wird nicht glücklich werden.

Aber für diese durchaus harsche Konsequenz des Wortes ‚gesteuert’ hat die SZ ebenso wenig Sinn wie für den Skeptizismus der Studie gegenüber nichtqualifizierten Zuwanderung. Über sie heißt es freundlich verklausuliert: „Auch in der humanitären Zuwanderung schlummern ungenutzte Potentiale“. Das ist sicherlich richtig; doch können es eben auch Potentiale im Negativen sein.

Nichts von all dem in der SZ. Richtig müsste die Überschrift daher heißen ‚Keine Realität und Vorurteil’. Denn die Realität bildet die Bertelsmann Studie nicht ab, aber sie bedient die Vorurteile der SZ, und vieler anderer. Denn auch taz, Tagessschau und andere Medien berichteten ähnlich.

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Ein paar Tage später griff nun SZ-Autor Adrian Kreye das Thema nochmals auf, diesmal mit der positiven Quintessenz ‚Die Zukunft wird bunt’. Er liest in die Studie sogar noch beglückendere Konsequenzen hinein: 22 Milliarden würden die Zuwanderer erwirtschaften, und dabei seien „die eingebürgerten Einwanderer noch gar nicht mitgezählt“! Klar, würde man deren Wirtschaftsleistung dazurechnen, wäre Deutschland vermutlich schuldenfrei. Kann man wirklich so naiv sein? Kann man die Verhältnisse in Berlin-Neukölln, Hamburg-Wilhelmsburg, Köln-Chorweiler, Bremen-Tenever etc etc einfach ausblenden, dazu die Einwanderung zahlreicher Ungelernter aus Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Afrika, die faktisch keine Chance am hiesigen Arbeitsmarkt haben? Im Vergleich mit der SZ-Redaktion scheint ein Wolkenkuckucksheim solider Baugrund.

Noch zum Vorigen: Auch mit Blick auf die muslimische Zuwanderung wird seit Jahren behauptet, dass sie ökonomisch ein Gewinn sei. Vor allem deutsche Unternehmen singen dieses Lied, aber auch alle Medien im linken Spektrum und Boulevardbereich. Glaubwürdig erscheint diese Behauptung nicht, zumindest nicht gesamtwirtschaftlich. Für einzelne Unternehmen mag die Zuwanderung nützlich sein, für die Gesamtheit scheint das eher fraglich. Valide Zahlen sind allerdings nicht vorhanden, auch weil die Datenerhebung länderweise zersplittert ist und nicht überall nach dem Migrationshintergrund gefragt wird. Doch erscheint es prima facie wenig wahrscheinlich, dass Gemüseläden, Putzkolonnen, Döner-Stände oder sonstige prekäre blue-collar-Jobs, in denen viele Muslime arbeiten, tatsächlich all die Sozialtransfers finanzieren und dazu die Folgekosten im Gesundheitsbereich, bei der Kriminalitätsbekämpfung, für Sprachkurse und ABM-Maßnahmen. In Dänemark gehen, so schreibt Siegfried Kohlhammer in ‚Islam und Toleranz’, rund 40 Prozent der Sozialleistungen an Muslime, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 5 Prozent liegt und damit ähnlich niedrig wie in Deutschland. Warum aber sollte es hier, also bei einem vergleichbaren Sozialsystem, anders sein? Doch schon diese Frage ist vermutlich für viele Rassismus, obwohl die gesamtwirtschaftliche Bilanz der Zuwanderung wie auch die Unterschiede zwischen Türken, Jugoslawen, Italienern oder Vietnamesen ein hochinteressantes Forschungsfeld wäre. Doch wohl nicht im Land der politischen Korrektheit.

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Auch eine Form der Verschwörungstheorie: Auf SPIEGEL Online stellt Safter Cinar, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, ohne nähere Begründung fest, die gescheiterten Bildungskarrieren vieler Muslime seien “kein ethnisches, sondern ein soziales Problem“. Dabei lehrt schon ein Blick auf die Bildungskarrieren der Asiaten, dass Erfolg wohl doch etwas mit dem Migrationshintergrund zu tun hat. Aber die Suche nach irgendwelchen Schuldigen, deren böses Hecken und Mecken das eigene Scheitern erklärt, ist Lieblingssport vieler Muslime – und für Cinar ist der Schurke jetzt mal wieder das deutsche Bildungssystem. Dabei sind die Fakten eindeutig: Islamischer Machismo, daraus resultierende Faulheit und Bildungsferne, dazu das Fernhalten der Frauen von Ausbildung: Fertig ist das Rezept für die 4. Liga, karrieretechnisch. Nochmals: Eine toxische Kultur!

EU? Natürlich bekämpfen + zerschlagen!